Überschreitung des 1,5-Grad-Ziels erwartet
Während die Vereinten Nationen vor einer anhaltenden Erwärmung warnen, setzt die Bundesregierung auf Emissionsminderung, natürliche Kohlenstoffsenken und technische CO₂-Entnahme.
04.09.2026
Quelle: E & M powernews
Ein Bericht des UN-Umweltprogramms UNEP erwartet eine Überschreitung der 1,5-Grad-Grenze. Die Bundesregierung setzt dagegen auf Emissionsminderung, natürliche Senken und CO2-Entnahme.
Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) warnt vor einer absehbaren Überschreitung der 1,5-Grad-Grenze. Im am 2. September veröffentlichten Bericht „Limiting Overshoot – Navigating exceedance of 1.5°C and pathways towards return“ kommen die Autoren zu dem Schluss, dass eine Rückkehr unter die Marke grundsätzlich möglich bleibt. Dafür müsse die Überschreitung aber so gering und so kurz wie möglich ausfallen.
Nach Angaben von UNEP befindet sich die Welt derzeit auf einem Pfad, der zu einer Erwärmung von etwa 2,6 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit führen würde. Vieles deute darauf hin, dass die 1,5-Grad-Grenze in den kommenden Jahren dauerhaft überschritten werde. Selbst bei sehr schnellen und umfassenden Klimaschutzmaßnahmen ließe sich der Temperaturanstieg dem Bericht zufolge voraussichtlich nur auf etwa 1,8 Grad begrenzen.
UNEP empfiehlt deshalb einen Pfad aus Überschreitung, Temperaturhöhepunkt und anschließendem Rückgang. Die Risiken und Auswirkungen des Klimawandels nähmen mit jedem zusätzlichen Bruchteil eines Grades und mit jedem weiteren Jahr oberhalb von 1,5 Grad zu. Einige Folgen seien zudem nicht umkehrbar.
UNEP-Exekutivdirektorin Inger Andersen erklärte bei der Vorstellung des Berichts in Nairobi, die Klimaschutzbemühungen müssten nun verstärkt und dürften nicht aufgegeben werden. UN-Generalsekretär Antonio Guterres nannte „Extremereignisse wie Hitze, Waldbrände und Überschwemmungen Warnsignale für die weitere Entwicklung“.
Bundesregierung reagiert mit Dreiklang
Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) sieht in der Emissionsminderung weiterhin den wichtigsten Ansatz. „Jedes Zehntelgrad weniger Erderhitzung schützt Menschen, Natur und Wirtschaft“, erklärte Schneider. Je schneller die Emissionen sänken, desto geringer seien die Schäden und desto weniger CO2 müsse später wieder aus der Atmosphäre entfernt werden.
Die Bundesregierung verfolge dabei einen Dreiklang aus Emissionsminderung, dem Schutz natürlicher Kohlenstoffsenken und der Entwicklung technischer Verfahren zur CO2-Entnahme. Grundlage ist das Bundes-Klimaschutzgesetz. Deutschland hat sich darin verpflichtet, bis 2045 Treibhausgasneutralität und nach 2050 Netto-Negativemissionen zu erreichen.
Mit dem im März beschlossenen Klimaschutzprogramm 2026 hat die Bundesregierung nach eigenen Angaben 67 zusätzliche Maßnahmen für Energiewirtschaft, Industrie, Gebäude, Verkehr und Landwirtschaft beschlossen. Sie sollen 2030 mehr als 25 Millionen Tonnen CO2 zusätzlich einsparen.
Vorgesehen sind unter anderem ein Ausbau der Windenergie, die Elektrifizierung von Industrie und Verkehr, klimafreundlichere Wärmenetze sowie Maßnahmen zur Kreislaufwirtschaft. Für die zusätzlichen Maßnahmen sollen von 2027 bis 2030 acht Milliarden Euro bereitstehen.
Natürliche Senken unter Druck
Als zweiten Baustein will die Bundesregierung natürliche Kohlenstoffspeicher stärken. Wälder, Moore, Böden, Auen, Gewässer und Meere können CO2 aufnehmen und langfristig speichern. Gleichzeitig geraten diese Ökosysteme durch den Klimawandel und menschliche Nutzung selbst unter Druck.
Die Bundesregierung geht davon aus, dass langfristig unvermeidbare Restemissionen bestehen bleiben werden. Sie erwartet diese insbesondere in der Landwirtschaft und bei bestimmten Industrieprozessen. Um nach 2050 Netto-Negativemissionen zu erreichen, soll deshalb zusätzlich CO2 aus der Atmosphäre entfernt und dauerhaft gespeichert werden.
Greenpeace bewertet die Gewichtung der technischen CO2-Entnahme kritischer. Klimaexperte Jannes Stoppel erklärte, natürliche CO2-Senken wie Wälder und Moore müssten gestärkt werden, statt auf technische Lösungen zu setzen. Wälder und Böden seien wichtige Möglichkeiten, dem CO2-Überschuss entgegenzuwirken. Zugleich müssten die Emissionen in allen Bereichen schnell sinken.
Anpassung wird wichtiger
Neben der Begrenzung des Temperaturanstiegs fordert UNEP auch eine stärkere Anpassung an die bereits absehbaren Folgen. Dazu zählen häufigere und intensivere Extremwetterereignisse, Schäden an Ökosystemen sowie Risiken für Gesundheit, Ernährungssicherheit, Wasserversorgung, Infrastruktur und Wirtschaft. Besonders gefährdet seien kleine Inselstaaten und tiefliegende Küstenstädte.
Mitautorin Shobha Maharaj von der University of the South Pacific betonte, „Anpassung darf nicht hinter dem Klimaschutz zurückstehen“. Beide Bereiche müssten gleichzeitig vorangetrieben werden, insbesondere in besonders gefährdeten Regionen.
Die Bundesregierung will nach eigenen Angaben auch international am Ziel des Pariser Übereinkommens festhalten. Eine Überschreitung der 1,5-Grad-Grenze ändere nichts an der grundsätzlichen Richtung der Klimapolitik.
Autorin: Susanne Harmsen
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