Warum die Fusion Silos braucht – und an welchen Stellen sie geöffnet werden müssen

Autor: Dr. Christopher Zenk

Silos gelten als Sinnbild für Abschottung, Doppelarbeit und fehlenden Austausch. In der Fusionstechnologie sind sie jedoch nicht grundsätzlich ein Fehler. Richtig gestaltet schaffen sie den geschützten Raum, den konzentrierte Deeptech-Entwicklung benötigt. Entscheidend ist deshalb nicht, ob es Silos gibt, sondern ob sie über funktionierende Schleusen verfügen. 

Die Entwicklung von Fusionstechnologien ist kein linearer Weg vom wissenschaftlichen Durchbruch zum Kraftwerk. Sie besteht aus langwierigen Entwicklungszyklen, konkurrierenden Lösungsansätzen und technischen Problemen, die zunächst offen benannt werden müssen. Genau dafür brauchen die drei Technologiehubs für Magnetfusion, Laserfusion sowie Materialien und Brennstoffkreislauf einen verlässlichen Binnenraum. Forschungseinrichtungen, Start-ups und Industriepartner müssen dort über Unsicherheiten, Fehlversuche und Engpässe sprechen können, ohne dass jede offene Frage sofort öffentlich als Scheitern der Fusion interpretiert wird. Gerade für junge Unternehmen ist das entscheidend: Eine fachlich notwendige Diskussion über ungelöste Probleme darf nicht zum Risiko für laufende Investorengespräche werden. 

Geschützte Räume für konkrete Entwicklungsarbeit 

Die Silos sind keine abstrakten Wissensspeicher. Im Magnetfusionshub STRIDE geht es beispielsweise um kryogene Testmöglichkeiten für supraleitende Komponenten, die additive Fertigung komplexer Stellaratorbauteile, Fernwartung und Robotik sowie leistungsfähige Mikrowellenheizsysteme. Der Laserfusionshub VEGA arbeitet unter anderem an langlebigen Optiken für Hochleistungslaser, standardisierten Prüfverfahren, Diagnostik und Metrologie sowie an der skalierbaren Herstellung und Charakterisierung von Targets. MAT-TRIx adressiert neutronenbeständige Strukturwerkstoffe, Brutblankets, Tritiumkreisläufe und die Bereitstellung von Lithium-6. Dafür werden Testinfrastrukturen benötigt, die Materialien und Komponenten unter fusionsrelevanten Bedingungen qualifizieren können. 

Diese Aufgaben verlangen Spezialisierung, Vertraulichkeit und Kontinuität. Nicht jede technische Diskussion gehört in die Öffentlichkeit, nicht jeder Entwicklungsstand ist bereits für den Markt reif, und nicht jede Erkenntnis kann zwischen konkurrierenden Unternehmen uneingeschränkt geteilt werden. Ein Silo kann deshalb produktiv sein, wenn es Verantwortung bündelt, Vertrauen ermöglicht und Entscheidungen beschleunigt. 

Die Schleusen beginnen dort, wo aus Technologie Industrie werden muss 

Problematisch werden Silos dort, wo Entwicklungen nicht rechtzeitig mit den Voraussetzungen ihrer industriellen Umsetzung verbunden werden. Eine im Labor funktionierende Komponente beantwortet noch nicht die Frage, wie sie zuverlässig, wirtschaftlich und in benötigter Stückzahl hergestellt werden kann. Für künftige Fusionskraftwerke reicht es nicht, einzelne Technologien zur Reife zu bringen. Gleichzeitig müssen Fertigungskapazitäten, Lieferketten, Fachkräfte, Testmöglichkeiten, Standorte und Genehmigungspfade entstehen. 

Das lässt sich an den Entwicklungsthemen der Hubs unmittelbar zeigen. Hochleistungslaser benötigen nicht nur bessere Optiken und höhere Wiederholraten, sondern auch ausreichende Produktionskapazitäten für Dioden, Laserglas, Beschichtungen und Präzisionskomponenten. Supraleitende Magnetsysteme setzen nicht nur Material- und Konstruktionsfortschritte voraus, sondern skalierbare Lieferketten für Hochtemperatursupraleiter, Kryotechnik und spezialisierte Fertigung. Bei Brutblankets und Tritiumkreisläufen stellen sich neben den wissenschaftlichen Fragen auch Fragen nach qualifizierten Herstellungsverfahren, Lithium-6-Versorgung, regulatorischen Nachweisen und industriell betreibbaren Anlagen. 

Auch der Fachkräftemangel reicht weit über den akademischen Nachwuchs hinaus. Benötigt werden ebenso Technikerinnen und Techniker, Schweißer, Beschichtungsspezialisten, Fachkräfte für Metallbearbeitung, Montage, Qualitätssicherung, Strahlenschutz, Kryotechnik, Anlagenbetrieb und Instandhaltung. Spätestens beim Übergang zu Testanlagen, Demonstratoren und Kraftwerksstandorten kommen weitere Engpässe hinzu: geeignete Flächen, Netzanbindung, Genehmigungen, industrielle Infrastruktur und regionale Akzeptanz. Standortsuche ist damit kein nachgelagertes Verwaltungsproblem, sondern ein früher Teil des Technologietransfers. 

Bayern Innovativ als Schleusenwärter zwischen den Hubs 

Genau an diesen Übergängen setzen wir bei Bayern Innovativ an. Im STRIDE Hub wirken wir als geförderter Partner im Unterauftrag am Hub-Management mit. Bei VEGA und MAT-TRIx sind wir als assoziierter Partner eingebunden. Dadurch sehen wir früh, welche technologischen Bedarfe, Schnittstellen und Skalierungshemmnisse sich abzeichnen. Zugleich können wir Gemeinsamkeiten und Übergabepunkte zwischen den Hubs erkennen, ohne die notwendige Vertraulichkeit innerhalb der einzelnen Entwicklungsräume aufzulösen. Wir bringen die spezialisierten Entwicklungsräume der Fusion mit Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Investoren, Regionen und politischen Akteuren zusammen. Dabei geht es nicht darum, jedes Silo unterschiedslos zu öffnen. Es geht darum, die richtigen Schleusen zum richtigen Zeitpunkt zu bedienen: Bedarfe sichtbar zu machen, passende Partner zu finden und reife Ansätze in Validierung, Skalierung und industrielle Anwendung zu führen. 

Für die nächsten Schritte braucht es passende Instrumente. Eines davon ist die Transferinitiative F.A.S.T. des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt. Sie soll vielversprechende Forschungsergebnisse in den Schlüsseltechnologien der Hightech Agenda Deutschland schneller in Ausgründungen, Skalierung und marktreife Innovationen bringen. Thematisch fokussierte Transferhubs sollen dabei wirtschaftliche Nachfrage und wissenschaftliches Angebot bundesweit zusammenführen. Für die Fusion bietet das die Chance, technische Reife nicht isoliert zu betrachten, sondern von Beginn an mit Anwendung, Produktion und Markt zu verbinden. 

Unsere Rolle liegt darin, diese Möglichkeiten in konkrete Transferarbeit zu übersetzen. Wir verbinden Bedarfe aus den Technologiehubs mit industriellen Kompetenzen, Unternehmen und Kapitalgebern. Umgekehrt spiegeln wir Anforderungen aus Kraftwerksbau, Fertigung, Betrieb und Markt zurück in Forschung und Entwicklung. Wo geeignete Lösungen existieren, müssen sie erprobt und weiterentwickelt werden. Wo sie fehlen, braucht es klar benannte Forschungs- und Entwicklungsaufgaben statt allgemeiner Suchfelder. 

Das funktioniert nicht von einem einzelnen Standort aus. Die benötigten Fähigkeiten sind über ganz Deutschland verteilt. Deshalb bauen wir gemeinsam mit Wirtschaftsförderern, Innovationsagenturen und Transferintermediären eine bundesweite Netzwerkallianz auf. Sie trägt Bedarfe aus den Hubs in regionale Industrieökosysteme, macht bislang fachfremde Unternehmen auf neue Aufgaben aufmerksam und führt geeignete Partner zusammen. Gerade mittelständische Zulieferer verfügen häufig schon über relevante Fertigungs-, Material-, Automatisierungs- oder Prüftechnik. Was ihnen fehlt, sind konkrete Anforderungen, erkennbare Kunden und belastbare Zeitachsen. 

Auch Politik kann zum Silo werden 

Zu den größten Transferhemmnissen gehören jedoch nicht nur technische Grenzen. Fusionstechnologien folgen weder Ressortzuständigkeiten noch Landesgrenzen. Forschungsförderung, Wirtschaftspolitik, Standortentwicklung, Energiepolitik, Regulierung und Fachkräftesicherung werden häufig getrennt voneinander bearbeitet. Dadurch entstehen Brüche genau an den Stellen, an denen aus Forschung industrielle Umsetzung werden soll. 

Bund und Länder müssen nicht dieselben Interessen oder Zuständigkeiten haben. Sie sollten ihre Aktivitäten aber an gemeinsamen technologischen Meilensteinen ausrichten. Wenn ein Demonstrator eine bestimmte Testinfrastruktur, Produktionskapazität oder Standortentscheidung zu einem klaren Zeitpunkt benötigt, dürfen Förderlogiken, Genehmigungswege und wirtschaftspolitische Instrumente nicht erst anschließend miteinander abgestimmt werden. Technologie-Roadmaps brauchen deshalb eine politische und administrative Entsprechung. 

Vor allem aber braucht Fusion Verlässlichkeit über Legislaturperioden hinweg. Der Aufbau von Testinfrastrukturen, Lieferketten, Fachkräften und Produktionskapazitäten dauert länger als eine Förderperiode oder eine politische Amtszeit. Unternehmen investieren nur dann in Anlagen, Personal und neue Geschäftsfelder, wenn technologische Ziele, staatliche Prioritäten und Förderpfade langfristig belastbar sind. Andernfalls droht ein bekanntes Muster: Deutschland nimmt in Forschung und früher Technologieentwicklung eine starke Position ein, baut aber keine dauerhaft wettbewerbsfähige industrielle Basis auf. Bei Solar- und Batterietechnologien haben wir erlebt, wie Wertschöpfung und Produktionskapazitäten trotz vorhandenen Wissens andernorts entstanden. Bei der Fusion dürfen wir am Ende nicht erneut mit hervorragender Forschung, aber leeren Händen dastehen. 

Silos mit Schleusen statt Grenzen ohne Übergänge 

Die Fusion braucht beides: geschützte Räume für konzentrierte Entwicklung und offene Übergänge zur Anwendung. Die Technologiehubs müssen technische Probleme vertraulich bearbeiten und Verantwortung für ihre Roadmaps übernehmen können. Ob daraus Fusionskraftwerke entstehen, entscheidet sich jedoch an den Schleusen zu industrieller Skalierung, Lieferketten, Fachkräften, Standorten und politischen Entscheidungen. Genau dort liegt unsere Aufgabe: Bedarfe übersetzen, Übergänge organisieren und die richtigen Partner zusammenbringen – mit der bundesweiten Netzwerkallianz, geeigneten Instrumenten wie F.A.S.T. und einem klaren Blick auf die industrielle Anwendung. 

Ihr Kontakt

Dr. Christopher Zenk
+49 911 20671-157
Innovationsnetzwerk Energie & Bau, Projektmanager, Bayern Innovativ GmbH, Nürnberg
Annika Michalak
+49 911 20671-645
Innovationsnetzwerk Digitalisierung, Projektmanagerin, Bayern Innovativ GmbH, Nürnberg