Stromversorgung als entscheidender Standortfaktor für Rechenzentren
Steigende Leistungsanforderungen und begrenzte Netzkapazitäten führen dazu, dass Betreiber verstärkt auf dezentrale Kraftwerkslösungen und flexible Energieversorgungskonzepte setzen.
29.10.2026
Quelle: E & M powernews
Der Boom von KI und Cloud-Diensten erhöht den Strombedarf von Rechenzentren. Daher werden Motorenkraftwerke immer häufiger installiert.
Der Ausbau von KI-Anwendungen und Cloud-Diensten lässt den Strombedarf von Rechenzentren steigen. Zugleich begrenzen fehlende Netzkapazitäten an vielen Standorten das Wachstum. Motorenhersteller wie Everllence registrieren deshalb eine steigende Nachfrage nach dezentralen Kraftwerkslösungen. „Inzwischen entfällt ein Großteil des Auftragseingangs bei uns im Kraftwerksgeschäft auf Projekte für Rechenzentren“, sagt Alexander Stöckler, Head of Sales Power bei Everllence, im Gespräch mit der Redaktion.
Der Markt für Stromversorgungslösungen von Rechenzentren hat sich damit weltweit nach Einschätzung des Augsburger Motorenherstellers (ehemals MAN Energy Solutions) innerhalb weniger Jahre verändert. Das Unternehmen beobachtet seit rund drei Jahren einen Anstieg solcher Anfragen. Inzwischen betreffen nach Angaben von Stöckler drei von fünf Anfragen im betrachteten Geschäftsumfeld Rechenzentren.
„Der Markt hat eine hohe Dynamik entwickelt“, sagt Stöckler. „Die Nachfragen kommen derzeit vor allem aus Nordamerika sowie aus Teilen von Europa und seit Kurzem sehen wir auch Anfragen aus der APAC-Region.“
Hinter den Projekten stehen häufig Datacenter-Developer, die Standorte für Hyperscaler entwickeln. Die späteren Nutzer treten gegenüber den Kraftwerkslieferanten deshalb nicht zwangsläufig selbst auf. Stöckler nennt im Gespräch insbesondere die großen Anbieter von Cloud- und IT-Diensten. Sie seien die größten Treiber der Entwicklung. „Neben dem Ausbau von Cloud-Kapazitäten erhöht vor allem die Verbreitung von KI-Anwendungen den Leistungsbedarf der Rechenzentren“, erklärt er die aktuelle Entwicklung.
Netzanschluss wird zum Engpass
Entscheidend für den Kraftwerksmarkt ist jedoch nicht allein der steigende Stromverbrauch. In nicht wenigen Regionen könnten die Stromnetze mit dem Tempo beim Ausbau der Rechenzentren schlichtweg nicht Schritt halten. Das betreffe besonders die USA, erläutert Stöckler. Neue Rechenzentren würden dort teilweise ohne ausreichenden Netzanschluss geplant, weil die vorhandene Infrastruktur die zusätzlichen Lasten nicht kurzfristig aufnehmen könne. Betreiber und Entwickler müssten daher eigene Erzeugungskapazitäten errichten, wenn sie ihre Projekte ohne langjährige Verzögerungen in Betrieb nehmen wollen.
Damit verändert sich auch der Markt für Motoren und Anlagentechnik. „Traditionell kamen für große Leistungsblöcke vor allem Gasturbinen infrage. Mit dem Ausbau der Rechenzentren gewinnen jedoch Motorenkraftwerke an Bedeutung“, so Stöckler.
„Ein Grund liegt in der Skalierbarkeit: Statt die gesamte Kraftwerksleistung in einem Block bereitzustellen, lassen sich einzelne Motoren abhängig vom aktuellen Leistungsbedarf zu- oder abschalten.“
Besonders ausgeprägt ist der Bedarf derzeit in den USA. Stöckler verweist auf strukturelle Unterschiede zwischen dem deutschen und dem US-amerikanischen Stromsystem. Insbesondere US-Bundesstaaten wie Texas verfügen über ein weitgehend eigenständiges Stromnetz. Zusätzliche Lasten durch Rechenzentren treffen dort auf ein System, dessen Austauschmöglichkeiten mit anderen Regionen begrenzt sind. Für Entwickler großer Rechenzentren steigt damit der Anreiz, die Stromversorgung zumindest teilweise unabhängig vom öffentlichen Netz auszulegen.
In Deutschland zeigt sich bislang eine andere Entwicklung. Eine von Everllence durchgeführte Marktanalyse komme zu dem Ergebnis, dass es zwar eine „größere Zahl von Rechenzentren gibt, viele davon jedoch vergleichsweise kleine Leistungen von etwa 10 MW aufweisen“, erklärt Stöckler die Situation auf dem Heimatmarkt. Großprojekte nach dem Muster der derzeit in Nordamerika entwickelten Standorte bleiben dagegen die Ausnahme.
„Everllence erhält zwar auch für Deutschland Anfragen“, erzählt Stöckler im Gespräch, „aber hierzulande gibt es bislang keine mit Nordamerika vergleichbare Marktdynamik.“ Als Hemmnisse nennt er Genehmigungsverfahren und die Akzeptanz großer Infrastrukturprojekte. Bei Rechenzentren kommen Fragen des Wasserverbrauchs für die Kühlung sowie der Flächennutzung hinzu. Diese Konflikte beschränken sich allerdings nicht auf Deutschland. Auch in den USA stoßen neue Rechenzentren nach seinen Angaben in dichter besiedelten Regionen zunehmend auf Widerstand.
Autorin: Heidi Roider
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