Ausblick in die Zukunft: Was muss die Fahrzeug- und Zulieferindustrie loslassen, um wettbewerbsfähig zu bleiben?
28.04.2026
Wir leben in einer Welt von immer schneller aufeinander folgenden Herausforderungen und Krisen und stehen als Industrienation unter starkem Druck, uns gegenüber Ländern und Unternehmen im Wettbewerb zu behaupten. International agierende Konzerne können durch Verlagerungen an Standorte mit attraktivem Umfeld reagieren, wohingegen kleine und mittlere Unternehmen dies als Teil eines ausdifferenzierten Zulieferernetzwerks in der Regel nicht können. Dennoch haben wir als Industrienation auch einiges zu bieten: Wir können auf unsere Stärken, Alleinstellungen und Werte vertrauen. Und nicht nur vertrauen, sondern auch darauf aufbauen. Sowohl als Unternehmen wie auch als Volkswirtschaft. Das sollte sich die Fahrzeug- und Zulieferindustrie zunutze machen.
Wo steht die Fahrzeug- und Zulieferindustrie im Freistaat Bayern?
Rund 10 % der Unternehmen der Fahrzeug- und Zulieferindustrie in Bayern sind in Geschäftsfeldern aktiv, die durch die Transformation bedroht sind. Verglichen mit der gesamten Fahrzeug- und Zulieferindustrie in Bayern sind dies insbesondere Großunternehmen sowie mittlere Unternehmen mit mindestens 250 Beschäftigten. Bayernweit gibt es ungefähr 450.000 Beschäftigte in der Fahrzeug- und Zulieferindustrie. Davon entfallen rund 29 % auf KMU und mittlere Unternehmen mit bis zu 749 Beschäftigten. Mit rund 196.000 überwiegt die Anzahl der Beschäftigten (44 %) bei Unternehmen in Chancenfeldern - diese sind überwiegend im Bereich Materialien, Fahrzeugbau und Produktion zu finden - leicht gegenüber den Unternehmen im bedrohten Geschäftsfeld mit rund 179.000 (40 %). Es gibt zwischen den Regionen in Bayern deutliche Unterschiede hinsichtlich der angesiedelten Unternehmen und der jeweiligen Produktportfolios sowie der Beschäftigungsstruktur und der Tätigkeiten in Chancenfeldern und im bedrohten Geschäftsfeld.
Strategie des „last man standing“
Viele Unternehmen reagieren und agieren, indem sie Kosten optimieren, Produktion und Personal am Standort abbauen und Tätigkeiten ins Ausland verlagern. Manche Unternehmen verfolgen, geplant oder ungeplant, eine Strategie des „last man standing“ und fertigen Produkte, so lange es eben geht, und verzichten darauf, vorwärtsgewandt neue Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle zu entwickeln. Dies mag aus betrieblicher Sicht zwingend, vielleicht sogar alternativlos sein.
Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist das aber bedenklich. Wenn nicht, wie seit Jahrzehnten gehandhabt, Produkte erst im Inland entwickelt, produziert und erst später ins Ausland verlagert werden, sondern direkt im Ausland entwickelt und dort von Anfang an auch produziert werden, verliert eine Volkswirtschaft - wie die von Deutschland und insbesondere Bayern Wertschöpfung, Industriearbeitsplätze und Innovationsdynamik und vor allem Zukunftsperspektiven.
Wandel hat es immer schon gegeben, heißt es. Schon Joseph Schumpeter hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts die „Schöpferische Zerstörung“ als Motor wirtschaftlicher Entwicklung beschrieben. Alles normal also? Was, wenn nicht? Was, wenn die bisherigen Denkmuster und Verhaltensweisen sowie ein gesamtgesellschaftliches Innovationssystem nicht mehr für neue und vielfältige Herausforderungen passen sollten? Das heißt nicht, dass irgendjemand irgendwas falsch gemacht hat, es heißt nur, dass man als Unternehmen, als Politiker und als Gesellschaft kritisch beobachten und offen für Neues sein sollte.
Freiraum für Neues schaffen
Wie kann ein Unternehmen stark bleiben, seinen Wert bewahren oder gar steigern, wie kann es die eigenen Stärken zur Entfaltung bringen, attraktiv für die kreativen Köpfe im Unternehmen bleiben und wie kann es in turbulenten Zeiten den Betriebsfrieden wahren?
Grundsätzlich ist es wichtig, als Unternehmen bewusst Perspektiven, Potenziale und Alleinstellungen zu formulieren. Dies kann auch bedeuten, sich von Technologien, Märkten oder Produkten zu trennen, wenn das Freiraum für „Neues“ schafft – Neues bedeutet vor allem, Technologien schneller einzuführen und konsequent zu nutzen. In einer Arbeitswelt mit automatisierter Produktion und KI-gestützten Prozessen bleibt der Mensch zentral. Deshalb ist es wichtig, Mitarbeitende bewusst einzubeziehen, ihre Erfahrung und ihr Wissen zu nutzen und sie auf zukünftige Aufgaben vorzubereiten. So werden die Stärken und Potenziale des Unternehmens gezielt eingesetzt und weiterentwickelt.
Die einseitige Fokussierung auf Technologie und Technik reicht nicht aus, um das Tempo bei Innovations- und Transformationsprozessen zu steigern. Vielmehr sollten Unternehmen das Wissen der Beschäftigten nutzen und sie über betriebliche Partizipations- oder gar Mitbestimmungsformate einbinden. Dabei steigert eine bewusste und aufwertende Gestaltung der Arbeitssysteme, die betriebliche Innovationsdynamik sowie die betriebsinterne und die gesellschaftliche Akzeptanz und Attraktivität.
Am Ende erfolgreicher Transformationsprozesse steht dann ein stabiles und profitables Unternehmen, das dank hoher Innovationsdynamik kurze time-to-market-Zyklen hat. Es ist dank agiler und moderner Strukturen resilient gegen Verwerfungen in den Märkten, wobei die Belegschaften aufgrund eigenständiger und qualifizierter Entscheidungen substanziellen Anteil haben. Das Unternehmen ist attraktiv für Bewerberinnen und Bewerber und ist von hoher Identifikation der Belegschaften mit dem Unternehmen geprägt.
Ein beeindruckendes Beispiel für eine bewusste Umorientierung ist die Firma Weber GmbH in Aschaffenburg. Seit der Gründung 1979 hat das mittelständische Unternehmen konsequent sein Tätigkeitsspektrum erweitert und bspw. Automationslösungen, Engineering und Testing angeboten. Ein starker Schwerpunkt war die Automobilindustrie. Im Zuge der tiefgreifenden Transformation dieser Branche sind die Firma Weber GmbH und die Hensel Recycling GmbH eine Partnerschaft eingegangen, womit das in der Automotive-Branche entwickelte Know-how für die Kreislaufwirtschaft und das Edelmetallrecycling genutzt werden soll.
Zielbild für die Fahrzeug- und Zulieferindustrie in Bayern im Jahr 2035
Im Rahmen des Projekts transform.by, das das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie zur Unterstützung der bayerischen Fahrzeug- und Zulieferindustrie fördert, ist aus intensiven Beteiligungsprozessen ein klares Zielbild für KMU entstanden:
Dieses zeigt aus der Perspektive des Jahres 2035, was erreicht wurde und wie die Erkenntnisse und Aktivitäten des Projekts dazu beigetragen haben. Es dient weiterhin als Orientierung, um konkrete Angebote weiterzuentwickeln, integrierte Lösungen zu gestalten und neue, zukunftsweisende Projekte anzustoßen.
Jetzt das Zielbild für die Fahrzeug- und Zulieferindustrie in Bayern im Jahr 2035 kostenfrei herunterladen
Finden Sie unter folgendem Link weitere Studien, Strategie- und Planungsdokumente im Rahmen von transform.by
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