6G Health: Die Gesundheitsversorgung der Zukunft
6G als Innovationstreiber im Gesundheitswesen
22.07.2026
Werfen wir einen Blick in die Zukunft: Ein Notruf geht ein, eine Frau erleidet zu Hause einen Herzinfarkt. Noch bevor der Rettungswagen eintrifft, stehen erste Gesundheitsdaten zur Verfügung. Während des Einsatzes unterstützen digitale Systeme das Rettungsteam und das Krankenhaus bereitet sich bereits auf die Ankunft der Patientin vor. So geht keine wertvolle Zeit verloren, denn im Ernstfall zählt jede Minute.
Doch wie nah sind wir einer solchen Gesundheitsversorgung heute bereits?
Barbara Groll spricht mit Clemens Möllenhoff vom Innovation Center Computer Assisted Surgery (ICCAS) darüber, wie 6G das Gesundheitswesen verändern könnte. Gemeinsam werfen sie einen Blick auf die Chancen moderner Kommunikationstechnologien vom Rettungsdienst über das Krankenhaus bis hin zur Versorgung zu Hause.
Herr Möllenhoff, wir haben gerade ein Zukunftsszenario gehört, in dem verschiedenste medizinische Systeme nahtlos zusammenarbeiten. Wie realistisch ist dieses Bild?
Clemens Möllenhoff: Ich würde sagen, es braucht schon ein bisschen Zeit, bis das die Realität wird. Aber ich glaube, ganz so weit weg sind wir dann doch nicht mehr. Einige der Dinge gibt es nämlich tatsächlich schon. Dazu gehören zum Beispiel das nicht-invasive Messen von Vitalparametern mit Funkwellen, der Telenotarzt, also das telemedizinische Zuschalten von Expertinnen und Experten direkt an die Einsatzstelle oder in den Rettungswagen, sowie die Voranmeldung im Krankenhaus, bei der Daten aus dem Rettungswagen direkt in die Notaufnahme übertragen werden, damit sich das Team dort vorbereiten kann.
Um dieses Puzzle komplett zu machen, brauchen wir allerdings noch weitere Komponenten. Dazu gehören beispielsweise die Einbindung und Übertragung von Wearable-Daten sowie der elektronischen Patientenakte, damit das Einsatzteam bereits auf der Anfahrt Informationen über Patientinnen und Patienten erhält, die es noch gar nicht kennt. Auch die KI-gestützte Dokumentation und die Anzeige von Patienteninformationen über eine Augmented-Reality-Brille sind Technologien, an denen bereits geforscht wird. Im Krankenhaus kommen einige dieser Anwendungen schon zum Einsatz, im Rettungsdienst sind sie allerdings noch nicht im Echtzeitbetrieb angekommen.
Unterm Strich brauchen wir aber eine Technologie, sozusagen „als Kitt“, die all diese Einzelanwendungen zusammenhält und miteinander vernetzt. Und das könnte in Zukunft zum Beispiel 6G sein.
Wo liegen denn aktuell die Grenzen der heutigen Kommunikationsnetze im Gesundheitswesen?
Clemens Möllenhoff: Bisherige Funknetze wie 4G, 5G, WLAN, Bluetooth oder LoRaWAN stoßen heute oder in naher Zukunft an ihre Grenzen. Das liegt vor allem an den Anforderungen neuer Anwendungen im Gesundheitswesen.
Genau hier kommt 6G ins Spiel, die nächste Generation mobiler Funknetze, die voraussichtlich ab etwa 2030 verfügbar sein soll. Aktuell werden Anforderungen aus Industrie, Wissenschaft und von Anwenderinnen und Anwendern gesammelt und in internationale Standards überführt, damit Geräte weltweit interoperabel zusammenarbeiten können.
Dabei geht es nicht nur um höhere Bandbreiten oder schnellere Datenraten. Ein entscheidender Unterschied sind extrem niedrige Latenzen von unter einer Millisekunde. Das ist beispielsweise wichtig für kollaborative Robotik oder Augmented-Reality-Anwendungen in der medizinischen Ausbildung. Zum Beispiel eine digitale Sektio, sodass 100 Studierende im Hörsaal gleichzeitig in ihren Brillen ein bestimmtes Organ virtuell dargestellt sehen können und dann daran arbeiten können, auch kollaborativ.
Hinzu kommen neue Funktionen wie das sogenannte Joint Communication and Sensing. Dabei werden Funkwellen nicht nur zur Datenübertragung genutzt, sondern auch, um Informationen über die Umgebung zu gewinnen. So lassen sich beispielsweise Atemfrequenz und Bewegungsmuster erkennen. Das kann etwa dabei helfen, Stürze in Pflege- und Altenheimen zu erkennen oder zu analysieren, ob sich Patientinnen und Patienten nachts im Bett ungewöhnlich viel bewegen. Solche Anwendungen sind aber auch in anderen Bereichen denkbar, etwa zur Kollisionsvermeidung im Automotive-Bereich.
Darüber hinaus sollen mit 6G die Verfügbarkeit und Resilienz der Netze weiter verbessert, Satellitentechnologien integriert und Künstliche Intelligenz sowohl in die Anwendungen als auch in das Mobilfunknetz eingebunden werden. Dadurch kann das Netzwerk künftig dynamisch an den jeweiligen Bedarf angepasst und gleichzeitig energieeffizienter betrieben werden.
Sie haben mit Ihrem Team an der Universität Leipzig bereits mehrere Forschungsprojekte rund um 6G im Gesundheitswesen begleitet – von Momentum über 6G Health bis hin zum aktuellen Projekt PATHCARE. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gesammelt und welche zusätzlichen Möglichkeiten eröffnet 6G künftig aus Ihrer Sicht?
Clemens Möllenhoff: Ich glaube, grundsätzlich ist es wichtig, viele verschiedene Perspektiven aus diesem Bereich an einen Tisch zu bringen. Dazu gehören Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Industrievertretende aus dem Mobilfunk, der Medizintechnik, von Halbleiter- und Softwareherstellern, aber natürlich auch Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte und Rettungsdienstpersonal. Schließlich entwickeln wir diese Technologien für ihre tägliche Arbeit. Ebenso wichtig sind Expertinnen und Experten aus den Bereichen Regulatorik, Datensicherheit und Datenschutz.
Entscheidend ist, dass all diese Akteure miteinander ins Gespräch kommen, eine gemeinsame Sprache entwickeln und die Anforderungen gemeinsam formulieren. Denn letztlich geht es darum, wie der eine das Problem des anderen mit seinen Möglichkeiten lösen kann.
Es gibt den Spruch: „5G wurde von Ingenieuren entwickelt, 6G wird von den Anwendern entwickelt.“ Ich glaube, da ist durchaus etwas Wahres dran. Genau deshalb beziehen wir Anwenderinnen und Anwender heute von Anfang an in die Entwicklung ein.
Das gelingt uns auch in unseren Projekten gut. Dort arbeiten starke Partner aus unterschiedlichen Bereichen zusammen – unter anderem Vodafone, das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, das Fraunhofer, die Charité, der VDE und das Zentrum für Telemedizin aus Bayern. So bringen wir unterschiedliche Sichtweisen zusammen.
Ich erkenne 6G dabei vor allem als Enabler für andere Technologien und weniger als Selbstzweck. Dazu gehören beispielsweise Künstliche Intelligenz, Robotik sowie Augmented und Virtual Reality. Damit diese Anwendungen künftig zuverlässig funktionieren, brauchen wir leistungsfähige Kommunikationsnetze.
Eine weitere Lesson Learned ist, dass Kommunikation auf mehreren Ebenen gedacht werden muss. Es geht nicht nur um die reine Datenübertragung, sondern auch um Interoperabilität, also darum, dass Systeme und Software reibungslos zusammenarbeiten können.
Wie ist das genau zu verstehen?
Clemens Möllenhoff: Ich mache mal ein Beispiel: Wenn die Leitstelle die Adresse des Einsatzortes an den Rettungswagen schickt und diese dort direkt auf dem Navigationsgerät angezeigt wird, kann ich als Sanitäter oder Sanitäterin sofort einsteigen, auf „Go“ klicken und werde zum Einsatzort navigiert. Das ist schon mal nicht schlecht. Den Einsatz muss ich aber natürlich auch dokumentieren. Das geschieht heute häufig noch auf Papier oder auf Dokumentationstabletts. Dort muss ich die Adresse dann erneut eingeben. Ohne Softwareschnittstelle muss ich sie also händisch vom Navigationsgerät ins Doku-Tablet übertragen. Gerade im Rettungsdienst ist das Zeit, die man eigentlich nicht hat. Deshalb brauchen wir hier entsprechende Schnittstellen.
Ein weiteres Beispiel: Wenn die Protokolldaten erfasst sind und ans Krankenhaus übermittelt werden sollen, wäre es sinnvoll, sie direkt in das Krankenhausinformationssystem zu übertragen. Aus meiner eigenen Praxis kenne ich es noch so, dass das Protokoll im Rettungswagen ausgedruckt, in der Notaufnahme eingescannt und anschließend als PDF im Krankenhausinformationssystem abgelegt wurde. Das funktioniert auf Dauer nicht.
Genau deshalb müssen wir das Thema Digitalisierung konsequent weiterdenken. Der Austausch mit dem Gesundheitspersonal hat gezeigt, dass viele Prozesse noch manuell oder sogar papierbasiert sind. Gleichzeitig nimmt der demografische Wandel zu: Es gibt immer mehr ältere Patientinnen und Patienten, das Einsatzaufkommen steigt und gleichzeitig stehen weniger Fachkräfte zur Verfügung. Umso wichtiger ist es, die Effizienz in der Versorgung durch Digitalisierung zu erhöhen.
Schließlich arbeiten damit keine IT-Expertinnen und -Experten, sondern medizinisches Fachpersonal. Umso wichtiger ist es, dass die Systeme anwendbar sind.
Clemens Möllenhoff: Richtig. User-Centered Design ist ganz wichtig. Ich hatte es gerade schon angesprochen: Die Anwenderinnen und Anwender von Anfang an in die Entwicklung einzubeziehen und zu befragen, sehe ich als ganz entscheidend an: Was braucht ihr eigentlich? Was könnt ihr auch wirklich benutzen? So lässt sich das System so einfach wie möglich gestalten und erfüllt dabei trotzdem seinen Zweck.
Was die Möglichkeiten von 6G betrifft, glaube ich, dass sich damit vor allem die Versorgung zu Hause gezielter unterstützen lässt. In der Forschung sehen wir Konzepte wie „Hospital at Home“ oder virtuelle Stationen. Im Prinzip geht es darum, Patientinnen und Patienten nur so lange im Krankenhaus zu behalten, wie es wirklich notwendig ist. Zur reinen Überwachung müssen sie dann nicht mehr auf Station bleiben. Stattdessen können sie zu Hause mit Wearables überwacht werden, während die Daten sicher übertragen werden. So können Ärztinnen und Ärzte die Vitalparameter weiterhin im Blick behalten und bei Bedarf eingreifen oder die Patientin beziehungsweise den Patienten wieder einbestellen, wenn sich der Zustand verschlechtert.
Zum anderen glaube ich, dass wir mit Wearables Erkrankungen künftig besser vorhersagen können. Ziel ist es, Erkrankungen frühzeitig zu erkennen und möglichst schon zu handeln, bevor sie überhaupt auftreten. Dafür müssen die Daten zuverlässig übertragen und beispielsweise mit Künstlicher Intelligenz ausgewertet werden. Auch hier bedarf es 6G.
Und auch im Krankenhaus lassen sich Prozesse verbessern, etwa durch Lokalisierung oder Augmented-Reality-Anwendungen, von denen ich vorhin gesprochen habe. So können Personal entlastet, die Effizienz gesteigert und die Qualität der Versorgung weiter verbessert werden.
"6G ist für mich kein Selbstzweck. Es ist die Grundlage, auf der Technologien wie KI, Robotik und Augmented Reality die Medizin der Zukunft möglich machen."
Clemens Möllenhoff
Forscher für vernetzte Medizintechnik, ICCAS / Universität Leipzig
Im aktuellen Projekt 6G Health geht es um die Vernetzung sogenannter verteilter medizintechnischer Systeme. Was bedeutet das konkret? Können Sie uns ein Beispiel aus dem medizinischen Alltag geben?
Clemens Möllenhoff: Ja, auf alle Fälle. Das ist tatsächlich ein sehr abstrakter Begriff, welcher bewusst so gewählt wurde, damit sich möglichst viele Use Cases darunter zusammenfassen lassen.
Stellen wir uns eine Visite auf Station vor. Wer schon einmal im Krankenhaus war, kennt das: Morgens kommt ein ganzes Team aus Ärztinnen und Ärzten, Pflegekräften und manchmal auch Therapeutinnen und Therapeuten ans Bett, verschafft sich einen Überblick über den aktuellen Zustand der Patientin oder des Patienten und trifft Entscheidungen über die weitere Behandlung.
Typischerweise wird dabei ein Visitenwagen mitgeführt – ein Rollwagen mit Laptop, auf dem das Krankenhausinformationssystem läuft. Oft liegt darunter zusätzlich noch eine, teilweise papierbasierte, Pflegekurve mit den über Nacht erfassten Werten.
Wir glauben, dass sich dieser Prozess durch Augmented Reality verbessern lässt. Das heißt, der Visitenwagen wird überflüssig und alle relevanten Informationen werden direkt im Sichtfeld eingeblendet. In unserem Forschungsprojekt haben wir dafür eine Anwendung entwickelt. Sie zeigt unter anderem die Medikation, Diagnosen, durchgeführte und geplante Prozeduren, Stammdaten der Patientin oder des Patienten sowie zugewiesene Aufgaben an.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Dokumentation. Auf einer Visite werden Entscheidungen getroffen, die festgehalten werden müssen. Heute geschieht das meist über Laptop und Tastatur. Wir glauben, dass sich dieser Schritt mithilfe von Spracherkennung vereinfachen lässt: Das Gespräch wird automatisch ausgewertet und zusammengefasst und die Informationen direkt im Krankenhausinformationssystem dokumentiert. Das alles passiert ohne, dass ich dafür einen Finger rühren muss.
Können über die Brille künftig auch Informationen zum Verlauf der Nacht angezeigt werden, etwa um das subjektive Schmerzempfinden besser einordnen zu können?
Clemens Möllenhoff: Schmerz ist hochgradig subjektiv und deshalb nur schwer objektiv zu erfassen. Manche Menschen halten starke Schmerzen besser aus als andere, während andere bereits bei objektiv geringeren Schmerzen deutlich sensibler reagieren.
Was in der Brille aber auf alle Fälle angezeigt werden kann, ist beispielsweise der Verlauf der Vitalparameter über die Nacht. So lässt sich etwa die Pulskurve betrachten und erkennen, ob es Phasen mit einer erhöhten Herzfrequenz gab, die auf Schmerzen hindeuten könnten. Es wird also nicht direkt angezeigt, dass jemand starke Schmerzen hatte, sondern es werden Daten bereitgestellt, aus denen Ärztinnen und Ärzte entsprechende Rückschlüsse ziehen können.
Kombiniert mit der JCAS-Radarsensorik, von der ich vorhin gesprochen habe, lässt sich beispielsweise auch erkennen, wie viel sich eine Patientin oder ein Patient in der Nacht bewegt hat. Daraus kann man wiederum ableiten, ob die Nacht eher ruhig war oder ob möglicherweise Schmerzen eine Rolle gespielt haben.
Ich glaube, genau das ist der entscheidende Punkt: Sensordaten müssen den richtigen Personen zur richtigen Zeit zur Verfügung gestellt und möglichst bereits automatisiert ausgewertet werden. So müssen sich Anwenderinnen und Anwender nicht mehr mit den Rohdaten beschäftigen, sondern erhalten bereits eine Zusammenfassung oder Handlungsempfehlung. Dabei kann 6G helfen, indem die Daten zuverlässig übertragen und die notwendige Verarbeitungsinfrastruktur bereitgestellt werden.
Gab es in der Forschung auch Herausforderungen oder Probleme, die bei der aktuellen Entwicklung berücksichtigt werden müssen?
Clemens Möllenhoff: Ja, absolut. Wo Licht ist, da ist auch Schatten. Das ist jetzt meine ganz persönliche Meinung. Ich glaube, es gibt zwei Punkte, die sich weniger auf 6G selbst beziehen als vielmehr auf die Technologien, die durch 6G ermöglicht werden.
Das eine sind die gesellschaftlichen Implikationen. Wir wollen Menschen unterstützen, nicht ersetzen. Wenn wir Pflegekräfte beispielsweise von der Dokumentation entlasten, bleibt ihnen mehr Zeit für die eigentliche Pflege am Menschen. Anders sieht es aus, wenn medizinische Entscheidungshilfen und Wissen zunehmend aus KI-Systemen kommen. Dann bewegen wir uns stärker in den originären Aufgabenbereich von Ärztinnen und Ärzten. Die Frage ist also: Wo ziehen wir die Grenze? Wie weit können wir gehen, ohne Menschen zu ersetzen, sondern sie sinnvoll zu unterstützen?
Zum Glück gibt es bereits viel Forschung zu diesen gesellschaftlichen Auswirkungen sowie gesetzliche Rahmenbedingungen, die Leitplanken setzen. Ebenso wichtig ist es, Abhängigkeiten von KI-, Hardware- oder Softwareanbietern im Blick zu behalten und möglichst zu reduzieren.
Das zweite große Thema ist Datenschutz und Datensicherheit. Gesundheitsdaten gehören zu den sensibelsten Daten, die wir haben. Gleichzeitig lebt Künstliche Intelligenz von großen Datenmengen. Wir brauchen diese Daten für Forschung und Entwicklung, sie müssen aber sicher übertragen und geschützt werden. Ein Beispiel sind OP-Roboter. Künftig könnten Chirurginnen und Chirurgen Operationen über Distanz durchführen, weil 6G eine zuverlässige Datenübertragung ermöglicht. Gleichzeitig muss sichergestellt sein, dass ausschließlich autorisierte Personen auf den Roboter zugreifen können und niemand unbefugt eingreift.
Wir müssen uns aber auch bewusst machen, dass die heutigen Systeme ebenfalls nicht fehlerfrei sind. Auch heute passieren Fehler oder wichtige Informationen stehen nicht zur Verfügung – etwa weil sie noch papierbasiert dokumentiert wurden. Unser Ziel ist es, diese Systeme in Zukunft weiter zu verbessern.
Mein Fazit ist deshalb: Wir sollten keine Angst vor diesen Entwicklungen haben, sondern sie aktiv mitgestalten. Ich denke, dass Europa und gerade auch Deutschland gute Voraussetzungen dafür bieten, diese Technologien nach unseren Werten weiterzuentwickeln.
Viele Unternehmen entwickeln heute Medizintechnik oder digitale Gesundheitslösungen. Worauf sollten sie sich mit Blick auf 6G schon heute einstellen?
Clemens Möllenhoff: Ich glaube, gerade bei der Entwicklung von Medizinprodukten ist es wichtig, Kommunikation mitzudenken, also im Sinne von dem Datenaustausch auf der Funkebene. 6G ist kein inhaltsagnostisches Medium mehr, das Daten einfach nur überträgt. Stattdessen wird das Netz so intelligent, dass es Anwendungen mitdenkt, erkennt, welche Daten übertragen werden, und diese je nach Anwendung priorisieren kann.
Deshalb sind Hersteller gut beraten, dieses Thema bereits in der Produktentwicklung zu berücksichtigen. Es reicht künftig nicht mehr aus, Daten einfach zu übertragen. Vielmehr müssen Schnittstellen geschaffen werden, die dem Netz Informationen darüber liefern, welche Daten gerade übertragen werden und wie wichtig sie sind.
Ich mache mal ein Beispiel: Wenn ein Rettungswagen an einer Einsatzstelle unterwegs ist und nur eine begrenzte Netzabdeckung zur Verfügung steht, können nicht beliebig viele Daten gleichzeitig übertragen werden. Welche Informationen Priorität haben, hängt dann von der Erkrankung der Patientin oder des Patienten ab. Bei einem Schlaganfall sind andere Daten relevant als bei einem Herz-Kreislauf-Problem oder einem Trauma. Wenn das Netz weiß, welche Situation vorliegt, kann es die jeweils wichtigen Informationen priorisieren.
Man sollte außerdem Interoperabilität von Anfang an mitdenken – also das Zusammenspiel der verschiedenen Softwaresysteme. Und schließlich gilt es, auch die regulatorischen Anforderungen im Blick zu behalten. Hersteller sollten sich frühzeitig fragen, wie sich 6G oder Funktionen wie die Priorisierung von Daten auf die Zertifizierung und Zulassung ihrer Medizinprodukte auswirken.
Ich glaube, das sind die drei entscheidenden Punkte: Kommunikation mitdenken, Interoperabilität berücksichtigen und die Regulatorik im Blick behalten.
Was wäre Ihr wichtigster Rat an Kliniken und Medizintechnikunternehmen mit Blick auf die kommenden Jahre?
Clemens Möllenhoff: Ich glaube, die zentrale Aussage ist: nicht auf 6G zu warten, sondern jetzt schon anzufangen. Viele der Funktionen, die wir heute mit 6G verbinden, werden Schritt für Schritt integriert. Es wird also nicht den einen Moment geben, an dem man morgens aufwacht und sagt: Jetzt ist 6G da. Die Entwicklung findet bereits statt und deshalb gibt es nichts, worauf man warten sollte.
Gleichzeitig sollte man sich aktiv in den Dialog und die Entwicklung einbringen, Prototypen aus der Forschung ausprobieren, testen und evaluieren. Gerade Bayern Innovativ bietet gute Netzwerkveranstaltungen, um sich zu vernetzen, mit Unternehmen und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ins Gespräch zu kommen und gemeinsam neue Ideen weiterzuentwickeln.
Ich würde sagen: „Speak to your local research institution.“ Wir machen Innovation, wir machen Forschung. Wer sich frühzeitig einbringt und vorne mit dabei ist, hat auch als Entwickler gute Chancen.
Wenn Sie an die Zukunft denken: Was hoffen Sie, kann 6G für die Gesundheitsversorgung bewirken?
Clemens Möllenhoff: Ich hoffe, wir können das Gesundheitswesen zukunftsfest und nachhaltig gestalten. Ich hoffe, dass wir die Behandlungs- und Ergebnisqualität verbessern und vielleicht sogar neue Therapie- oder Interventionsmöglichkeiten mit 6G ermöglichen können. Für mich ist aber vor allem eines zentral: Ich hoffe, wir schaffen es, Mitarbeitende zu entlasten und ihnen den Rücken für die Behandlung von Patientinnen und Patienten freizuhalten.
Man könnte sagen, dass Medizin dadurch vielleicht wieder ein Stück menschlicher wird. Ich möchte damit aber nicht sagen, dass sie heute nicht menschlich ist. Ich glaube nur, dass genau das ein wichtiger Aspekt ist. 6G und Technologie im Gesundheitswesen sind wichtig, aber sie sind nur ein Puzzlestück von vielen, um die Gesundheitsversorgung langfristig auf hohem Niveau zu halten und zukunftsfest zu machen. Wenn 6G dazu einen Beitrag leisten kann, wäre schon viel gewonnen – und darüber würde ich mich sehr freuen.
Das Interview führte Barbara Groll, Media Relations, Bayern Innovativ GmbH, Nürnberg
Hören Sie sich das vollständige Interview als Podcast an:
Länge der Audiodatei: 00:28:37 (hh:mm:ss)
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