Wenn Autosensoren plötzlich Städte, Logistik und Sicherheit smarter machen
Unser Interview mit Felicia Stolfig, Innoviz Technologies GmbH
19.06.2026
LiDAR-Technologie gilt vielen noch als Schlüsseltechnologie für autonomes Fahren. Doch hochauflösende 3D-Sensorik wird längst auch für Unternehmen, Kommunen und Sicherheitsanwendungen interessant. Nämlich dort, wo Kameras an Grenzen stoßen oder Datenschutz eine zentrale Rolle spielt. Im Interview erklärt Felicia Stolfig, EU Key Account Manager bei Innoviz Technologies GmbH, warum Automotive-Technologie zunehmend in Non-Automotive-Märkte überspringt und welche Chancen sich daraus gerade für KMU ergeben.
Innoviz begann ursprünglich als Zulieferer der Automobilindustrie mit LiDAR-Systemen, also einer Technologie, die mithilfe von Laserlicht Entfernungen, Formen und Bewegungen von Objekten präzise erfasst und daraus dreidimensionale Umgebungsdaten erzeugt. Was an dieser Technologie hat den Spillover-Effekt ausgelöst?
Für die Automobilindustrie wurde eine völlig neue Klasse hochauflösender LiDAR-Sensoren entwickelt. Mit dem Hochlauf der Serienstückzahlen in der Automobilindustrie werden diese LiDAR-Sensoren nun auch preislich attraktiv für andere Märkte. Die Automobilindustrie war also der Katalysator, der LiDAR-Sensoren mit hoher Auflösung, großem Sichtfeld, langer Reichweite und vielen Aufnahmen pro Sekunde salonfähig gemacht hat.
Wann haben Sie gemerkt, dass Ihre Automotive-Technologie plötzlich auch für ganz andere Branchen relevant ist? Gab es einen konkreten „Aha-Moment"?
Den klassischen Aha-Moment gab es eigentlich nicht, sondern eher eine schleichende Erkenntnis, die sich durch Kundengespräche bestätigt hat. Viele Kunden suchen gezielt nach Sensoren mit Automotive-Zertifizierungen, weil sie diese als Qualitätsmerkmal verstehen. Dazu kommt, dass die präzise Erfassung einer 3D-Umgebung in nahezu allen Bereichen relevant ist, ob in der Logistik, der Sicherheitstechnik oder der Stadtinfrastruktur. Das Bedürfnis, die eigene Umgebung exakt zu verstehen und zu digitalisieren, ist universell.
Was war für Non-Automotive-Kunden letztlich ausschlaggebend, um auf eine ursprünglich für den Automobilbereich entwickelte Technologie zu setzen?
Ein weiterer Aspekt, der uns überrascht hat: Unsere langfristigen Lieferverträge mit OEMs sind für Non-Automotive-Kunden ein echtes Argument. Wettbewerber im Non-Automotive bringen regelmäßig neue Produktfamilien auf den Markt und setzen ältere Linien auf End-of-Life, was für Kunden immer wieder teure Neuintegrationen bedeutet. Mit Innoviz können Kunden auf Kontinuität setzen und trotzdem auf neue Produktgenerationen umsteigen, wenn sie es wollen.
Was kann Ihr LiDAR-Sensor, was eine normale Kamera nicht kann? Und warum ist genau das der Schlüssel zu so vielen verschiedenen Anwendungsfeldern?
Kameras haben zwei grundlegende Schwächen: Sie werden geblendet, zum Beispiel an Tunnelausfahrten oder bei direktem Gegenlicht, und sie liefern bei Dunkelheit schlechte Ergebnisse. LiDAR-Sensoren senden ihr eigenes Licht und sind damit völlig unabhängig von den Lichtverhältnissen in der Umgebung.
Der zweite, vielleicht noch entscheidendere Vorteil ist die dritte Dimension. Unsere Sensoren erfassen die Umgebung in 3D, also mit präzisen XYZ-Koordinaten für jedes Objekt.
Das erlaubt es, genaue Entfernungen und Abmessungen zu bestimmen, was die Objekterkennung deutlich vereinfacht. In fest installierten Anwendungen kann man so sehr elegant zwischen bewegten und statischen Objekten unterscheiden und sich gezielt auf das konzentrieren, was sich in der Umgebung verändert. Genau das ist der Kern vieler unserer neuen Anwendungsfelder, von Perimetersicherheit über Personenstromerkennung bis hin zur Verkehrsüberwachung.
Ihr System wird heute bei autonomem Fahren, Geländesicherung, Drohnenerkennung und in der Robotik eingesetzt, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Welches dieser Felder hat Sie persönlich am meisten überrascht?
Mich hat Personenstromerkennung am meisten überrascht, weil ich nie gedacht hätte, dass ein Sensor aus der Automobilwelt plötzlich auf Bahnhöfen oder bei Großveranstaltungen landet. Was den Durchbruch dort ermöglicht hat, ist eine Kombination aus zwei Vorteilen: Erstens funktioniert LiDAR völlig umgebungsunabhängig, also unabhängig von Tageszeit, Helligkeit oder Dunkelheit, was ihn für den Dauerbetrieb in der Infrastruktur ideal macht. Zweitens ist da der Datenschutz: Unsere LiDAR-Sensoren erfassen in Smart-City-Anwendungen zu wenige Punkte auf Gesichtern, um diese identifizierbar zu machen.
Mit InnovizSMART bringen Sie eine neue Technologie in die Stadtinfrastruktur. Wie verändert das konkret den Alltag von Menschen in einer Stadt?
InnovizSMART erfasst die Realität der Städte digital. Konkret bedeutet das: Ampeln können in Echtzeit auf den tatsächlichen Verkehrsfluss reagieren, statt starren Schaltzyklen zu folgen. Parkräume lassen sich intelligent überwachen, ohne Kameras aufzustellen, die Datenschutzfragen aufwerfen. All das basiert auf den vom LiDAR erstellten Punktwolken. Für den einzelnen Menschen in der Stadt bedeutet das weniger Stau, mehr Sicherheit und eine Infrastruktur, die auf ihn reagiert, anstatt ihn zu ignorieren.
Ein konkreter Meilenstein ist für uns, dass Kommunen und kommunale Unternehmen unsere Sensoren seit diesem Jahr ausschreibungsfrei aus dem EKOM21-Katalog beziehen können. Das senkt die Hürde für Städte erheblich und bringt uns in die beste Ausgangsposition für Smart-City-Anwendungen aller Art.
Sind Sie aktiv auf neue Branchen zugegangen und haben dort für Ihre Technologie geworben oder kamen die Anfragen aus Industrie, Städten und Sicherheitsbehörden von selbst auf Sie zu?
Beides trifft zu, aber in einer bestimmten Reihenfolge. Am Anfang standen Pioniere, also Unternehmen und Organisationen, die aktiv nach alternativer Sensorik gesucht haben und auf uns zugekommen sind. Die breite Masse in Städten, Industriebetrieben oder Sicherheitsbehörden hat von LiDAR oft noch nie gehört, geschweige denn die Funktionsweise verstanden. Das bedeutet, wir bauen gerade einen komplett neuen Markt auf und unsere wichtigste Aufgabe ist im Moment die Marktedukation.
Wie stellen Sie sich auf diese neue Kundengruppe ein?
Daraus ergibt sich auch, dass unsere neuen Kunden, anders als in der Automobilindustrie, selten Sensorikspezialisten sind. Unsere neue Kundengruppe sucht primär eine Lösung für ihr Problem und ist offen dafür, wie man es löst. Genau deshalb haben wir mit der Produktreihe InnovizSMART eine Plug-and-Play-Lösung entwickelt, die auch ohne tiefe technische Kenntnisse einfach in der Handhabung ist.
Was uns dabei zusätzlich hilft, ist ein Argument, das wir selbst anfangs unterschätzt haben: Unsere LiDAR-Sensoren können datenschutzkonform betrieben werden. Viele Use-Cases, die mit Kameras rechtlich schwierig oder gar nicht umsetzbar waren, werden mit LiDAR plötzlich möglich. Das erzeugt eine echte Sogwirkung, nicht weil wir aggressiv werben, sondern weil die Technologie ein Problem löst, das vorher ungelöst war.
In welchen Bereichen, die heute noch kaum jemand auf dem Schirm hat, wird LiDAR-Technologie als nächstes auftauchen?
Ein Bereich, der gerade massiv an Fahrt aufnimmt, ist die Drohnenerkennung. Weltweit wächst das Bewusstsein für die Gefahr, die von unautorisierten Drohnen ausgeht, und viele Unternehmen arbeiten an Systemen, die Drohnen lokalisieren und unschädlich machen können. Der entscheidende Faktor dabei ist die exakte Position und Klassifizierung. Radar erkennt Objekte am Himmel auf große Distanz, tut sich aber schwer damit, eine Drohne von einem Vogel zu unterscheiden, weil das Signal zunächst identisch ist.
LiDAR löst genau dieses Problem: Die Geometrie und Position des Objekts werden präzise erfasst und per Objekterkennungs-Software klassifiziert. Wie in der Automobilindustrie empfehlen wir auch hier eine Sensorfusion, bei der Radar oder Kamera mit LiDAR kombiniert werden, um die jeweiligen Stärken zu nutzen.