Creative Tech: Warum Deeptech kreative Perspektiven braucht
Die Schnittstelle von Kreativwirtschaft und Zukunftstechnologien
26.10.2026
Von künstlicher Intelligenz über Extended Reality bis hin zu Robotik und weiteren Deeptech-Feldern: Zukunftstechnologien verändern die Art, wie wir arbeiten, einkaufen und digitale Erlebnisse gestalten. Der technologische Fortschritt schafft neue Möglichkeiten, doch erfolgreiche Innovationen entstehen erst dann, wenn Technologie und Nutzerbedürfnisse zusammenfinden.
Stellen Sie sich vor, Sie betreten ein Geschäft, ganz bequem von Ihrem Sofa aus. Sie können sich umsehen, Produkte entdecken und sich mit anderen Menschen austauschen. Und das alles in einer virtuellen Welt.
Genau hier kommt Creative Tech ins Spiel. Ob künstliche Intelligenz, Robotik oder Extended Reality: Wenn kreative Ideen auf innovative Technologien treffen, können neue Anwendungen und zukunftsfähige Lösungen entstehen.
Im Gespräch gibt Andreas Auberger, Leiter des CreativeTechHUB bei Bayern Innovativ, Einblicke in die Potenziale von Creative Tech und erklärt, warum die Zusammenarbeit zwischen Technologie und Kreativwirtschaft so wichtig ist.
Was verstehen Sie unter Creative Tech und was ist neu daran?
Andreas Auberger: Das ist eine richtig spannende und relevante Frage, weil Creative Tech bisher noch keine einheitliche Definition erfahren hat. Wir haben für uns Creative Tech als etwas definiert, das das gezielte Zusammenwirken von kreativer und technologischer Kompetenz beschreibt, um in konkreten Anwendungsfällen bessere Produkte, bessere Services und bessere Kooperationen zu ermöglichen.
Und Kreativität ist bei Creative Tech dann nicht nur die Verpackung, die Farbe oder das Schleifchen, sondern ein wesentlicher, fundamentaler Bestandteil, um Technologie besser greifbar zu machen, sich aber auch aus einer anderen Perspektive von Technologie inspirieren zu lassen und dadurch noch kreativer werden und dazulernen zu können.
Das heißt, idealerweise treffen Kreativität und Technologie schon in der Mitte der Entwicklungsphase zusammen oder vielleicht sogar am Anfang?
Andreas Auberger: Da, wo es im Prozess am geschicktesten ist. Je früher, desto besser, würde ich sagen. Je früher man eine andere, differenziertere Perspektive mit einbringen kann, umso besser. Und das ist auch eine gute Überleitung zu der Frage, was daran eigentlich neu ist.
Wir möchten, dass es kein Zufall mehr ist und nicht von Vitamin B abhängt, ob ich als Technologieunternehmen jemanden ansprechen kann, der diese künstlerisch-kreative Perspektive mit einbringt. Sondern dass das Ganze eine Struktur erhält und planvoll vorgegangen wird. Wir möchten einen Ort, einen Raum, einen Kontext schaffen, der ein niederschwelliges Zusammenfinden dieser Perspektiven und ein Zusammenwirken ermöglicht, das vor allem in Kooperationen zwischen den Branchen mündet.
Offenbar reicht es bei Zukunftstechnologien ja nicht, einfach nur die Ingenieursbrille aufzusetzen, sondern es braucht auch Kreativität. Warum?
Andreas Auberger: Ganz simpel gesagt: Eine technologische Machbarkeit garantiert nicht automatisch eine gute Anwendung. Aus einer Ingenieursperspektive entwickle ich natürlich die beste KI, den besten Chip oder die beste VR-Brille, die es auf dem Markt gibt. Wenn aber der Kontext, der Anwendungsfall, die Einbindung und die Mensch-Maschine-Interaktion nicht gut mitgedacht und gestaltet sind, dann entsteht irgendwo eine Lücke.
Und das ist, glaube ich, das Wesentliche, wo sich diese beiden Disziplinen, wenn man sie so nennen will, gegenseitig bereichern können. Aber hinter jeder dieser Disziplinen, Creative und Tech, steht ein vielfältiges Portfolio unterschiedlichster Akteure, die kaum vergleichbar sind.
Und das ist die Herausforderung und gleichzeitig das Potenzial der Arbeit, die wir uns vornehmen: diese Eins-zu-eins-Beziehungen herauszufinden. Wer passt gut zu wem, weil man sich gegenseitig bereichern kann? Wer braucht wen? Und wen gibt es überhaupt?
Und welche Fragen muss ich mir eigentlich stellen, auf die ich selbst gar nicht komme, weil mir der Horizont fehlt, um das zu erkennen und meine eigene Produktentwicklung kritisch zu hinterfragen? Genau das sind die wesentlichen Punkte.
Und wie sind Ihre bisherigen Erfahrungen? Sind sowohl die Technologie- als auch die Kreativschaffenden offen für diese Zusammenarbeit?
Andreas Auberger: Meine Erfahrung aus den persönlichen Gesprächen der letzten drei bis vier Monate, in denen ich mich ganz intensiv mit dem Thema beschäftige, ist, dass am Anfang immer erst einmal ein großes Fragezeichen steht, wenn man mit dem Begriff Creative Tech um die Ecke kommt. Was steckt eigentlich dahinter und welche Verbindung hat das zu mir?
In den meisten Fällen löst sich das aber innerhalb von ein oder zwei Minuten, wenn man das Ganze ein bisschen skizziert, so wie wir es gerade gemacht haben. Dann merkt man plötzlich in den Augen des Gegenübers: Da geht gerade ein Ideenfeuerwerk los.
Es werden sofort sehr viele Verflechtungspunkte gesehen, an denen man sich einbringen, profitieren und Schnittstellen finden kann, bei denen es absolut Sinn macht, sie strukturell zu bespielen. Das ist das, was ich bisher beobachte.
Sie haben gerade erklärt, was Creative Tech bedeutet. Viele denken dabei zunächst an Medien, Games oder Design. Sie konzentrieren sich aber auch auf Technologien wie künstliche Intelligenz, Robotik oder Extended Reality. Warum gerade diese Bereiche?
Andreas Auberger: Das begründet sich auch ein Stück weit mit der Strategie von Bayern Innovativ, dass wir den Fokus auf High- und Deeptech-Anwendungen legen, um ein spezialisiertes Profil darzustellen und vor allem in Anwendungen hineinzugehen, die sich noch in einer sehr explorativen Phase befinden.
Denn gerade dort zeigt sich das, was wir vorhin skizziert haben: eine Ingenieurswelt, die die bestverfügbare Technologie entwickeln möchte, wenn man es so vereinfacht ausdrücken darf.
Gleichzeitig ist es gerade bei diesen High- und Deeptech-Anwendungen enorm wichtig, von Anfang an gestalterische, kreative, interaktions- und kontextorientierte Disziplinen und Perspektiven mit einzubinden und Zugänglichkeit zu schaffen.
Es gäbe ja kein besseres Bild, als wenn wir in Bayern die engste Verflechtung von Technologie- und Kreativschaffenden hätten und die bayerische Wirtschaft dadurch die kreativsten und besten Technologieprodukte auf den Markt bringen könnte.
"Hightech & Deeptech entfalten ihr Potenzial erst dann, wenn technologische Exzellenz auf kreative Perspektiven und menschliche Bedürfnisse trifft."
Andreas Auberger
Leitung CreativeTechHUB, Bayern Innovativ
Klingt logisch und klingt gut. Haben Sie Beispiele, an denen man besonders gut sieht, wie aus einer Technologie durch kreative Ansätze eine konkrete Anwendung entstanden ist?
Andreas Auberger: Ein Beispiel habe ich bei den Tech Days kennengelernt. Wir als CreativeTechHUB waren zwar noch nicht direkt beteiligt, aber ich finde es trotzdem sehr anschaulich.
Eine Künstlerin, Musikerin und Sängerin hat sich Sensorhandschuhe beschafft und diese mit Musik verbunden. Über die Bewegungen ihrer Hände und ihres Körpers kann sie dadurch Töne generieren. Das hat sie im Hintergrund selbst programmiert und macht damit quasi eine One-Woman-Show auf der Bühne. Das ist etwas, was sie sich aus ihrem eigenen Interesse heraus erarbeitet und erschlossen hat. Sie hat dann auch den Kontakt zum Hersteller gesucht und gesagt: Ich verwende die Handschuhe für diese Zwecke. Lassen Sie uns doch gemeinsam darüber sprechen und schauen, wie wir beide davon profitieren können.
Ich glaube, das ist ein sehr gutes Beispiel, das greifbar macht, wie man etwas Profanes wie einen technologischen Sensorhandschuh aus der Fertigung in einem ganz anderen Kontext neu verwenden kann.
Spannend ist auch der Bereich humanoide Robotik. Ein Roboter kann technisch perfekt funktionieren. Aber wie er sich bewegt, spricht und auf Menschen reagiert, ist doch entscheidend dafür, wie wir mit ihm umgehen, oder?
Andreas Auberger: Korrekt, wahrscheinlich sogar noch stärker als der Erfüllungsgrad der Aufgabe. Die Art und Weise, wie wir mit einem technischen Gerät interagieren, ist ähnlich wie die Interaktion mit unseren Mitmenschen. Wir befinden uns ja nicht in einem luftleeren Raum, in dem der Roboter einfach seine Aufgabe erfüllt und dann wieder fertig ist.
Vor allem bei humanoiden Robotern haben wir das Phänomen der Ähnlichkeit mit der menschlichen Gestalt. Das ist beabsichtigt. Dadurch muss sich ein solcher Roboter den Qualitätsansprüchen stellen, die wir bewusst oder unbewusst an ihn haben. Das hat viel mit der Akustik, der Ausstrahlung und der Wirkung zu tun. All diese Faktoren, die wir auch einem Menschen zuschreiben, muss ein humanoider Roboter erfüllen, um in der Anwendung erfolgreich zu sein, nicht nur technologisch.
Da stellen sich auch ganz grundsätzliche Fragen: Wie verhält sich ein humanoider Roboter, wenn er gerade nicht aktiv ist? Was macht er dann? Wie steht er im Raum? Setzt er sich hin oder steht er in der Ecke? Es ist ja auch eine sehr merkwürdige Situation, wenn ein humanoider Roboter zum Laden in die Raumecke geht und sich dort hinsetzt. Das nimmt ja jeder wahr.
Um einen Robotikentwickler zu zitieren: Setzt er sich dann aufs Häuschen? Oder wie macht man das? Wie funktioniert diese Schnittstelle?
Das kann ich als Technologe vielleicht aus einer Effizienzperspektive beantworten: Was ist aus Sicht der Technologieentwicklung am intelligentesten? Das muss aber nicht immer deckungsgleich sein mit der intelligentesten Antwort aus einer gestalterischen, viel stärker menschenzentrierten Perspektive.
Es geht also auch um Vertrauen und Akzeptanz.
Andreas Auberger: Korrekt, ja. Vertrauen und Akzeptanz, wenn ich den Ball kurz aufgreifen darf, bei den Nutzern im Umgang mit der Technologie, aber auch Vertrauen und Akzeptanz im Umfeld von Creative Tech.
Wir möchten Technologieunternehmen und Kultur- und Kreativschaffende zusammenbringen und einen Zugang zueinander schaffen. So soll eine vertrauensvolle und effektive Zusammenarbeit möglich werden.
Das stelle ich mir gar nicht so einfach vor, denn die sprechen ja auch eine ganz andere Sprache.
Andreas Auberger: Die Erfahrungswerte sind ganz andere, die Sprache ist eine andere und auch die eigenen Umstände und Ziele sind ganz unterschiedlich. Aber das Wertvolle daran für uns, und deswegen ist es auch wert, sich damit zu beschäftigen, ist das Zusammenbringen dieser unterschiedlichen Kompetenzen und Perspektiven.
Es geht darum, einen Raum zu schaffen, in dem sich Vertrauen entwickeln kann, in dem man sich auf die andere Perspektive und auf Neues einlässt, aber auch Kritik an der eigenen Produktentwicklung zulässt. Gleichzeitig braucht es einen handlungsorientierten Blick: Was könnte man daraus machen?
Und wie kann jemand aus der Creative-Ecke jemanden aus der Tech-Ecke begeistern, motivieren, mitnehmen und weiterentwickeln, aber auch umgekehrt?
Ich würde gerne auf den Bereich Gesundheit und Pflege eingehen. Wie können dort Technologien wie KI oder Extended Reality helfen und warum braucht es dafür kreative Kompetenz?
Andreas Auberger: Speziell in diesem Bereich ist es, glaube ich, noch einmal am augenscheinlichsten, dass der Kontext von Pflege und Gesundheitsanwendungen eine besondere Sensibilität erfordert. Und da gibt es unterschiedliche Ansätze.
Das eine, woran wahrscheinlich jeder am schnellsten denkt, ist diese Pflegesupport-Robbe, ein KI-unterstütztes Plüschtier, das niedlich, knuffig und empathisch aussieht. Man kann es in der Pflege einsetzen, um pflegebedürftige Personen zu begleiten, ihnen einen Gesprächspartner zu bieten, Interaktionsmöglichkeiten zu schaffen und sie vielleicht auch zu beruhigen. Das ist ein ähnliches Prinzip wie bei Haustieren. Dahinter steckt natürlich eine Technologie, aber diese Technologie braucht auch eine entsprechende Einbettung.
Und mit Einbettung meine ich nicht nur das Plüschfell, sondern generell den gesamten Kontext um diese Technologie herum. Das ist, glaube ich, das Erste, woran viele denken, wenn es darum geht, wo Technologie einen Eingang ins Gesundheitswesen finden kann.
Gleichzeitig denke ich aber auch an Bereiche wie Training, Simulation oder die Vorbereitung des Personals auf schwierige Situationen durch virtuelle Anwendungen. Wie kann man das aufbereiten? Wie kann man es vielleicht auch in den Raum projizieren? Wie kann man eine Lernatmosphäre schaffen, die über das bloße Durchklicken und Beantworten eines Fragebogens hinausgeht und das didaktische Element viel greifbarer macht?
Sie schaffen also eine Welt, in der Pflegekräfte und Auszubildende besser lernen und trainieren können. Auch im Kulturbereich eröffnen immersive Technologien neue Möglichkeiten. Wie verändern sie unser Kulturerlebnis und welches Potenzial steckt noch darin?
Andreas Auberger: Ich glaube, wenn wir an unsere eigenen Erfahrungen mit Museumsbesuchen oder dem Besuch von Kultureinrichtungen generell denken, dann hat jeder schon einmal eine App heruntergeladen, die den Museumsbesuch begleitet und unterstützt. Manchmal ist vielleicht auch schon eine VR-Anwendung dabei. Das skizziert ein bisschen, wo die Reise eigentlich hingehen kann, wird und soll und hoffentlich auch hingehen wird.
Wie können wir es also schaffen, Erlebniswelten zu gestalten, in denen Technologie auf Kultureinrichtungen trifft und das didaktische Element unterstützt? Es geht nicht nur darum, auf einer reinen Unterhaltungsebene tolle Anwendungen und Szenarien zu schaffen, sondern wirklich auch ein Erleben auf einer tiefergehenden Ebene zu ermöglichen.
Also beispielsweise, um Geschichte erlebbar zu machen?
Andreas Auberger: Genau. Da stellt sich die Frage, wie die Wissensvermittlung in einem Museum gestaltet werden kann. Ich möchte mir jetzt nicht anmaßen, dass ich Profi oder Experte in diesem Bereich wäre. Aber es ist ein Unterschied, ob ich eine Informationstafel lese oder in einen echten oder virtuellen Raum eingeladen werde, in dem ich plötzlich im Kolosseum von Rom stehe. Vielleicht kann ich die Geräusche hören, vielleicht kann ich es riechen oder mir staubt sogar der Sand in die Nase. So bin ich viel stärker in der Situation drin und kann mich mit allen Sinnen darauf einlassen.
Ich kann mir auch vorstellen, dass man irgendwann das Museum über immersive Technologien nach Hause oder in die Schulen holt.
Andreas Auberger: Ja, und das macht für mich auch den Reiz an der Arbeit in diesem Feld aus, weil vieles nicht absehbar ist.
Wir als Intermediär möchten den Raum schaffen, in dem Menschen zusammenfinden und Kooperationen eingehen können. Dabei ist oft noch völlig offen, wohin die Zusammenarbeit führt und was am Ende daraus entsteht.
Wenn wir zehn Jahre in die Zukunft schauen: Werden wir dann überhaupt noch zwischen Technologie und Kreativität unterscheiden? Oder ist gerade das Spannende, dass wir die Entwicklung noch gar nicht absehen können?
Andreas Auberger: Dass das konkrete Ergebnis für einen spezifischen Anwendungsfall gar nicht absehbar sein muss, würde ich absolut unterstreichen.
Und wenn ich an die nächsten zehn Jahre denke, dann würde ich mir wünschen, dass wir einen großen Beitrag dazu geleistet haben, dass bei der Entwicklung von Produkten, sei es in der Tech- oder in der Kreativszene, die jeweils andere Komponente, Kompetenz und Perspektive mitgedacht wird.
Dass es selbstverständlich wird, diese andere Perspektive mit einzubringen und vielleicht uns oder unser Ökosystem zu nutzen, um entsprechende Kontakte zu finden. Dass also eine Niederschwelligkeit und Selbstverständlichkeit entsteht.
Und dass dadurch am Ende bessere Produkte auf der Tech-Seite entstehen, aber auch bessere oder vielleicht ganz neue Produkte auf der Kultur- und Kreativseite, weil diese viel enger mit der Tech-Szene zusammengewachsen ist.
Jetzt habe ich noch eine sehr persönliche Frage: Welche technologische Entwicklung finden Sie gerade am spannendsten und warum?
Andreas Auberger: Wenn ich mich festlegen müsste, dann wäre es tatsächlich das Thema XR, VR, also alles, was mit der Erweiterung des Ortes, an dem ich mich befinde, zu tun hat. Ich glaube, da gibt es noch unglaublich viel Spielraum und Potenzial.
Und das Spannende daran ist, dass ich es einfach nicht abschätzen kann, weil mir der Horizont fehlt, um das abzusehen. Auf diese Reise ins Unbekannte würde ich mich gerne begeben und mitnehmen lassen.
Das Interview führte Barbara Groll, Media Relations, Bayern Innovativ GmbH, Nürnberg.
Hören Sie sich das vollständige Interview als Podcast an:
Länge der Audiodatei: 00:21:18 (hh:mm:ss)