Wie Bayern den Umgang mit CO₂ strategisch voranbringt - Von der Idee zur Umsetzung

Die Koordinierungsstelle Carbon Management im Gespräch

10.09.2026

Carbon Management wird für Bayern zunehmend zu einem strategischen Zukunftsthema. Wie kann also der Umgang mit CO₂ strategisch, wirtschaftlich und technologisch neu gedacht werden? 

Frau Birke, warum braucht Bayern gerade jetzt eine Koordinierungsstelle für Carbon Management? 

Anja Birke: Wir müssen industrielle Wertschöpfung, technologische Innovation und Klimaneutralität zusammenbringen. In wichtigen Industriebereichen entstehen CO₂-Emissionen, die sich trotz effizienteren Prozessen, dem Einsatz erneuerbarer Energien und einer Defossilierung nicht vollständig vermeiden lassen. Diese sogenannten schwer vermeidbaren oder prozessbedingten Emissionen fallen beispielsweise in der Zement-, Kalk- oder chemischen Industrie an. Gleichzeitig ist das Themenfeld sehr komplex. Es geht um das Zusammenspiel von Technologien zur Abscheidung, Nutzung oder Speicherung von CO₂, um Transportinfrastrukturen, Genehmigungen, regulatorische Rahmenbedingungen, Finanzierung, Akzeptanz und neue Wertschöpfungsketten. Unter anderem durch die im Mai 2026 angelaufene Initiative des Bundeswirtschaftsministeriums nimmt das Thema Carbon Management gerade richtig Fahrt auf. 

Welche Aufgabe übernimmt die Koordinierungsstelle in diesem Umfeld ganz konkret? 

Anja Birke: Mit der neuen Koordinierungsstelle Carbon Management schafft das Bayerische Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie unter dem Dach von Bayern Innovativ eine zentrale Anlaufstelle für den strategischen Umgang mit CO₂. Unser Auftrag ist es, die Umsetzung des bayerischen Aktionsplans CCU/CCS fachlich und organisatorisch zu begleiten und die Zusammenarbeit zwischen Industrie, Wissenschaft, Verbänden, Politik und Verwaltung zu stärken. Konkret bedeutet das, geeignete Akteure zusammenzubringen, wo Vorhaben schneller in Richtung Anwendung weiterentwickelt werden. Dazu gehören beispielsweise Fachveranstaltungen, Workshops oder Webinare. Und wir helfen passende Ansprechpartner zu finden und Unterstützungsangebote zu identifizieren, beispielsweise bei Fragen zur Förderung. 

Für welche Zielgruppen und Akteure ist die Koordinierungsstelle besonders relevant? 

Anja Birke: Im Fokus stehen Unternehmen mit schwer vermeidbaren oder biogenen CO₂-Emissionen, Technologieanbieter für Abscheidung und Aufbereitung, Anlagenbauer, Logistikunternehmen, Infrastruktur- und Netzbetreiber sowie Unternehmen, die CO₂ als Rohstoff nutzen können. Ebenso wichtig sind Forschungseinrichtungen, Hochschulen, Verbände, Kommunen, Behörden, Umweltorganisationen sowie Akteure aus Finanzierung und Förderung. Carbon Management lässt sich nicht isoliert aus einer Perspektive betrachten. Entscheidend ist das Zusammenspiel der Akteure. 

Carbon Management ist ein Begriff, der unterschiedlich verwendet wird. Was versteht die Koordinierungsstelle konkret darunter? 

Anja Birke: Carbon Management bezeichnet den systematischen und ganzheitlichen Umgang mit CO₂, das heißt alle Maßnahmen zur Erfassung, Reduzierung, Nutzung und Speicherung von Kohlendioxid. Als Koordinierungsstelle Carbon Management fokussieren wir uns auf schwer vermeidbare Emissionen. Das heißt, dort wo Reduktionen nicht oder nur mit sehr viel Aufwand möglich sind, braucht es andere Möglichkeiten, Kohlenstoff im Kreislauf zu halten, langfristig zu binden oder Emissionen zu kompensieren. 

Welche Rolle spielt Carbon Management auf dem Weg zu einer klimaneutralen und zugleich wettbewerbsfähigen Industrie? 

Anja Birke: Um das große Ziel zu erreichen, muss an allen Stellschrauben gleichzeitig gedreht werden. Das heißt Senken aufbauen und zugleich Emissionsquellen reduzieren. Für den Übergang und den unvermeidbaren Rest an CO₂ brauchen wir Carbon Management, um Klimaneutralität zu erreichen. Daraus können dann wirtschaftliche Chancen entstehen. Abgeschiedenes CO₂ kann in bestimmten Anwendungen als Kohlenstoffquelle genutzt werden, beispielsweise für chemische Produkte, synthetische Energieträger oder Baustoffe. So können neue Stoffkreisläufe, Produkte und Wertschöpfungsketten entstehen. Für Bayern als Industrie- und Innovationsstandort ist es daher wichtig, frühzeitig technologische Kompetenzen, Infrastruktur und geeignete Partnerschaften aufzubauen. 

Warum reicht es in bestimmten Bereichen nicht aus, ausschließlich auf Emissionsvermeidung zu setzen? 

Anja Birke: Die Stärkung natürlicher Kohlenstoffsenken sowie technologische, organisatorische und strategische Ansätze zur Prozessoptimierung und damit zur Emissionsvermeidung sind immer zu bevorzugen. Es gibt aber auch industrielle Prozesse, bei denen CO₂-Emissionen nicht durch den eingesetzten Energieträger, sondern durch die chemische Umwandlung der verwendeten Rohstoffe entsteht. Ein Beispiel ist die Herstellung von Zementklinker. Bei dem Prozess wird Kalkstein gebrannt. Das Material selbst enthält chemisch gebundenes CO₂, das durch den Brennprozess freigesetzt wird. Selbst wenn weniger Klinker eingesetzt und die dafür benötigte Energie vollständig erneuerbar bereitgestellt wird, blieben diese prozessbedingten Emissionen bestehen. 

Mit welchen Fragen oder Anliegen wenden sich Unternehmen, Forschungseinrichtungen oder weitere Akteure derzeit besonders häufig an Sie? 

Anja Birke: Viele Unternehmen, Forschungseinrichtungen und weitere Akteure wenden sich derzeit an uns auf der Suche nach geeigneten Forschungs- und Technologiepartnern, Projektkonsortien oder potenziellen Anbietern oder Abnehmern für abgeschiedenes CO₂. Ebenfalls häufig nachgefragt werden Förder- und Finanzierungsmöglichkeiten für Pilot-, Demonstrations- und spätere Skalierungsvorhaben. Darüber hinaus erreichen uns Anfragen zum Europäischen Emissionshandelssystem (EU ETS) sowie zu den Möglichkeiten und Anforderungen des freiwilligen Kohlenstoffmarktes, insbesondere hinsichtlich der Anerkennung, Vermarktung und Finanzierung von CO₂-Minderungs- und CO₂-Entnahmeleistungen. Insgesamt besteht ein hoher Bedarf an Orientierung, wie sich Carbon Management in die jeweilige Dekarbonisierungs- und Transformationsstrategie integrieren lässt. 

Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen bei der Umsetzung von Carbon-Management-Lösungen in Bayern und Deutschland? 

Anja Birke: Herausforderungen bestehen vor allem darin, innovative Ansätze in eine Pilotanlage oder in den industriellen Maßstab zu überführen. Dafür sind Investitionen, verlässliche Rahmenbedingungen und geeignete Partnerschaften entlang der gesamten Wertschöpfungskette erforderlich. Hinzu kommt, dass insbesondere die Abscheidung, Aufbereitung und Komprimierung von CO₂ für Transport und Speicherung energieintensive Prozessschritte sind, für die ausreichend erneuerbare Energien verfügbar sein müssen. Auch Förderinstrumente, regulatorische Rahmenbedingungen sowie Fragen zur Rolle des EU-Emissionshandels und freiwilliger Kohlenstoffmärkte entwickeln sich derzeit weiter und beeinflussen die Wirtschaftlichkeit vieler Vorhaben. 

Welche Bedeutung haben Vernetzung, Wissenstransfer und die Zusammenarbeit zwischen Industrie, Wissenschaft, Politik und Verwaltung für den Erfolg des Themas? 

Anja Birke: Für viele Unternehmen ist CO₂ vor allem ein Begleitprodukt industrieller Prozesse. Die Entwicklung von Lösungen zum Umgang mit CO₂ zählt häufig nicht zum Kerngeschäft. Entsprechend fehlen oftmals die Ressourcen, Kompetenzen oder Anreize, sich vertieft mit den Potenzialen des Carbon Managements auseinanderzusetzen. Außerdem ist es derzeit sehr schwer eine vollständige CO₂-Wertschöpfungskette allein abzubilden. Emittenten benötigen Technologieanbieter, Infrastrukturpartner, potenzielle Nutzer oder Speicherlösungen. Forschung und Wissenschaft liefern dazu konstant neue Verfahren und Erkenntnisse, Unternehmen bringen sie in die industrielle Anwendung und Politik sowie Verwaltung gestalten die dafür notwendigen Rahmenbedingungen. Unsere Aufgabe ist es, diese unterschiedlichen Perspektiven zusammenzubringen, Bedarfe sichtbar zu machen und eine gemeinsame Wissensbasis zu schaffen. 

Was möchten Sie mit der Koordinierungsstelle in den kommenden Jahren konkret voranbringen? 

Anja Birke: Das Ziel ist es die Koordinierungsstelle als verlässlichen Anlaufpunkt für Carbon Management in Bayern zu etablieren. Wir möchten ein bayernweites Netzwerk aufbauen, um bei Fragen und Bedarfen von Akteuren nur einen Anruf oder eine E-Mail weit von der Antwort entfernt zu sein.  

Und zum Abschluss: Was möchten Sie Unternehmen und anderen Akteuren in Bayern mitgeben, die sich bislang noch nicht intensiver mit Carbon Management beschäftigt haben? 

Anja Birke: Auch wenn noch kein Projekt geplant ist oder der konkrete Bedarf noch nicht besteht, lohnt es sich, die Thematik zu fokussieren und die eigenen Prozesse und CO₂-Ströme zu verstehen. Wo entstehen Emissionen, wie lassen sich diese vermindern oder sogar vermeiden? Gibt es Restemissionen, die schwer oder unvermeidbar sind? Könnten sie abgeschieden, genutzt oder transportiert werden? Und welche Partner wären dafür erforderlich? Gerade weil sich in diesem Umfeld derzeit alles dynamisch entwickeln, ist jetzt ein guter Zeitpunkt, um Kompetenzen aufzubauen, Kontakte zu knüpfen und mögliche Handlungsoptionen zu prüfen. Die Koordinierungsstelle bietet Orientierung, Informationen und Zugang zu relevanten Netzwerken. Unternehmen können mit einer ersten Fragestellung, einer Projektidee oder auch einfach mit Informationsbedarf auf uns zukommen. 

Alle Infos zur Koordinierungsstelle und dem bayerischen Aktionsplans CCU/CCS