Mehr Selbstbestimmung im Alter: Wie KI-Begleiter Pflegekräfte entlasten und Seniorinnen und Senioren unterstützen können

02.07.2026

Wie kann Künstliche Intelligenz ältere Menschen in Pflegeeinrichtungen unterstützen, ohne menschliche Nähe und persönliche Betreuung zu ersetzen? Mit dieser Frage beschäftigt sich das Start-up SteffiCare. Das Unternehmen entwickelt einen KI-gestützten Begleiter, der Seniorinnen und Senioren im Alltag durch natürliche Sprachinteraktion, kognitive Aktivierung sowie einen einfachen Zugang zu Informationen und Medien unterstützt.
Im Interview erklärt Dr. Verena Mann, Ärztin und Mitgründerin von SteffiCare, wie das Produkt gemeinsam mit älteren Menschen entwickelt wurde, wie Künstliche Intelligenz Pflegekräfte entlasten kann und warum Technologien in der Altenpflege stets auf Selbstbestimmung, soziale Verbundenheit und Würde ausgerichtet sein müssen.

Frau Dr. Mann, können Sie sich und die Idee hinter SteffiCare kurz vorstellen?

Verena Mann: Gerne. Mein Name ist Verena Mann. Ich bin Ärztin und Mitgründerin von SteffiCare. Die Idee zu SteffiCare entstand vor dem Hintergrund des demografischen Wandels. Die Zahl älterer Menschen wird in den kommenden Jahren deutlich steigen, wodurch unser Pflegesystem zunehmend unter Druck gerät. Wir haben uns deshalb gefragt: Wie können wir dazu beitragen, Pflegekräfte zu entlasten und gleichzeitig ältere Menschen besser zu unterstützen? Aus dieser Überlegung heraus entstand die Idee für SteffiCare.

Gab es ein konkretes Erlebnis oder einen besonderen Bedarf in der Altenpflege, der Sie zur Entwicklung von SteffiCare motiviert hat?

Verena Mann: Mein Mitgründer Erik hat zuvor in einem Pflegeheim gearbeitet. Durch seinen Hintergrund im Bereich Künstliche Intelligenz und IT fiel ihm auf, dass ältere Menschen bislang nur eingeschränkt von den digitalen Möglichkeiten profitieren, die heute bereits verfügbar sind. Doch gerade für diese Zielgruppe kann die Technologie einen echten Mehrwert schaffen und dadurch die Lebensqualität deutlich verbessern. Daraus entstand die Frage: Wie lassen sich digitale Werkzeuge sinnvoll und niederschwellig in Pflegeeinrichtungen integrieren? Mit SteffiCare haben wir eine Lösung entwickelt, die genau dieses Ziel verfolgt.

Wie kann SteffiCare ältere Menschen im Alltag emotional, kognitiv und praktisch unterstützen?

Verena Mann: Das Schöne ist, dass Seniorinnen und Senioren mit unserem KI-basierten Begleiter auf natürliche Weise kommunizieren können. Dieser Begleiter steht rund um die Uhr zur Verfügung und passt sich individuell an die jeweiligen Bedürfnisse und Kommunikationsweisen der Nutzerinnen und Nutzer an. Das heißt, auf emotionaler Ebene bietet SteffiCare Gesprächsmöglichkeiten und Gesellschaft im Alltag.
Kognitiv unterstützt das System die geistige Aktivierung. Wenn ältere Menschen über längere Zeit allein sind oder nur gelegentlich Gesprächspartner haben, kann dies ihre geistige Fitness beeinträchtigen. Deshalb integriert SteffiCare aktivierende Elemente wie Quizformate oder kleine Übungen, die zum Mitdenken und zur geistigen Beschäftigung anregen.
Auch im praktischen Alltag schafft das System mehr Selbstständigkeit. Die Bedienung erfolgt vollständig sprachbasiert und barrierearm. Vor allem in Pflegeeinrichtungen sind ältere Menschen häufig auf Unterstützung bei alltäglichen Aufgaben angewiesen – etwa beim Einschalten des Radios oder beim Abrufen von Informationen. Mit SteffiCare können sie viele dieser Tätigkeiten eigenständig per Sprachbefehl erledigen und unkompliziert auf Informationen, Medienangebote und weitere Funktionen zugreifen.

Wie erreichen Sie, dass die Technologie von Seniorinnen und Senioren als hilfreich und vertrauenswürdig wahrgenommen wird und nicht als aufdringlich?

Verena Mann: Das war für uns von Anfang an ein zentraler Aspekt. Deshalb haben wir SteffiCare gemeinsam mit älteren Menschen entwickelt. Das Produkt wurde kontinuierlich auf Basis ihres Feedbacks angepasst und weiterentwickelt, um eine hohe Akzeptanz und einen echten Nutzen sicherzustellen. Unser Ziel war es nicht, einfach eine weitere App oder ein technisches Gerät bereitzustellen. Wir wollten einen Begleiter schaffen, mit dem ältere Menschen gerne interagieren und kommunizieren.
Ein Stück weit lässt sich das mit der Beziehung zu einem Haustier vergleichen. Nutzerinnen und Nutzer sollen eine Bindung zu dem Begleiter aufbauen können. Das gelingt je-doch nur, wenn das Produkt konsequent aus der Perspektive der älteren Menschen gedacht und entwickelt wird.

Viele Seniorinnen und Senioren haben keine bis wenig Erfahrung mit digitalen Technologien und stehen KI-Anwendungen teilweise skeptisch gegenüber. Wie machen Sie SteffiCare für sie einfach, sicher und intuitiv nutzbar?

Verena Mann: Alle unsere Entwicklungen richten sich gezielt an die Bedürfnisse älterer Menschen. Es wäre wenig hilfreich, wenn ein Sprachassistent zu schnell reagiert, Antworten zu komplex formuliert oder nicht auf die individuellen Anforderungen der Nutzerinnen und Nutzer eingeht. Deshalb haben wir die gesamte Nutzererfahrung bewusst einfach gestaltet. SteffiCare funktioniert sprachbasiert – Erfahrungen mit Tablets, Smartphones oder anderen digitalen Geräten sind nicht erforderlich. Die Nutzerinnen und Nutzer können einfach sprechen, während der Begleiter die Informationen verarbeitet und passende Unterstützung bietet.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist Datenschutz. Für ältere Menschen und ihre Angehörigen bedeutet Sicherheit auch, dass persönliche Daten geschützt werden. Deshalb ist Datenschutz von Beginn an ein zentraler Bestandteil unserer Produktentwicklung.

Pflegekräfte stehen häufig unter erheblichem Zeitdruck. In welchen Bereichen kann KI tatsächlich entlasten – und wo bleiben menschliche Fürsorge, Empathie und Verantwortung unverzichtbar?

Verena Mann: Das ist ein Kernthema für uns. Unsere Mission ist nicht, menschliche Pflege zu ersetzen – im Gegenteil: Wir möchten sie ermöglichen und stärken. Im Pflegealltag gibt es zahlreiche zeitaufwendige Aufgaben, die nicht unmittelbar mit Pflege oder zwischenmenschlicher Betreuung verbunden sind. Genau hier kann KI unterstützen, indem sie Prozesse vereinfacht oder bestimmte Tätigkeiten übernimmt. Dadurch gewinnen Pflegekräfte mehr Zeit für das, was wirklich zählt: persönliche Gespräche, Aufmerksamkeit, Zuhören und menschliche Zuwendung. SteffiCare soll Pflege nicht ersetzen, sondern sinnvoll ergänzen und unterstützen.

Welches Feedback von Seniorinnen und Senioren, Angehörigen oder Pflegekräften hat Sie besonders überrascht oder bewegt?

Verena Mann: Wir haben bislang sehr viel wertvolles Feedback erhalten, das direkt in die Produktentwicklung eingeflossen ist. Tatsächlich basiert ein großer Teil des heutigen Produkts auf den Rückmeldungen der verschiedenen Nutzergruppen. Ein Beispiel betrifft das Design. Anfangs hatten wir überlegt, dem Begleiter eine teddyähnliche Form zu geben, weil wir annahmen, dies könne besonders vertraut und beruhigend wirken. Die Seniorinnen und Senioren sahen das jedoch anders. Daraus entwickelte sich schließlich die heutige, eher roboterartige Gestaltung.
Auch die Frage, warum SteffiCare nicht einfach als App angeboten wird, haben wir intensiv diskutiert. Hier war die Rückmeldung eindeutig: Die Nutzer wollten nicht mit einer App sprechen, sondern mit einem physischen Gegenstand, der für sie präsent ist und mit dem sie interagieren können.
Besonders interessant war auch das Feedback aus der Pflegepraxis. Eine Pflegekraft berichtete uns, dass durch den Einsatz des Systems täglich bis zu 25 Minuten eingespart werden könnten. Angesichts des hohen Arbeitsdrucks in Pflegeeinrichtungen ist das ein erheblicher Zeitgewinn.
Insgesamt erleben wir also eine sehr positive Resonanz – insbesondere hinsichtlich der Nutzung und Akzeptanz bei älteren Menschen.

Mit Blick in die Zukunft, welche Rolle sollten KI-Unternehmen wie SteffiCare Ihrer Meinung nach künftig in der Altenpflege spielen? Also nicht nur in Bezug auf Effizienz, sondern auch auf Würde, soziale Verbundenheit und Lebensqualität?

Verena Mann: Für uns ist soziale Verbundenheit ein zentraler Bestandteil des Konzepts. Deshalb wurde SteffiCare nicht nur für den Einsatz in Pflegeeinrichtungen entwickelt, sondern bietet auch eine Anbindung an Angehörige. Auch diese Funktion entstand aus dem Feedback unserer Nutzerinnen und Nutzer. Uns wurde schnell klar, dass Familien ein wichtiger Teil der Lösung sein müssen, wenn wir die Lebensqualität älterer Menschen nachhaltig verbessern wollen. Deshalb gehört zu unserem Angebot auch eine Familien-App, die den Kontakt zwischen Angehörigen und Seniorinnen und Senioren erleichtert.
Wir sehen großes Potenzial für KI-basierte Begleiter wie SteffiCare. Unsere Gesellschaft wird älter, und weder Familien noch Pflegekräfte können rund um die Uhr präsent sein – selbst wenn sie es gerne wären. Technologien wie SteffiCare können hier zusätzliche Unterstützung bieten, die Lebensqualität erhöhen und Menschen miteinander verbinden, auch wenn sie räumlich voneinander getrennt leben.
Unser Ziel ist es, ein besseres Älterwerden zu ermöglichen – mit mehr Selbstbestimmung, mehr sozialer Nähe und mehr Würde.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Dr. Mann!

Der demografische Wandel stellt Gesellschaft und Gesundheitswesen vor neue Herausforderungen. Innovative Technologien wie Künstliche Intelligenz können dazu beitragen, Pflegekräfte zu entlasten, die Selbstständigkeit älterer Menschen zu fördern und ihre Lebensqualität nachhaltig zu verbessern. Damit aus vielversprechenden Ideen praxistaugliche Lösungen werden, braucht es die enge Vernetzung von Wissenschaft, Wirtschaft, Pflege und Gesundheitsversorgung. Das Innovationsnetzwerk Gesundheit der Bayern Innovativ GmbH unterstützt diesen Austausch und begleitet die Entwicklung neuer Gesundheits- und Pflegeinnovationen. Gemeinsam entstehen so Lösungen, die die Gesundheits- und Pflegeversorgung der Zukunft stärken.
 

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