Nachhaltige Innovationen auf der Überholspur

10.01.2023

Wir leben in einer Zeit, in der nachhaltige Innovationen gefragter sind denn je. Es braucht Kreativität und neues Denken für neue Lösungen. Ein solches neues Denken liefert z. B. frugale Innovation. Hier lautet das Motto: Do more and better with less. Was genau dahinter steckt und wie Unternehmen frugal an Innovationen herangehen, darüber berichtet Dr. Petra Blumenroth, Projektmanagerin bei Bayern Innovativ und Expertin für Frugale Innovation und Nachhaltigkeit. 

Kannst Du kurz beschreiben, was frugales Innovieren bedeutet?

Dr. Petra Blumenroth: Zunächst geht es darum, eine Herausforderung oder einen spezifischen Bedarf zu analysieren und die Kundin oder den Kunden sowie die Zielgruppe wirklich einzubeziehen, einschließlich der Nutzungsgewohnheiten. Bei der Lösungsfindung gilt es dann die möglichen Produkte (meistens sind es Produkte) aber auch Lösungen oder Services, einmal anders zu denken. Also weg von den Standardlösungen, die man vielleicht im Hinterkopf hat. Darum beschäftigt man sich zuallererst sehr intensiv mit der Problemstellung und dann heruntergebrochen auf die tatsächlich benötigten Funktionen, also wirklich die ganz wichtigen Kernfunktionen. Zudem lässt man jeden Schnickschnack oder nice-to-have Dinge weg. Trotzdem muss man eine gute Performance und eine hohe Funktionalität gewährleisten. Es sollen keine Billigprodukte sein, die dann vielleicht auch schnell wieder kaputt gehen. Die Produkte sollen einen Mehrwert für die Kunden schaffen und on top muss alles noch einfach und günstig in der Anwendung sein. Das ist eine echte Herausforderung.

Hast Du ein Beispiel, wo das sehr gut gelungen ist?

Dr. Petra Blumenroth: Im Bereich Medizintechnik gibt es einiges, weil das natürlich etwas ist, was viele Menschen betrifft oder auch bewegt. Ein schönes und auch klassisches Beispiel ist der Embrace Infant Warmer, also ein textiler Inkubator für Frühchen. Es gibt weltweit ca. 20 Millionen Frühgeborene jedes Jahr und viele davon werden in Ländern ohne grundlegende medizinische Versorgung geboren. Frühgeborene leiden häufig an Hypothermie, d. h. sie können ihre Körpertemperatur nicht selbst regeln und darum muss man sie in einen Inkubator legen. Der Standard-Inkubator, wie wir ihn in den Industrieländern kennen, kostet circa 20.000 Euro und das ist für manche Länder eben auch nicht leistbar. Dann werden die Kinder eventuell auf Wärmflaschen oder neben Öfen gelegt, was natürlich äußerst gefährlich ist.
Die Lösung sieht aus wie ein kleiner Schlafsack und bedient dabei die wichtigsten frugalen Kriterien. Er ist günstig und kostet nur ungefähr ein Prozent des Standard-Inkubators. Zudem ist er einfach sowie sicher und intuitiv bedienbar, da man das Kind einfach nur reinlegt. Ein sehr großer Vorteil ist, dass es ein Schlafsack ist, damit erfüllt er gleichzeitig auch eine gute Funktionalität und Performance, da er einfach tragbar ist. Somit kann das Baby von der Bezugsperson in den Arm genommen werden und muss nicht in so einem Kasten liegen, was ja wichtig ist in den frühen Phasen. Effektiv ist der Schlafsack auch und da ist ein Phase Change Material verarbeitet, d. h., es steuert die Temperatur auf eine ganz einfache Art. Man kennt vielleicht diese Taschenwärmer für die Hände. Das ist auch so ein Material, was dann reguliert, dass es nicht zu heiß wird, aber auch nicht zu kalt. Dieser Schlafsack steuert so die Temperatur und das Ganze ist auch noch robust und langlebig und hygienisch, weil dieser Schlafsack auch abwaschbar ist.
Also das ist jetzt nur ein Beispiel aus der Medizintechnik. Da gibt es noch ganz viele andere großartige Beispiele, wie kleine tragbare Ultraschallgeräte oder eine spezielle App, mit der man Augenuntersuchungen machen kann.

Hast Du noch ein anderes Beispiel?

Dr. Petra Blumenroth: Ja, natürlich. Mittlerweile ist die Digitalisierung meistens der Treiber, weil man mit Digitalisierung die Produkte überspringen kann und gleich in die Lösung oder in den Service reingehen kann. Und diese hilft enorm bei einer anderen Herausforderung, die auch wieder in Entwicklungs- und Schwellenländern zu finden ist, besonders in den ländlichen Regionen. Dort gibt es kaum oder viel weniger Banken, also Bankfilialen und viele Menschen haben auch kein Bankkonto. Aber sie haben natürlich trotzdem den Bedarf, dass sie Geld an die Familie überweisen, die Arbeitgebenden Geld überweisen oder dass sie andere Geldgeschäfte machen können. Da stellt sich die Frage, wie kann man das anders gestalten? Die Lösung lautet nicht, dass man neue Bankfilialen baut, sondern dass man umdenkt und das Geld quasi mobil macht. Und dieser Trend Mobile Money, der funktioniert ganz einfach über SMS. Man braucht nicht einmal ein Smartphone, es reicht sogar ein einfaches Handy. Da kann man über bestimmte SMS-Codes und PIN-Codes, also Zahlencodes, Überweisungen, Auszahlungen oder Gehaltszahlungen machen. Diese Services laufen über autorisierte Agenten, man kann also einfach an einen Kiosk, Tankstelle oder Supermarkt hingehen. Über diese PIN wird das abgeglichen und dann kann man Geld abholen oder einzahlen. Das ist sehr komfortabel, da es nicht an eine Örtlichkeit gebunden ist.
Das erste System dieser Art besteht bereits seit 2007 in Kenia. Das ist M-PESA, also M für mobile und Pesa ist Suaheli für Geld. Und das ist großartig, weil es die Teilhabe vieler Menschen fördert, überhaupt an Geldtransfers teilzunehmen. Heute hat es allein schon in sieben Ländern in Afrika über 51 Millionen Kunden. Es gibt mittlerweile auch andere Mitbewerbende und das Transaktionsvolumen beträgt sagenhafte 314 Milliarden US-Dollar jährlich, die nur über diese SMS-Varianten ausgetauscht werden. 

"Frugale Innovationen bedeuten nicht Verzicht. Vielmehr geht es um die Frage: Was benötige ich wirklich und was bedeutet mein Impact für die Nachhaltigkeit?"

Dr. Petra Blumenroth
Projektmanagerin Technologie I Frugale Innovation, Bayern Innovativ GmbH, Nürnberg

Was fasziniert Dich speziell an frugalem Innovieren?

Dr. Petra Blumenroth: Dieses um die Ecke Denken, die Lösungen offen und neu von vorne zu denken und auch die Kreativität, die hinter den Entwicklungen steckt und die cleveren Lösungen, die sich finden lassen. Oft ist es weit weg von den over-engineerten Hightech-Anwendungen, die auch ihre Berechtigung haben und die wir natürlich auch brauchen. Aber häufig, sind es einfache Dinge, die Menschen weiterhelfen und da etwas maßgeschneidert zu entwickeln und wirklich relevante Lösungen anbieten zu können, das finde ich sehr spannend.
Ein weiterer Aspekt bei frugal ist der Ansatz, dass man vorhandene Ressourcen nutzt und sieht, was kann man daraus machen oder was lässt sich entwickeln. Das trifft ziemlich genau das Stichwort: Not macht erfinderisch. Und das ist auch grob die Übersetzung für „Jugaad“. „Jugaad“ ist ein Hindi-Wort und bedeutet smarte Lösungen zu finden mit dem, was da ist und gilt als Vorläufer von frugalen Innovationen. Aber eher auf dem informellen Sektor, dass ich mir etwas im Privatbereich zusammenbastle, damit ich irgendeine Herausforderung, die ich gerade habe, löse, aber nichts, was im Businesskontext vermarktbar wäre. Und das ist dann sozusagen die Weiterentwicklung in die frugalen Innovationen hinein.
Frugale Innovationen sind auch vor dem Hintergrund der globalen Ressourcenknappheit ein Thema. Und bei steigenden Kosten etwas anzubieten, um Bedürfnisse zu befriedigen, finde ich eine sehr wichtige Sache. Ich spreche auch ungern von Verzicht, sondern denke immer eher das Argument der Suffizienz: Also was benötige ich wirklich und was bedeutet mein Impact für die Nachhaltigkeit?

Du hast die Studie „Innovationen nachhaltig gestalten. Trendradar Frugale Innovation“ geschrieben. Kannst Du uns einen kurzen Sneak Peek geben?

Dr. Petra Blumenroth: Im Vorfeld habe ich 30 Trends aus acht Megatrends identifiziert und anhand von vier Kriterien von Experten bewerten lassen. Bei der Bewertung sind dann drei Top-Trends mit dem höchsten Potenzial für frugale Innovationen rausgekommen.

1. Top-Trend: Circular Economy

Die Circular Economy hat das höchste Marktpotenzial bekommen. Circular Economy ist mittlerweile auch in aller Munde, und heißt, wir müssen Ressourcen einsparen, indem wir sie möglichst weiterverwenden. Und frugale Innovation kommt ja auch aus dem Ressourcenmangel. Es ist ideal, mit dem Vorhandenen zu arbeiten, Überflüssiges wegzulassen. Und Nutzen statt Besitzen ist im Moment auch ein großer Trend. Man schafft also langlebige und robuste Lösungen und kann auch modulare Systeme nutzen. Und diese Ressourcen-Optimierung und das Bedienen der drei Nachhaltigkeitssäulen, soziale Gleichheit, wirtschaftlicher Wohlstand und Umweltqualität ist damit auch ein Merkmal für frugale Innovationen. Also es bedingt sich gegenseitig: Einerseits ist Nachhaltigkeit ein Treiber für frugale Innovationen, andererseits können frugale Innovationen auch die Nachhaltigkeit befeuern.

2. Top-Trend: Bevölkerungswachstum

Der zweite Trend, den wir identifiziert haben, ist das Bevölkerungswachstum. In diesem Kontext ist es ein Treiber für frugale Innovation, denn wir haben ja weiterhin steigende Bevölkerungszahlen. Momentan sind wir bei knapp acht Milliarden und bis 2050 werden zehn Milliarden Menschen prognostiziert. Das ist eine große Herausforderung, denn wir wirtschaften heutzutage schon über die planetaren Grenzen hinweg. Der Earth Overshoot Day ist mittlerweile Mitte des Jahres, je nachdem, welches Land man betrachtet und die Nachfrage an Gütern steigt entsprechend. Und hier können frugale Innovationen eine Möglichkeit sein, diese steigenden und grundlegenden Bedürfnisse auch zufrieden zu stellen, gleichzeitig aber ohne mehr Ressourcen zu verbrauchen als notwendig.
Und auch hier kommt jetzt wieder die Digitalisierung als Enabling-Technologie ins Spiel, denn wir können mit ihr zum Teil ganze Produktionsprozesse überspringen und somit gleich in digitale Lösungen und Services eintreten. Das sogenannte Leap-Frogging ist, wenn man Technologien gleich komplett überspringt. Und so kann man mit der Digitalisierung als Treiber für frugale Innovationen auch dem Problem entgegnen, was das Bevölkerungswachstum mit sich bringt.
Wir haben zwar viel über Entwicklungsländer gesprochen, aber natürlich sind auch die Industriestaaten betroffen. Es gibt eine Nachverdichtung von Städten, oder diese wird nötig sein, wenn mehr Menschen Raum suchen. Das hat dann auch wieder Auswirkungen, so dass man sich fragt: Wie bringt man die Leute unter? Gibt es einen Trend Tiny House? Braucht jeder ein Auto oder hilft hier die Shared Mobility. Wie kann Vertical Farming die Ernährungssicherung gewährleisten? Das sind alles Dinge, die beim Bevölkerungswachstum mit reinspielen und denen man zum Teil mit frugalen Innovationen begegnen könnte.

3. Top-Trend: Start-up Kultur

Als dritter und letzter Trend sei die Start-up Kultur genannt. Das sehe ich so als Enabler-Trend, wie Start-ups arbeiten. Die sind sehr agil, haben einen großen Erfindungsreichtum und in ihrer Gründung adressieren sie mit ihrem Geschäftsmodell schon Problemlösungen. Und meistens gibt es in der frühen Phase von einem Start-up noch keine festgefahrene Unternehmenskultur, die dann umgebrochen werden muss, um frugal zu innovieren. Ich denke, die sind flexibel genug, um frugale Ansätze mitzudenken und können auch ihre Wertschöpfungsketten natürlich neu aufbauen und etablierte Strukturen und Prozesse müssen nicht erst umgestellt werden. 

Werden die meisten frugalen Innovationen von Start-ups auf den Markt gebracht?

Dr. Petra Blumenroth: Von Start-ups hört man öfter was und kann dann sagen „Oh, das geht ja in Richtung frugale Innovation.“ Bei etablierten Unternehmen ist es häufig so, dass sie vielleicht im Ausland mit frugalen Ansätzen unterwegs sind. Das kriegt man vielleicht nicht unbedingt mit. Da spielt auch mit rein – das ist jetzt ein negativer Aspekt, der gerne genannt wird bei frugalen Innovationen – dass das die Marke kaputt macht, was natürlich so nicht unbedingt stimmt, es kommt darauf an, wie ich es verkaufe. Es gibt auch große Konzerne, die mit frugalen Innovationen schon sehr erfolgreich sind. Da sind es dann meistens Einsteigermodelle oder wirklich speziell auf das Land zugeschnittene Produkte. Bei den etablierten Unternehmen oder auch bei Konzernen ist es so, dass eine frugale Innovation nicht unbedingt immer ein neues Produkt ist, das ganz neu auf dem Markt ist. Ich kann auch innerhalb meiner eigenen Wertschöpfungskette und in meinem eigenen Produktportfolio bestimmte Teile frugaler denken und abändern. Das kriege ich als Betrachter außen so nicht mit, denn das wird natürlich keiner an die große Glocke hängen. Das ist dann für das Unternehmen gut, weil sie vielleicht Kosten einsparen können und das Produkt einfach besser für die Anforderungen passt.

Welche Tipps gibst Du KMU, wenn sie mit frugalen Innovationen starten möchten?

Dr. Petra Blumenroth: Natürlich ist es wichtig als Unternehmen erst einmal einen neuen Markt zu identifizieren, wie es bei anderen Innovationen auch der Fall ist. Danach sind folgende vier Schritte maßgeblich.

1. Keep it simple

Mach es einfach. Ich hatte schon erwähnt, diese Konzentration auf die benötigten Kernfunktionen, also was wird tatsächlich benötigt? Und es werden dann solche Merkmale ausgewählt, die für die Anwendenden eine große Bedeutung haben und deren Berücksichtigung aber nicht zu teuer ist und die der Nutzende auch klar versteht und auch braucht. Und es muss gut genug sein und einfach, anstatt perfekt und optimal. Also der Fokus liegt nicht auf nice-to-have Attribute. Durch diese reduzierte Komplexität steigt dann auch die Anwenderfreundlichkeit.

2. Kreiere nachhaltige Lösungen

Die Lösungen sollen nachhaltig sein, sowohl ökologisch als auch zeitlich gesehen, also langfristig bestehen. Diese geringe Komplexität spart auch Ressourcen und macht das Produkt dann auch robuster, weniger reparaturanfällig und langlebiger. Und eine Option ist dabei etwa, dass man Produkte modular aufbaut, da spart man sich auch viel Material. Oder dass man Elemente, die man hat, auch neu kombiniert und neu zusammendenkt.

3. Schaffe eine erschwingliche Exzellenz

Affordable excellence heißt es im Englischen. Es bedeutet, ich mache mir Gedanken oder muss mir Gedanken machen als Unternehmen: Was ist der Kunde bereit bzw. auch fähig, in dem jeweiligen Kontext, in dem er das Produkt nutzen will, zu bezahlen? Also das kann auch ein teures Produkt sein, aber dann hat es eben auch einen entsprechenden Mehrwert für den Kunden. Durch das Weglassen der nicht benötigten Funktionen, nicht benötigter Schalter oder anderer Eigenschaften, lassen sich die Kosten sowieso substanziell reduzieren. Und das können dann z. B. so Einsteigermodelle bei verschiedenen Geräten sein.

4. Do more with less

Das ist auch das Gesamtmotto. Also schaffe Mehrwert mit weniger, mit weniger Aufwand, mit weniger Material und somit letztendlich mit weniger Kosten. Die optimierten Lösungen, die einen Mehrwert für den Anwendenden bieten, müssen auch funktionell und technologisch ausgereift sein, denn sonst bringt es auch nicht mehr. Die Kundschaft will zusammengefasst was Gutes, was Passendes und was Nachhaltiges. Und ich möchte hier hervorheben, dass es nicht nur um die Bedarfe in den Entwicklungsländern geht. Da gibt es zwar viele augenscheinlichere Bedarfe, aber es geht auch darum, sich mit den mehrenden Herausforderungen in den Industriestaaten zu befassen und diese zu adressieren. Dazu zählen u. a. eine alternde Bevölkerung mit spezifischen oder speziellen Bedürfnissen, ein Anstieg von finanziellen Belastungen und vielleicht auch Techniküberdruss und andere Tendenzen, das sollte man auch mitdenken. 

Das Interview führte Dr. Tanja Jovanovic, Leiterin Technologie- und Innovationsmanagement bei der Bayern Innovativ GmbH. 

Länge der Audiodatei: 00:22:05 (hh:mm:ss)

How to innovate: Mehr-Wert mit frugalen Innovationen (14.11.2022)

Nachhaltige Innovationen sind gefragter denn je. Aber es braucht Kreativität und neues Denken für neue Lösungen, wie z. B. frugale Innovationen . Mehr erfahren Sie im Interview mit Dr. Petra Blumenroth und in unserer neuen Studie!

Lesen Sie hier unsere Studie zu frugalen Innovationen!

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