Strom unter die Erde oder drüber?

Der geplante Abschied vom Erdkabelvorrang sorgt für eine Grundsatzdiskussion über den schnellsten und wirtschaftlichsten Weg zum Ausbau der Stromnetze.

07.08.2026

Quelle: E & M powernews

Die Hoffnung der Merkel-Regierung auf mehr Akzeptanz durch Erdkabel hat sich nicht erfüllt, die Warnungen vor hohen Kosten aber schon. „Zurück zur Freileitung“ heißt die Devise.
 
Im Jahr 2015 galt der Großen Koalition der gesetzliche Erdkabelvorrang als politischer Befreiungsschlag für den stockenden Stromnetzausbau. Schon damals warnte die Branche vor einer jahrelangen Verzögerung durch neue Planungen und vervielfachte Kosten, die inzwischen eingetreten ist. Deshalb stellt die heute regierende Große Koalition das Konzept erneut auf den Prüfstand.

Mit der Novelle des Bundesbedarfsplangesetzes (BBPlG) will die Bundesregierung bei neuen Hochspannungs-Gleichstrom-Verbindungen (HGÜ) grundsätzlich wieder Freileitungen bevorzugen. Ziel ist es, den Netzausbau zu beschleunigen und die Kosten zu begrenzen.

Die Debatte zwischen Politik, Netzbetreibern, Kabelherstellern und zahlenden Verbrauchern zeigt jedoch, dass sich die Frage nicht allein auf einen Vergleich der Investitionskosten reduzieren lässt. Tempo, Wirtschaftlichkeit und Akzeptanz beim Ausbau der Stromnetze müssen geeint werden. Dabei geht es nicht um bereits genehmigte oder im Bau befindliche Leitungen.

Betroffen wären derzeit lediglich neue HGÜ-Vorhaben wie DC42 (SuedWestLink), DC42plus sowie der AlpLink Richtung Schweiz. Der SuedWestLink soll über etwa 730 Kilometer zwischen den Netzverknüpfungspunkten Sahms in Schleswig-Holstein und Oberjettingen in Baden-Württemberg Windstrom in den Süden bringen. DC42plus verbindet Jettingen weiter nach Bayern in die Region um Markt Triefenstein.

Die Entscheidung markiert einen energiepolitischen Richtungswechsel, den die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber überwiegend positiv bewerten. 50 Hertz, Tennet Deutschland und Transnet BW verweisen darauf, dass Freileitungen grundsätzlich günstiger zu errichten seien und sich schneller realisieren ließen. Nach ihrer Einschätzung entstehen keine Verzögerungen, weil ausschließlich neue Vorhaben betroffen sind. Im Gegenteil: Die Unternehmen erwarten kürzere Genehmigungs- und Bauzeiten, sofern der Gesetzgeber den Freileitungsvorrang eindeutig festschreibt.

Keine hybriden Systeme

Kritisch sehen die Netzbetreiber allerdings die im Gesetzentwurf vorgesehenen Ausnahmeregelungen. Diese erlauben unter bestimmten Voraussetzungen Teilabschnitte als Erdkabel. Aus Sicht der Unternehmen drohen durch solche hybriden Leitungen neue Alternativenprüfungen und langwierige Genehmigungsverfahren. Transnet BW spricht sich deshalb gemeinsam mit mehreren Wirtschaftsverbänden in einem offenen Brief an die Bundestagsfraktionen für einen konsequenten Freileitungsvorrang ohne Ausnahmen aus. 

Auch der Dortmunder Übertragungsnetzbetreiber Amprion lehnt solche Mischformen ab. Technikvorstand Hendrik Neumann bezeichnet sie als „Nähmaschine“, weil sich Freileitungs- und Erdkabelabschnitte wie Nähstiche abwechseln würden. Das erhöht nach Angaben des Unternehmens sowohl die Planungskosten als auch die rechtlichen Risiken.

Gleichzeitig lehnt Amprion jedoch einen generellen Vorrang für eine bestimmte Technologie ab. Nach Auffassung des Unternehmens soll der Gesetzgeber frühzeitig und projektbezogen entscheiden, ob eine Leitung als Freileitung oder Erdkabel gebaut wird. Dabei müssten Kosten, technische Anforderungen und die Akzeptanz vor Ort gleichermaßen berücksichtigt werden.

Gerade die gesellschaftliche Akzeptanz bleibt einer der zentralen Streitpunkte. Aus Sicht der Kabelindustrie hat sich an dieser Ausgangslage wenig geändert. Hersteller wie NKT und Prysmian warnen, dass ein Wechsel zurück zur Freileitung neue Konflikte entlang der Trassen auslösen könnte und dadurch genau jene Verzögerungen verursache, die der Gesetzentwurf eigentlich vermeiden wolle.

Sie zitieren eine Analyse von Frontier Economics, die von Verzögerungen zwischen vier und sieben Jahren ausgeht. „Nach den Berechnungen würden zusätzliche Redispatch-Kosten von etwa 200 bis 400 Millionen Euro pro Jahr der Verzögerung zusätzlich entstehen, die von den Netznutzern zu tragen wären“, warnt Benedikt Bollweg, Business Director Continental Europe bei Prysmian.

Kabelhersteller gegen neuen Kurs

Die Hersteller bestreiten dabei nicht, dass Freileitungen in der Errichtung zunächst günstiger sind. Sie kritisieren jedoch, dass sich die öffentliche Diskussion häufig auf die reinen Investitionskosten beschränke. Nach Auffassung von Prysmian und NKT müssten vielmehr alle Kosten über den gesamten Lebenszyklus betrachtet werden.

Dazu gehörten neben Bau und Betrieb auch Netzverluste und Finanzierungskosten. Anders Jensen, CTO des Kabelherstellers NKT, erinnert: „Hinzu kommt bei Erdkabeln eine höhere Resilienz gegenüber Extremwetter und Sabotage − ein Aspekt, der angesichts zunehmender Wetterextreme und eines Energiesystems, das über Generationen tragen muss, immer wichtiger wird.“ 

Vor diesem Hintergrund erscheine es fraglich, ob potenzielle Einsparungen bei den 
Investitionskosten die volkswirtschaftlichen Kosten einer verzögerten Netzinbetriebnahme tatsächlich überwiegen. Laut Frontier Economics liege der Kostenunterschied zwischen Erdkabeln und Freileitungen über den gesamten Lebenszyklus nicht beim vielfach genannten Faktor drei bis zehn, sondern bei rund zwei.
  
Hinter der Auseinandersetzung stehen auch unterschiedliche wirtschaftliche Interessen. Die Kabelindustrie hat in den vergangenen Jahren Milliarden in neue Produktionskapazitäten für HGÜ-Erdkabel investiert. Diese Investitionen seien im Vertrauen auf den politisch beschlossenen Erdkabelvorrang erfolgt. Ein erneuter Kurswechsel erschwere künftige Investitionsentscheidungen erheblich und gefährde die Planungssicherheit für Unternehmen.

Zwar produziert NKT nach eigenen Angaben in begrenztem Umfang auch Freileitungsleiter, der Schwerpunkt der Investitionen liege jedoch auf Erd- und Seekabelsystemen. Prysmian erklärt ebenfalls, beide Technologien zu beherrschen, sieht aber die Gefahr, dass bei einer Abkehr vom Erdkabelvorrang europäische Industriekompetenz verloren gehen könnte.

Auf der anderen Seite wächst der politische Druck, die Kosten des Netzausbaus zu begrenzen. Die Bundesnetzagentur rechnet im aktuellen Netzentwicklungsplan weiterhin mit einem erheblichen Ausbaubedarf im Übertragungsnetz. Dadurch steigen die Netzentgelte und damit die Belastungen für Haushalte und Unternehmen. In diesem Jahr bezuschusst der Bund die Übertragungsnetzentgelte mit 6,5 Milliarden Euro. Angesichts der Haushaltslage ist eine Verlängerung jedoch unsicher.

Wirtschaftsverbände wie der Bundesverband Neue Energiewirtschaft (BNE) oder der Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK) sehen deshalb im Freileitungsvorrang einen wichtigen Beitrag zu einer kostengünstigeren Energieinfrastruktur. Sie argumentieren, dass niedrigere Investitionskosten langfristig auch die Stromkunden entlasten könnten.

Die anstehende Entscheidung des Bundestags über die Novelle des Bundesbedarfsplangesetzes muss deshalb verlässlich bestimmen, wie künftige Stromautobahnen gebaut werden. Das setzt zugleich den Maßstab für die Kosten und die Akzeptanz beim weiteren Umbau des Energiesystems.

Autorin: Susanne Harmsen

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