Die Persönlichkeit der Innovation – Wie müssen wir sein, um zu innovieren?
ODER: Wie tickt Innovation? Die Formel der Innovationspersönlichkeit
Sie war Filmstar und Erfinderin zur selben Zeit. Er rechnete mit der Logik der Welt – bis sie ihn in den Wahnsinn trieb. Eine andere schrieb den ersten Computeralgorithmus, lange bevor es Computer gab. Eine weitere entzifferte die Gesetze der Kernspaltung, während sie vor den Nazis floh. Und dann sind da noch die, die Maschinen in Gedanken bauten oder die Grundfesten der modernen Physik legten – mit nichts als einem Blatt Papier und außergewöhnlicher Klarheit im Kopf. Hedy Lamarr, Kurt Gödel, Ada Lovelace, Lise Meitner, Nikola Tesla und Emmy Noether – sie alle veränderten, was wir über Technik, Wissenschaft und Denken wissen. Ihre Persönlichkeiten waren unterschiedlich wie Tag und Nacht. Und doch lässt sich fragen: Was haben sie gemeinsam? Was können wir von ihnen lernen? - Wie lautet die Formel für die perfekte Innovationspersönlichkeit?
Welcher Typ bin ich?
Menschen wollen dazugehören. Das ist tief in ihrer Natur verankert. Sie möchten sich einordnen. Dahinter steckt der Überlebenssinn aus dem Steinzeitalter. Damals hatten Einzelgänger weniger Überlebenschancen als Menschen in einer Gruppe. Dieser Wunsch nach Zugehörigkeit und Einordnung erklärt, warum es so viele Möglichkeiten gibt, Charaktereigenschaften, Verhaltensmuster und Geschichten von Menschen zu analysieren, um so Persönlichkeiten zu beschreiben. Schon als Jugendliche begegnen uns erste Persönlichkeitstests in Magazinen oder Online-Foren, mit Titeln wie „Welcher One Direction Sänger passt zu mir?“ oder „Bin ich bereit für die erste Beziehung?“. Auch wenn solche Tests meist nicht so ernst gemeint sind, zeigen sie: Der Wunsch, mehr über sich selbst zu erfahren und sich mit anderen zu vergleichen, beginnt früh. Später begegnet man dann wissenschaftlich fundierteren Modellen wie dem MBTI (Myers-Briggs-Typindikator), dem DISG-Modell oder dem Big-Five-Modell. Gleichzeitig gibt es unzählige nicht-wissenschaftliche Tests, die zwar populär, aber psychologisch kaum belastbar sind. Der Grund für diese Vielfalt liegt in der Komplexität des Themas: Persönlichkeit ist nicht starr, sondern bewegt sich auf Spektren. Sie ist stark von subjektiven Eindrücken, Lebensphasen und sozialen Kontexten geprägt – und lässt sich daher nicht einfach „messen“. Jedes Modell versucht, Ordnung in dieses komplexe Feld zu bringen – mit unterschiedlichen Ansätzen, Definitionen und Zielsetzungen. Doch allen gemeinsam ist das Bestreben, das menschliche Leben und Verhalten etwas greifbarer zu machen.
Die Großen Fünf
Das Big-Five-Modell gehört zu den etabliertesten Persönlichkeitsmodellen in der Psychologie. Es beschreibt individuelle Unterschiede anhand von fünf grundlegenden Persönlichkeitsdimensionen: Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus. Diese Merkmale gelten als relativ stabil über die Zeit und ermöglichen eine differenzierte Einschätzung der Persönlichkeit. Offenheit beschreibt die Neigung zu geistiger Flexibilität, Neugier und kulturellem Interesse. Gewissenhaftigkeit steht für Struktur, Selbstdisziplin und Zielstrebigkeit. Extraversion bezieht sich auf die Ausprägung von Geselligkeit, Aktivität und positiver Emotionalität. Verträglichkeit beschreibt, wie rücksichtsvoll, kooperativ und mitfühlend eine Person ist. Neurotizismus schließlich bezeichnet die emotionale Stabilität – oder eben deren Gegenteil: Wer hier hoch ausgeprägt ist, neigt zu Nervosität, Unsicherheit und Stressanfälligkeit. Die fünf Dimensionen werden meist entlang einer Skala bewertet, von „sehr niedrig“ bis „sehr hoch“, und ermöglichen so eine differenzierte Einordnung individueller Persönlichkeitsprofile. Das Modell findet Anwendung in der Persönlichkeitsdiagnostik, in der Arbeits- und Organisationspsychologie sowie in der Forschung – etwa zur Frage, wie Persönlichkeitsmerkmale mit beruflichem Erfolg, Gesundheit oder Lebenszufriedenheit zusammenhängen, oder eben mit der Innovation.
Die Großen Fünf der Großen Sechs
Nikola Tesla, Ada Lovelace, Kurt Gödel, Hedy Lamarr, Lise Meitner und Emmy Noether waren außergewöhnliche Innovatorinnen und Innovatoren, die mit ihrem Denken ihrer Zeit voraus waren. Persönlichkeitsmodelle wie die Big Five gab es damals noch nicht – ihr Charakter blieb oft nur durch Erzählungen greifbar. Doch was wäre, wenn man genau dieses Modell auf sie anwenden würde? Wo würden sich Lamarr & Co wohl verorten lassen – und was verrät das über die Persönlichkeitsdimensionen von Innovation?
| Offenheit | Gewissenhaftigkeit | Extraversion | Verträglichkeit | Neurotizismus | |
|---|---|---|---|---|---|
| Nikola Tesla | sehr hoch | mittel | sehr niedrig | niedrig | hoch |
| Kurt Gödel | sehr hoch | hoch | sehr niedrig | mittel | sehr hoch |
| Ada Lovelace | sehr hoch | mittel bis hoch | mittel | hoch | mittel |
| Hedy Lamarr | sehr hoch | mittel | hoch | mittel | mittel |
| Lise Meitner | hoch | sehr hoch | niedrig | sehr hoch | niedrig bis mittel |
| Emmy Noether | sehr hoch | hoch | mittel | mittel | mittel |
Nikola Tesla war hochkreativ und visionär, was seine sehr hohe Offenheit für Erfahrungen erklärt. Gleichzeitig lebte er extrem zurückgezogen, was auf sehr niedrige Extraversion hindeutet. Seine emotionale Instabilität, seine Obsessionen und Eigenheiten sprechen für hohen Neurotizismus. Kurt Gödel zeigt ähnliche Tendenzen: Seine brillanten logischen Theorien deuten auf hohe Offenheit und Gewissenhaftigkeit hin, während seine sozialen Ängste und Rückzugstendenzen eine sehr niedrige Extraversion und hohen Neurotizismus nahelegen. Ada Lovelace verband mathematisches Denken mit poetischer Fantasie, was ihre sehr hohe Offenheit unterstreicht. Sie war zugleich kommunikativ und offen für Kooperation, weshalb sie als extravertierter und verträglicher einzuschätzen ist. Hedy Lamarr wiederum war extrovertiert, selbstbewusst und ging unkonventionelle Wege – ihre hohe Offenheit und Extraversion ergeben sich aus ihrer Doppeltätigkeit als Schauspielerin und Erfinderin. Gleichzeitig blieb sie aber eher unabhängig und kritisch, was ihre mittlere Verträglichkeit erklärt. Lise Meitner war diszipliniert, sachlich und moralisch gefestigt. Ihre sehr hohe Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit spiegeln sich in ihrer Arbeitsethik und Teamfähigkeit, während ihre ruhige Art auf niedrige Extraversion hindeutet. Emmy Noether war humorvoll, hilfsbereit und theoretisch brillant – ihre sehr hohe Offenheit und Verträglichkeit zeigen sich in ihrer Begeisterung für abstrakte Mathematik und ihr kollegiales Verhalten.
Die Persönlichkeitsformel
Was bleibt, wenn man die Unterschiede dieser außergewöhnlichen Persönlichkeiten nebeneinanderlegt? Wenn man sich fragt, ob es trotz all der Vielfalt ein gemeinsames Muster gibt? Die Lebenswege von Tesla, Lovelace, Gödel, Lamarr, Meitner und Noether scheinen auf den ersten Blick wenig gemeinsam zu haben.
Trotz der Unterschiede in ihren Persönlichkeiten und Lebensgeschichten lässt sich ein roter Faden erkennen: Eine herausragende Offenheit – nicht nur im klassischen Sinne des Big-Five-Modells, sondern als innere Haltung. Sie waren bereit, Neues zu denken, alte Denkweisen zu hinterfragen und sich den Unsicherheiten zu stellen, die mit innovativen Ideen verbunden sind. Diese Offenheit fand sich auch in der Eigenständigkeit, die all diese Innovatorinnen und Innovatoren verband: eine Unabhängigkeit, die oft mit Widerstand, Zweifeln oder einem Gefühl der Entfremdung einherging.
Die Idee einer festen Formel für die perfekte Innovationspersönlichkeit verliert sich hier in der Vielfalt der Geschichten. Die Persönlichkeitsformel für Innovation ist keine starre Gleichung. Sie besteht aus unterschiedlichen Faktoren wie Kreativität, Mut, Intelligenz, aber auch einem gewissen Drang, mit dem System oder den Normen zu brechen. Manche dieser Merkmale scheinen nicht so ganz zusammenzupassen – und doch führen sie im richtigen Kontext zu bahnbrechenden Ideen. Viele Menschen eignen sich dafür, ihre Ideen zu etwas zu machen, woraus Großes entstehen kann. Und wer sich selbst noch nicht geeignet fühlt, kann es lernen. Doch was für eine treibende Kraft steckt noch hinter großen Innovationen? Ein entscheidender Faktor für Veränderung und Innovation ist der Wille, etwas zu verändern – sei es die Welt, das System oder einfach das eigene Leben. Doch wohin soll es sich verändern?
Weg- oder Zu-Verändern?
Ein wichtiger Anstoß für Innovation ist der Wille zur Veränderung. Wenn Menschen sich oder ihre Lebensumstände von sich aus ändern wollen, dann ist es meistens entweder eine Veränderung „hin zu“ etwas, beispielsweise zu einem neuen Beruf, den sich die Person ersehnt oder zu einem neuen Hobby. Oder wie im Fall von Gödel, hin zur absoluten Ordnung und Logik. Die andere Möglichkeit ist der Antrieb zur Veränderung „weg von“ etwas. Hierbei stört den Menschen etwas am hier und jetzt so sehr, dass sich etwas ändern muss. Dies kann zum Beispiel der Fall sein, wenn die Umstände im aktuellen Job so belastend sind, dass man es nicht mehr aushält, oder wenn man sich mit den Nachbarn so sehr streitet, dass man unbedingt umziehen möchte. Oder die Verfolgung im eigenen Land, wie bei Lise Meitner, die als Jüdin vor den Nazis in Exil floh. In diesem Fall treiben einen die negativen Umstände aus einer Situation weg. Bei der „hin zu“-Veränderung wird man eher von einem positiven Wunsch-Umstand angezogen. In der Realität fußen die meisten Veränderungen im Leben auf einer Mischung aus „weg von“ und „hin zu“. Der alte Job ist extrem stressig und bei meinem Traum-Unternehmen ist gerade eine Stelle freigeworden. Tesla wurde sowohl von der Vision hin zu einer besseren, technologisch fortschrittlicheren Welt als auch von der Frustration weg von bestehenden Energiekonzepten und die monopolistischen Strukturen der Industrie angetrieben. Er wollte eine Zukunft schaffen, in der Technologie die Welt verbessert, während er sich gleichzeitig von den Einschränkungen des bestehenden Systems befreite.
Hedy Lamarr strebte hin zu der Möglichkeit, ihre intellektuellen Fähigkeiten als Erfinderin zu entfalten, während sie sich weg von den engen, stereotypen Hollywood-Rollen befreien wollte, die sie als Schauspielerin einschränkten. Ihr Drang, mehr zu sein als nur das Film Idol, führte sie zu bahnbrechenden Erfindungen in der Kommunikationstechnologie.
Innovation beginnt mit Offenheit
Eine klare Formel für die perfekte Innovationspersönlichkeit gibt es nicht – und genau darin liegt ihre Stärke. Innovation entsteht nicht aus einem festgelegten Charaktertyp, sondern aus einer individuellen Mischung aus Kreativität, Wissen, Neugier und persönlichen Erfahrungen. Kreativität ist dabei die Grundlage – aber sie zeigt sich in vielen Formen: logisch, praktisch, abstrakt oder künstlerisch. Jeder Mensch ist kreativ, nur eben auf die eigene Art und Weise. Auch äußere Umstände können Innovation auslösen: Manche werden durch eine „hin zu“-Veränderung angetrieben – sie wollen auf etwas Neues, Besseres zugehen. Andere treibt der Druck, sich aus belastenden Situationen zu lösen – eine „weg von“-Bewegung. Innovation kann in beiden Fällen entstehen. Ob Hedy Lamarr, die aus der Enge ihrer Rolle als Schauspielerin ausbrach, ob Kurt Gödel, der sich in die Welt der reinen Logik zurückzog, oder Ada Lovelace, die visionär Mathematik und Maschinen zusammendachte – sie alle hatten völlig unterschiedliche Persönlichkeiten. Emmy Noether war kooperativ und theoretisch brillant, Lise Meitner zurückhaltend und moralisch standhaft, Nikola Tesla ein exzentrischer Einzelgänger. Was sie verbindet, ist nicht ein gemeinsames Persönlichkeitsprofil, sondern eine einzige Konstante: ihre Offenheit. Offenheit gegenüber neuen Gedanken, gegenüber Veränderungen, gegenüber dem Unbekannten. Vielleicht ist genau sie der stärkste Faktor in der Formel für Innovation – zusammen mit dem Mut, ihr zu folgen.