Wenn er wüsste, dass sie weiß …
Manchmal sitzt die Lösung nur zwei Tische weiter. In Unternehmen steckt unendlich viel Wissen, verteilt auf Köpfe, Abteilungen und zufällige Begegnungen in der Kaffeeküche. Doch all das Wissen bringt niemandem etwas, wenn man nichts davon weiß. Was wäre, wenn er wüsste, was sie weiß? Genau das kann den Unterschied machen. Es kann die eine Lösung bringen, nach der man schon so lange sucht, oder die fehlende Idee beisteuern, die die Innovation zum Laufen bringt. Wie also gelingt es, dieses Wissen sichtbar zu machen, miteinander zu verknüpfen und eine Wissenskultur im Unternehmen zu schaffen, in der das Wissen nicht liegen bleibt, sondern fließt?
Das Wissen sitzt nebenan
Es ist wieder einer dieser Tage, nichts geht mehr. Lisa aus dem Marketing starrt auf den Bildschirm. Die Zahlen in ihrer Excel-Tabelle ergeben keinen Sinn, egal wie oft sie die Formel neu eingibt. Zwischen Deadlines und E-Mails fehlt ihr die Zeit, sich tiefer einzuarbeiten. Sie muss die Kampagne bis zum Ende des Tages ausgewertet haben. Google und die KI verstehen ihr Problem irgendwie auch nicht. Sie weiß nicht weiter und holt sich erstmal einen Kaffee, in der Hoffnung, dass sie auf magische Art und Weise dort die Lösung findet. In der Kaffeeküche erzählt sie ihrer Kollegin, die nachfragt, warum sie so ein langes Gesicht zieht, im Vorbeigehen von ihrem Problem. Am Nebentisch sitzt Christina aus der Buchhaltung. Sie hat kaum etwas mit Marketing zu tun, was Lisa aber nicht weiß ist, dass sie eine echte Excel-Expertin ist. Sie hört kurz zu, nimmt einen Schluck Kaffee und sagt: „Das habe ich schon mal gehört. Zeig mal her.“ Zehn Minuten später läuft die Auswertung perfekt.
Ein simpler Moment, aber einer, der zeigt, wie Wissen funktioniert, wenn es sich bewegt. Das entscheidende Know-how lag nicht in einem Handbuch oder eine Online-Suche, sondern zwei Türen weiter, bei jemandem, der zuhörte, verstand und sein Wissen weitergab.
Wenn man wüsste, was die anderen wissen, wie viele solcher Knoten ließen sich lösen und wie viele Innovationen schneller umsetzen?
Genau hier beginnt die Frage, wie Unternehmen mit dem Wissen umgehen, das längst in ihnen steckt: Wie sie es sichtbar machen, fördern, verdichten und so eine Wissenskultur schaffen, in der Wissen fließt, statt stillzustehen.
Wer weiß was?
Eigentlich gibt es in unserer Welt nichts, was man nicht wissen kann. Der Zugang zu Wissen, egal wie nischig das Thema auch sein mag, war noch nie so leicht. Das Internet sorgte dafür, dass Wissen nicht mehr nur elitär und ungleich verteilt, sondern für alle zugänglich und auf viele unterschiedliche Arten aufbereitet ist. Das Problem dabei: die Menge. Wenn man an jedes Wissen herankommt, kommt man eben auch an jedes Wissen, und die Menge ist erschlagend.
Dabei ist das coole an der heutigen Zeit eben, dass genau das nicht mehr stimmt. Man muss nicht mehr alles selbst wissen. Denn eigentlich muss man nur wissen, wo das Wissen liegt und wer was weiß. Man braucht also nicht mehr unbedingt die Information selbst im Kopf, es reicht den Zugang dazu zu bekommen oder zu wissen, wer ihn haben könnte. Es genügt der Schlüssel für den Raum und ein gutes Glossar, ich muss nicht mehr die ganze Bibliothek auswendig kennen. Das klingt ja superpraktisch: ich muss nichts wissen, das können die anderen machen, und dann frage ich sie einfach. So einfach ist es natürlich nicht. Denn irgendwer muss sich das Wissen schon aneignen und vor allem muss ich auch wissen, wer was weiß. Und genau da springt der Punkt.
Wenn er wüsste, dass sie weiß … was wäre dann alles möglich? Oft liegt die Lösung für ein Problem gar nicht in unserem eigenen Kopf, sondern im Wissen der anderen. In Unternehmen bedeutet das: Das größte Potenzial steckt nicht unbedingt in einzelnen Expertinnen oder Experten, sondern in der Verbindung zwischen ihnen. Wenn klar ist, wer was weiß, entsteht ein Netzwerk, das Wissen fließen lässt, über Abteilungen, Projekte und Hierarchieebenen hinweg. So können Ideen plötzlich dort wachsen, wo man sie nicht erwartet hätte. Denn manchmal braucht es, wie bei Lisas Tabellenproblem, nur den einen Hinweis, den richtigen Kontakt oder das Wissen einer Kollegin, um den entscheidenden Knoten zu lösen. Und genau hier beginnt die Frage nach der Wissenskultur: Wie können Unternehmen das wertvolle Wissen, das in ihren Mitarbeitenden steckt, gut und sinnvoll organisieren, nutzen und fördern?
Wissenskultur in Unternehmen
Unsere Welt verändert sich ständig, das ist wohl allen klar, aber wie geht man in dieser sich ständig ändernden Welt mit Wissen um?
Besonders im Unternehmen oder im Team ist das Wissen der Menschen das wertvollste Gut, denn daraus entstehen die Innovationen, die uns weiterbringen. Wie kann man dieses Wissen also möglichst zugänglich machen und erweitern?
Orte des Wissens schaffen
Für Unternehmen und innerhalb von Teams wäre es natürlich der Traum, das gesamte Fachwissen der Mitarbeitenden an einem Ort zu bündeln, am besten noch thematisch geordnet und gut zu erreichen, wie in einer Art menschlichen Datenbank. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt das Prinzip des Centers of Expertise. Dahinter steckt die Idee, Wissen zu bündeln, statt es unkontrolliert im Unternehmen zu verteilen.
In einer Art Wissenszentrum kommen Fachpersonen mit unterschiedlichsten Expertisen zusammen, von Kommunikation, über Produktentwicklung bis hin zur Nachhaltigkeit und dem Legal-Team, um ihr Know-how zu vertiefen, zu teilen und nutzbar zu machen. Die Mitarbeitenden können sich bei Fragen also genau dahin wenden, quasi eine Art interne Beratungsstelle für Wissen, um genau dieses wertvolle Gut nicht hinter einem Schreibtisch verschwinden zu lassen, sondern zu bündeln, zu verdichten und zu vergrößern. So ein Zentrum hätte Lisa bei ihrem Knoten planbar weiterhelfen können. In ihrem Falle könnte sie sich einfach an dem Wissen ihren Centers of Expertise bedienen, ohne auf einen Zufälligen Glücksfall wie ihre lauschende Kollegin mit Excel-Kenntnissen hoffen zu müssen.
Wissen verdichten
Bevor man sein ganzes Wissen teilen kann, oder das der anderen für seine Probleme nutzbar macht, muss man es natürlich erst einmal haben. Wer nichts weiß und nicht weiß, wer was weiß, kann auch nichts teilen, ganz klar. Wo bekommt man also das wichtige Wissen her? Man muss es finden und sich aneignen, doch wie kann das im Unternehmenskontext umgesetzt werden?
Hier kann Wissen auf ganz unterschiedliche Weisen verdichtet werden. Etwa durch gezielte Fortbildungen, regelmäßige Schulungen oder durch Austauschformate, in denen Mitarbeitende voneinander lernen. Denn so wie Christina ihr Excel-Wissen mit Lisa geteilt hat, entstehen durch solche Formate Räume, in denen sich Wissen bewegt, verbreitet und wachsen kann. Besonders spannend sind dabei neue, offen gestaltete Lernmethoden wie BarCamps, bei denen nicht eine Person vorne steht und alle anderen zuhören, sondern jede und jeder aktiv Wissen einbringen und mitgestalten kann. Auch interne „Lunch & Learn“-Formate, kurze Impulsvorträge oder thematische Workshops können Wissen nicht nur vermitteln, sondern lebendig machen. Solche Formate fördern eine Lernkultur, in der Wissen nicht statisch ist, sondern sich ständig weiterentwickelt, und das durch Austausch, durch neue Perspektiven und durch das Zusammenspiel verschiedener Fachrichtungen. Das verdichtete Wissen entsteht also nicht im stillen Kämmerlein, sondern in Bewegung: in Gesprächen, in Projekten, in gemeinsamen Erfahrungen.
Wissen weitergeben, in der richtigen Umgebung
Wissen allein reicht nicht. Entscheidend ist das Umfeld, in dem es geteilt wird. In vielen Teams bleibt wertvolles Know-how ungenutzt, weil Konkurrenz, Unsicherheit oder fehlende Strukturen den Austausch bremsen. Doch wie kann eine solche Wissensumgebung geschaffen werden, in der Wissen gerne und viel geteilt und nicht gehortet wird?
Eine gute Wissenskultur braucht Vertrauen, Offenheit und psychologische Sicherheit: ein Klima, in dem Fragen erlaubt sind, Fehler als Lernchancen gelten und Führungskräfte auf Augenhöhe agieren. Gerade sie spielen dabei eine Schlüsselrolle, denn sie gestalten nicht nur Strukturen, sondern prägen die Stimmung im Team. Wer als Führungskraft zeigt, dass auch sie oder er nicht alles weiß, sich selbst verletzlich macht und offen um Rat fragt, schafft ein Vorbild, das Mut macht. So entsteht eine Atmosphäre, in der Wissen kein Machtinstrument ist, sondern ein gemeinsames Gut. Wenn Mitarbeitende erleben, dass ihr Beitrag zählt und ihr Wissen gebraucht wird, fließt es frei und aus einzelnen Gedanken werden echte Innovationen.
Wissen muss geteilt werden
Eine gute Wissenskultur entsteht also nicht von selbst. Sie muss gelebt, gestaltet und gefördert werden. Sie braucht Räume, in denen Wissen sichtbar wird, Strukturen, die Austausch ermöglichen, und Führungskräfte, die diesen Austausch aktiv vorleben. Es geht nicht nur darum, Wissen zu besitzen, sondern darum, es in Bewegung zu bringen, durch Gespräche, durch gemeinsame Projekte, durch Neugier auf das, was andere wissen. Denn Wissen bringt nur dann wirklich etwas, wenn es geteilt wird. Nur dann kann es wachsen, sich verbinden und zu dem werden, was Unternehmen wirklich voranbringt: einem lebendigen Netzwerk aus Ideen, Erfahrungen und Erkenntnissen. Wissen bringt am meisten, oder vielleicht sogar nur dann etwas, wenn man es teilt.
Autorin: Marie Spies