Playmobil-Mutter plant 100-MW-Rechenzentrum

Auf dem früheren Playmobil-Werksgelände in Dietenhofen sollen leistungsstarke Rechenzentrumskapazitäten entstehen, die durch erneuerbare Energien und perspektivisch auch durch Abwärmenutzung ergänzt werden.

04.11.2026

Quelle: E & M powernews
 
Die Horst Brandstätter Group plant in Dietenhofen einen Rechenzentrums-Campus. Für zunächst 100 MW Leistung habe die N-Ergie Netzkapazitäten zugesichert.
 
Auf dem rund 18 Hektar großen Playmobil-Werksgelände im fränkischen Dietenhofen soll ein Rechenzentrums-Campus entstehen. Die Muttergesellschaft des Spielfiguren-Herstellers, die Horst Brandstätter Group, plant dafür Investitionen im dreistelligen Millionenbereich. Laut einer Mitteilung des Unternehmens wurde mit „Playmobil digital“ ein neuer Geschäftsbereich neben Spielwaren, Funparks und Pflanzgefäßen geschaffen.

Das Areal, auf dem bisher die Spielfiguren hergestellt wurden, verfügt bereits über eine 110-kV-Netzanbindung mit zwei Zuführungen aus unterschiedlichen Richtungen. Geplant sind zunächst 100 MW elektrische Anschlussleistung mit weiterem Ausbaupotenzial. Die erforderlichen Netzkapazitäten habe die N-Ergie zugesichert.
Nutzer des Campus‘ sollen regionale Unternehmen, Rechenzentrumsbetreiber und internationale Hyperscaler sein. Die Gespräche liefen bereits. Der Standort sei an bestehende Daten-Backbones angebunden.

„Wo über Jahrzehnte Playmobil produziert wurde, wollen wir künftig eine der wichtigsten Infrastrukturen der digitalen Zukunft ermöglichen. Wir transformieren ein bestehendes Industrieareal, statt neue Flächen auf der grünen Wiese zu erschließen“, sagt Matthias Fauser, Vorstand der Brandstätter Group.

Vier Nutzungsmodelle vorgesehen

Für den Campus will das Unternehmen vier Nutzungsmodelle anbieten. 
•    Bei „Land & Power“ pachtet ein Betreiber ein erschlossenes Baufeld mit Stromanschluss und errichtet sein Rechenzentrum selbst.
•    Im Modell „Powered Shell und Private Suite“ übernimmt Playmobil Digital Gebäude, Stromversorgung, Kühlung und Sicherheit; der Kunde bringt seine IT-Technik ein. 
•    „Colocation“ bietet betriebsfertige Flächen vom einzelnen Serverschrank bis zum eigenen Raum.
•    Bei „Managed Capacity“ erhalten Kunden fertige Rechenleistung, ohne eigene Hardware anzuschaffen.

Die Angebote sollen kombinierbar und erweiterbar sein. Das Grundstück bleibt im Eigentum der stiftungsgeführten Unternehmensgruppe. Playmobil Digital entwickelt und betreibt den Campus nach eigenen Angaben selbst und finanziert die gemeinsame Energie-, Kühl- und Sicherheitsinfrastruktur. Auf Wunsch könne man auch zusätzliche Gebäude errichten.

„Der Standort steht damit unter deutschem Eigentum und deutschem Recht“, heißt es in der Mitteilung wörtlich. Bisher hätten verschiedene Kostenfaktoren über die Wettbewerbsfähigkeit entschieden – die Brandstätter Group hat schließlich die Playmobil-Produktion komplett ins Ausland verlagert. Für Rechenzentren sei die langfristige Verfügbarkeit hoher elektrischer Anschlussleistungen entscheidend. Damit werde die vorhandene Infrastruktur zum Fundament für eine neue Form der Wertschöpfung.

Das geltende Energieeffizienzgesetz verlangt von neuen Rechenzentren eine bestimmte Energieverbrauchseffektivität. Der Quotient aus Gesamtenergieverbrauch des Rechenzentrums und Energieverbrauch der IT-Technik darf nicht größer als 1,2 sein. Außerdem ist bei Inbetriebnahme ab Juli 2028 grundsätzlich ein Anteil wiederverwendeter Energie – in der Regel Abwärme – von mindestens 20 Prozent vorgeschrieben. Außerdem muss der Stromverbrauch ab 2027 bilanziell vollständig durch erneuerbare Energien gedeckt sein. Die Bundesregierung will allerdings in einer laufenden Gesetzesnovelle die Abwärmeregelungen und Effizienzfristen lockern.

Zweites Rechenzentrum noch ohne Anschlusszusage

Für den Campus kündigt die Brandstätter Group erneuerbaren Strom an, ergänzt durch eigene Photovoltaikanlagen auf Dächern und geeigneten Freiflächen. Perspektivisch seien weitere Erzeugungs- und Speichertechnologien geplant. Die Abwärme soll künftig an Unternehmen oder kommunale Wärmenetze abgegeben werden.

In einem Gewerbegebiet in Neuhof an der Zenn, wenige Kilometer von Dietenhofen entfernt, ist ein weiteres Rechenzentrum geplant. Daran ist Medienberichten zufolge der US-amerikanische KI-Anbieter Anthropic beteiligt. Bürgermeisterin Claudia Wust erklärte Ende Oktober auf der Internetseite ihrer Gemeinde, N-Ergie habe die derzeit verfügbaren Netzkapazitäten zunächst für das Rechenzentrumsprojekt der Brandstätter Group reserviert. Damit fehlt dem Projekt in Neuhof eine verbindliche Anschlusszusage. Wust schlägt deshalb vor, die verfügbaren Kapazitäten zunächst mit jeweils rund 50 MW aufzuteilen, um die jeweiligen Planungen fortführen und die Investitionsentscheidungen treffen zu können.

Autor: Fritz Wilhelm