Oranienburg erprobt flexiblen BHKW-Betrieb

Das wasserstofffähige Blockheizkraftwerk kann mit Erdgas, Biomethan und Wasserstoff betrieben werden und dient zugleich als Reallabor für Betrieb, Logistik und Integration von Wasserstoff in kommunale Wärmenetze.

12.10.2026

Quelle: E & M powernews
 
Die Stadtwerke Oranienburg erproben Wasserstoff in einem Dual-Fuel-BHKW. Das Projekt soll Erfahrungen mit Betrieb, Versorgung und dem H2-Transport liefern.
 
Die Stadtwerke Oranienburg haben ihr Heizwerk im Ortsteil Lehnitz um ein Blockheizkraftwerk erweitert, das sowohl mit Wasserstoff als auch mit anderen Gasen arbeiten kann. Damit wollen die Stadtwerke Erfahrungen mit Wasserstoff sammeln, ohne den Betrieb des Wärmenetzes von einer reinen Wasserstoffversorgung abhängig zu machen. „Statt auf eine Regulierung oder eine Wasserstofftransportleitung zu warten, testen wir jetzt. Wir möchten den neuen Energieträger Wasserstoff nutzen, den technischen Betrieb unter realen Bedingungen erproben und dabei neue Erkenntnisse gewinnen“, sagt Peter Grabowsky, Geschäftsführer der Stadtwerke Oranienburg.

Auch Martina Klement (CSU), Wirtschaftsministerin des Landes Brandenburg, betont: „Mit der Inbetriebnahme des wasserstofffähigen Blockheizkraftwerkes schreiben wir in Brandenburg ein neues Kapitel in der regionalen Energieversorgung. Was mich besonders beeindruckt, ist die Innovation, die hier stattfindet: Hier wird ein Verfahren zum Einsatz gebracht, das es möglich macht, unterschiedliche Energieträger für den Betrieb der Anlage zu nutzen.“ 

Die Heizzentrale, in der das neue BHKW installiert ist, wurde ursprünglich von der Nationalen Volksarmee erbaut. Nach der Übernahme durch die Bundeswehr erfolgte der Umbau auf Erdgas. Mitte der 1990er-Jahre übernahmen dann die Stadtwerke Oranienburg das Heizwerk. Zu diesem Zeitpunkt verfügte der Standort über drei Heizkessel mit zusammen 7,2 MW Leistung. Heute versorgt das Wärmenetz überwiegend gewerbliche Abnehmer. Der kommunale Versorger baute dafür einen der vorhandenen Gaskessel zurück und installierte ein Blockheizkraftwerk. Mit den Gewerbebetrieben hatten sich auch die Lastprofile verändert. Daran passten die Stadtwerke die Wärmeerzeugung an.

50 kW elektrische Leistung bei beiden Brennstoffen

Die Stadtwerke Oranienburg haben im April 2026 nun das H2-ready Blockheizkraftwerk in Lehnitz zusätzlich in Betrieb genommen und so „den Grundstein für Wasserstoffnutzung gelegt“, berichtet der kommunale Versorger. Der BHKW-Hersteller Tuxhorn Blockheizkraftwerke hat das Aggregat als Dual-Fuel-System ausgelegt. Erdgas, Biomethan oder Wasserstoff und deren Mischungen können problemlos eingesetzt werden. Nach Angaben der Projektpartner soll diese Brennstoffflexibilität einen schrittweisen Wechsel des Energieträgers ermöglichen, während die bestehende Gasinfrastruktur weiter genutzt werden kann. 

Das BHKW liefert sowohl im Wasserstoff- als auch im Erdgasbetrieb 50 kW elektrische Leistung. Unterschiede zeigen sich bei Brennstoffeinsatz, Wärmeleistung und Wirkungsgraden. Im Wasserstoffbetrieb gibt der Hersteller einen Brennstoffeinsatz von 138 kW an, im Erdgasbetrieb von 142 kW. Die thermische Leistung liegt bei Wasserstoff bei 76 kW und bei Erdgas bei 81 kW. Unter Einbeziehung der Brennwertnutzung bei einer Rücklauftemperatur unter 40 Grad Celsius sind es nach den Angaben von Tuxhorn 97 kW für Wasserstoff und 92 kW für Erdgas. Für beide Betriebsarten, also sowohl mit Erdgas als auch mit Wasserstoff, gibt der Hersteller einen Gesamtwirkungsgrad von 93 Prozent an.

Bei den Emissionswerten bestehen die größten Unterschiede: Im Wasserstoffbetrieb nennt Tuxhorn Kohlenmonoxid- und Stickoxidwerte von jeweils weniger als 20 mg/Nm3. Für den Erdgasbetrieb gibt der Hersteller weniger als 650 mg/Nm3 CO und weniger als 500 mg/Nm3 NOx an. Tuxhorn führt als weitere Merkmale des Wasserstoffbetriebs einen geringeren Brennstoffbedarf bei gleicher elektrischer Nettoleistung, eine ruhigere Laufweise und einen geringeren Verschleiß an.

Mischungsverhältnis lässt sich im Betrieb verändern

Die technische Besonderheit liegt weniger in der Leistungsklasse als in der Brennstoffflexibilität. Das Dual-Fuel-System kann Wasserstoff und Erdgas in variablen Mischungsverhältnissen einsetzen. Diese lassen sich nach Angaben des Anlagenbauers auch im laufenden Betrieb verändern. Damit kann der Betreiber auf die jeweilige Verfügbarkeit der Brennstoffe reagieren. Neben Erdgas kann auch Biomethan als möglicher Brennstoff für den Mischbetrieb genutzt werden.

Das Unternehmen verfolgt damit mehrere Ziele: Das BHKW soll Wärme für die Grundlast des Nahwärmenetzes liefern und über die gekoppelte Strom- und Wärmeerzeugung den Primärenergiefaktor des Wärmenetzes senken. Zudem prüfen die Stadtwerke, ob sich das Aggregat für den Notstrombetrieb einsetzen lässt. In diesem Fall könnte das BHKW die Aufgaben einer separaten Netzersatzanlage übernehmen.

Zugleich dient die Anlage als Erprobungsprojekt. Die Stadtwerke wollen im kleinen Maßstab praktische Erfahrungen mit dem Betrieb eines Wasserstoff-BHKW sammeln und ermitteln, welcher technische und betriebliche Aufwand bei einer späteren Umstellung von Erdgas auf Wasserstoff entsteht. Das Unternehmen will dabei nicht auf den Aufbau einer überregionalen Wasserstoffinfrastruktur warten. Bis entsprechende Transportleitungen zur Verfügung stehen, sollen Transport und Lagerung von Wasserstoff am Standort erprobt werden. Den Wasserstoff liefert FPS.Energy. Das Unternehmen transportiert ihn mit Trailern verschiedener Druckstufen und Kapazitäten. Die Lieferkette bildet damit einen Teil des Praxistests. 

Wasserstoff kommt per Trailer

Für die Stadtwerke verbindet das Vorhaben damit reguläre Wärmeerzeugung und technische Erprobung. Das BHKW übernimmt eine Aufgabe im Nahwärmenetz und ermöglicht zugleich Tests mit unterschiedlichen Brennstoffzusammensetzungen. Der Dual-Fuel-Ansatz begrenzt dabei die Abhängigkeit von der Wasserstofflogistik: Steht Wasserstoff zur Verfügung, kann das Aggregat ihn einsetzen; kommt es zu Lieferengpässen, bleibt der Erdgasbetrieb möglich. Damit lässt sich Wasserstoff in einem bestehenden Versorgungssystem erproben, ohne die Wärmebereitstellung vollständig an die Verfügbarkeit des neuen Brennstoffs zu koppeln. 

Die kompakte Bauweise ermöglicht laut Tuxhorn zudem eine flexible Integration in bestehende Energiezentralen und macht die Anlage besonders interessant für kommunale, gewerbliche und quartiersbezogene Anwendungen.

Autorin: Heidi Roider