Erneuerbare senken Europas geopolitische Risiken

Eine Analyse von Strategic Perspectives empfiehlt den beschleunigten Ausbau erneuerbarer Energien, Stromnetze und Speicher, um Europas Energieversorgung widerstandsfähiger und unabhängiger zu machen.

21.10.2026

Quelle: E & M powernews
 
Der Thinktank Strategic Perspectives sieht erneuerbare Energien als wichtigsten Hebel für Europas Energiesicherheit. Er fordert mehr Elektrifizierung und weniger Öl- und Gasimporte.

Europas Abhängigkeit von importiertem Öl und Gas ist laut einer Analyse des paneuropäischen Thinktanks Strategic Perspectives die größte Schwachstelle der Energieversorgung. Erneuerbare Energien seien dagegen in geopolitischen Krisen am wenigsten anfällig für Versorgungsunterbrechungen. Zu diesem Ergebnis kommt der Bericht „The Energy Security Switch“, der das Energiesystem der Europäischen Union (EU) anhand von sechs geopolitischen Krisenszenarien untersucht.

Die Analyse erschien am 20. Oktober vor dem Hintergrund der geplanten Überarbeitung des EU-Rahmens für Energiesicherheit und der Verhandlungen über den Energieregelungsrahmen für die Zeit nach 2030. Obwohl die EU ihre Energieversorgung seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine diversifiziert hat, sieht Strategic Perspectives weiterhin strukturelle Risiken. Dazu zählen unterbrochene Brennstofflieferungen, Einschränkungen bei der Versorgung mit kritischen Rohstoffen, hybride Angriffe und konventionelle Kriege.

Öl und Gas besonders anfällig

Wie stark die Energiequellen betroffen wären, hängt laut Bericht vom jeweiligen Krisenszenario ab. Im schwerwiegendsten untersuchten Fall, einem konventionellen Krieg, ist die Ölversorgung der EU demnach fünfmal anfälliger für Unterbrechungen als die Versorgung durch erneuerbare Energien. Bei Pipeline-Gas liegt die Anfälligkeit etwa viermal so hoch. Ein geringerer Verbrauch fossiler Brennstoffe könne deshalb sowohl das Risiko von Versorgungsengpässen als auch die Auswirkungen volatiler Energiepreise reduzieren.

Auch die Kernenergie ist Risiken ausgesetzt. Brennstoffvorräte und die langen Abstände zwischen den Brennstoffwechseln begrenzen laut Strategic Perspectives jedoch die kurzfristigen Folgen unterbrochener Lieferungen.
Wind-, Solar- und Wasserkraft schneiden in allen sechs Szenarien am besten ab. Risiken bestehen allerdings bei den Lieferketten für kritische Rohstoffe.

Lieferausfälle könnten die Herstellung, Wartung und Erweiterung von Anlagen beeinträchtigen. Bereits installierte Anlagen könnten dagegen weiterhin Strom erzeugen. Der Thinktank empfiehlt daher, internationale Partnerschaften zu diversifizieren und die europäischen Kapazitäten für Fertigung, Verarbeitung und Recycling auszubauen. Damit ließen sich Versorgungsrisiken begrenzen und zugleich industrielle Wertschöpfung in Europa stärken.

Elektrifizierung soll Importe senken

Ein zentraler Ansatzpunkt ist laut Bericht die Elektrifizierung von Verkehr, Wärmeversorgung und weiteren Anwendungsbereichen. Damit ließen sich die Öl- und Gasimporte Europas um etwa zwei Drittel reduzieren. Strategic Perspectives fordert dafür ein verbindliches, EU-weites Elektrifizierungsziel von 46 Prozent bis 2040. Außerdem soll der Anteil fossilfreien Stroms bis 2035 mindestens 90 Prozent erreichen.

Weitere Empfehlungen betreffen die Widerstandsfähigkeit der Energieinfrastruktur. Der Thinktank spricht sich dafür aus, kritische Engpässe in der Versorgung zu beseitigen, eine gemeinsame europäische Reserve an Reparaturausrüstung aufzubauen und die Energieautonomie bei grundlegenden Versorgungsleistungen zu stärken.

Strategische Prioritäten für die Energiepolitik

Neil Makaroff, Direktor von Strategic Perspectives, sieht die künftige Energiesicherheit vor allem als Frage politischer Entscheidungen. „Keine einzelne Energiequelle kann allein die Widerstandsfähigkeit garantieren“, sagte er. Öl und Gas erhöhten dagegen die Anfälligkeit für geopolitische Schocks. Die EU müsse deshalb die risikoreichsten Energiequellen schrittweise ersetzen und stärker in Stromnetze, Speicher, erneuerbare Energien und Elektrifizierung investieren.

Energieanalyst Marin Gillot verweist auf die unmittelbaren Folgen internationaler Konflikte für europäische Verbraucher und Unternehmen. Die Abhängigkeit von importierten fossilen Energieträgern übertrage Krisen im Ausland auf die Energiekosten in Europa. Erneuerbare Energien könnten die Auswirkungen von Brennstoffausfällen, Rohstoffexportbeschränkungen und Kriegen begrenzen.

Geschäftsführerin Linda Kalcher fordert ebenfalls eine beschleunigte Elektrifizierung auf Basis fossilfreier Energie. Solange Europa auf Öl- und Gasimporte angewiesen sei, bleibe es geopolitischen Krisen und Preisschocks ausgesetzt. Kalcher sieht den anstehenden Energierat als mögliche Gelegenheit, die europäische Energiepolitik neu auszurichten.

Der Bericht „The Energy Security Switch“ von Strategic Perspectives steht im Internet bereit.

Autorin: Susanne Harmsen

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