Zirkuläres Bauen: Vom Pilotprojekt zum wirtschaftlichen Standard

Warum geschlossene Stoffkreisläufe, Urban Mining und Re-Use schon heute wirtschaftlich überzeugen und welche Rahmenbedingungen den Wandel beschleunigen können

24.09.2026

Autorin: Dr. Eva Halsch

Zirkuläres Bauen gilt als zentraler Schlüssel für eine ressourcenschonende, klimafreundliche und zukunftsfähige Baubranche. Zahlreiche Pilot- und Leuchtturmprojekte zeigen längst, dass zirkuläre Prinzipien technisch umsetzbar sind. Dennoch ist das Konzept in der Breite noch nicht angekommen. Häufig genannte Vorbehalte betreffen Qualität, zusätzlichen Aufwand und vermeintlich höhere Kosten.

Die sechste Veranstaltung des Augsburger Netzwerks Zirkuläres Bauen nahm diese Einwände am 22. September 2026 unter die Lupe. Unter dem Titel „Zirkuläres Bauen – wirtschaftlich sinnvoll?“ diskutierten Expertinnen und Experten aus Planung, Bau- und Rückbaupraxis, Wirtschaft und öffentlicher Verwaltung an der Technischen Hochschule Augsburg die Chancen und Herausforderungen einer Bauweise, die Materialien im Kreislauf hält.

Ihr gemeinsames Fazit: Zirkuläres Bauen ist bereits heute wirtschaftlich und technologisch konkurrenzfähig – in manchen Bereichen sogar überlegen.

Die vortragenden Experten und Expertinnen aus Planung, Bau- und Rückbaupraxis, Wirtschaft und öffentlicher Verwaltung waren sich einig: das Prinzip Zirkularität muss und wird sich auf Dauer durchsetzen. Es ist bereits heute wirtschaftlich und technologisch vergleichbar mit der gängigen Baupraxis und in manchen Punkten sogar überlegen. Die größten Hindernisse liegen in fehlenden Informationen, fehlenden Praxiserfahrungen und im Festhalten an etablierten Denk- und Bauweisen. Umdenken ist gefragt!

Beschaffung und Entsorgung vereinen ist der Schlüssel zur Wirtschaftlichkeit

Stefan Schmidmeyer, Geschäftsführer des Baustoff Recycling Bayern e.V. gab eine Zusammenfassung aus der Sicht der Entsorgungs- und Recyclingunternehmen. Hier ist sehr viel mehr technisch machbar und normativ geregelt, als man normalerweise denkt. So ist Bodenaushub nicht unbedingt Abfall, sondern ein Rohstoff, aus dem neue Baustoffe gewonnen werden können. Abbruchmaterial kann unter Anwendung der Ersatzbaustoffverordnung ohne Bedenken wieder eingesetzt werden und zur Schadstoffentfrachtung stehen erprobte und zuverlässige Technologien zur Verfügung. All das ist wirtschaftlich darstellbar. Aber der Schlüssel zur Wirtschaftlichkeit liegt darin, Beschaffung und Entsorgung gemeinsam zu denken und sich schon frühzeitig in der Planungsphase mit den anfallenden Stoffströmen auseinanderzusetzen.

Wie sich zirkuläres Bauen zum neuen Standard entwickeln wird, diesen Einblick gab Julia Weißert von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen - DGNB e.V. Bereits heute ist Zirkularität ein wichtiges Kriterium in den bestehenden Zertifizierungssystemen zum Nachhaltigen Bauen und Voraussetzung für Förderungen und Zuschüsse. Das wird sich in Zukunft noch weiter verschärfen. Sowohl auf EU- wie auch auf Bundesebene sind für die nächsten Jahre neue Verordnungen und Novellierungen in der Pipeline, die die Thematik weiter nach vorne bringen werden. Taxonomie, Bauprodukteverordnung, GWP-Grenzwerte sind hier nur einige Stichworte. In Zukunft wird die Frage nach der Wirtschaftlichkeit nicht mehr nur lauten "Was muss ich heute investieren?“, sondern auch "Was ist mein verbautes Material morgen noch wert?". 

Gebäude als Materiallager denken und damit Immobilienwert steigern

Ein Plädoyer zum Umdenken wurde von Benjamin Sillack, Leiter des Kompetenzzentrums Nachhaltiges Bauen, Vermögen und Bau Baden-Württemberg vorgetragen. Rund 15,5 Mrd. Tonnen Baustoffe stecken in den Gebäuden Deutschlands, das sind 188 Tonnen pro Kopf. Betrachtet man die stark steigenden Preise auf dem Baustoffmarkt, dann liegt die Frage nahe, ob man die Materialien nach Ende der Nutzungsdauer wirklich als Abfall betrachten sollte. Wenn man Gebäude in Zukunft als Materiallager denken und konzipieren würde, dann wären Baukosten keine "Kosten" mehr, sondern Investitionen ins gebaute Materiallager und zirkuläre Bauprinzipien würden den Wert der Immobilien erhalten und steigern.

Eine echte Vorbildfunktion hat der Leitfaden zur Kreislaufwirtschaft im Bayerischen Straßenbau, der von Angela Blume, Landesbaudirektion Bayern vorgestellt wurde. Der Leitfaden unterstützt die Akteure im Straßenbau dabei, Kreislaufwirtschaft bei Planung, Ausschreibung und Bauausführung systematisch zu berücksichtigen und legt dabei die entscheidende Grundlage, um Abfälle zu vermeiden, den Einsatz von Primärrohstoffen zu reduzieren und die Umweltauswirkungen des Straßenbaus zu verringern.

Ein konkretes Praxisbeispiel hatte Andrea Heil von EPEA dabei: Den Neubau "THE NEW 22", ein Bauprojekt auf dem Gelände des Hauptsitzes von Drees & Sommer in Stuttgart. Hier entsteht bis 2029 ein Bürogebäude nach dem Prinzip des Gebäudetyps E und mit maximalem Einsatz von Urban Mining und Re-Use. Das ca. 40 Jahre alte Bestandsgebäude wurde als Rohstoffdepot verwendet und selektiv zurückgebaut. Ca. 73% aller Materialien kommen im neuen Gebäude wieder zum Einsatz. Die Kostenanalyse zeigt: Trotz Aufwand für Rückbau, Aufbereitung, Tests, Gutachten und Zulassungen ist diese Bauweise nicht teurer als Abriss und Neubau. Für die Zukunft kann man erwarten, dass sich durch Skalierungseffekte und professionelle B2B Plattformen wie z.B. Madaster Match die Wirtschaftlichkeit des Prinzips "Urban Mining" weiter optimieren lässt.

Zur gleichen Schlussfolgerung kommt Robert Lotz von der Nassauische Heimstätte Wohnungs- und Entwicklungsgesellschaft mbH bei seinem Praxisbeispiel. Bei der Aufstockung von zwei Bestandsgebäuden kamen gebrauchte Bauteile zum Einsatz. Detaillierte Kostenbetrachtungen zeigen deutlich, dass bei den meisten Bauteilen eine Machbarkeit und Wirtschaftlichkeit gegeben ist, ohne Qualitätseinbußen in Kauf zu nehmen. Entscheidend ist allerdings die Logistik, die Verfügbarkeit und die Entfernung, über die die Teile transportiert werden müssen.

Es gibt noch viel ungenutztes Potenzial bei Recycling und Wiederverwendung. Mehr Transparenz darüber, wo und wann Überschüsse und Bedarfe anfallen, könnte die Kreislaufwirtschaft ein gutes Stück voranbringen. Hohe Entsorgungskosten lassen sich einsparen, wenn man rechtzeitig einen Nutzer für seine Reststoffe findet. Für diesen Zweck wurde die SITE DEPOT Community geschaffen eine offene, kostenlose Plattform, die von Moritz Kern von der N1 Circular GmbH vorgestellt wurde.

Zirkuläres Bauen ist längst mehr als eine Vision

Die Beispiele aus Recycling, öffentlichem Bauen, Urban Mining und Re-Use zeigen: Technische Lösungen sind vorhanden, viele Verfahren normativ abgesichert und wirtschaftlich umsetzbar. Entscheidend ist, die Themen Beschaffung, Planung, Rückbau, Wiederverwendung und Entsorgung von Beginn an gemeinsam zu betrachten.

Damit zirkuläres Bauen zum neuen Standard werden kann, braucht es vor allem bessere Informationen über vorhandene Materialien, mehr Praxiserfahrung und verlässliche Strukturen für Austausch, Logistik und Vermarktung. Digitale Plattformen, Leitfäden und konkrete Referenzprojekte können dabei wichtige Impulse geben. Ebenso wird der regulatorische Rahmen die Entwicklung weiter beschleunigen: Anforderungen aus Taxonomie, Bauprodukteverordnung und neuen Vorgaben zu den Umweltwirkungen von Gebäuden werden die Bedeutung der Zirkularität weiter erhöhen.

Die zentrale Frage lautet deshalb künftig nicht mehr nur, welche Investition heute erforderlich ist. Entscheidend wird auch sein, welchen Wert die verbauten Materialien morgen noch haben. Wer Gebäude als Materiallager plant, Reststoffe frühzeitig als Rohstoffe begreift und Wiederverwendung systematisch organisiert, kann Ressourcen schonen, Entsorgungskosten reduzieren und langfristig den Wert von Immobilien sichern.

Zirkuläres Bauen muss daher nicht erst wirtschaftlich werden – es ist bereits heute wirtschaftlich möglich. Was noch fehlt, ist der konsequente Schritt von einzelnen Leuchtturmprojekten zur breiten Umsetzung. Dafür braucht es weniger neue Argumente als vielmehr den Mut, gewohnte Denk- und Bauweisen zu verändern.


Es war bereits die sechste Veranstaltung der Reihe, die unter Federführung der A3 Regio Augsburg Wirtschaft GmbH und mit Unterstützung von Bayern Innovativ und anderen Partnern angeboten wurde. Wir bedanken uns beim Gastgeber, der Technische Hochschule Augsburg.


Weitere Informationen zum Netzwerk Zirkuläres Bauen im Wirtschaftsraum Augsburg finden Sie hier.
 

Kontakt:

Dr. Eva Halsch
+49 911 20671-318
Innovationsnetzwerk Energie & Bau, Projektmanagerin, Bayern Innovativ GmbH, Nürnberg

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