Menopause 4.0: Wenn Präzisionsmedizin die Frauengesundheit neu in den Blick nimmt

29.10.2026

Die Medizin der Zukunft soll Unterschiede genauer erkennen: zwischen Menschen, zwischen Lebensphasen und zwischen individuellen Gesundheitsverläufen. Künstliche Intelligenz, Wearables und digitale Biomarker eröffnen dafür neue Möglichkeiten. Ihr Wert entscheidet sich jedoch daran, welche medizinischen Fragen sie beantworten können. In der Frauengesundheit trifft dieser technologische Aufbruch auf einen erheblichen Forschungsbedarf. Besonders deutlich wird das bei der Menopause: Hormonelle Veränderungen und individuelle Symptomverläufe werfen Fragen auf, denen sich FemTech mit datengetriebenen Ansätzen nähert. 

Die Menopause betrifft alle Frauen und zählt dennoch zu den großen, bislang unzureichend erforschten Anwendungsfeldern der Frauengesundheit. Gerade darin liegt ihre Bedeutung für die Innovationsdiskussion: Ein umfassender Versorgungsbedarf trifft auf Technologien, mit denen sich hormonelle Veränderungen und individuelle Symptomverläufe datenbasiert untersuchen lassen. FemTech rückt diese Fragen an die Schnittstelle von Medizintechnik, Digital Health und Präzisionsmedizin. Im Mittelpunkt steht dabei nicht allein, welche Daten künftig verfügbar sind, sondern wie daraus ein besseres Verständnis individueller Verläufe entstehen kann.  

Dass die Menopause heute stärker im Fokus steht, ist aus Sicht der FemTech-Unternehmerin Inga Bergen vor allem dem Engagement Betroffener zu verdanken: „Die Menopause ist nicht plötzlich ein neues Thema, sie war nur jahrzehntelang unsichtbar. Auf die Agenda gebracht haben sie nicht das Gesundheitssystem, sondern die Frauen selbst. Angefangen hat es mit Endometriose und den Wechseljahren auf Instagram: Betroffene haben dort öffentlich über Symptome, Fehldiagnosen und fehlende Ansprechpartner gesprochen und so eine Versorgungslücke sichtbar gemacht, die lange ignoriert wurde.“

Vom allgemeinen Blick zum individuellen Verlauf

Ein konkreter Forschungsansatz zeigt, was dieser Perspektivwechsel bedeutet. Das Projekt MENOSTIK am TUM-Universitätsklinikum untersucht, ob Stimmmerkmale gemeinsam mit Wearable-Daten als digitale Biomarker für die Perimenopause dienen können. Beatrice Aretz, Projektleiterin und Gründerin von Caona Health, bringt den zugrundeliegenden Forschungsbedarf auf den Punkt: „Viele Frauen warten jahrelang auf eine Diagnose, obwohl ihr Körper die Veränderungen längst zeigt. Wir können diese Signale nur noch nicht lesen.“ Erfasst werden unter anderem Herzfrequenz, Körpertemperatur und Schlaf. Wiederholte Stimmaufnahmen und kontinuierliche Sensordaten werden mit klinischen Hormonmessungen kombiniert und mithilfe Künstlicher Intelligenz ausgewertet. Ziel ist es, die Möglichkeiten einer künftig früheren, nichtinvasiven Erkennung hormoneller Veränderungen zu untersuchen. 

Die Stimme erscheint dabei zunächst als ungewöhnliche Datenquelle. Der Ansatz geht jedoch von der Frage aus, ob hormonelle Veränderungen auch in Stimmmerkmalen erkennbar werden. MENOSTIK betrachtet diese Merkmale nicht isoliert, sondern zusammen mit weiteren Körpersignalen und klinischen Messungen. Gerade diese Verknüpfung macht das Projekt für die Medizintechnik interessant: Sensorik, KI und medizinische Forschung bearbeiten eine gemeinsame Frage, statt lediglich zusätzliche Daten zu erzeugen. 

Warum die gemeinsame Betrachtung der Daten wichtig ist, erläutert Aretz so: „Betrachtet man jedes Signal für sich, ist kaum zu unterscheiden, was Alltag ist und was Hormon“, sagt sie. „Aber hormonelle Veränderungen senden nie nur ein Signal, sondern mehrere gleichzeitig. Genau dieses Muster kann KI erkennen.“ Ob sich daraus verlässliche digitale Biomarker ableiten lassen, bleibt die zu prüfende Forschungsfrage. 

Das Beispiel verdeutlicht zugleich den Unterschied zwischen einem Messsignal und einem medizinisch aussagekräftigen Merkmal. Ob Stimme und Wearable-Daten tatsächlich verlässliche Hinweise auf hormonelle Veränderungen liefern, ist Gegenstand der Untersuchung, kein bereits feststehendes Ergebnis. Im breiteren FemTech-Feld kommen weitere Ansätze wie Multi-Omics und digitale Gesundheitsanwendungen hinzu. Die zentrale Entwicklungsaufgabe bleibt dieselbe: Informationen müssen so mit medizinischen Fragestellungen verbunden werden, dass sich ihre Aussagekraft prüfen lässt. 

Mehr Daten allein sind noch keine bessere Versorgung

Mit den technologischen Möglichkeiten rückt deshalb die Qualität der Daten in den Vordergrund. Bei MENOSTIK werden Stimmaufnahmen und Sensordaten mit klinischen Hormonmessungen zusammengeführt. Damit richtet sich der Blick nicht nur darauf, welche Signale sich erfassen lassen, sondern auch darauf, wie sie mit gemessenen hormonellen Veränderungen zusammenhängen. Eine solche Forschungsfrage ist konkreter als das allgemeine Versprechen einer „KI-gestützten Versorgung“: Sie benennt, was untersucht wird und woran sich ein möglicher Erkenntnisgewinn messen muss. 

Auch die Zusammensetzung der Datengrundlage verdient Aufmerksamkeit. Rania Abbas, Expertin für digitale Versorgungskonzepte, warnt: „Wir haben jahrzehntelang an Männern geforscht und die Ergebnisse auf Frauen übertragen. Wenn wir jetzt KI mit genau diesen Daten trainieren, automatisieren wir die Fehldiagnose.“ Ihr Einwand macht deutlich, weshalb geschlechtersensible KI nicht losgelöst von der Qualität und Auswahl ihrer Trainingsdaten diskutiert werden kann. 

Für den Weg in die Versorgung reicht es dennoch nicht, dass eine Technologie interessante Muster sichtbar macht. Welche Aussagekraft diese Muster haben und welcher Nutzen sich daraus ableiten lässt, sind eigenständige Fragen. Evidenz, Datenqualität, Regulierung und geschlechtersensible KI gehören deshalb zum Kern der FemTech-Diskussion. Die Aussicht auf eine gezieltere Menopause-Versorgung ist ein Potenzial; ein nachgewiesener Versorgungserfolg lässt sich daraus noch nicht ableiten. Gerade diese Unterscheidung hält die Debatte offen für Innovation, ohne Forschungsergebnisse vorwegzunehmen. 

Die Menopause wird damit zu einem Innovationsfeld, das unterschiedliche Kompetenzen zusammenführt: medizinische Forschung formuliert die Fragen, technologische Entwicklung eröffnet neue Zugänge, und die Versorgung setzt den Maßstab für ihre praktische Bedeutung. Diesen Austausch zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und medizinischer Praxis begleiten wir bei Bayern Innovativ auch im Partnernetzwerk Gesundheit. Entscheidend ist dabei, technologische Möglichkeiten und medizinischen Erkenntnisbedarf gemeinsam zu betrachten. 

Der eigentliche Fortschritt von FemTech liegt deshalb nicht allein in neuen Geräten oder Anwendungen. Er liegt in der Möglichkeit, bislang unzureichend verstandene Gesundheitsverläufe genauer zu untersuchen. Ob daraus Präzisionsmedizin für die Menopause wird, hängt davon ab, wie belastbar die Erkenntnisse sind und wie sie sich in die Versorgung übersetzen lassen. 

Inga Bergen verbindet dieses Potenzial mit einer klaren Anforderung an den Versorgungstransfer: „KI verstärkt diese Entwicklung, weil sie individuelle Verläufe messbar und personalisierte Begleitung möglich macht. Für MedTech und Digital Health liegt hier ein großes Innovationsfeld, von Diagnostik über Wearables bis zur digitalen Begleitung. Entscheidend wird aber sein, dass diese Lösungen nicht im Selbstzahlermarkt stecken bleiben, sondern in der Regelversorgung ankommen.“ 

Menopause 4.0 beim MedtecSUMMIT 2027

Diese fachlichen Fragen greift die Session „Menopause 4.0 – FemTech als Innovationsfeld für KI und Präzisionsmedizin“ beim MedtecSUMMIT am 10. und 11. März 2027 in Nürnberg auf. Hier stehen aktuelle Forschungsansätze, technologische Entwicklungen und die Anforderungen an eine datengetriebene Menopause-Versorgung im Mittelpunkt. Als internationale Konferenz für die Medizintechnik- und Gesundheitsbranche bringt der MedtecSUMMIT Fachleute zusammen, um aktuelle Entwicklungen einzuordnen und Perspektiven für künftige Entscheidungen zu diskutieren. Die begleitende Fachausstellung ergänzt diesen Austausch: Unternehmen und Forschungseinrichtungen präsentieren dort Technologien und Projekte und kommen mit Fachpublikum sowie potenziellen Partnern ins Gespräch. 

Das Programm und Informationen zur Teilnahme finden Sie auf der Website des MedtecSUMMIT 2027. 

Ihr Kontakt

Sophia Wenzel
Sophia Wenzel
Bayern Innovativ GmbH, Nürnberg
Innovationsnetzwerk Gesundheit, Kommunikation und Marketing