Innovationspioniere: Ein Diamant gegen die Ungewissheit
Robin Allert über Quantentechnologie, Gründermut und die Mission, Krebspatientinnen und -patienten wertvolle Zeit zu schenken
23.07.2026
Drei bis sechs Monate dauert es heute oft, bis Krebspatientinnen und -patienten erfahren, ob eine Therapie tatsächlich wirkt. Eine lange Zeit voller Unsicherheit und wertvolle Zeit, die im Kampf gegen die Krankheit verloren gehen kann. Robin Allert arbeitet daran, diese Wartezeit drastisch zu verkürzen: auf wenige Tage.
Sein Ansatz verbindet moderne Krebsdiagnostik mit Quantenphysik. Im Zentrum steht ein winziger Diamant, kaum größer als ein Fingernagel, der als extrem empfindlicher Sensor einzelne Krebszellen im Blut nachweisen kann. Die Technologie soll Ärztinnen und Ärzten künftig deutlich schneller zeigen, ob eine Behandlung anschlägt oder angepasst werden muss.
Der 30-Jährige promoviert an der Technischen Universität München im Bereich Quantensensorik und ist zugleich CEO seines zweiten Start-ups, der QTAS GmbH. Obwohl er mit seinem ersten Unternehmen bereits erfolgreich in der Halbleiterindustrie tätig war, entschied er sich bewusst für einen Neuanfang, mit dem Ziel, Forschung nicht nur wirtschaftlich erfolgreich zu machen, sondern ihren Nutzen direkt für Patientinnen und Patienten spürbar werden zu lassen.
Im Interview sprechen wir darüber, warum Robin Allert sich einer der größten Herausforderungen der Medizin widmet, wie ein Diamant dabei helfen kann, Krebs schneller zu erkennen, und was es braucht, um wissenschaftliche Durchbrüche aus dem Labor in die klinische Anwendung zu bringen.
Was treibt dich stärker an – die Wissenschaft oder die konkrete Anwendung?
Robin Allert: Ganz klar die Anwendung. Wenn Krebspatientinnen und -patienten auf uns zukommen und fragen, ob sie unsere Technologie schon nutzen können, wird mir jedes Mal bewusst, wie dringend der Bedarf ist. Genau das motiviert mich: Forschung nicht im Labor enden zu lassen, sondern neue Technologien so schnell wie möglich in die Praxis zu bringen, dort, wo sie das Leben von Menschen tatsächlich verbessern können.
Gab es eine persönliche Erfahrung, die dich auf diesem Weg besonders geprägt hat?
Robin Allert: Ja, meine eigene Geschichte. Meine Mutter ist vor elf Jahren an Krebs verstorben. Deshalb hat mich die Idee sofort bewegt, als meine heutigen Mitgründer Nick und Karl auf mich zukamen. Sie hatten eine Technologie entwickelt, mit der sich anhand einer Blutprobe viel früher erkennen lässt, ob eine Krebstherapie wirkt. Ich wusste aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, wenn eine Behandlung nicht anschlägt und wertvolle Zeit verloren geht. Das war schließlich der Grund, warum ich mein erstes Start-up verlassen und QTAS gegründet habe.
"Wenn wir nur einem Menschen das Leben gerettet haben, wäre ich glücklich."
Robin Allert
CEO und Mitgründer der QTAS GmbH
Kannst du die Technologie hinter QTAS einfach erklären?
Robin Allert: Im Grunde haben wir eine neue Art der Mikroskopie entwickelt. Während herkömmliche Mikroskope mit Licht arbeiten, messen wir magnetische Signale. Vereinfacht gesagt haben wir das weltweit kleinste MRT entwickelt, nicht für den Menschen, sondern für einzelne Krebszellen in einer Blutprobe.
Im Zentrum steht dabei ein Diamant. Viele stellen sich einen winzigen Kristall vor, tatsächlich arbeiten wir aber inzwischen mit immer größeren Diamanten. Eine unserer wichtigsten technischen Herausforderungen ist es, den Durchsatz zu erhöhen. Langfristig wollen wir sogar auf Diamanten im Zentimeterformat gehen.
Mit dieser Technologie können wir extrem seltene Tumorzellen nachweisen, die vom Tumor ins Blut abgegeben werden. Der große Vorteil: Statt drei bis sechs Monate darauf zu warten, ob ein Tumor auf Bildern kleiner wird, können wir bereits nach etwa einer Woche erkennen, ob eine Therapie anschlägt. Wir beobachten also nicht die Größe des Tumors, sondern seine Aktivität und gewinnen damit wertvolle Zeit für die Behandlung.
Gab es einen Moment, in dem dir klar wurde, dass deine Forschung tatsächlich Menschen helfen kann?
Robin Allert: Einen einzelnen Schlüsselmoment gab es nicht. Für mich stand von Anfang an fest, dass Forschung nicht im Labor enden sollte. Gerade die Quantensensorik hat mich fasziniert, weil sie zwar auf hochmoderner Quantentechnologie basiert, gleichzeitig aber sehr konkrete Anwendungen ermöglicht.
Deshalb war es immer mein Antrieb, wissenschaftliche Erkenntnisse in die Praxis zu bringen. Start-ups bieten dafür eine große Chance: Sie ermöglichen es, Ideen aus der Forschung weiterzuentwickeln und tatsächlich zu den Menschen zu bringen, die davon profitieren können. Genau das hat mich motiviert, selbst zu gründen und die Technologie aus der Doktorarbeit in eine reale Anwendung zu überführen.
Was unterscheidet aus deiner Sicht die Gründerinnen und Gründer deiner Generation von früheren Generationen?
Robin Allert: Gerade im Deep-Tech-Bereich hat sich die Gründerszene stark verändert. Während viele Unternehmen früher eher profitabel und schrittweise gewachsen sind, setzen heute deutlich mehr Start-ups auf Venture Capital, um schneller zu skalieren und ihre Technologien rascher in den Markt zu bringen.
Ich halte das für eine positive Entwicklung. Technologien wie Quantentechnologie, Fusion oder Medizintechnik sind extrem kapital- und entwicklungsintensiv. Für klassische Mittelständler ist es oft schwer, solche Innovationen allein bis zur Marktreife zu finanzieren, während große Konzerne häufig zu langsam sind. Mehr Risikokapital bedeutet deshalb auch mehr Chancen für mutige Gründungen und damit mehr Innovationen, die den Weg aus dem Labor in die Praxis finden.
Bayern und besonders München gelten heute als Hotspot für Deep-Tech-Gründungen. Was könnte aus deiner Sicht trotzdem noch besser werden?
Robin Allert: München und Bayern sind für mich bereits ein echtes Vorbild, nicht nur in Deutschland, sondern auch international. Hier kommt vieles zusammen: starke Universitäten, die Ausgründungen aktiv fördern, etablierte Unternehmen, die mit Start-ups zusammenarbeiten, und Investoren, die Kapital für neue Technologien bereitstellen. Dieses Zusammenspiel schafft ein außergewöhnlich starkes Innovationsökosystem.
Wenn ich mir etwas wünschen würde, dann noch mehr internationalen Weitblick, insbesondere mit Blick auf die USA. Dort entstehen oft die größten Wachstumsmärkte für Deep-Tech-Unternehmen. Stärkere transatlantische Kooperationen könnten helfen, Start-ups in der entscheidenden Scale-up-Phase noch besser zu unterstützen und nachhaltiges Wachstum zu ermöglichen.
Gehst du Projekte eher mit einer langfristigen Vision an oder entscheidest du häufig aus dem Bauch heraus?
Robin Allert: Ich bin eher der strategische Typ. Wahrscheinlich kommt dabei auch der Physiker in mir durch, weil ich sehr analytisch denke. Für mich ist es wichtig, von Anfang an eine klare Vorstellung davon zu haben, wo die Reise hingehen soll und welche Schritte nötig sind, um dorthin zu kommen. Gerade bei einem Start-up ist das entscheidend, denn man arbeitet oft zehn oder fünfzehn Jahre auf ein Ziel hin.
Dabei spielt auch das Umfeld eine große Rolle. Ohne das Münchner Start-up-Ökosystem wären wir heute nicht da, wo wir stehen. Viele unserer Berater und Mentoren haben selbst Deep-Tech-Unternehmen gegründet und ihre Erfahrungen mit uns geteilt. Dieser direkte Austausch ist unglaublich wertvoll, weil man jederzeit auf Know-how und ehrliches Feedback zurückgreifen kann.
Forschung bedeutet oft Rückschläge. Was treibt dich an, wenn im Labor einmal gar nichts funktioniert?
Robin Allert: Ehrlich gesagt ist das eher der Normalzustand. Gerade in der Experimentalphysik verbringt man einen Großteil der Zeit damit, Fehler zu suchen, Systeme zu verbessern und neue Lösungswege zu finden. Dass etwas auf Anhieb funktioniert, ist die Ausnahme. Deshalb lernt man in der Forschung schnell, mit Frustration umzugehen und dranzubleiben.
Diese Zeit hat mich sehr geprägt. Sie hat mir eine gewisse Resilienz gegeben und die Fähigkeit, Probleme Schritt für Schritt zu lösen. Irgendwann entwickelt man sogar Freude daran, herauszufinden, warum etwas nicht funktioniert, weil man dabei jedes Mal etwas Neues lernt.
Welchen Rat würdest du jungen Forschenden geben, die zwischen Wissenschaft und Gründung schwanken?
Robin Allert: Ich würde ihnen raten, es einfach auszuprobieren. Aus meiner Sicht verliert man durch eine Gründung nichts. Selbst wenn ein Start-up am Ende nicht erfolgreich ist, sammelt man Erfahrungen, die weit über die Forschung hinausgehen – etwa in den Bereichen Teamaufbau, Personalführung, Verhandlung oder Unternehmensentwicklung.
Diese Fähigkeiten sind später überall gefragt, egal ob in der Wissenschaft, in der Industrie oder in einem anderen Unternehmen. Deshalb sehe ich Gründen nicht als großes Risiko, sondern als einmalige Lernchance. Und wenn es funktioniert, umso besser. Wenn nicht, hat man trotzdem unglaublich viel gewonnen. So oder so, es ist großartig.
Was treibt dich persönlich an, immer wieder neue Wege zu gehen und unternehmerische Risiken einzugehen?
Robin Allert: Für mich ist das Gründen weniger eine Frage der Risikobereitschaft als der Leidenschaft und des Wunsches, echte Probleme zu lösen. Schon früh habe ich gemerkt, dass klassische Konzernstrukturen nicht zu mir passen. Mich motiviert es, Verantwortung zu übernehmen, Dinge selbst zu gestalten und an Themen zu arbeiten, die einen konkreten Nutzen für Menschen haben.
Ownership spielt dabei eine große Rolle. Ich möchte nicht einfach nur forschen, um der Forschung willen. Wenn hinter einer wissenschaftlichen Fragestellung kein relevantes Problem steht, das gelöst werden kann und im besten Fall auch einen positiven Beitrag für die Gesellschaft leistet, würde mich das auf Dauer nicht erfüllen.
Am meisten begeistert mich deshalb die Möglichkeit, mit einem Start-up etwas Eigenes aufzubauen. Ein Start-up ist wie ein eigenes Baby: Man begleitet es von der ersten Idee an, prägt die Kultur, gibt die Richtung vor und arbeitet jeden Tag an einer Mission, hinter der man voll und ganz steht. Genau diese Kombination aus Verantwortung, Gestaltungsfreiheit und dem Anspruch, etwas Sinnvolles zu schaffen, treibt mich an.
Du hast bereits dein zweites Start-up gegründet. Was hast du aus deiner ersten Gründung gelernt, das du heute anderen Gründerinnen und Gründern mitgeben würdest?
Robin Allert: Vor allem, dass Erfahrung durch nichts zu ersetzen ist. Ich sage immer: Die ersten Millionen Fehler habe ich schon im ersten Start-up gemacht, die nächste Milliarde dann wahrscheinlich im zweiten. Rückblickend hat die erste Gründung enorm dazu beigetragen, dass vieles bei der zweiten deutlich besser und schneller funktioniert.
Eine der wichtigsten Erkenntnisse war, nicht zu früh zu gründen. Gerade für Deep-Tech-Start-ups gibt es in Deutschland hervorragende Fördermöglichkeiten in der Vorgründungsphase. Wir konnten bereits vor der eigentlichen Ausgründung umfangreiche Fördermittel einwerben und dadurch unsere Technologie, den IP-Transfer, erste Proof-of-Concepts und den Teamaufbau vorantreiben, ohne sofort unter dem Druck von Investoren zu stehen.
Das hat uns ermöglicht, über einen längeren Zeitraum echte Fortschritte zu zeigen. Wir konnten unter anderem einen Medical-Valley-Award gewinnen und waren technologisch bereits sehr weit, bevor wir überhaupt offiziell gegründet haben. Tatsächlich hatten wir schon konkrete Gespräche mit Venture-Capital-Gebern und einen Termsheet auf dem Tisch, bevor die Ausgründung abgeschlossen war.
Genau das war ein großer Vorteil: Wir mussten nicht vom ersten Tag an ständig neues Kapital beschaffen, sondern konnten uns zunächst auf die Entwicklung konzentrieren. Deutschland und Bayern sind in diesem Bereich aus meiner Sicht wirklich stark aufgestellt. Wer diese Möglichkeiten nutzt und ein solides Fundament baut, schafft die besten Voraussetzungen, um später nachhaltig und schnell zu wachsen.
Du denkst langfristig und in großen Visionen. Wenn du in fünf Jahren zurückblickst: Was wäre für dich der größte Erfolg?
Robin Allert: Wenn wir auch nur einem Menschen das Leben gerettet haben, wäre das für mich der größte Erfolg überhaupt. Mit unserer Technologie haben wir die Chance, ein Problem anzugehen, das fast jeder kennt. Kaum jemand hat nicht schon erlebt, dass ein Familienmitglied, ein Freund oder ein anderer nahestehender Mensch von Krebs betroffen war.
Genau das treibt mich an. Natürlich sind Wachstum, Finanzierung und technologische Meilensteine wichtig. Aber am Ende geht es darum, Patientinnen und Patienten zu helfen. Wenn unsere Technologie dazu beiträgt, dass eine Therapie rechtzeitig angepasst wird und dadurch auch nur ein Mensch länger lebt oder geheilt werden kann, dann hat sich die ganze Arbeit gelohnt. Dafür machen wir das.
Eure Arbeit vereint Quantentechnologie, Medizin und Unternehmensaufbau. Was unterschätzen Außenstehende an deinem Alltag als Gründer am meisten?
Robin Allert: Viele denken zuerst an die Technologie, die Forschung oder die regulatorischen Herausforderungen. Tatsächlich nimmt aber ein anderes Thema mindestens genauso viel Raum ein: der Aufbau eines Teams und einer Unternehmenskultur.
Als Gründer entwickelt man nicht nur ein Produkt, sondern baut eine Organisation auf, die langfristig wachsen und erfolgreich sein soll. Deshalb ist es entscheidend, früh festzulegen, wofür das Unternehmen steht, welche Werte gelten und wie man miteinander arbeitet. Das betrifft nicht nur Prozesse, sondern vor allem die Art, wie man als Gründer das täglich vorlebt.
Das wird aus meiner Sicht oft unterschätzt. Eine gute Technologie allein reicht nicht aus. Am Ende sind es die Menschen hinter der Technologie, die entscheiden, ob ein Unternehmen langfristig erfolgreich wird.
Wo findest du im Gründeralltag den Ausgleich?
Robin Allert: Am liebsten draußen in der Natur, gemeinsam mit meinem Hund. Die Spaziergänge im Wald sind für mich der perfekte Ausgleich zum oft intensiven Gründeralltag und gleichzeitig eine echte Inspirationsquelle.
Manchmal vermisse ich zwar die Zeit im Labor, weil das Forschen natürlich großen Spaß macht. Als Geschäftsführer verbringt man aber den Großteil des Tages mit anderen Aufgaben. Umso wichtiger sind für mich die Momente draußen, in denen ich den Kopf frei bekomme und neue Energie tanke.
Das Interview führte Dr. Tanja Jovanovic, Leitung Marketing & Innovation, Bayern Innovativ GmbH, Nürnberg.
Hören Sie sich das vollständige Interview als Podcast an:
Länge der Audiodatei: 00:20:21 (hh:mm:ss)
Ihr Kontakt
Bayern Innovativ GmbH,
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