Vom Büro, über die Fabrik bis hin zur Kreativwerkstatt – Digitalisierung made in Bayern
Wie Unternehmen seit 30 Jahren digitale Zukunft gestalten
11.02.2026
Früher das Internet, heute autonome Roboter, selbstdenkende Fabriken und Gesundheitsdaten zum Online-Austausch – der Bereich der Digitalisierung entwickelt sich so schnell wie kaum ein anderer. Was vor 30 Jahren noch wie ein Science-Fiction Film klang, ist heute schon in greifbarer Nähe. Doch die Arbeit ist noch längst nicht getan. Wir schauen zurück auf 30 Jahre Digitalisierung und wagen auch einen Blick in die Zukunft. Welche Innovationen wirken noch bis in weit entfernte Zeiten nach, welchen Einfluss haben Technologien aus dem Hightech- und Deeptech-Bereich und wird auch die digitale Welt irgendwann an ihre Grenzen stoßen?
Dr. Malte Kohring, Leiter des Innovationsnetzwerks Digitalisierung bei Bayern Innovativ, bringt im nachfolgenden Interview Licht ins Dunkel und gibt einen Einblick in 30 Jahre Digitalisierung.
Was hat Sie persönlich an der Welt der Digitalisierung so gepackt, dass Sie sich ihr beruflich verschrieben haben?
Dr. Malte Kohring: Die Vielfalt an Themen, die es im Bereich Digitalisierung gibt. Die Digitalisierung in der Arbeitswelt, in der städtischen Verwaltung, aber eben auch das Technologiegetriebene. Hier bei Bayern Innovativ im Bereich Digitalisierung fokussieren wir uns auf die digitalen Schlüsseltechnologien. Das hat mich am meisten interessiert. Auch die Frage, was die nächste neue Innovation ist, begeistert mich. Und ich finde, beim Thema Digitalisierung muss man da nie lange warten.
Welche digitalen Meilensteine der letzten drei Jahrzehnte waren für Sie besonders prägend?
Dr. Malte Kohring: Die Frage ist wunderbar, damit könnten wir das ganze Gespräch füllen. Also muss ich mich auf einige Punkte beschränken. Aus bayerischer Sicht würde ich eine Technologie hervorheben, die besonders interessant ist. 1995 wurde das MP3-Format tatsächlich hier in Bayern, ganz in der Nähe von uns in Erlangen, am Fraunhofer IIS, entwickelt. Das würde ich als einen besonderen Meilenstein aus technischer Sicht hervorheben.
Und wenn man dann noch das größere Bild aufspannt, gibt es natürlich ganz verschiedene Entwicklungen, die wir durchgemacht haben. Einerseits durch die Hightech Agenda Bayern, die 2019 schon an den Start gegangen ist. Diese hat dazu geführt, dass wir einen Hightech Standort Bayern aufgebaut haben. Hier haben sich verschiedenste deutsche und auch internationale Firmen in den letzten 30 Jahren angesiedelt.
Um hier aus dem Halbleiterbereich Namen zu nennen: Infineon wurde von Siemens ausgegründet, Rhode und Schwarz ist sehr aktiv in diesem Bereich oder auch Siltronic. Aber eben auch Firmen, die man als Verbraucherin und Verbraucher kennt: wie zum Beispiel Apple, Nvidia oder Intel aus dem Computerbereich. Die sind alle aktiv hier in Deutschland, besonders in Bayern.
Wo stehen wir im Vergleich zu anderen Ländern?
Dr. Malte Kohring: Also wo wir gut dastehen, ist im Bundesländervergleich. Auf Bundesebene belegen die bayerischen Kommunen die 34 vordersten Plätze im Bundesranking, wenn es um die Verfügbarkeit digitaler Verwaltungsleistungen geht.
Ein anderes Thema ist die Innovationskraft, die bei uns im Land steckt. München zählt zu den Top 20 Techstandorten weltweit. Es ist die einzige deutsche Stadt und nur eine von vier europäischen Städten, die im Global Tech Ecosystem Index 2025 aufgeführt wird. Hier kann man erkennen, dass wir viel zu bieten haben, was Digitalisierung angeht.
Da möchte ich noch zwei weitere Aspekte aufgreifen: Zum einen die berühmte Start-up-Szene, die sich in München immer weiter ausbaut. Bei Gründungen ist Bayern jetzt auf Platz eins und im Wagniskapital sogar vor Berlin angekommen. Zum anderen das Thema Patente. Dort sind wir ebenfalls unheimlich stark und Patente zählen insbesondere zu den messbaren Größen für Innovation.
Insofern haben wir viel, worauf wir aufbauen und wo wir weiter vorangehen können. Es gibt aber natürlich auch Ausbaupotenzial. Zum Beispiel können wir uns viel von den nordischen Ländern, zum Beispiel Dänemark, abschauen.
Haben sich die Kundenanfragen an unser Innovationsnetzwerk Digitalisierung in den vergangenen Jahren verändert?
Dr. Malte Kohring: Als ich bei Bayern Innovativ angefangen habe, drehte sich noch viel um Digitalisierung von Prozessen innerhalb von Unternehmen. Das hat sich sehr stark gewandelt. Zudem hat der KI-Boom eingesetzt. Die Firmen kommen verstärkt zu uns, einerseits direkt mit dem Thema KI, andererseits mit dem Thema Daten. Das rückt immer mehr in den Fokus. Dabei geht es darum, wie man seine Daten erstmal sammelt und strukturiert, um sie dann schließlich nutzen zu können.
Darauf haben wir reagiert. Wir starten 2026 in unserem Bereich Digitalisierung ein neues Netzwerk namens Datengetriebene Geschäftsmodelle. Das soll sich genau auf diese Fragestellungen spezialisieren. Wir wollen drei zentrale Handlungsfelder adressieren: erstens die Dateninfrastruktur. Zweitens das Thema KI-getriebene Anwendungen, also agentic AI, aber auch KI in der Produktion. Und drittens die Skalierbarkeit von datengetriebenen Geschäftsmodellen. Wir sind gut darin, Konzepte zu erstellen und Dinge vorauszudenken, aber wir müssen sie schlussendlich auch auf die Straße bringen und umsetzen, damit wir die Mehrwerte daraus ziehen können.
"Digitalisierung ist kein Projekt mehr, das irgendwann beginnt — sie passiert jetzt. Wer heute seine Daten versteht und nutzt, gestaltet morgen Innovation mit."
Dr. Malte Kohring
Leitung Digitalisierung, Bayern Innovativ
Was können Unternehmen bei diesen rasanten Entwicklungen tun, um im Digitalen am Ball zu bleiben?
Dr. Malte Kohring: Da gibt es wieder zwei Perspektiven. Einmal die übergeordnete Perspektive, um am Ball zu bleiben und eben vorausschauend handeln zu können. Dafür ist es sehr wichtig, Trends im Blick zu behalten und in Austausch mit den Expertinnen und Experten aus den verschiedensten Branchen zu kommen. Hier bieten wir viele verschiedene Formate an, von Fachtagungen über Workshops bis hin zu Arbeitskreisen.
Zusätzlich muss neues Wissen in den Unternehmen aufgebaut werden. Und das erreichen wir, indem wir den Wissenstransfer, zum Beispiel von Universitäten in die Wirtschaft, voranbringen. Wir haben schon über das Thema Daten gesprochen, da würde ich jedem Unternehmen mitgeben, dass es einer der wichtigsten Trends in der Zukunft sein wird, seine Daten im Griff zu haben und darauf aufzubauen.
Das heißt, erstmal muss man die Daten wirklich selbst erfassen können, zum Beispiel in der Produktion mit Sensoren. Die Daten müssen richtig strukturiert sein, damit man sie dann im allerletzten Schritt auch gewinnbringend nutzen kann. Zusammenfassend würde ich jedem mitgeben: seine eigenen Prozesse genau unter die Lupe zu nehmen und darauf aufzubauen, denn da liegt die Zukunft.
Wen genau unterstützt das Innovationsnetzwerk Digitalisierung?
Dr. Malte Kohring: Wir unterstützen nicht nur die Großunternehmen, sondern ein ganz besonderer Fokus bei Bayern Innovativ liegt auf den kleinen und mittelständischen Unternehmen. Dazu gehören unter anderem die Hidden Champions, die wir sichtbar machen. Mit unseren Veranstaltungen bringen wir die verschiedenen Welten zusammen. Da kommen Großunternehmen und Forschung, die je eigene Perspektiven miteinbringen, und natürlich die kleinen und mittelständischen Unternehmen, die sich fragen, „Wie können wir das mit weniger Personal und mit weniger Ressourcen angehen?“. Dafür bieten wir Lösungen und Gesprächsstoff.
Kommen hier auch Start-ups ins Spiel?
Dr. Malte Kohring: Start-ups sind natürlich ein wesentlicher Faktor. Ich hatte bereits erwähnt, wie stark Bayern in diesem Bereich ist. Wir haben in unseren Netzwerken einige Start-ups und vernetzen sie zu anderen Partnern in unserem bayerischen Ökosystem, die sich dann noch mehr um bestimmte Belange bei Bayerischen Start-ups kümmern können.
KI boomt derzeit. Was wird KI Ihrer Meinung nach in Zukunft verändern?
Dr. Malte Kohring: Wie wir arbeiten, wird sich grundlegend ändern. In den Betrieben und im persönlichen Arbeiten, in ganz unterschiedlichen Berufen, sei es im Büro, sei es in der Produktion, wird es eine enorme Effizienzsteigerung geben.
Aus meiner Sicht wird es auch die Möglichkeit geben, mit der gleichen Anzahl an Personen, noch mehr zu erreichen. Und es werden sich neue Geschäftsmodelle auftun. KI kann ein Enabler für verschiedenste andere Sparten sein, an die man vielleicht im ersten Moment nicht direkt denkt.
Ein besonders spannender Fall ist das Training von humanoiden Robotern, das auch durch KI beschleunigt werden kann, zum Beispiel beim Erlernen von Bewegungsmustern.
Wie gelingt es Ihnen generell, komplexe Hightech- und Deeptech-Trends greifbar zu machen und Unternehmen dafür zu begeistern?
Dr. Malte Kohring: Das gerade ist der spannendste Teil an unserer Arbeit. Wir vereinen hier im Haus einerseits die Expertise in Themen, aber eben auch die Fähigkeit, die Wirtschaft und die Forschung und alle anderen Stakeholder mitnehmen zu können und daraus ein gemeinsames Verständnis zu schaffen.
So können wir vor allem Mehrwerte aufzeigen, das ist das Wichtige für die Wirtschaft. Das Großartige ist, dass wir hier im Haus die Kolleginnen und Kollegen nebenan sitzen haben, die in einem anderen Bereich tätig sind, so können wir weitere Synergien schaffen, zum Beispiel zwischen der Automotive Branche und der Gesundheitsbranche und eben der Digitalisierung.
Welches Beispiel aus Ihrem Netzwerk zeigt, wie Digitalisierung in Bayern heute schon echte Innovationen schafft?
Dr. Malte Kohring: Da haben wir ganz viele Beispiele und wenn ich mir eines aussuchen muss, dann würde ich ein ganz spezielles aus der Halbleiterbranche nehmen, ein Enabler für die Digitalisierung. Es gibt eine spannende Innovation, und zwar von einem Start-up, mit dem wir viel zusammengearbeitet haben, das heißt Quantum Diamonds.
Wir haben sie unterstützt, indem wir es ihnen zum Beispiel ermöglicht haben, auf unserem Halbleiterkongress aktiv zu sein, Pitches zu geben, und ihre Sichtbarkeit zu erhöhen. Wir sind zusammen mit Bayern International zu verschiedenen Messen gegangen, zum Beispiel auf die Semicon Taiwan. Dadurch konnten Quantum Diamonds ihr Netzwerk erweitern.
Das Spannende an deren Prinzip ist, dass sie Quantensensoren aus Diamanten nutzen, um Defekte sichtbar zu machen. Durch die frühzeitige Detektion von Defekten kann die Produktion effizienter gestaltet werden.
Welche Technologien oder Entwicklungen werden Ihrer Meinung nach Wirtschaft und Gesellschaft in den nächsten 30 Jahren am stärksten prägen?
Dr. Malte Kohring: Ein großes Thema, an dem wir nicht vorbeikommen werden, ist die Künstliche Intelligenz. Dazu wird auch die humanoide Robotik eine wichtige Rolle spielen. Da liegt ein großes Potenzial, sei es in der Gesundheitsbranche, zum Beispiel in der Pflege im eigenen Haushalt, oder in der Produktion. Es gibt da viele verschiedene Ansatzpunkte, und diese Entwicklung wird sich auch gegenseitig beschleunigen.
Es bleibt sehr spannend, welches Ergebnis am Ende entsteht, wie schnell wir die nächsten Schritte gehen und wann sich das in unserem Alltag bemerkbar macht.
Zusätzlich haben wir auch noch andere Themen wie zum Beispiel Quantencomputing. Da werden wir auch noch sehen, was das alles bewirken kann, einerseits in Richtung Simulationen, aber auch für eine neue Art der Verschlüsselung, Stichwort Post Quantum Kryptographie.
Hier kommen Herausforderungen und Themen auf uns zu, aber eben auch Möglichkeiten. Ein anderes kleines Thema ist die Augmented Reality. Das sind Brillen, die einem die Wegführung ermöglichen, man weiß, wo man genau hingehen muss. Oder die einem Anzeigen, wie man genau etwas bedienen muss. Da ist noch offen, in welchem Maß sich das Durchsetzen wird.
Das Schöne ist, die Zukunft ist noch nicht geschrieben, wir werden das jetzt alles gemeinsam erleben.
Was empfehlen Sie Unternehmen, um sich da auf diese kommenden Veränderungen vorzubereiten?
Dr. Malte Kohring: Ich empfehle am Ball zu bleiben. Beispielsweise bieten wir verschiedenste Möglichkeiten an, im eigenen Netzwerk aktiv zu sein. Wir haben Netzwerke für Kommunikationsnetzwerke, das Thinknet 6G, wir haben auch ein Thinknet Quantentechnologie, oder das bayerische Halbleiternetzwerk, die Bavarian Chips Alliance. Oder wie bereits angekündigt, das neue Netzwerk zu den Datengetriebenen Geschäftsmodelle.
Da versammeln sich Expertinnen und Experten, da passiert der Austausch, um neue Kollaborationen zu starten. Wenn man am Ball bleibt, die Zukunft im Blick hat und die nächsten Schritte heute schon mit angeht, dann ist man perfekt aufgestellt.
Wenn Sie eine digitale Innovation erfinden könnten, die alles grundlegend verändern könnte, was wäre das?
Dr. Malte Kohring: Eine Sache, die mir schon länger durch den Kopf geht, wäre eine Plattform, die man shared Ideas nennen könnte. Es gibt natürlich schon Austauschplattformen, wo man Ideen teilen kann, aber mein Gedanke ist, dass man das Ganze im Stil eines Kurznachrichtendiensts gestaltet. Man sitzt zu Hause und hat eine Idee, zum Beispiel für ein optimiertes Kochgerät. Oder wenn man an die Kreativwirtschaft denkt, vielleicht wie ein Film enden kann. Dann könnte man die Idee einfach in ein paar Sätzen herunterschreiben und auf diese Plattform geben. Da gäbe es dann einen Algorithmus oder die User könnten die Ideen bewerten. Die besten Ideen kommen nach oben und für Kreative oder auch für Technologen gäbe es die Möglichkeit, schnell auf diese Ideen zuzugreifen. Man könnte diese Idee „spenden“ und hat dabei die Möglichkeit, dass sie vielleicht verwirklicht wird. Das wäre besonders gut für Ideen, für die einem die Zeit oder die Kapazitäten zur Umsetzung fehlen. Es wäre doch spannend, wenn sowas in einem großen Maßstab umgesetzt wird, dass man diesen Ideenreichtum nutzen und weiterbringen kann.
Das Interview führte Barbara Groll, Media Relations, Bayern Innovativ GmbH, Nürnberg.
Hören Sie sich das vollständige Interview als Podcast an:
Länge der Audiodatei: 00:19:30 (hh:mm:ss)
Digitalisierung made in Bayern: Wie Unternehmen seit 30 Jahren Zukunft gestalten (10.12.2025)
Welche bahnbrechenden Innovationen haben die Digitalisierung in den vergangenen 30 Jahren besonders vorangetrieben? Und wo wird sich die Branche hinentwickeln? Diese und weitere faszinierende Einblicke teilt Dr. Malte Kohring, Leiter des Innovationsnetzwerks Digitalisierung bei Bayern Innovativ. Anlässlich des 30. Firmenjubiläums der Bayern Innovativ GmbH spricht Barbara Groll mit Malte Kohring darüber, welche Durchbrüche es gab – und warum die Zusammenarbeit von Wirtschaft, Wissenschaft und Start-ups dabei so entscheidend ist.
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