Der richtige Moment kommt selten auf Knopfdruck
15.10.2026
Wann ist der richtige Zeitpunkt, in einen neuen Markt einzusteigen? Wann lohnt sich die Investition in eine neue Technologie? Und wann wird aus einer guten Idee ein Angebot, das sich am Markt behaupten kann? Für mittelständische Produktionsunternehmen sind das keine theoretischen Fragen. Sie entscheiden darüber, ob aus einer Idee ein Projekt wird – und aus einem Projekt vielleicht ein neues Geschäftsfeld. Die Geschichte der Kerling Kunststofftechnik GmbH aus Rednitzhembach bei Nürnberg zeigt: Der richtige Zeitpunkt kommt selten mit einem einzelnen Beschluss. Meist entsteht er Schritt für Schritt.
Aus Kunststoffverarbeitung wird ein breiteres Kompetenzprofil
Kerling Kunststofftechnik blickt auf mehr als 50 Jahre Erfahrung in der Kunststoffverarbeitung zurück. Aus zunächst einfacheren Spritzgussteilen sind heute anspruchsvolle Kunststoffteile und Baugruppen für industrielle Anwendungen geworden. Zum Leistungsspektrum gehören Kunststoff- und Metallverarbeitung, eigener Werkzeugbau, Montage und Qualitätssicherung. Besonders stark ist Kerling bei komplexen Hybrid- und 2K-Bauteilen. Das Unternehmen beliefert unter anderem Kunden aus der Automobilindustrie, der Elektrotechnik und der Medizintechnik.
„Transformation ist schon immer ein Teil unserer Geschichte. Märkte verändern sich, der Wettbewerb wächst. Deshalb müssen wir unser Produktportfolio, die Produktion, unsere Prozesse und auch Geschäftsmodelle regelmäßig anpassen“, blickt Geschäftsführer Thomas Kerling zurück.
Dabei geht es ihm nicht darum, das bisherige Geschäftsmodell über Bord zu werfen. Vielmehr sollen vorhandene Kompetenzen gezielt erweitert werden: Welche Veränderungen zeichnen sich im Markt ab? Welche Technologien passen zum eigenen Know-how? Wo lohnt sich eine Investition? Und welche Idee könnte tatsächlich ein neues Geschäftsfeld werden?
Im Produktionsalltag bleibt für solche Fragen oft wenig Zeit. „Gerade kleinere Unternehmen haben wenig Ressourcen, sich mit Zukunftsthemen zu beschäftigen“, weiß Transformationslotse Dr. Matthias Werner. „Gleichzeitig sind sie stark vom Tagesgeschäft und wechselnden Kundenanforderungen und Aufträgen abhängig.“
Ein externer Blick kann helfen, aus vielen Möglichkeiten die Ansätze herauszufiltern, die zum Unternehmen passen. Seit mehreren Jahren führt Kerling deshalb regelmäßig Gespräche mit den Transformations- und Förderlotsen von Bayern Innovativ. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich die eigene Produktion erweitern und zugleich das Kompetenzprofil verbreitern lässt. Förderberatung ersetzt zwar keine unternehmerische Entscheidung. Sie kann aber helfen, aus einer Entscheidung ein umsetzbares Projekt zu machen.
Wenn aus einer Idee eine Investition wird
Eine neue Leistung lässt sich nur anbieten, wenn die dafür notwendige Fertigung vorhanden ist. Mit Mitteln aus dem Förderprogramm KoPa 35c konnte Kerling in Stanzpressen und -biegeautomaten, eine Gleitschleifanlage sowie Messtechnik für die Qualitätssicherung investieren.
Damit wurde nicht nur der Maschinenpark erweitert. Kerling baute zugleich neues Know-how in der Stanztechnik und im Werkzeugbau auf. Auch Kompetenzen im Transferspritzguss und Anlagenbau kamen hinzu. Das Ergebnis: sechs neue Arbeitsplätze und ein zusätzlicher Jahresumsatz von rund 500.000 Euro.
„Die Bayern-Innovativ-Lotsen haben uns wichtige Impulse für Investitionen und Modernisierungen und passende Förderprogramme gegeben“, erinnert sich Thomas Kerling.
Nicht jede Idee ist schon bereit für den Markt
Parallel zur Erweiterung der Produktion suchte Kerling nach neuen technologischen Ansätzen, um Anwendungen in der Leistungshalbleiterindustrie zu erschließen. Hier stellte sich eine andere Frage als bei der Stanzerei: Eine technische Idee kann vielversprechend sein, ohne bereits ein fertiges Produkt darzustellen. Ein Verfahren kann schutzfähig sein, bevor es in Serie geht. Ein Prototyp kann funktionieren, ohne dass daraus schon ein skalierbares Geschäft entsteht. Im Februar 2023 folgten deshalb Patentrecherche und Patentberatung durch die Experten des Patentzentrums Bayern. Dabei ging es unter anderem darum, welche technischen Entwicklungen geschützt werden können und was vor einer Veröffentlichung oder einer Zusammenarbeit mit Dritten zu beachten ist.
Die beiden inzwischen geschützten Verfahren befinden sich weiterhin in der Entwicklung. Ein fertiges Marktprodukt sind sie noch nicht. Genau darin liegt aber der entscheidende Punkt: Ein Produkt muss noch nicht serienreif sein, damit es sinnvoll ist, sich mit seinem Schutz zu beschäftigen.
Manchmal fehlt der Partner
Die dritte Herausforderung für Kerling: Wie lässt sich Qualität automatisiert und zuverlässig kontrollieren, bevor Fehler im Produktionsprozess weiterlaufen? Für einen anspruchsvollen Spritzgussprozess wollte Kerling keine eigene Lösung entwickeln und suchte einen passenden Technologiepartner. Beim Bayern-Innovativ-Matching-Format „Kooperationsgespräche: Mittelstand & Start-ups“ kam Kerling 2024 mit der PCB Arts GmbH aus Fürth zusammen.
Gemeinsam mit dem Embedded-Systems-Spezialisten entstand eine KI-gestützte Machine-Vision-Lösung zur automatisierten Qualitätskontrolle. Kameras, Beleuchtung, Edge-Computing und ein neuronales Netz erkennen Defekte innerhalb von Sekundenbruchteilen. „Mit PCB Arts haben wir einen Partner gefunden, der unsere Anforderungen an eine moderne, automatisierte Qualitätskontrolle nicht nur verstanden, sondern in kürzester Zeit in eine leistungsfähige Lösung übersetzt hat“, freut sich Thomas Kerling.
Drei Projekte, drei Reifegrade
Stanztechnik, neue Verfahren für die Leistungselektronik und Qualitätskontrolle: Auf den ersten Blick haben die drei Herausforderungen wenig miteinander zu tun.
- Stanztechnik: Die Technologie war konkret. Die Investition konnte geplant, gefördert und umgesetzt werden.
- Leistungselektronik: Die Verfahren sind noch nicht serienreif, aber technisch konkret genug, um Schutzrechte anzumelden.
- Machine Vision: Die Lösung ist in den Produktionsprozess integriert und wird weiter optimiert.
Die drei Projekte geben damit drei unterschiedliche Antworten auf dieselbe Frage: Sind wir schon so weit? Gleichzeitig zeigen sie aber ein Muster. Marktreife ist kein Schalter, den man irgendwann auf „An“ stellt. Sie kann bedeuten, dass eine Idee technisch plausibel ist. Dass ein Verfahren geschützt werden sollte. Dass ein Prototyp unter realen Bedingungen funktioniert. Dass eine Lösung in einem Kundenprozess eingesetzt wird. Oder dass eine neue Leistung wiederholbar und skalierbar angeboten werden kann.
Was bei der Entscheidung hilft
Die Zusammenarbeit mit Bayern Innovativ zeigt, welchen Beitrag ein Innovationsökosystem bei der Lösung leisten kann:
- Transformationslotsen helfen, die strategische Ausgangslage zu betrachten.
- Förderexperten zeigen, welche Finanzierungsmöglichkeiten bestehen.
- Patentberatung schafft Klarheit bei technischen Entwicklungen und Schutzrechten.
- Cluster und Netzwerke öffnen den Zugang zu neuen Themen und Kontakten.
- Matching-Formate bringen Unternehmen mit passenden Partnern zusammen.
Der richtige Zeitpunkt ist kein Datum
Wann ist ein Projekt also reif für den nächsten Schritt? Die Erfahrung von Kerling liefert darauf keine einfache Formel, zeigt aber, worauf es ankommt.
Ein neuer Markt wird interessant, wenn ein konkreter Bedarf auf eigene Kompetenzen trifft. Eine Investition wird greifbar, wenn klar ist, welche Fähigkeiten und Kapazitäten künftig gebraucht werden. Patentberatung wird relevant, wenn aus einer Idee eine konkrete technische Entwicklung geworden ist. Eine Kooperation ergibt Sinn, wenn ein reales Problem auf einen passenden externen Lösungsansatz trifft.
Der richtige Zeitpunkt ist deshalb nicht der Moment, in dem alle Unsicherheiten verschwunden sind. Es ist der Moment, in dem die nächsten Schritte klar genug sind, um sie gezielt zu bearbeiten.
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