Laserfusion als Spillover: Wie aus Forschung schon heute industrielle Anwendungen entstehen

18.06.2026

Die lasergetriebene Fusion gilt als eine der großen technologischen Hoffnungen für die Energieversorgung der Zukunft. Als Zukunftsfeld von bundesweiter Relevanz entsteht rund um die Fusionstechnologie derzeit ein Innovationsökosystem, dessen Impulse weit über Bayern hinausreichen und schon jetzt ihre Wirkung entfalten. Gerade die dafür entwickelten Hochleistungslaser eröffnen nämlich schon heute neue Anwendungen in anderen Märkten, beispielsweise bei der Materialcharakterisierung. Im Interview erklärt Sebastian Wojczik, Vice President Laser-driven Radiation Sources (LDRS) bei Focused Energy, wie aus der Laserfusion industrielle Spillover entstehen und warum SourceLight dabei eine zentrale Rolle spielt. 

Sebastian, Fusion ist eine zentrale Anwendung für eure Laser. Mit eurer Anwendungsplattform SourceLight zeigt ihr, dass die Technologie weit darüber hinausgeht. Welche weiteren Anwendungsfelder seht ihr und wo entstehen aktuell konkrete Use Cases?

Laserfusion bleibt das Kerngeschäft von Focused Energy. Gleichzeitig entstehen in der Entwicklung der Laserfusion technologische Bausteine, die bereits früher in industriellen Anwendungen relevant werden können. Wir wollen die LDRS Technologie, Laser-Driven Radiation Sources, in Anwendungen der zerstörungsfreien Prüfung und Materialcharakterisierung überführen. Konkrete Use Cases sehen wir vor allem dort, wo heutige Prüf- und Analyseverfahren an Grenzen stossen: bei der Charakterisierung und Qualifizierung radioaktiver Abfälle, bei Sicherheits- und Zollkontrollen, bei industrieller Qualitätssicherung sowie bei sicherheitskritischen Komponenten und komplexen Materialstrukturen.  

Was lässt sich aus eurem Beispiel für den Deeptech-Standort Deutschland ableiten? Sollten potenzielle Nebenanwendungen früher und systematischer mitgedacht werden? 

Ja, aber mit Disziplin. Bei Deeptech-Projekten entstehen oft technologische Fähigkeiten, die über den ursprünglichen Anwendungsfall hinausreichen. Diese Nebenanwendungen sollte man früh erkennen, aber nicht beliebig verfolgen. Aus unserer Sicht braucht es dafür eine klare Transferlogik: Der Kernfokus bleibt unangetastet, in unserem Fall die Laserfusion bei Focused Energy. Parallel werden ausgewählte technologische Bausteine anhand konkreter Kundenprobleme, Marktanforderungen und industrieller Umsetzbarkeit bewertet.  

Wie kann man solche Spillover gezielter erkennen, ohne den ursprünglichen technologischen Fokus zu verwässern? 

Man muss von zwei Seiten gleichzeitig denken: von der Technologie und vom Markt.  Wichtig ist eine klare Governance. Spillover sollten über definierte Kriterien priorisiert werden: technischer Fit, Marktbedarf, regulatorische Machbarkeit, Zugang zu Pilotkunden und kommerzielle Skalierbarkeit. So bleibt der ursprüngliche Fokus erhalten und der Transfer wird trotzdem systematisch. 

Welche Hürden sind bei solchen Deeptech-Spillovers besonders groß: technische Reife, Regulierung, Finanzierung, Marktzugang oder das Vertrauen potenzieller Anwender?

Alle genannten Punkte sind relevant. Der schwierigste Teil ist meistens nicht die Idee, sondern der Übergang von einem wissenschaftlich überzeugenden Ansatz zu einem robusten, wirtschaftlichen und regulatorisch anschlussfähigen System. 
Bei LDRS sind technische Reife, Systemintegration und Zuverlässigkeit zentrale Aufgaben. Hinzu kommen Strahlenschutz, Genehmigungen, Sicherheitsanforderungen und die Einbindung in bestehende industrielle Prozesse. Gerade in regulierten Märkten reicht technologische Überlegenheit allein nicht. Anwender müssen Vertrauen in Performance, Betriebssicherheit, Nachweisfähigkeit und langfristige Wartbarkeit gewinnen. Finanzierung ist ebenfalls kritisch, weil Deeptech-Hardware längere Entwicklungszyklen und höhere Anfangsinvestitionen hat als reine Softwareentwicklungen. Deshalb sind starke Partner, klare Meilensteine und frühe industrielle Validierung entscheidend. 

Wo steht die Technologie aktuell auf dem Weg zur industriellen Anwendung und wann rechnet ihr mit ersten praktischen Einsätzen, etwa in der Sicherheitsinspektion oder der Materialprüfung? 

Die Technologie befindet sich auf dem Weg von der wissenschaftlich-technischen Entwicklung in die industrielle Validierung. Ein wichtiger Referenzpunkt ist das PLANET-Projekt, in dem gemeinsam mit Partnern aus Industrie und Forschung ein Prototyp für eine lasergetriebene Neutronenquelle für industrielle Anwendungen am Standort des ehemaligen Kernkraftwerks Biblis entsteht. Für erste praktische Einsätze ist entscheidend, dass nicht nur die Strahlungsquelle funktioniert, sondern das Gesamtsystem: Laser, Targets, Detektion, Datenanalyse, Strahlenschutz, Betriebskonzept und Integration in reale Arbeitsabläufe. Wir sprechen daher nicht von einem kurzfristigen Serienprodukt, sondern von einer schrittweisen Weiterentwicklung in konkreten Anwendungsfeldern. Erste kontrollierte Demonstrationen und Pilotanwendungen sind der nächste logische Schritt auf dem Weg zur industriellen Nutzung. 

Welche Rolle spielen Partner, Netzwerke und industrielle Anwender dabei, aus einer technologischen Möglichkeit ein marktfähiges Produkt zu entwickeln? 

Eine entscheidende Rolle. Bei Deeptech entsteht ein marktfähiges Produkt nicht im Labor allein. Industrielle Anwender helfen, echte Anforderungen zu definieren. Partner aus Industrie und Forschung sind ebenso wichtig für Komponenten, Systemintegration, Sicherheit, Datenanalyse und Skalierung. Netzwerke und Kooperationen aus Forschung und Entwicklung können dabei helfen, früh die richtigen Anwender, Technologiepartner und Förderstrukturen zusammen-zubringen. 

Wie bewertet ihr das Potenzial des Standortes Bayern für euer Vorhaben?

Grundsätzlich sehen wir in Bayern sehr relevante Anknüpfungspunkte: eine starke industrielle Basis, Kompetenzen in Maschinenbau, Automatisierung, Photonik, Sicherheitstechnologie, Energieinfrastruktur und anspruchsvoller Qualitätssicherung. 
Gerade für die Industrialisierung der LDRS Technologie ist ein Umfeld wichtig, in dem Technologieentwicklung, industrielle Anwendung und Skalierung eng zusammenkommen. Bayern bietet dafür aus unserer Sicht ein sehr interessantes Ökosystem.

Ihr Kontakt

Dr. Christopher Zenk
+49 911 20671-157
Innovationsnetzwerk Energie & Bau, Projektmanager, Bayern Innovativ GmbH, Nürnberg
Dr. Kathrin Baumgartner
+49 911 20671-154
Innovationsnetzwerk Energie & Bau, Projektmanagerin, Bayern Innovativ GmbH, Nürnberg
Annika Michalak
+49 911 20671-645
Innovationsnetzwerk Digitalisierung, Projektmanagerin, Bayern Innovativ GmbH, Nürnberg