Deutschland droht Klimaziel 2026 zu verfehlen
Eine Analyse von Agora Energiewende sieht die Bundesrepublik über dem zulässigen Emissionspfad, verweist aber zugleich auf positive Effekte durch Wärmepumpen, Elektromobilität und Elektrifizierung.
31.08.2026
Quelle: E & M powernews
Agora Energiewende erwartet für 2026 erstmals eine Überschreitung des gesetzlichen Emissionsziels. Fossile Preisschocks bremsen die Wirtschaft, Elektrifizierung wirkt positiv.
Deutschland droht im laufenden Jahr erstmals eine Überschreitung seines gesetzlichen Klimaziels. Nach einer ersten Berechnung des Berliner Thinktanks Agora Energiewende sind die Treibhausgasemissionen im ersten Halbjahr 2026 lediglich um rund zwei Prozent beziehungsweise bis zu 7 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente (CO2-Äq) gegenüber dem Vorjahreszeitraum gesunken. Entwickelt sich der Ausstoß in der zweiten Jahreshälfte ähnlich, würden die Emissionen insgesamt bei rund 635 Millionen Tonnen CO2 liegen.
Damit würde Deutschland die im Klimaschutzgesetz für 2026 festgelegte Emissionshöchstgrenze von 625 Millionen Tonnen CO2 um rund 10 Millionen Tonnen überschreiten. Zugleich wäre der Rückgang gegenüber 2025 mit etwa 13 Millionen Tonnen deutlich geringer als erforderlich, um die Klimaziele bis 2030 zu erreichen. Laut Agora Energiewende müssten die jährlichen Emissionen dafür im Schnitt um rund 40 Millionen Tonnen CO2 sinken.
Zuwenig politische Maßnahmen
Bis Ende Juni emittierte Deutschland nach der vorläufigen Agora-Berechnung rund 327 Millionen Tonnen CO2-Äq. Den größten Beitrag zum Rückgang führt der Thinktank auf die fossile Energiepreiskrise zurück. Diese habe infolge der Blockade der Straße von Hormus seit März 2026 zu deutlich höheren Öl- und Gaspreisen geführt.
Die Preisentwicklung wirkt sich laut Agora Energiewende insbesondere auf die wirtschaftliche Aktivität aus. Die Produktion im verarbeitenden Gewerbe ging im ersten Halbjahr zurück. Auch der Lkw-Verkehr auf deutschen Straßen nahm leicht ab. Gleichzeitig sank der Absatz von leichtem Heizöl deutlich. Bei diesem Wert weist Agora Energiewende allerdings auf erhebliche statistische Unsicherheiten hin. Der tatsächliche Emissionsrückgang könnte deshalb geringer ausfallen als bislang berechnet.
Elektrifizierung wirkt auf Klimabilanz
Positive Effekte kommen dagegen aus der zunehmenden Elektrifizierung. Laut Agora Energiewende erreichten Wärmepumpen und Elektroautos im ersten Halbjahr neue Absatzhöchststände. Der steigende Anteil von Wärmepumpen habe dazu beigetragen, dass der Erdgasverbrauch in Gebäuden trotz eines kalten Jahresbeginns und eines höheren Heizbedarfs ungefähr konstant blieb.
„Das erste Halbjahr 2026 steht deutlich im Zeichen der fossilen Energiepreiskrise“, sagt Julia Bläsius, Direktorin von Agora Energiewende Deutschland. Die deutsche Wirtschaft werde erneut von fossilen Preisschocks getroffen. Gleichzeitig setze sich der Elektrifizierungstrend bei Verbrauchern mit den steigenden Verkaufszahlen von Wärmepumpen und Elektroautos fort.
Aus Sicht von Bläsius sollte die Bundesregierung diese Entwicklung durch ihre Energie- und Industriepolitik verstärken. Der Ausbau erneuerbarer Energien und die Elektrifizierung könnten Deutschland unabhängiger von fossilen Energieträgern machen und die Wirtschaft widerstandsfähiger gegen Preisschocks auf den internationalen Energiemärkten.
Fossile Brennstoffe immer teurer
Die Auswirkungen der fossilen Preissteigerungen zeigen sich laut Agora Energiewende auch bei den Importkosten. Seit Beginn des Konflikts Ende Februar seien für Rohöl und Erdgas zusätzliche Kosten von rund 7,4 Milliarden Euro entstanden. Dabei stiegen die Ölimporte gegenüber dem Vorjahreszeitraum lediglich um zwei Prozent. Die Erdgasimporte gingen sogar um elf Prozent zurück.
Beim Öl schlagen die höheren Weltmarktpreise laut Agora Energiewende unmittelbar auf die Verbraucher durch. Beim Erdgas wirken sich Preisänderungen dagegen teilweise zeitverzögert aus, da Lieferverträge längerfristig geschlossen werden. Auch bei den Heizkosten könnten die höheren Beschaffungskosten deshalb später sichtbar werden. Als Reaktion auf die gestiegenen Kraftstoffpreise führte die Bundesregierung im Mai und Juni einen Tankrabatt ein.
Agora-Direktorin Bläsius kritisiert die Maßnahme als kurzfristig und wenig zielgerichtet. Staatliche Hilfen sollten vor allem Haushalte unterstützen, die besonders stark von den Preissteigerungen betroffen seien. „Gleichzeitig muss die Bundesregierung Maßnahmen ergreifen, die die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern dauerhaft verringern“, forderte sie.
Agora fordert mehr Planungssicherheit
Als Beispiele für eine stärkere Verbindung von Krisenpolitik und Klimaschutz verweist Agora Energiewende auf Spanien und Frankreich. Spanien treibe den Ausbau erneuerbarer Energien voran, Frankreich habe einen Plan zur beschleunigten Elektrifizierung vorgelegt. Für Deutschland sieht Bläsius Nachholbedarf.
Die Bundesregierung müsse aus Sicht der Agora-Direktorin vor allem verlässliche Rahmenbedingungen für klimafreundliche Investitionen schaffen. Das betreffe Haushalte, Unternehmen und Kommunen. Zudem müsse die Finanzierung von Klimaschutzmaßnahmen abgesichert werden. Auch Preissignale sollten stärker auf die Transformation ausgerichtet werden.
Autorin: Susanne Harmsen
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