Wie Transfer seinen Weg findet
28.07.2026
Für mich war noch nie der Weg das Ziel. Ich fahre nicht nach München, weil ich die Autobahn so schön finde. Ich fahre nach München, weil ich nach München muss. Mit dieser Haltung bin ich bislang ganz gut durchs Leben gekommen. Und durch meinen Beruf. Denn auch in der Produktentwicklung herrscht die Fixierung auf die Gerade: Wir planen den direktesten Weg von der Forschungsidee zum marktreifen Produkt. Effizienz ist die Währung. Doch ausgerechnet die Wege, auf denen aus einer vagen Idee eine tragfähige Innovation wird, verlaufen fast nie auf der Autobahn. Sie ähneln vielmehr einer Fußwanderung durch unwegsames Gelände.
Umso rätselhafter waren mir Menschen, die vom Wandern schwärmen. Sie erzählen selten vom Ankommen. Stattdessen sprechen sie von Umwegen, die sich gelohnt haben, von Regentagen, und Begegnungen mit Fremden, deren Namen sie längst vergessen haben.
Vielleicht war genau das der Grund, warum ich schließlich selbst losgelaufen bin. Ich wollte verstehen, wie Ideen laufen lernen – wie sie sich verbreiten, Reibung erfahren und am Ende verwandeln. Auf dem Weg.
Meine Wanderung begann auf dem Wohnzimmerboden. Neben mir lag ein Haufen Ausrüstung. Regenjacke, Powerbank, Blasenpflaster, Taschenmesser, Ersatzshirt, Müsliriegel. Je länger ich packte, desto größer wurde der Stapel der Dinge, die angeblich unverzichtbar waren. Für jeden Gegenstand kannte ich einen guten Grund. Erst als ich den Rucksack aufhob, wurde aus vielen guten Gründen ein ziemlich schlechtes Gesamtgefühl.
Diesen Mechanismus kenne ich. In Innovationsprojekten entsteht Komplexität selten, weil jemand schlechte Entscheidungen trifft. Sie entsteht, weil viele Menschen gute Entscheidungen treffen. Jede zusätzliche Abstimmung hat ihren Grund. Jede Anforderung ist berechtigt. Jede Absicherung klingt vernünftig. Irgendwann trägt ein Projekt lauter sinnvolle Einzelentscheidungen mit sich herum – und kommt trotzdem kaum noch voran.
Endlich auf der Straße verliefen die ersten Kilometer ereignislos. Ich wanderte durch Wälder, über Feldwege und durch kleine Orte. Doch nach einer Weile fiel mir etwas auf: Ich schaute immer seltener auf die Karte. Stattdessen suchte ich nach den kleinen Markierungen an den Bäumen: Rote Balken, ein blaues Dreieck, ein weißes Kreuz. Meine Karte enthielt deutlich mehr Informationen. Ich folgte trotzdem lieber einem zehn Zentimeter breiten Farbstrich.
Warum eigentlich? Weil Orientierung etwas anderes ist als Information. Die Karte beantwortet nahezu jede Frage. Die Wegmarkierung beantwortet ganz einfach nur eine einzige:
„Hier entlang“.
Im Innovationssystem produzieren wir unheimlich viele Informationen. Studien, Leitfäden, Förderprogramme, Veranstaltungen, Plattformen, Datenbanken. Doch wer mit einer konkreten Fragestellung unterwegs ist, sucht oft gar nicht nach noch mehr Informationen sondern nach dem nächsten richtigen Schritt.
Und dann ist es mir doch passiert: Irgendwann bog ich falsch ab. Der Forstweg war breit, gepflegt und wirkte deutlich überzeugender als der schmale Wanderpfad. Also folgte ich ihm.
Nach einigen Minuten bemerkte ich, dass die Markierungen fehlten. Ich blieb stehen, holte die Karte hervor und stellte fest, dass ich mich verlaufen hatte. Also, umkehren, gut 30 Minuten Umweg. Auf dem Rückweg begegnete mir ein älterer Mann. Er sah die Karte in meiner Hand und grinste.
„Die Kreuzung verpasst?“ Ich nickte. „Passiert fast jedem.“
Er zeigte auf eine verblasste Markierung am Stamm einer Buche. Selbst jetzt musste ich zweimal hinschauen, bis ich sie erkannte. Auf dem weiteren Weg dachte ich über diese kurze Begegnung nach. Darüber, wie selbstverständlich dieser Mann wusste, wo andere falsch abbiegen. Er hatte die Erfahrung.
In vielen Transferprojekten suchen Unternehmen nach der einen richtigen Ansprechperson, nach der passenden Technologie oder nach einem geeigneten Forschungspartner. Rein theoretisch lässt sich vieles recherchieren. Praktisch kostet genau diese Suche oft Wochen oder Monate. Nicht, weil die Informationen fehlen, sondern weil niemand dabei ist, der sagt:
„Hier entlang."
Bei einer Pause nahm ein älteres Ehepaar neben mir Platz. Wir kamen ins Gespräch. Irgendwann fragte die Frau, wo ich übernachten wolle. Ich nannte den nächsten Ort. Sie schüttelte den Kopf. „Laufen Sie noch einen Kilometer weiter. Da gibt es einen kleiner Landgasthof. Von außen unscheinbar. Aber das Essen ist großartig.“
Eine weitere Erfahrung von Menschen, die den Weg schon einmal gegangen sind – und ich nahm sie an.
Der Gasthof war tatsächlich leicht zu übersehen. Und er war tatsächlich hervorragend. Während ich dort saß, füllte sich langsam die Gaststube. Nach und nach kamen noch einige Wanderer herein. Ihre Rucksäcke landeten an der Wand, Wanderstöcke klapperten auf den Boden und irgendwann rückte jemand die Tische zusammen.
Keine fünf Minuten später lagen Wanderkarten auf dem Tisch. Aber erstaunlicherweise sprach kaum jemand über Karten. Man sprach über Baustellen. Über gesperrte Wege. Über Quellen, die auf keiner Karte eingezeichnet waren. Über einen besonders steilen Anstieg, den man besser umgehen sollte. Über eine Wiese, auf der eine Herde Kühe den Weg versperrte.
Es war Wissen, das ausgetauscht wurde und es waren Erlebnisse, die geteilt wurden. Mitten in der Unterhaltung wurde mir klar, warum mich Innovationstransfer seit Jahren fasziniert. Vielleicht geht es dabei viel weniger darum, Wissen zu bewegen.
Wissen lässt sich speichern, kopieren und verschicken, aber Transfer beginnt dort, wo Wissen auf Erfahrung trifft.
Wo jemand sagen kann:
„Ruf nicht den Erstbesten an. Ruf diese Person an."
„Nimm nicht den offensichtlichen Weg. Geh den anderen."
„Die Idee ist gut. Aber so wird sie scheitern."
Vielleicht ist genau das der eigentliche Wert eines funktionierenden Innovationsökosystems.
Nicht, dass dort besonders viele Informationen vorhanden sind. Sondern dass jemand da ist, der den Weg kennt. Als ich am nächsten Morgen weiterwanderte, dachte ich wieder an den Satz, den ich vor der Tour so oft gehört hatte.
Der Weg ist das Ziel. Ich glaube noch immer nicht, dass das stimmt. Das Ziel bleibt wichtig.
Niemand geht tagelang zu Fuß, nur um irgendwann wieder dort anzukommen, wo er losgelaufen ist. Aber ich verstehe inzwischen etwas anderes: Der Weg ist nicht das Ziel: Die Erkenntnisse und Begegnungen unterwegs sind es, die wir brauchen, um das Ziel überhaupt zu erreichen.