Recycling im Hochbau - Kreislaufwirtschaft in der Baupraxis

Praxisbeispiele aus Bayern zeigen, dass zirkuläres Bauen längst keine Zukunftsvision mehr ist

Wie kann Kreislaufwirtschaft im Bau ganz konkret funktionieren? Welche Materialien, Bauweisen und Planungsansätze sind bereits praxistauglich? Und was braucht es, damit zirkuläres Bauen in der Breite gelingt? Antworten darauf gab die Veranstaltung „Recycling im Hochbau“ am 15. Juli 2026 in München.

Wie genau das aussieht, sollte die Veranstaltung „Recycling im Hochbau“ zeigen, die Bayern Innovativ zusammen mit der Handwerkskammer für München und Oberbayern durchgeführt hat. Gemeinsam mit Expertinnen und Experten aus Bauwirtschaft, Planung, Politik und Innovation wurde deutlich: Die Transformation im Bau ist längst angestoßen und sie bietet große Chancen für eine ressourcenschonende, wirtschaftliche und zukunftsfähige Baupraxis. Rund 50 Teilnehmende folgten der Einladung, diskutierten engagiert mit und nahmen viele neue Impulse für die eigene Praxis mit.

Zugleich markierte die Veranstaltung den Abschluss des Interreg-Projekts RiBa, das im September 2023 gestartet ist. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse aller sieben Projektpartner aus Bayern und Österreich wird spätestens im September veröffentlicht.


RIBA - Recycling In Use wurde besonders durch die vorgestellten Praxisbeispiele veranschaulicht:

Der Landkreis Eichstätt und das regionale Bauunternehmen Martin Meier AG wagten sich erfolgreich an ein Baumaterial, das von den aktuellen Baunormen bislang noch nicht umfassend unterstützt wird: Recyclingbeton mit Gesteinskörnung aus 100 Prozent Recyclingmaterial (RC-Material). Das 2024 fertiggestellte Dienstleistungszentrum war das erste öffentliche Gebäude in Bayern, in dem Recyclingbeton in größerem Umfang eingesetzt wurde.

Das Projekt zeigt, dass Kreislaufwirtschaft auch im öffentlichen Bauen konkret umsetzbar ist. Darüber hinaus setzt das Gebäude in weiteren Bereichen auf Nachhaltigkeit. Energieeffiziente Gebäudetechnik, Photovoltaikanlagen, Wärmerückgewinnung und ein Retentionsdach mit Begrünung tragen dazu bei, den Energieverbrauch zu senken und das Mikroklima zu verbessern. Hinzu kommt die Verwendung von Produkten und Materialien aus der Region, wodurch Transportwege reduziert und lokale Stoffkreisläufe gestärkt werden. Auch die flexible Bauweise ist ein wichtiger Aspekt: Die Einteilung der Räume kann jederzeit verändert werden und macht das Gebäude langfristig anpassungsfähig.

Ein weiteres eindrucksvolles Beispiel kam vom Bauunternehmen Irrenhauser & Seitz, das in Zusammenarbeit mit dem Max Pfaffinger Architekturbüro in Alberzell eine Produktionshalle errichtet hat. Dabei wurde überwiegend Material verwendet, das direkt vor Ort verfügbar war: Abbruchmaterial aus anderen Bauwerken und Stampflehm, also verdichtete Erde als Baustoff. Aus dem Bodenaushub für die Halle wurden vor Ort 750 einzelne Stampflehm-Elemente hergestellt, getrocknet und verbaut.
So entstand nicht nur das aktuell größte Lehmbauwerk in Bayern, sondern auch ein Projekt, aus dem wertvolle Erfahrungen für das zukünftige Bauen mit Erde gewonnen werden konnten. Es zeigt, wie stark regionale Ressourcen und einfache, materialbewusste Bauweisen an Bedeutung gewinnen können. Max Pfaffinger, Inhaber eines kleinen, innovativen Ingenieurbüros aus Dachau, stellte dabei drei Fragen in den Raum: „Kann Lehm ein ernstzunehmender Ersatz für Beton im Rohbau werden?“, „Ist Lowtech eine Nische oder der kommende Standard?“ und „Müssen wir den Rückbau von Anfang an mitplanen?“ Drei Fragen, die deutlich machen, wie grundlegend sich das Bauen in den kommenden Jahren verändern könnte.

Konsequent zirkulär gedacht ist auch ein Projekt von RATISBONA, einem inhabergeführten Familienunternehmen mit Sitz in Regensburg und Projektentwickler für Handelsimmobilien. Das Unternehmen geht beim Bau von Supermärkten neue Wege, weg von der einmaligen Nutzung von Materialien, hin zu ihrer Wiederverwendung am Ende der Nutzungsdauer.
Mit dem neuen Konzept „Loop Markt“ wird dieser Ansatz in Haimhausen aktuell erstmals vollständig umgesetzt. Der Prototyp zeigt, wie sich eine ganze Reihe neuer Konzepte praktisch testen und demonstrieren lässt. Verwendet werden dabei zum Beispiel verschraubte Fundamente, rückbaubare Bodenplatten, modulare Wände, Steckverbindungen und Zellulose-Einblasdämmung. Am Ende der Lebensdauer sollen rund 90 Prozent der Materialien demontier- und trennbar sein. Auch der Außenbereich wird nach nachhaltigen Prinzipien und mit möglichst wenig Versiegelung und mehr Biodiversität gestaltet. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass das Konzept nach Unternehmensangaben gleichzeitig fünf bis sieben Prozent kostengünstiger ist als konventionell gebaute Märkte.

Wie sichtbar und greifbar Kreislaufwirtschaft im Bau bereits geworden ist, zeigt auch die Online-Innovationslandkarte der Zukunftsagentur Bau, die in den vergangenen drei Jahren im Rahmen des EU-Projekts RiBa gemeinsam mit Bayern Innovativ aufgebaut wurde. In München wurde sie von Maria Rehbogen vorgestellt. Mehr als 100 Bauprojekte und über 200 Expertinnen und Experten machen dort deutlich, dass zirkuläres Bauen längst keine Zukunftsvision mehr ist, sondern in vielen Bereichen bereits gelebte Praxis.

Die passenden Rahmenbedingungen sind das A und O

Damit zirkuläres Bauen in der Breite gelingen kann, braucht es neben guten Beispielen auch die richtigen Rahmenbedingungen. Tobias Gotthardt, Staatssekretär im Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie, eröffnete die Veranstaltung mit einem Impulsvortrag und lud zur offenen Diskussion über Hindernisse und Stolpersteine ein. Dabei unterstrich er die Bedeutung von Innovation und Zusammenarbeit für die weitere Entwicklung des Themas.
Dass zirkuläres Bauen weit mehr ist als nur der Einsatz von Recyclingmaterial, machte auch Andrea Heil von der EPEA GmbH – Part of Drees & Sommer deutlich. In ihrem Vortrag zeigte sie, dass es um ganzheitliche Denkweisen und um das Cradle-to-Cradle-Prinzip (C2C) geht – also darum, Materialien und Gebäude von Anfang an so zu planen, dass Rohstoffe in Kreisläufen geführt und möglichst wiederverwendet werden können. Dieser Ansatz beginnt bereits in der Planung und zieht sich durch alle Leistungsphasen eines Bauprojekts: von den ersten Überlegungen über die Materialauswahl bis hin zur Umsetzung. Unterstützt wird das Vorgehen inzwischen auch durch digitale Werkzeuge wie Gebäuderessourcenpässe oder Materialkataster.

Eng damit verbunden ist das Prinzip des Urban Mining, also der Ansatz, bestehende Gebäude nicht als Abfall, sondern als wertvolles Materiallager zu betrachten. Auch dieser Gedanke gewinnt im Bau zunehmend an Bedeutung.

Orientierung im komplexen rechtlichen Rahmen gab Holger Seit, Experte für Umweltrecht am Bau aus Chemnitz. Er spannte den Bogen über bestehende Normen und Regularien und bot damit zugleich eine hilfreiche Einordnung für die Praxis. Holger Seit begleitet das Projekt RiBa mit seiner fachlichen Expertise und hat gemeinsam mit der Handwerkskammer für München und Oberbayern einen Leitfaden erarbeitet, der zum Download zur Verfügung steht.

Die Veranstaltung hat deutlich gemacht, dass Kreislaufwirtschaft im Hochbau keine ferne Vision ist, sondern bereits heute in vielen Bereichen umgesetzt wird. Entscheidend sind mutige Bauherrschaften, innovative Unternehmen, geeignete Rahmenbedingungen und der Austausch zwischen Planung, Ausführung, Forschung und Politik. Genau dort, wo unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen und Erfahrungen aus der Praxis geteilt werden, kann zirkuläres Bauen weiter an Breite gewinnen.

Mit „Recycling im Hochbau“ wurde zum Abschluss des Projekts RiBa noch einmal sichtbar, wie viel bereits in Bewegung und wie groß das Potenzial für die Baupraxis in Bayern und darüber hinaus ist.
 

Kontakt

Dr. Eva Halsch
+49 911 20671-318
Innovationsnetzwerk Energie & Bau, Projektmanagerin, Bayern Innovativ GmbH, Nürnberg