Innovationspioniere: Brücken bauen zwischen Idee und Umsetzung 

Halgard Stolte über Unternehmergeist, Künstliche Intelligenz und die Innovationskraft jenseits der Metropolen 

26.05.2026

Halgard Stolte hat international gearbeitet, Unternehmen aufgebaut und immer wieder Neuland betreten. Sie plante bei BMW in Kanada, betreute in München Händler, verantwortete bei Grey Advertising den Škoda-Etat und gründete nur wenige Jahre nach dem Mauerfall in Prag ihre eigene Firma. Später steuerte sie von dort aus Verpackungsdesign-Projekte für bekannte Marken in 36 europäischen Ländern und studiert nebenbei an der London School of Economics Wirtschaftsgeschichte. 
Heute wirkt sie dort, wo Bayern, Thüringen und Tschechien aufeinandertreffen: im Dreiländereck, mitten im Frankenwald. In der Region hat sie neue Impulse gesetzt, etwa mit Co-Working- und Co-Living-Ideen im ländlichen Raum, mit internationaler IT-Kompetenz vor Ort, und mit ihrem Unternehmen, die ArtFlex Software GmbH. Das über das bayerische Gründungsprogramm BayTOU geförderte und von Bayern Innovativ begleitete Unternehmen entwickelt heute von Hof aus KI-Lösungen für den Mittelstand. 
Was ihren Weg besonders macht: Halgard Stolte geht dorthin, wo andere oft zuerst kein Potenzial vermuten. Sie verbindet Regionen, Menschen und Ideen und bringt das, was sie international gelernt hat, ganz konkret in Oberfranken ein. 
In diesem Interview sprechen wir über ihren ungewöhnlichen Lebensweg, über Mut, Netzwerke und Innovation, und über die Frage, warum Zukunft nicht nur in den Metropolen entsteht, sondern auch auf dem Land. 

Warum haben Sie sich ganz bewusst für das Dreiländereck entschieden? 

Halgard Stolte: Nach rund 20 Jahren in Prag, wo wir unsere Designfirma aufgebaut hatten, kam bei mir der Wunsch auf, wieder näher an meine Heimat heranzurücken. Ich wollte aber nicht zu weit weg von Prag sein, weil viele persönliche und berufliche Verbindungen dorthin weiterhin bestanden. 
Hinzu kommt: Mein Mann ist Tscheche. Deshalb war für uns klar, dass unser neuer Lebensmittelpunkt nicht allzu weit von Tschechien entfernt sein sollte. Vor etwa 15 Jahren haben wir uns dann entschieden, in diese Region zu ziehen.  
Für Thüringen habe ich mich damals auch deshalb entschieden, weil die Menschen dort als Ostdeutsche oft ein anderes Verhältnis zu Tschechien haben als viele Westdeutsche. Am Ende sind wir eher zufällig direkt an der Grenze gelandet, was sich als ideal erwiesen hat. 
So konnte ich beruflich, mit meiner Firma mit Sitz in Hof, in Oberfranken aktiv sein, während unser Zuhause in Thüringen liegt. Daran hat sich bis heute nichts geändert. 

Wie wichtig sind Beziehung und gegenseitiges Verständnis für Ihre Arbeit? 

Halgard Stolte: Die spielen eine sehr große Rolle. Ich komme ursprünglich aus der Dienstleistung. Zwar war ich auch bei BMW in der Vertriebsnetzplanung und im Marketing tätig, aber in meiner Selbstständigkeit habe ich vor allem immer Kundenprojekte betreut. 
Gerade in der Dienstleistung geht es darum, die Probleme der Kundinnen und Kunden wirklich zu verstehen und dafür passende Lösungen zu finden. Genau darin liegt für mich der zentrale Beziehungsaspekt meiner Arbeit. 
Wenn ich mit Kunden spreche, höre ich deshalb zuerst genau hin: Wo liegt eigentlich das Problem? Was wird wirklich gebraucht? Erst danach geht es darum, diese Themen gezielt anzugehen und zu lösen. 
Früher war das in der Werbeagentur vor allem über Branding und Kommunikation der Fall. Heute geschieht es auf der IT-Seite: Wir entwickeln Software, mit der wir ganz konkrete Probleme lösen. 

Wie gehen Sie an Innovationen und neue Themen heran? 

Halgard Stolte: Im Kern geht es immer darum, den Bedarf der Kunden genau zu verstehen. Daraus entwickeln wir dann ein Konzept und ein passendes Lösungsszenario. Software ist dafür ein sehr gutes Werkzeug, weil sich damit konkrete Probleme gezielt lösen lassen. 

Wie spannend sind für Sie die Entwicklungen rund um Künstliche Intelligenz? 

Halgard Stolte: Extrem spannend. Gerade im letzten Jahr hat sich enorm viel verändert. Anfangs standen noch einfache Chat-Anwendungen im Mittelpunkt, heute geht es längst um viel mehr: um Datenmanagement, um Unternehmensprozesse und um die Frage, wie KI in bestehende Abläufe sinnvoll integriert werden kann. Die Entwicklung hat sich in kurzer Zeit unglaublich verbreitert. 

Wie bleiben Sie bei diesen schnellen Entwicklungen am Ball? 

Halgard Stolte: Dabei hilft uns vor allem unser Umfeld. Mit unserem Unternehmen sitzen wir im Einstein1 in Hof, dem Gründerzentrum direkt bei der Hochschule Hof. Dort gibt es mit dem Institut für Informationssysteme einen starken Partner, der uns in vielen Themen unterstützt. 
Durch die enge Zusammenarbeit mit der Hochschule und Partnern wie Prof. Dr. René Peinl sind wir in einem ständigen fachlichen Austausch. So bleibt man bei neuen Entwicklungen nicht nur informiert, sondern mitten im Geschehen. 
Dazu kommt für mich das Netzwerk als wichtiger Faktor. Im IT-Cluster, in dessen Vorstand ich aktiv bin, erleben wir jeden Tag, wie wertvoll der Austausch mit anderen Unternehmen ist. Formate wie der KI-Walk oder das IT-Forum mit der Hochschule Hof bringen zusätzliche Impulse – zuletzt etwa zu Themen wie Cloud-Souveränität. Genau dieser kontinuierliche Kontakt hilft enorm, mit der Dynamik Schritt zu halten. 

Sie wirken wie ein sehr neugieriger Mensch mit einem starken Gespür für Netzwerke und Beziehungen. Umso spannender ist Ihr Weg: Sie haben Verwaltungswissenschaft studiert, aber nie in der Verwaltung gearbeitet. Wie kam es dazu? 

Halgard Stolte: Eigentlich war der Plan zunächst ein anderer. Nachdem mein damaliger Freund nach München gezogen war, um bei Siemens zu arbeiten, habe ich mich bei der Bayerischen Staatsverwaltung beworben. Dort wurde mir jedoch mitgeteilt, dass mein Diplomstudium der Verwaltungswissenschaften an der Universität Konstanz für den bayerischen Staatsdienst nicht anerkannt werde. 
Dabei war das Studium in Konstanz für mich fachlich und persönlich sehr prägend. Es war ein innovativer Studiengang mit einem außergewöhnlich inspirierenden Umfeld. Umso überraschender war für mich damals die Absage. 
Diese Wendung hat mich dann zu BMW geführt. Obwohl ich keine Betriebswirtschaft studiert hatte, habe ich mich dort beworben – und wurde angenommen. Nach einem mehrtägigen Assessment Center und einem Gespräch mit dem Vorstand wurde ich als erste weibliche Trainee bei der BMW AG eingestellt. Das war rückblickend durchaus ein besonderer Schritt. 

Hätten Sie sich im Nachhinein eher den anderen Weg gewünscht? 

Halgard Stolte: Nein, eigentlich nicht. Ursprünglich wollte ich gerne im internationalen Umfeld arbeiten, vielleicht auch in europäischen Institutionen. Über BMW hat sich genau das auf andere Weise erfüllt. 
Ich konnte für BMW in Paris in der Vertriebsabteilung arbeiten und später mehrere Jahre in Kanada. Dadurch haben sich sehr wertvolle internationale Erfahrungen ergeben, die ich auf dem ursprünglich geplanten Weg vermutlich so nicht gemacht hätte. 

Ist also aus einem Rückschlag am Ende etwas sehr Positives entstanden? 

Halgard Stolte: Ja, genau so kann man das sagen. Was zunächst wie eine Absage wirkte, hat mir im Rückblick viele neue Türen geöffnet. 

Sie gehen oft dorthin, wo andere zunächst vielleicht kein großes Potenzial vermuten. Trifft das auch auf das Dreiländereck zu? 

Halgard Stolte: So würde ich es nicht direkt formulieren. Der Umzug vor etwa 15 Jahren war zunächst vor allem eine private Entscheidung, keine wirtschaftliche. Damals hatten wir noch unsere Firma in Prag, und der Plan war eigentlich, dort weiterzuarbeiten und zwischen den Standorten zu pendeln. 
Erst als ich die Region intensiver kennengelernt habe, wurde mir ihr wirtschaftliches Potenzial wirklich bewusst. Überraschend war für mich vor allem, wie vielfältig das Umfeld ist. 
Von dort aus sind Städte wie Jena, Erfurt, Nürnberg, Bayreuth oder Bamberg gut erreichbar. Gleichzeitig gibt es in der Region viele starke mittelständische Unternehmen und international erfolgreiche Hidden Champions. Gerade das macht das Dreiländereck und Oberfranken für mich heute so interessant. 

„Die Zukunft entsteht nicht nur in Großstädten. Innovation kann überall wachsen, wenn Menschen den Mut haben, neue Wege zu gehen.“ 

Halgard Stolte
Geschäftsführerin der ArtFlex Software GmbH

Was braucht die Region, um noch innovativer zu werden? 

Halgard Stolte: Die Region hat aus meiner Sicht sehr viel Potenzial: starke Unternehmen, gute wissenschaftliche Einrichtungen und eine insgesamt spannende Innovationslandschaft. Was aber noch stärker werden muss, ist der Transfer in die Wirtschaft. 
Es gibt viele sinnvolle Förderprogramme, aber ein großer Teil dieser Mittel fließt in staatliche Institutionen, etwa in Universitäten, neue Lehrstühle oder Technologiezentren. Das ist wichtig. Gleichzeitig erlebe ich jedoch, dass die Unternehmen vor Ort, gerade auch IT- und Softwarefirmen, davon noch nicht ausreichend profitieren. 
Gerade im Bereich Künstliche Intelligenz würde ich mir wünschen, dass Unternehmen konkreter unterstützt werden. Denn viele mittelständische Betriebe können in der aktuellen wirtschaftlichen Lage Innovationen nicht einfach aus eigener Kraft finanzieren. Gleichzeitig sind es oft regionale Softwareunternehmen, die genau diese Innovationen gemeinsam mit der Wirtschaft entwickeln und umsetzen könnten. Technologiezentren setzen viele Projekte direkt mit lokalen Unternehmen um, anstatt die vorhandene IT-Kompetenz der lokalen Softwareindustrie einzubeziehen. Dabei könnten wir als regionales IT-Cluster deutlich mehr für die Unternehmen leisten, wenn diese Fördermittel auch bei den Softwareunternehmen und der Industrie gleichzeitig wirksam würden.

Was müsste sich konkret ändern? 

Halgard Stolte: Wir brauchen mehr Mut zum Transfer. Also mehr Wege, Forschung, Förderung und unternehmerische Umsetzung enger miteinander zu verbinden. Wenn staatliche Förderung eingesetzt wird, sollte sie am Ende auch in der Wirtschaft wirksam werden. 
Denn aktuell ist es oft so, dass Softwareunternehmen in Vorleistung gehen müssen: Sie entwickeln neue Lösungen, tragen das Risiko und hoffen erst danach auf Interesse aus dem Markt. Viele Unternehmen fragen verständlicherweise erst dann nach, wenn ein Produkt bereits fertig ist. Für die Entwicklerseite bedeutet das jedoch ein hohes finanzielles Risiko. 
Deshalb braucht Innovation in der Region nicht nur gute Ideen, sondern auch Risikobereitschaft, Mut und verlässliche Finanzierung. Ich gehe diesen Weg selbst, etwa über Förderprojekte gemeinsam mit der Hochschule Hof. Aber einfach ist das nicht, gerade weil man als Softwareunternehmen sehr viel Vorleistung erbringen muss. 

Woher nehmen Sie den Mut, dieses Risiko trotzdem einzugehen? 

Halgard Stolte: Oft entsteht dieser Mut ganz konkret aus einem Problem, das gelöst werden muss. In unserem Fall war ein wichtiger Impuls ein Unternehmen aus der Industrie: ein Schaumstoffproduzent, der vor einer sehr praktischen Herausforderung steht. Dort arbeiten Schneidemaschinen, die bisher kaum digitalisiert sind. Gleichzeitig fehlt es an Fachkräften und erfahrenen Mitarbeitenden, die über Jahre hinweg gelernt haben, Material und Zuschnitt richtig einzuschätzen, da diese nach und nach in den Ruhestand gehen.
Daraus ist die Idee für ein neues Projekt entstanden. Gemeinsam haben wir einen ZIM-Antrag entwickelt, an dem wir fast ein Jahr gearbeitet haben. Ziel ist eine digitale Lösung für das 3D-Nesting von Schneidemaschinen, also die intelligente, möglichst effiziente Planung von Zuschnitten. Mithilfe von KI kann dieses System mit der Zeit immer besser werden und Materialien automatisiert effizienter nutzen. 
Das Spannende daran ist: Die Lösung ist nicht nur für einen einzelnen Anwendungsfall relevant. Sie lässt sich grundsätzlich auch auf andere Branchen und Materialien übertragen und perspektivisch sogar als lizenziertes Produkt breiter anbieten. 

Was treibt Sie dabei an? 

Halgard Stolte: Am Anfang steht immer ein konkreter Bedarf. Wenn ich sehe, dass es ein echtes Problem gibt und daraus eine tragfähige Lösung entstehen kann, dann überzeugt mich das. Genau daraus entsteht auch die Energie, so ein Vorhaben wirklich voranzutreiben. 
Gleichzeitig zeigt dieses Beispiel sehr deutlich ein grundsätzliches Problem: Viele Industriepartner finden solche Entwicklungen sehr interessant, erwarten aber, dass die Softwareseite zunächst selbst in Vorleistung geht. Erst wenn die Lösung fertig ist, steigt die Bereitschaft, sie einzusetzen.  
Genau das ist die Herausforderung, vor der viele Softwareunternehmen stehen.

Ihr Vater war selbst ein Innovator und hat schon 1979 ein Netzwerk gegründet, das bis heute Medizinstudierende fördert. Sie engagieren sich dort ebenfalls im Vorstand. Wie kam es dazu? 

Halgard Stolte: Das Programm war und ist eines der erfolgreichsten Austauschprogramme des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. Gemeinsam mit drei Professoren, die selbst durch dieses Programm gegangen sind, habe ich mich dafür eingesetzt, es weiterzuführen. 
Als mein Vater gestorben ist, bestand die Gefahr, dass das Förderprogramm nicht fortgeführt wird. Deshalb haben wir den bestehenden Verein neu aufgestellt, organisatorisch neu geordnet und das Programm gemeinsam mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst weiterentwickelt. Uns war wichtig, dieses wertvolle Netzwerk zu erhalten. 
Heute sind daraus fast 800 Professorinnen und Professoren hervorgegangen, die weltweit tätig sind, auch an vielen deutschen Universitätskliniken. Das zeigt, welche Wirkung dieses Netzwerk über Jahrzehnte entfaltet hat. 

Was ist Ihnen daran besonders wichtig? 

Halgard Stolte: Im Kern geht es darum, junge Menschen ins Ausland zu bringen, damit sie dort Erfahrungen sammeln und neue Perspektiven gewinnen. Genau das war auch meinem Vater wichtig, weil es sein eigenes Leben stark geprägt hat. 
Ich teile diese Überzeugung sehr. Ein Auslandsaufenthalt erweitert den Blick, persönlich wie beruflich. Man erlebt ein anderes Land, eine andere Arbeitsweise und sieht die eigene Tätigkeit noch einmal aus einer neuen Perspektive. 

Wenn man Ihren Weg von außen betrachtet, scheint sich ein roter Faden durchzuziehen: Ihr Vater baute Brücken nach Nordamerika, Sie eher nach Osteuropa. Ist das Zufall oder Absicht? 

Halgard Stolte: Das war eher Zufall. Vieles hat sich aus meinen beruflichen Stationen ergeben. Als ich bei BMW an einen Punkt kam, an dem es für mich nicht mehr selbstverständlich weiterging, war der nächste Schritt für mich eine Aufgabe, die andere eher nicht übernehmen wollten: Marketing für Škoda in Prag. 
Das war für mich die Chance, beruflich den nächsten Schritt zu machen. Später bin ich dort auch in eine Werbeagentur gewechselt, die jemanden mit Automobilerfahrung gesucht hat. So hat sich dieser Weg entwickelt – nicht als Masterplan, sondern aus konkreten Situationen heraus. 

Was gibt Ihnen persönlich Energie – und was hat Sie ausgebremst? 

Halgard Stolte: Energie geben mir vor allem Menschen, Austausch und Netzwerke. Für mich ist es unglaublich wichtig, mit anderen im Gespräch zu sein, Gedanken zu teilen und gemeinsam weiterzudenken. Genau daraus ziehe ich viel Kraft. 
Besonders wertvoll ist für mich der Austausch in meinen Netzwerken, etwa im IT-Cluster, mit tollen Wegbegleitern wie Katharina Kroll und Hans-Uli Gruber. Auch die Zusammenarbeit mit der Hochschule gibt mir viel Rückenwind, gerade wenn wir in Projekten so engagiert unterstützt werden. Dazu kommen starke Frauennetzwerke, regelmäßige Gespräche und Formate wie die IHK-Ausschüsse, in denen ich sehr gerne aktiv bin. Solche Begegnungen inspirieren mich und geben neue Energie. 

Und was war schwierig? 

Halgard Stolte: Schmerzlich war für mich die Erfahrung in Nordhalben. Dort hatte ich die Idee, mit einem digitalen Zentrum neue Impulse in die Region zu bringen, mit Co-Working, Co-Living, digitalen Jobs und neuen Formen des Zusammenlebens und Arbeitens auf dem Land. 
Meine Vorstellung war, digitale Fachkräfte und kreative Menschen in die Region zu holen und damit auch neues Know-how vor Ort aufzubauen. Dazu gehörten für mich auch kulturelle Impulse, wie etwa moderne Kunst oder neue Veranstaltungsformate. Diese Idee wurde vor Ort jedoch nicht so angenommen, wie ich es mir erhofft hatte. 
Das war enttäuschend, weil ich darin eine echte Chance für den ländlichen Raum gesehen habe. Gleichzeitig zeigt genau das, wie anspruchsvoll Innovation sein kann: Eine Idee ist nur dann tragfähig, wenn sie von den Menschen auch angenommen wird. 

Was nehmen Sie daraus mit? 

Halgard Stolte: Für mich bleibt die Frage spannend, wie wir gleichwertige Lebensverhältnisse auf dem Land schaffen können. Ich bin überzeugt: Die Zukunft liegt nicht nur in den Städten. Man kann auch auf dem Land sehr gut leben und dort vieles verwirklichen, was man sonst eher mit urbanem Leben verbindet. 
Die Region bietet schon heute viel: Kultur, spannende Veranstaltungen und starke Initiativen. Für mich ist deshalb klar, dass ländlicher Raum Zukunft hat. Gerade diese Erkenntnis war für mich selbst eine Überraschung und ist heute zu einer echten Überzeugung geworden. 

Gibt es etwas, das Sie rückblickend anders machen würden? Und was braucht es, damit mehr Menschen den Schritt aus der Großstadt in die Region wagen? 

Halgard Stolte: Der entscheidende Punkt sind aus meiner Sicht die Arbeitsplätze. Menschen sind grundsätzlich bereit, in die Region zu kommen und hier zu leben. Das erlebe ich auch bei unserem Wohnprojekt im Pfarrhaus in Nordhalben, aber oft scheitert es daran, dass passende berufliche Perspektiven fehlen. 
Wenn die Lebensgrundlage gesichert ist, wird vieles andere leichter. Die Voraussetzungen in der Region sind ja oft sehr gut: verfügbare Kinderbetreuungsplätze, bezahlbarer Wohnraum und die Möglichkeit, sich noch Eigentum leisten zu können. Deshalb glaube ich, dass man das Thema Wohnen stärker mit dem Thema Arbeit verbinden muss. 
Für mich wäre es wichtig, hier noch gezielter Brücken zu bauen, also Menschen, Jobs und Wohnmöglichkeiten besser zusammenzubringen. Genau darin liegt ein großer Hebel, wenn mehr Menschen den Weg in die Region finden sollen. 

Welche Kompetenz wird für den Mittelstand in den nächsten Jahren besonders wichtig? 

Halgard Stolte: Ich würde nicht pauschal für den gesamten Mittelstand sprechen wollen, denn die Herausforderungen sind je nach Branche sehr unterschiedlich. Gerade energieintensive Industrien wie Glas oder Automobil stehen aktuell unter hohem Druck. 
Was aus meiner Sicht aber entscheidend ist: Flexibilität und Risikobereitschaft. Sicherheitsdenken allein hilft in einer Zeit des Wandels nicht weiter. Unternehmen müssen bereit sein, sich immer wieder neu aufzustellen, auf Veränderungen zu reagieren und neue Wege zu gehen. 
Dazu kommen aus meiner Sicht noch weitere wichtige Fähigkeiten: Offenheit, Neugier und starke persönliche Beziehungen. Ohne Austausch, Vertrauen und Unterstützung durch andere kommt man oft nicht weiter. Netzwerke sind deshalb kein Nebenthema, sondern ein echter Erfolgsfaktor. 

Das Interview führte Dr. Tanja Jovanovic, Leitung Marketing & Innovation und Mitglied der Geschäftsleitung, Bayern Innovativ GmbH, Nürnberg. 

Hören Sie sich das vollständige Interview als Podcast an:

Länge der Audiodatei: 00:24:39 (hh:mm:ss)

Dr. Tanja Jovanovic
+49 911 20671-312
Leitung Marketing & Innovation, Mitglied der Geschäftsleitung, Bayern Innovativ GmbH, Nürnberg

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