Die Energie der Sterne braucht Pioniere

Im Inneren der Versuchsanlagen glüht Plasma. Und das heißer als das Zentrum der Sonne. Eingeschlossen wird es von gewaltigen Magnetfeldern. Das Ziel: die Energie der Sterne auf die Erde zu holen. Und daran wird mitten in Bayern, nahe München, geforscht und gearbeitet. Am Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) in Garching schaffen Forschende die Grundlage für künftige Fusionskraftwerke. Und die Dynamik hat sich in den letzten Monaten hier massiv verändert. Sichtbar war das auf der jüngsten FusionX: Global 2026 im Februar. Aus Forschung wird Industrie: Kooperationen entstehen, Kapitalgeber investieren und erste Reaktoren sind bereits für die 2030er-Jahre geplant. Damit dieser Aufbruch gelingt, braucht es Tempo, Klarheit und Menschen mit Pioniergeist.

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Sibylle Günter, Wissenschaftliche Direktorin des IPP. 

Am Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) in Garching wird mit der Versuchsanlage ASDEX Upgrade eine der wichtigsten Tokamak-Anlagen Europas betrieben. Die Experimente bereiten den Betrieb der nächsten Generation von Fusionsanlagen wie ITER in Südfrankreich vor. Am IPP entstehen zudem zentrale Grundlagen für künftige Fusionskraftwerke: von Materialforschung bis zu theoretischen Modellen. Gleichzeitig entwickelt sich der Großraum München zu einem Hotspot der Fusionsindustrie. Drei der vier deutschen Fusionsunternehmen sitzen hier. 

Frau Prof. Dr. Günter, welche Rolle spielt das IPP heute im Austausch mit Start-ups und Industrieunternehmen, die kommerzielle Fusionsanlagen entwickeln?

Prof. Dr. Sibylle Günter: Das IPP ist ein gefragter Partner der Fusionsindustrie. In enger Zusammenarbeit mit führenden Unternehmen engagieren wir uns in gemeinsamen Projekten – in Deutschland etwa mit Proxima Fusion und Gauss Fusion, in den USA unter anderem mit Commonwealth Fusion Systems. 

Was braucht es aus Ihrer Sicht, um den Schritt von der Forschung in die industrielle Praxis erfolgreich zu schaffen?

Prof. Dr. Sibylle Günter: Neben der Zusammenarbeit zwischen öffentlicher Forschung und Unternehmen brauchen wir die richtigen Rahmenbedingungen. Erstens muss über die kommenden zwei Jahrzehnte mehr Geld als bisher investiert werden, um das Tempo zu erhöhen. Zweitens müssen wir rechtliche Rahmenbedingungen schaffen, die es ermöglichen, Fusionskraftwerke zügig zu bauen. Die strengen Regeln für Kernspaltungskraftwerke passen nicht, weil dort die Risiken erheblich größer sind. Und drittens müssen wir mehr spezialisierte Physiker und Ingenieure an den Universitäten ausbilden.

Ist Bayern beziehungsweise Deutschland heute bereits einer der führenden Standorte für Fusion, sowohl in der Wissenschaft als auch in der industriellen Umsetzung?

Prof. Dr. Sibylle Günter: Deutschland gehört zu den führenden Nationen, wenn es um Magnetfusion geht, die wir an unserem Institut verfolgen. Mit unserem Stellarator Wendelstein 7-X sind wir sogar alleiniger Spitzenreiter. Die industrielle Umsetzung zieht gerade massiv an, da deutsche Fusionsunternehmen dieses Know-how jetzt nutzen.

Welche technologischen Meilensteine müssen in den kommenden Jahren erreicht werden, damit kommerzielle Anlagen realistisch werden?

Prof. Dr. Sibylle Günter: Für den Stellarator-Pfad, den wir in Deutschland verfolgen, geht es darum, die sehr guten Ergebnisse von Wendelstein 7-X zu reaktor-relevanten Parametern zu skalieren. Dazu verfolgen wir den Bau einer Stellarator-Anlage der nächsten Generation. Ein Vorschlag dazu ist der Bau der Anlage „Alpha“ gemeinsam mit dem Start-up Proxima Fusion in der Nähe unseres Instituts in Garching. Während Wendelstein 7-X in Greifswald die Aufgabe hat, die Eignung von Stellaratoren für den Dauerbetrieb nachzuweisen, soll Alpha die Skalierung Richtung Kraftwerk ermöglichen. 

Und welche physikalischen Ziele müssen erfüllt sein?

Prof. Dr. Sibylle Günter: Die wichtigsten übergreifenden physikalischen Ziele sind einerseits der Nachweis eines „brennenden Plasmas“, das sich nach der Zündung selbst heizt. Dies wird vermutlich zuerst in Tokamaks wie SPARC (USA), BEST (China) und ITER erfolgen. Andererseits geht es darum, die Tritium-Selbstversorgung zu demonstrieren: Das Kraftwerk muss den Brennstoff während des Betriebs aus Lithium kontinuierlich erzeugen können.

Was sollte Politik und Industrie jetzt konkret tun, um den Technologietransfer weiter zu beschleunigen?

Prof. Dr. Sibylle Günter: Die Bundesregierung muss ihren Aktionsplan Fusion konsequent umsetzen und Meilenstein-basierte Fördermittel bereitstellen. Das bedeutet auch: Sofort mit der Planung von Alpha beginnen, um den technologischen Vorsprung gegenüber China und den USA nicht zu verlieren. Ein solcher Schritt würde die Industrie schnell ins Boot holen und technologisches Wissen für ein späteres Kraftwerk schaffen.

Wenn Sie nach vorne blicken: Warum sind Sie überzeugt, dass Fusion den Weg in die Anwendung schaffen kann?

Prof. Dr. Sibylle Günter: Fusionsforschung gibt es seit rund 70 Jahren, aber die Dynamik der letzten fünf Jahre ist beispiellos. Die jüngsten wissenschaftlichen Erfolge – wie die Energierekorde bei an der europäischen Gemeinschaftsanlage JET und der Acht-Minuten-Betrieb bei Wendelstein 7-X – belegen, dass unsere theoretischen Modelle stimmen. Gleichzeitig zeigt die Gründung von mehr als 40 Fusions-Start-ups, dass es jetzt auch in punkto Technologieentwicklung eine unglaubliche Beschleunigung gibt.


Jahrzehnte der Forschung haben die Grundlagen gelegt – und sie werden es auch für künftige Projekte tun. Denn der Weg zum Kraftwerk ist greifbarer denn je, doch eine verlässliche Forschung als wissenschaftlicher Motor unerlässlich. Denn nur im Einklang von Forschung, Industrie, Kapital und Politik – sowie einen starken Wissenstransfer, kann es gehen, um die Energie der Sterne gemeinsam auf die Erde zu bringen.

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