Ich sehe Gemeinsamkeiten bei Ihnen beiden. Es braucht die menschliche Komponente auch bei der künstlichen Intelligenz.
Clemens Suerbaum: Ihre Einleitung am Anfang, dass die Arbeitswelt in Zukunft von KI geprägt sein wird, hat mich ein bisschen erschreckt. Ich hoffe, sie wird von mehr Menschlichkeit geprägt sein.
Ich habe gerade einen Ticker gelesen, die haben über einen KI-Workshop berichtet. Eines von den erwähnten Projekten war, dass die KI auf Luftbildern Bäume zählt. Also wo derzeit Menschen durch die Gegend laufen und mühsam einen Strich machen. Wenn man das dann mit Hilfe der Bildanalyse durch die KI herausfindet, dann ist das für die Leute, die da arbeiten, auch eine große Erleichterung. Und die Leute können an anderer Stelle eingesetzt werden, etwa bei der Baumplanung oder dem Neupflanzen.
Ist das vielleicht genau diese Kärrnerarbeit, Frau Steininger, die Sie vorhin erwähnt haben? Man muss erst viel Input reinstecken, um sich zu überlegen, was brauche ich denn? Und dann gezielt da die KI drauf ansetzen, um vielleicht auch wieder ein bisschen mehr Freiraum zu geben?
Rosmarie Steininger: Ich glaube, dass das ganz wichtig ist. Also was will ich machen und was davon überlasse ich der KI? Diese Kombination ist wichtig. Aber auch, was ist der Gegenstand dessen, was ich eigentlich betrachte? Wenn ich Bäume zähle, dann habe ich es sehr gut gemacht, wenn ich die richtige Anzahl treffe, wenn ich vielleicht auch noch die Größe bestimmen kann oder so.
Ich wäre nur sehr vorsichtig mit tatsächlicher KI, die auf Wahrscheinlichkeiten oder auf großen Mustern basiert, wenn es um Menschen geht. Denn ein Mensch ist eine einzelne Person mit ganz individuellen Präferenzen. Da ist so ein großer Unterschied. Menschen sind keine Bäume. Da ist es wichtig, dass man trennscharf genau das erwischt, was derjenige, jetzt im Personalauswahl-Kontext, braucht, will und kann.
Zum Thema Assessment-Center oder KI: natürlich kann ein Mensch genauso manipulieren oder verzerren, wie ein deterministischer Algorithmus oder eine KI. Das muss man mit bedenken und dafür von vornherein sensibel sein. Das Ergebnis sollte normativ und technisch so gut wie möglich sein.
Clemens Suerbaum: Bei diesen Selektionsmechanismen ist auch eine wichtige Frage, wo kommen eigentlich die Trainingsdaten her? Wie kann man z. B. entscheiden? Ich habe gerade einen Artikel gelesen, wie die KI gezielt manipuliert werden kann: z. B. durch ein Training as a Service, genauer ein Data-Training as a Service. Die Daten werden zu einem Serviceanbieter gegeben, der einen Algorithmus anlegt. Als Beispiel: eine Kreditvergabe basierend auf allen möglichen Daten, wie Adresse, Alter und Einkommen und vielleicht auch noch der Freundeskreis. Nun kann der Serviceanbieter das Ganze so manipulieren, dass wenn z. B. hinter die Hausnummer noch ein kleines a gesetzt wird, der Kredit für eine falsche Person genehmigt wird.
Solche Risiken haben die meisten Menschen gar nicht auf dem Schirm. Sie glauben, dass ihnen dadurch alles einfacher gemacht wird. Hier muss man aufpassen, weil es ein neues Feld ist. Dieser Risikoansatz zählt sowohl für die menschliche als auch für die unternehmerische Seite. +
Wie schaut es denn bei uns in Europa und Deutschland aus? Die Datenschutzgrundverordnung, das große Thema, gerade wenn es um personenbezogene Daten geht, steht vorne mit dran. Wie ist es bei der KI? Da werden massenhaft Daten verarbeitet, auch personenbezogene Daten, gerade bei Ihnen, Frau Steiniger.
Rosmarie Steininger: Da kommt es stark darauf an, in welchem Kontext man das einsetzt. Im Per-sonalbereich gibt es bisher praktisch keine Regulierung. Eine solche Regulierung soll jetzt mit der neuen EU-Verordnung kommen, da die Personalauswahl darin ein Hochrisikogebiet ist.
Ich habe bisher den Eindruck, dass manche gar nicht daran interessiert sind, was im Hintergrund passiert. Bei den einkaufenden Unternehmen erlebe ich ganz oft, dass es letztendlich um ein schnelles Aussortieren geht. Niemand achtet darauf, ob es Sinn macht oder nicht.
Clemens Suerbaum: Ich gebe mal ein voreiliges Urteil ab: Ich glaube, dass sich einiges bewusst in der Grau- bis Schwarzzone bewegt. Wenn man hingegen den Leuten vorher sagt, für welche Zwecke diese Daten sind, dann können sie zustimmen oder ablehnen. Dann sind die Daten explizit für diesen Zweck gesammelt worden. So macht es beispielsweise CHEMISTREE. Es ist ein rechtlicher Verstoß, wenn gesammelte Daten ohne vorherige Einwilligung hergenommen werden. Diese unerlaubte Datennutzung ist aber ein gängiges Vorgehen, weil es einfach ist und Vorteile schafft.