Portrait: Johann Reißer

20.01.2026

#bayernkreativPORTRAIT: Wie lassen sich Materialien, Raum und Geschichte in einer künstlerischen Performance verbinden? Für Johann Reißer ist Kunst der Schlüssel, um über nachhaltiges Bauen, zirkuläre Nutzung von Ressourcen und neue Perspektiven auf Architektur nachzudenken. Von der Berliner Theaterbühne bis zu alten Waffenfabriken in Schwaben, von lyrisch-grafischen Projekten bis zu performativen Auseinandersetzungen mit Sägewerken: In der DECORATOR-Residenz erforscht Johann, wie Text, Klang und Raum zu einer vielschichtigen, sinnlich erfahrbaren Geschichte verschmelzen und wie Kunst dabei neue Wege für die Zukunft des Bauens aufzeigen kann.

Kunst kann neue Perspektiven erzeugen, Szenarien ausloten und Möglichkeitsfelder eröffnen, um uns und unsere Formen des Lebens und Bauens neu zu denken und zu empfinden.

- Johann Reißer

Kannst du uns etwas über deinen künstlerischen Werdegang erzählen und wie du zu deiner heutigen Praxis gefunden hast?

Ich habe mich schon immer für ganz verschiedene Denk- und Ausdrucksformen und deren Verbindung interessiert. Während meines Studiums der Literaturwissenschaft und Philosophie habe ich mich mit Ansätzen der Avantgarden wie auch mit älteren Ästhetiken auseinandergesetzt und zugleich erste eigene Gehversuche auf dem Feld der Literatur und des Theaters unternommen. In den künstlerischen Projekten, die folgten, fanden Text, Bild, Klang und Raum in unterschiedlichen Mustern zusammen – auf der Bühne, in Büchern oder bei Ausstellungen. 

Welche Stationen oder Erfahrungen waren für deine künstlerische Entwicklung besonders prägend?

Bei mir haben sich neue Ansätze oft aus der Kooperation mit anderen Künstlerinnen und Künstlern ergeben. Man lernt da viel voneinander, aber auch beim Versuch, gemeinsam zu einem stimmigen Ergebnis zu kommen. Manchmal geben aber auch ungeplante Begegnungen neue Impulse. Als ich Stadtschreiber in Rottweil war, wollte ich an einem Roman über das ländliche Bayern und Landwirtschaft schreiben, stieß dort aber auf eine alte Waffenfabrik, deren Geschichte mich so faszinierte, dass ich meine anderen Pläne aufgab und an einem Roman über die Entwicklung der Rüstungsindustrie zu arbeiten begann, der nun im März erscheinen wird.

Gibt es Einflüsse, die deine Arbeit entscheidend geprägt haben?

Für die Arbeit auf der Bühne war die Berliner Theater- und Performanceszene prägend für mich, insbesondere René Pollesch mit seinem unglaublich klugen, politisch reflektierten und zugleich leichtfüßig-gewitzten Theater. Hinsichtlich des Umgangs mit heterogenen Materialien, deren Geschichte und ihre (multi)mediale Verarbeitung habe ich viel von den Autorinnen und Autoren gelernt, über die ich meine Doktorarbeit geschrieben habe: Rolf Dieter Brinkmann, Thomas Kling und Barbara Köhler.

Was hat dich dazu bewogen, dich für das Residenzprogramm zu bewerben, und welche Ziele hast du dir für deinen Aufenthalt gesetzt?

2019 bis 2024 arbeitete ich mit Ursula Seeger an dem lyrisch-grafischen Projekt „geHÄUSe – Zwölf Schleifen zwischen Zellen und Clouds“, das sich mit der baulichen Entwicklung Berlins beschäftigt sowie mit Beziehungen zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Architekturen. Fragen der Nachhaltigkeit und der Zukunftsfähigkeit spielten hier eine wichtige Rolle. Ich finde es toll, beim DECORATOR-Projekt die Möglichkeit zu haben, viele der Fragen, die mich da beschäftigten, an einem anderen Ort weiterzuverfolgen und mich dabei performativ mit einem Raum auseinanderzusetzen.

Wie integrierst du in deiner Residenz kreative Ansätze, um zirkuläres Bauen und die Wiederverwendung von Materialien erlebbar zu machen? Kannst du ein konkretes Beispiel aus deiner Arbeit nennen?

In meiner Performance werde ich das Sägewerk mit seiner Baustruktur, seinen Materialien sowie den Menschen und Maschinen, die darin agierten und agieren, durchleuchten.  Unter anderem werde ich mit einer Loop Station arbeiten und so Holz- und Werkzeugklänge mit Texten verweben. So soll eine materielle und zeitliche Polyfonie entstehen, das Potentiale auslotet. In „geHÄUSe“ beleuchte ich auf ähnliche Weise etwa das Berghain, ein ausgedientes Kraftwerkgebäude, das sich in einen Club und Kulturort mit internationaler Strahlkraft verwandelte.

Welche Herausforderungen und Chancen siehst du in der Zusammenarbeit mit Industriepartnern (z. B. Sägewerken) und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern im Rahmen von DECORATOR?

Ich finde es immer gut, wenn sich Menschen aus unterschiedlichen Feldern offen begegnen und intensiv austauschen. Das holt einen aus der eigenen Blase heraus und regt neue Ideen an. Der Austausch mit Architektinnen und Architekten und Holztechnikerinnen und Holztechnikern ist für mich sehr interessant. Ich finde es toll, an der Hochschule Rosenheim Expertinnen und Experten in Feldern zu treffen, mit denen ich normalerweise kaum Austausch habe, und deren Wissen nun in dieses Projekt einfließen kann.

Wie bewertest du die Rolle von Kunst und Design bei der Sensibilisierung für nachhaltiges Bauen sowohl für ein Fachpublikum als auch für die breite Öffentlichkeit?

Kunst und Design können hier viel leisten. Denn gute Geschichten und eindrückliche Bilder beeinflussen viele Menschen stärker als rationale Argumente. Darum ist es wichtig, dass sich Künstlerinnen und Künstler ernsthaft mit diesen Themen auseinandersetzen und Gegenentwürfe zu profitgesteuerten Positionen entwickeln. Um die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen, müssen wir von simplen Fortschrittserzählungen und engen Normalitätsvorstellungen wegkommen. Kunst kann hier neue Perspektiven erzeugen, Szenarien ausloten und Möglichkeitsfelder eröffnen, um uns und unsere Formen des Leben und Bauens neu zu denken und zu empfinden.

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