Platz schaffen für die Zukunft
Wenn bewährte Systeme an ihre Grenzen stoßen
28.04.2026
Antibiotika gelten als eine der größten Errungenschaften der modernen Medizin. Sie haben Infektionskrankheiten beherrschbar gemacht, Operationen sicherer und medizinischen Fortschritt erst ermöglicht. Doch dieser Erfolg gerät zunehmend unter Druck. Weltweit breiten sich Antibiotikaresistenzen aus, während neue Wirkstoffe nur langsam nachkommen. Die Dynamik der Krise zeigt: Bestehende Systeme funktionieren nicht mehr zuverlässig und blockieren damit ihre eigene Zukunft.
Die naheliegende Reaktion auf solche Entwicklungen ist oft Optimierung: effizientere Prozesse, bessere Nutzung vorhandener Strukturen, inkrementelle Verbesserungen. Doch genau hier liegt das Problem. Wo sich Rahmenbedingungen grundlegend verändern, reicht Optimierung nicht mehr aus. Zukunftsfähigkeit verlangt mehr als technologische Weiterentwicklung – sie verlangt die Bereitschaft, Platz zu schaffen für Neues.
Loslassen als strategische Entscheidung
Platz schaffen bedeutet, sich bewusst von Vorgehensweisen, Strukturen und Denklogiken zu trennen, die lange getragen haben, heute aber Entwicklung hemmen. In der Transformationsforschung wird dieser Schritt als Exnovation bezeichnet. Gemeint ist nicht der radikale Bruch um jeden Preis, sondern das gezielte Zurückfahren, Beenden oder Neu-Ordnen von Bestehendem. Exnovation ist damit keine Alternative zur Innovation, sondern ihre Voraussetzung: Ohne freien Raum entsteht kein Fortschritt.
Wie ein solcher Perspektivwechsel aussehen kann, zeigt die aktuelle Antibiotikaforschung. Angesichts wachsender Resistenzen stoßen klassische Entwicklungsmodelle an ihre Grenzen. Der Biomediziningenieur James J. Collins und sein Team am MIT reagieren darauf, indem sie den Suchraum systematisch erweitern: Statt bekannte chemische Strukturen weiterzuverfolgen, setzen sie auf generative künstliche Intelligenz, um völlig neue Wirkstoffkandidaten zu identifizieren.
Der entscheidende Schritt liegt weniger in der Technologie selbst als im dahinterliegenden Denken. Alte Muster – lineare Entwicklung, fokussiert auf bekannte Substanzklassen – werden bewusst verlassen. KI eröffnet neue Möglichkeitsräume, ersetzt aber nicht bestehende Arbeit, sondern verschiebt den Fokus: weg von der Fortschreibung des Bekannten, hin zur strukturierten Suche nach Alternativen.
Platz schaffen heißt auch, anders zu organisieren
Gleichzeitig wird deutlich, dass technologische Innovation allein nicht genügt. Viele vielversprechende Moleküle scheitern nicht an fehlendem Wissen, sondern an praktischen Hürden wie komplexer Synthese oder fehlenden Übergängen in die Anwendung. Auch hier geht es darum, Platz zu schaffen in Prozessen, Zuständigkeiten und Kooperationen.
Die Antwort darauf sind Innovationsökosysteme. Forschung, Industrie, Start-ups und Förderorganisationen arbeiten zunehmend vernetzt zusammen. Wertschöpfung entsteht nicht mehr entlang klarer Ketten, sondern in flexiblen Netzwerken. Verantwortung wird geteilt, Entwicklungsprozesse werden iterativer, Rollen neu verteilt.
Dieses Muster ist weit über die Life Sciences hinaus relevant. Viele Organisationen stehen vor ähnlichen Herausforderungen: Strukturen geben Sicherheit, blockieren aber Anpassungsfähigkeit. Erfolgsmodelle der Vergangenheit binden Ressourcen, die für neue Entwicklungen fehlen. Zukunftsfähigkeit entsteht dort, wo Unternehmen und Institutionen bewusst Raum schaffen: durch Priorisierung, durch Reduktion und durch die Bereitschaft, Bewährtes nicht mit Zukunftssicherheit zu verwechseln.
Fortschritt braucht Freiraum
Die Antibiotikaforschung macht deutlich: Fortschritt entsteht nicht allein durch neue Technologien. Er entsteht dort, wo Organisationen ihre Logik verändern. Wo sie loslassen, um handlungsfähig zu bleiben, und Strukturen so gestalten, dass Neues entstehen kann. Platz zu schaffen ist dabei kein Verlust, sondern eine strategische Investition in die Zukunft. Nicht das Neue allein entscheidet über Fortschritt, sondern der Raum, den man ihm gibt.