Unmögliches als Möglichmacher
Zugegeben, besonders elegant sieht es nicht aus, wie ich im Zimmer stehe und wild mit den Armen in der Luft herumfuchtle – doch es fühlt sich sehr futuristisch an. Immer noch und jedes Mal aufs Neue, wenn ich mit einer VR-Brille einen virtuellen Raum betrete. Ich navigiere mit meinem Blick durchs Menü, gebe Sprachbefehle und fühle mich ein bisschen wie die Besatzung vom Raumschiff Enterprise. In der Serie aus den späten 1980er Jahren hatten die Crew ein „Holodeck“ am Schiff. Ein Gerät, das 3D-Simulation von realen oder imaginären Umgebungen erzeugt, indem es Hologramme projiziert. In dieser Simulation konnten Captain Picard und Co frei interagieren und sich wie in einer realen Umgebung bewegen.
Meine VR-Brille ist davon noch Lichtjahre weit entfernt und doch: Was vor rund 40 Jahren nur Science-Fiction im Fernsehen war, ist heute Realität geworden: VR-Brillen gibt es für Computerspiele, zum Filme schauen und auch in der Medizin und Technik – zum Beispiel, wenn es darum geht, Simulationen für Übungszwecke einzusetzen. Wer hätte das 1987, als Star Trek zum ersten Mal über den Bildschirm lief, für möglich gehalten? Ich nehme das Gerät vom Kopf, kehre „zurück in mein Wohnzimmer“ und frage mich: Können vermeintliche Träumereien uns zu neuen Ideen inspirieren?
Innovation zwischen Traum und Wirklichkeit
Laut einem Bericht des Asimov Institute legte utopisches Denken bereits den Grundstein für viele große technologische Innovationen, etwa das World Wide Web und das Smartphone. Indem wir uns eine bessere Welt ausmalen, finden wir Wege, sie auch zu bauen. Auch wenn das „Holodeck“ aus Star Trek und meine VR-Brille technologisch nicht viel gemein haben, ist der Grundgedanke gleich. Beides erzeugt einen täuschend echten Raum, der frei gestaltbar ist, um Dinge zu erleben, zu sehen, ohne dass sie tatsächlich physisch vorhanden sind. Mit unseren heutigen Möglichkeiten haben wir also den Zweck des Holodecks erreicht – nur eben anders umgesetzt. Warum nicht also öfter mal einen Blick auf „Fantastereien“ werfen, selbst weiter träumen – und davon inspiriert etwas handfest Neues schaffen? Zumal in vielen dieser vermeintlichen Spinnereien viel fundiertes Wissen steckt.
Ein bekanntes Beispiel ist der Zukunftsthriller Minority Report aus 2002. Der Film erzählt von einer Welt im Jahr 2054 - und schildert Technologien, die später tatsächlich umgesetzt wurden. Sie kennen die Bilder: Tom Cruise steuert mit den Händen in der Luft einen Computer steuert. Diese Szenen sind bis heute weltberühmt. Jahre nach dem Film wurden Gesteninterfaces im echten Leben erprobt und umgesetzt. Auch zeigt Minority Report überall personalisierte Werbung auf digitalen Bildschirmen. Also Werbung zugeschnitten auf, die jeweilige Person die sie sieht. Heute ist das alltäglich auf Social Media, im Web und auf den smarten Fernsehgeräten. Dass damals diese Ideen so präzise unsere heutige Techologie vorhersagen konnten, war im Fall kein Zufall: Regisseur Steven Spielberg beauftragte 1999 ein“Think Tank” aus Wissenschaftlerinnen, Technikexpertinnen und Sci-Fi-Autor*innen, darunter den kanadischen Schriftsteller Douglas Coupland. Drei Tage lang brainstormte diese Runde über kommende Technologien und gesellschaftliche Trends. Viele Ideen aus dieser Ideenschmiede schafften es ins Drehbuch – und etliche davon trafen ins Schwarze der realen Zukunft. Spielberg nutzte Utopie als Werkzeug, um greifbare Zukunftsszenarien zu entwickeln und inspirierte damit andere.
Auch Starregisseur Stanley Kubrick setzte auf diese Mischung aus Imagination und Ingenieurskunst. Bereits für 2001: Odyssee im Weltraum (1968) arbeitete er eng mit dem Sci-Fi-Autor Arthur C. Clarke zusammen, um visionäre und gleichzeitig plausible Zukunftstechnologien zu zeigen. Sie kennen wahrscheinlich HAL, den intelligenten Computer, der unseren „Alexas“ heute erstaunlich ähnlich scheint. Und Kubricks lang gehegtes Projekt A.I. handelt von künstlicher Intelligenz und robotischen Kindern. Der Film beschäftigt sich mit ethischen Fragen über die Beziehung von Menschen zu „künstlichen“ aber intelligenten Produkten. Was damals ein Gedankenexperiment war, ist in Zeiten von ChatGPT und Co. Realität geworden.
Archetypen, Utopien und das kollektive Kopfkino
In Filmen und Geschichten steckt also mehr fundiertes Wissen als wir auf den ersten Blick glauben wollen – und sie beflügeln unseren Kopf auf eine ganz andere Weise als es ein Report oder eine Studie tun würde. Denn während Studien uns etwas „erklären“, lassen uns Geschichten die Inhalte erleben. Wer in Blade Runner mit Rick Deckard am Wert der eigenen Existenz gezweifelt hat, hat viel über Mensch-Maschinen Ethik gelernt – und vielleicht auch die eine oder andere Träne vergossen.
Märchen, Bücher oder Filme bedienen sich dafür zeitloser Archetypen und Narrative. Der Kampf zwischen Gut und Böse, die Heldenfigur vor der scheinbar unlösbaren Aufgabe. All das sind uralte Muster, die im kollektiven Unbewussten schlummern und uns so begeistern. Ein mythisches Beispiel: Seit Platon erzählen Menschen von Atlantis, der versunkenen Hochkultur. Diese Ur-Utopie einer besseren (oder warnend untergegangenen) Welt hat Generationen beflügelt – sei es in mittelalterlichen Paradiesvorstellungen oder modernen Unterwasserstadt-Projekten. Ähnlich wirkt das Genre Steampunk, das viktorianische Ästhetik mit imaginärer Technik kreuzt: Hier werden Zeppeline, Zahnräder und Dampfkraft zu einem Retro-Zukunfts-Traum verwoben. Kein Wunder, dass Designer und Tüftler davon inspiriert Computergehäuse in Messingoptik bauen oder Wearables im Stil alter Taschenuhren – die Grenze zwischen Fan-Fiktion und Produktdesign verschwimmt spielerisch.
Neuere Bewegungen wie Solarpunk gehen noch einen Schritt weiter: Diese internationale Kunst- und Literaturströmung entwirft optimistische Zukunftswelten, in denen High-Tech und Natur im Einklang stehen. Bunte Städte voller Solarzellen, Urban Gardening und dezentraler Energie – ein bewusster Gegenentwurf zu düsteren Cyberpunk-Dystopien. Solche positiven Utopien funktionieren wie Moodboards für unsere Realität: Sie „arbeiten aktiv darauf hin, eine nachhaltige Zukunft zu verwirklichen“, indem sie erst einmal kühn ausmalen, wie diese aussehen könnte. Ähnlich verhält es sich mit klassischen literarischen Utopien. Die französische Zukunftsforscherin Sandrine Roudaut betont, “Internet, Frauenwahlrecht, Sozialversicherungen… alle großen Innovationen waren zuerst Utopien. Die Utopien von heute sind die Selbstverständlichkeiten von morgen.” Anders formuliert hat es schon Oscar Wilde: “Fortschritt ist nur die Verwirklichung von Utopien.”
Neben Utopien erfüllen interessanterweise auch Dystopien ihren Zweck in der Innovationswelt. Geschichten vom schlechten Ausgang – ob Orwell’s 1984, Terminators KI-Schreckensszenario oder die Umweltapokalypse – wirken wie negative Projektionsflächen. Sie mahnen, “so bitte nicht”, und motivieren Erfinderinnen, bessere Alternativen zu entwickeln. In der KI-Forschung etwa diskutieren Experten heute ethische Leitplanken, um nicht in dystopische Pfade abzurutschen. Doch gerade hier zeigt sich wieder: Wer nur das Schlechte verhindern will, bleibt oft innerhalb bestehender Denkmauern stecken. Konstruktive Fantasie ist nötig, um wirklich Neues zu schaffen. Futuristinnen plädieren daher für “Utopian Thinking” – ein Denken in Möglichkeitsräumen. Diese Haltung – grenzenlos, optimistisch, aber nicht naiv – gilt es in Unternehmen zu kultivieren.
Träumen und Machen: Vier Methoden für Innovation
Dafür sollten wir Fantasie fördern, ohne die Bodenhaftung zu verlieren. Viele Unternehmen setzen dabei auf strukturierte Kreativmethoden. Ein prominentes Beispiel ist Design Thinking. Hierbei durchläuft Ihr Team einen Prozess mit mehreren Phasen.. Besonders in den ersten Schritten heißt es ausdrücklich: “Encourage wild ideas”, ermutigt auch schräge, wilde Einfälle. Warum? Weil verrückte Ansätze oft zu den größten creative leaps führen – sie zwingen uns, “wirklich ohne die üblichen Einschränkungen zu denken”. Hier werden den Teilnehmenden Aufgaben gestellt wie „Was würde Superman an deiner Stelle tun?“ – und genau jetzt kommen fantastische Geschichten ins Spiel. Nutzen Sie Welten abseits unseres Alltags, lassen Sie das Team hier träumen und Ideen entwickeln, wie gesagt: „Wild ideas“ sind willkommen. Später im Prozess werden diese Ideen dann methodisch „in die Realität“ geholt, auf Machbarkeit geprüft und angepasst.
Eine weitere Methode der strategischen Ideenfindung ist das „Dragon Dreaming“. Der Name deutet es an: Hier wird dem Träumen systematisch Raum gegeben. Auch Dragon Dreaming gliedert sich in mehrere Phasen: Dreaming, Planning, Doing, Celebrating. Zuerst träumen alle Beteiligten gemeinsam – sie entwerfen im Geiste die beste aller Welten für ihr Projekt. In dieser Traumrunde ist nichts unmöglich. Danach werden konkrete Pläne geschmiedet, Aufgaben verteilt und am Ende Erfolge gefeiert. Diese spielerische Methode löst eingefahrene Denkblockaden. Sie schafft einen sicheren Raum, in dem auch abwegige Ideen ausgesprochen werden dürfen, bevor die Realität wieder das Ruder übernimmt. So entstehen kollektive Visionen, die genügend Begeisterung wecken, dass alle an einem Strang ziehen. Dieses “Malen nach Utopia” ist kein Luxus, sondern ein strategisches Kreativwerkzeug. Es sorgt dafür, dass Ziele nicht bloß inkrementell („ein bisschen besser als jetzt”), sondern bahnbrechend formuliert werden.
Anders als bei Design Thinking oder Dragon Dreaming beginnt die Methode der Zukunftswerkstatt in der harten Realität. Hier beginnen die Teilnehmenden mit einer Kritikphase und sammeln faktische Kritikpunkte: Wo stehen wir, was sind die Schwächen, Risiken? Das freie Ideenfinden kommt erst als zweiter Schritt im Prozess. Die Beteiligten dürfen frei fantasiereichen “Spinnkram” äußern, wie eine perfekte Zukunft aussehen könnte, als gäbe es keine Grenzen. Nichts ist verboten, kein Einwand von “Ja, aber” stört. Erst danach geht es in die Verwirklichungsphase darum, aus den gesponnenen Ideen konkrete nächste Schritte abzuleiten. Dieses Vorgehen, einst für Bürgerbeteiligung in den 1980er Jahren erdacht, wird heute auch in Unternehmen und Verwaltungen genutzt. Es zeigt eindrücklich, dass strukturiertes Träumen kein Nice-to-have ist, sondern direkt in umsetzbare Innovation münden kann.
Schließlich ist da noch die Szenariotechnik. Sie stammt aus der strategischen Planung und dient dazu, auf Basis von Fakten alternative Zukunftsbilder zu entwerfen. Anstatt nur eine Prognose fortzuschreiben, entwickelt man mehrere Szenarien – z.B. ein optimistisches, ein pessimistisches und ein Überraschungsszenario – und untersucht, was sie für das Unternehmen bedeuten würden. Diese Methode ist längst in Politik und Wirtschaft etabliert. Das Durchspielen von Was-wäre-wenn hilft, flexibel zu denken und wird auf Unvorhergesehenes vorbereitet. Im Grunde ist Szenarioplanung nichts anderes als fundiertes Träumen: Man erschafft Projektionsräume (etwa “Wie sähe unser Markt aus, wenn eine ganz neue Technologie X käme?”) und leitet davon realistische Entscheidungen ab. Ein bekanntes Beispiel: In den 1970ern Jahren traf der rapide gestiegene Ölpreis die Industrie hart. Das Unternehmen Shell war darauf vorbereitet – es hat in seiner Planung so ein Szenario bereits berücksichtigt und war darauf vorbereitet.
Die Kunst für Unternehmen besteht darin, Raum für Visionen zu geben, ohne die Bodenhaftung zu verlieren. Also: Mitarbeiter*innen ermutigen, mal den Kopf in die Wolken zu stecken – in Form von Innovationsworkshops, freien Projekten oder einfach einer offenen Ideenkultur. Und danach gemeinsam prüfen: Welche dieser Träume lassen sich mit heutigem oder absehbarem Können umsetzen? Vielleicht nicht sofort 1:1, aber in ersten Schritten. Der Philosoph Ernst Bloch sprach vom “konkreten Utopismus” – einer Hoffnung, die sich nicht ins Unbestimmte flüchtet, sondern handlungsleitend wird. Genauso können auch fantastische Zukunftsträume im Unternehmen als Zielbilder dienen, auf die man hinarbeitet.
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Quellen:
Diese Star-Trek-Technologien existieren schon heute
Inside Minority Report's 'Idea Summit,' Visionaries Saw the Future | WIRED
Toutes les grandes innovations ont d’abord été des utopies | Germe
On Utopian Thinking - The Asimov Institute
Szenariotechnik | INNOVATIONSPROZESSE.com
From Illusions to Reality: ‘Peer Gynt’s’ Journey of Self-Discovery | by Salim Akhtar | Medium