Kernfusion auf dem Weg in die Industrie: Neue Perspektiven für die deutsche Wirtschaft

Chancen der Kernfusion für den Mittelstand

27.04.2026

Energie ist für Unternehmen ein zentraler Planungsfaktor – und gleichzeitig oft eine der größten Unsicherheiten. Schwankende Preise und unsichere Verfügbarkeiten machen immer wieder deutlich, wie stark Produktion, Investitionen und Innovationen davon abhängen. Mit der Kernfusion rückt eine Technologie in den Fokus, die genau hier ansetzt: eine Energiequelle, die langfristig stabil, skalierbar und klimaneutral bereitgestellt werden kann. Damit könnte Energie perspektivisch weniger zum Unsicherheitsfaktor und stärker zur planbaren Grundlage werden.
Heute ist die Technologie nicht mehr nur ein Forschungsthema. Erste Projekte machen deutlich, dass sich die Entwicklung zunehmend in Richtung Anwendung bewegt. Eines der führenden Start-ups im Bereich der Kernfusion kommt aus Bayern: Proxima Fusion. In unserem Podcast Innovation Leben spricht Barbara Groll mit Francesco Sciortino, CEO und Mitbegründer von Proxima Fusion, sowie Dr. Rainer Seßner, CEO von Bayern Innovativ, über den aktuellen Stand der Technologie und die nächsten Schritte auf dem Weg zur Industrialisierung.

Herr Sciortino, viele Menschen verwechseln Kernfusion und Kernspaltung. Worin der entscheidende Unterschied?

Francesco Sciortino: Ich würde sagen, die beiden sind im Grunde Gegensätze. Die Kernspaltung teilt schwere Atomkerne und kann durch Kettenreaktionen außer Kontrolle geraten.
Die Kernfusion ist dagegen komplett anders. Sie verschmilzt leichte Kerne und ist von Natur aus selbstlimitierend und sicher. Zudem entstehen durch die Kernfusion keine langlebigen radioaktiven Abfälle und es besteht keine Gefahr einer Kernschmelze.

Was war Ihr Antrieb für die Unternehmensgründung? Und wann kam der Moment, in dem Sie dachten: Jetzt können wir es wirklich schaffen?

Francesco Sciortino: Das war 2022. Ich war damals Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Garching bei München und hatte engen Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, unter anderem in Greifswald, wo der Wendelstein 7-X steht.
Wir kamen mit weiteren Kolleginnen und Kollegen vom MIT in Boston und Google X Kalifornien zusammen und haben erkannt, dass eine neue Veröffentlichung für uns eine entscheidende Bedeutung hatte. Sie zeigte, dass wir die numerische Optimierung von Stellaratoren grundlegend neu denken können – und damit auch die Möglichkeit besteht, Kernfusion in Richtung Kommerzialisierung zu entwickeln.
Das war 2022 noch nicht so klar aber wir haben diese Chance gesehen und uns entschieden, diesen Weg zu gehen.
Gleichzeitig war Wendelstein 7-X unglaublich erfolgreich. Diese Maschine wurde über fünfzehn Jahre aufgebaut und hat 2022 alle ihre Ziele erreicht. Das war für uns überragend, daher haben wir gesagt: Wenn wir das schaffen, dann muss es in Deutschland sein.
2023 haben wir die Firma gegründet. Heute sind wir fast 150 Mitarbeitende zwischen München, Zürich und Oxford und arbeiten in enger Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für Plasmaphysik an Hochtemperatur-Supraleitern, Magneten und Stellarator-Optimierung.

Herr Dr. Seßner, Bayern Innovativ war sehr früh mit dabei. Warum?

Dr. Rainer Seßner: Als Thinktank und Transferorganisation beobachten wir Trends aus Wissenschaft und Wirtschaft sehr genau. Wir analysieren und bewerten diese und betrachten technologische Entwicklungen häufig schon vor dem Hype-Cycle, aber natürlich auch währenddessen. Wir priorisieren und leiten Maßnahmen ab.
Bei der Fusion wurde klar, dass sich nach Jahrzehnten der Forschung die sogenannte „Fusionskonstante“ – also die Annahme, dass es noch rund 30 Jahre bis zu einem funktionsfähigen Kraftwerk dauert – zunehmend auflöst. Unsere Analysen zeigen, dass die Zeit für den nächsten Schritt jetzt reif ist, parallel zu den laufenden Forschungen die Industrialisierung dieser Technologie voranzutreiben und den Transfer aus der Wissenschaft in die Wirtschaft aktiv zu gestalten.
Wir sprechen heute von wesentlich kürzeren Zeiträumen bis zur Kommerzialisierung als die letzten Jahrzehnte. Der wissenschaftliche Reifegrad für die Technologie ist inzwischen sehr hoch. Die offenen technologischen Herausforderungen brauchen Lösungen, die jetzt aus den Ingenieurswissenschaften und den Hightech-Unternehmen kommen. Gleichzeitig besteht ein großer Bedarf an neuen Energiequellen als Ergänzung zu den erneuerbaren Energien.
Entscheidend ist nun, ein Ökosystem aus Wissenschaft und Unternehmen aufzubauen, den Wissenstransfer und Technologietransfer zu gestalten und diese Wertschöpfungsketten von Anfang an gemeinsam mit der Industrie aufzubauen.
Wichtig ist dabei auch, dass Fusion kein kurzfristiger Quick-Win für die zuliefernden Unternehmen sein wird, sondern ein mögliches Standbein in ein oder zwei Jahrzehnten. Deshalb gilt es, bei diesen Deeptech-Themen das Know-how frühzeitig aufzubauen und dann als Hidden Champion hoffentlich erfolgreich zu sein – genau daran arbeiten wir.
Proxima Fusion war und ist für uns ein Paradebeispiel dafür. Ein weiterer Punkt, warum gerade jetzt der richtige Zeitpunkt ist: Es entstehen zahlreiche Start-ups, insbesondere hier in Bayern, aber auch in anderen Bundesländern, die genau diese technologischen Fortschritte aufgreifen. Proxima Fusion ist eines dieser Beispiele – ein Unternehmen aus München, das genau diesen Reifegrad erreicht hat, der nun aus der Wissenschaft in die Industrialisierung muss.  

Sie haben den Kongress „FusionX:Global“ nach Bayern geholt, die weltweit führende Investorenkonferenz zur Fusionstechnologie, die erstmals in Europa, sogar in München stattfand. Warum ist diese Konferenz so bedeutend?

Dr. Rainer Seßner: Zunächst einmal ein großer Dank an Francesco Sciortino. Er hat den ersten Impuls gegeben und vorgeschlagen, die Konferenz nach Europa, nach Deutschland und nach München zu holen. Diesen Impuls haben wir aufgegriffen und umgesetzt.
Gleichzeitig haben wir die Investorenkonferenz weiterentwickelt und um das Thema Industrialisierung ergänzt. So ist es gelungen, die gesamte internationale Community nach Bayern zu bringen – Investoren, große Unternehmen, kleine und mittelständische Betriebe sowie Start-ups, die in diesem Bereich tätig sind oder als Zulieferer infrage kommen.
Dadurch ist ein Ökosystem entstanden, das zum einen die internationale Strahlkraft Bayerns als Deep-Tech-Standort zeigt und zum anderen verdeutlicht, dass die Zeit reif ist, die Technologie in die industrielle Umsetzung zu überführen.
Das entstandene Momentum war enorm und wurde auch international durch die Berichterstattung bestätigt. Insgesamt war es ein wahnsinniger Erfolg.

Herr Sciortino, Sie haben im Rahmen der „Fusion Global“ eine Absichtserklärung zum Bau von zwei Reaktoren unterzeichnet – dem Demonstrator „Alpha“ und dem Kraftwerk „Stellaris“. Warum zwei Reaktoren?

Francesco Sciortino: Es sind im Grunde keine zwei Reaktoren. Man kann sagen, wir bauen zunächst einen Demonstrator und anschließend ein Kraftwerk. Der Demonstrator „Alpha“ entsteht in Garching, das Kraftwerk „Stellaris“ ist der nächste Schritt.
Am Standort des geplanten Kraftwerks gibt es bereits ein bestehendes Kernspaltungskraftwerk, das nicht mehr in Betrieb ist, aber über eine sehr gute Infrastruktur verfügt. Für uns ist es entscheidend, so schnell wie möglich voranzukommen. Deshalb ist die Nutzung dieser vorhandenen Infrastruktur ein großer Vorteil.
Die entsprechende Absichtserklärung haben wir gemeinsam mit dem Freistaat Bayern, dem Max-Planck-Institut für Plasmaphysik und RWE unterzeichnet. Das war ein starkes Signal für Investoren und die internationale Fusion-Community.
Wichtig ist dabei: Es geht nicht nur um ein einzelnes Unternehmen, sondern um ein gesamtes Ökosystem, das sich gerade formiert. In diesem Zusammenhang haben wir auch die „Alpha Alliance“ angekündigt – ein Konsortium überwiegend europäischer Unternehmen aus unserer Lieferkette. Ziel ist es, gemeinsam den Demonstrator zu bauen.
„Alpha“ ist ein großes Projekt mit einem Investitionsvolumen von rund zwei Milliarden Euro. Das können wir nicht allein umsetzen. Deshalb sind Partnerschaften entscheidend – mit der Bayerischen Staatsregierung, dem Max-Planck-Institut für Plasmaphysik sowie RWE und weiteren Unternehmen, die in der Alpha Alliance zusammenarbeiten. All das in derselben Woche rund um die „Fusion Global“ zusammenzubringen, war unglaublich. 

"Mit Stellaris haben wir erstmals in der Menschheitsgeschichte ein Konzept, das funktioniert. Genau das müssen wir jetzt – hier in Deutschland – bauen."

Francesco Sciortino
CEO, Proxima Fusion

Wenn Sie nun diesen Demonstrator bauen: Was muss er beweisen, damit anschließend der Reaktor „Stellaris“ realisiert werden kann?

Francesco Sciortino: Alpha ist der letzte Stellarator, den wir bauen müssen, bevor wir ein Kraftwerk realisieren können. Ziel ist es, netto Energiegewinn zu demonstrieren.
Konkret bedeutet das: Wir führen etwa 30 Megawatt in die Maschine ein, um das Plasma – also den Wasserstoff – zu erhitzen. Das Plasma muss anschließend mehr Energie zurückgeben, unter anderem aus der Kernfusion selbst. Genau das ist die entscheidende Demonstration.
Alpha ist dabei noch kein Kraftwerk, sondern eine Forschungsinfrastruktur. Deshalb arbeiten wir eng mit dem Max-Planck-Institut für Plasmaphysik zusammen. Für uns ist wichtig zu zeigen, dass wir als Unternehmen in der Lage sind, eine solche Anlage zu entwickeln und umzusetzen – und gleichzeitig die industrielle Fertigung, insbesondere für die leistungsstarken Magneten, aufzubauen.
Nach dem Bau wollen wir unsere Ziele erreichen und die Anlage gemeinsam mit dem Max-Planck-Institut für die Forschung nutzen. Dort soll sie über viele Jahre hinweg eine führende Rolle einnehmen. Proxima Fusion und das Max-Planck-Institut verfolgen dabei unterschiedliche, aber sich ergänzende Ziele – und können diese Entwicklung gemeinsam vorantreiben.
Stellaris ist der nächste Schritt und unterscheidet sich grundlegend von Alpha. Während Alpha als Demonstrator dient, ist Stellaris ein Kraftwerk. Dafür haben wir ein Paper veröffentlicht, das im Internet verfügbar ist.
Für Stellaris haben wir ein vollständiges Designkonzept entwickelt, in dem physikalische und ingenieurwissenschaftliche Aspekte erstmals zusammengeführt wurden. Damit liegt erstmals in der Menschheitsgeschichte ein Konzept vor, das auf dem Papier funktioniert – und genau dieses müssen wir jetzt bauen.
Dafür benötigen wir unter anderem eine Demonstration der neuen Magnettechnologie auf Basis von Hochtemperatur-Supraleitern. Diese wollen wir in den nächsten 18 Monaten entwickeln, fertigen und testen. Das ist ein europäisches Projekt, das München, Zürich und Paris zusammenbringt.
Parallel dazu bauen wir Alpha, um zu demonstrieren, dass wir als Unternehmen ein solches Projekt erfolgreich zu Ende bringen können.
In den frühen 2030er-Jahren soll Alpha in Betrieb gehen. Bis zum Ende der 2030er-Jahre wollen wir dann Stellaris gebaut haben und in Betrieb nehmen.

Und was sind aktuell die größten technologischen Herausforderungen dabei?

Francesco Sciortino: Die erste große Herausforderung sind die Magneten. Diese müssen deutlich leistungsstärker sein als bisherige Systeme, etwa die von Wendelstein 7-X. Grundlage dafür sind neue Technologien auf Basis von Hochtemperatur-Supraleitern.
Die Herausforderung liegt darin, diese Materialien so zusammenzubringen, dass ein funktionierender Magnet entsteht, der Feldstärken von rund 20 Tesla erreicht. Das ist eine sehr hohe Magnetfeldintensität. Gleichzeitig sprechen wir von Energiemengen von etwa 100 Megajoule, die in den Magneten eingebracht werden müssen. Das ist echt schwierig. Der Magnet ist also die erste Herausforderung.
Die zweite betrifft den Betrieb und die Wartung. Während ein Experiment auch mit Unterbrechungen funktionieren kann, muss ein Kraftwerk über einen Großteil der Zeit – etwa 80 bis 90 Prozent – zuverlässig laufen, um wirtschaftlich zu sein. Dafür braucht es robuste Materialien und Lösungen, die einen dauerhaften Betrieb ermöglichen.
Unser Stellaris-Design basiert ausschließlich auf Materialien, die heute bereits existieren. Das ist wichtig, denn wir können Stellaris mit den heutigen Materialien bauen. Das bedeutet, dass es sich nicht um eine „Fantasy-Geschichte“ handelt.
Die dritte Herausforderung ist die Tritium-Erzeugung. Tritium ist ein seltenes Wasserstoffisotop, das nicht natürlich in ausreichender Menge vorkommt und daher im Reaktor selbst erzeugt werden muss. Die entsprechenden Technologien befinden sich noch in der Entwicklung und müssen weiter getestet werden.
Die ganze Welt arbeitet daran – und wir auch. Im Fokus stehen dabei Magnete, Materialien für Wartung und Betrieb sowie die Tritium-Breeding-Technologie.

Herr Dr. Seßner, welche Rolle spielen Bayern und Europa im internationalen Vergleich? Sind wir konkurrenzfähig gegenüber den USA und Asien?

Dr. Rainer Seßner: Ja, das sind wir. Bayern und Europa spielen eine wichtige Rolle in der internationalen Kernfusionsforschung. Wissenschaftlich sind wir – wie so oft – in der Topliga.
Entscheidend ist jetzt, diese Stärke auch in wirtschaftliche Wertschöpfung zu überführen. Die Wettbewerbsintensität ist dabei sehr hoch. Bayern hat jedoch einen eigenen Masterplan und zählt zu den weltweit führenden Standorten in der Stellarator-Technologie.
Die zentrale Herausforderung liegt – wie so oft – in der Geschwindigkeit des Transfers von der Wissenschaft in die wirtschaftliche Umsetzung, also in der Industrialisierung, sowie in der notwendigen Investitionsbereitschaft.

"Bayern zählt zu den weltweit führenden Standorten in der Stellarator-Technologie. Die Herausforderung wird die Geschwindigkeit des Transfers aus der Forschung in die Industrialisierung sein."

Dr. Rainer Seßner
Geschäftsführer von Bayern Innovativ

Ein immenser Schritt ist der geplante Demonstrationsreaktor hier in Bayern. Was bedeutet das strategisch für Bayern?

Dr. Rainer Seßner: Mit diesem Projekt, also dem Demonstrationsreaktor, haben wir die Möglichkeit, eine industrielle Wertschöpfungskette aufzubauen.
Wir können frühzeitig die Unternehmen einbinden, die das notwendige Engineering-Know-how mitbringen und unsere Hidden Champions einbeziehen, die in unterschiedlichen Technologien stark sind und eben diese industrielle Wertschöpfung aufbauen. 
Das schöne ist, wir sind mit diesem Projekt hier in Bayern nicht allein. Auch in anderen Bundesländern entstehen Technologien und Hubs, die sich sinnvoll ergänzen können.
Insgesamt ist wichtig zu betonen, dass es sich nicht um ein rein bayerisches Projekt handelt. Kernfusion ist ein internationales Thema, das nur in enger Zusammenarbeit umgesetzt werden kann.

Beim geplanten Reaktor geht es schließlich nicht nur um Forschung, sondern um ein großes Technologieprojekt. Können KMU in Bayern davon profitieren?

Dr. Rainer Seßner: Ja, absolut. Für den Bau eines Fusionskraftwerks braucht es Materialien, Präzisionstechnik, Steuerungssysteme und Spezialfertigung, aber natürlich auch herausragende Baukompetenz, um die notwendige Gebäudeinfrastruktur und den Maschinenbau drumherum umzusetzen.
Genau darin liegt die Stärke des bayerischen Mittelstands. Es gibt zahlreiche Hidden Champions, die diese Entwicklungen vorantreiben können. Daraus ergeben sich Chancen – für Zulieferer, den Maschinenbau und Ingenieurbüros. Denn Fusion ist nicht nur Forschung, sondern entwickelt sich zur Industrie – und Bayern kann hier ganz vorne mit dabei sein. 
Für Unternehmen bedeutet das neue Märkte, neue Partnerschaften und langfristige Perspektiven, insbesondere wenn sie frühzeitig einsteigen.

Und wie ist es bei KMU, die bisher wenig Berührung mit Hightech hatten? Ist jetzt der richtige Zeitpunkt, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen? Welche Chancen ergeben sich daraus?

Dr. Rainer Seßner: Natürlich bieten sich auch hier entsprechende Chancen. Entscheidend ist zunächst, sich zu informieren: Was passiert aktuell, und welche Möglichkeiten gibt es, sich einzubringen?
Wie gesagt, es muss ein gesamtes Ökosystem entstehen. Francesco hat das vorhin bereits beschrieben: Der Bau eines solchen Kraftwerks erfordert zahlreiche Disziplinen. Unternehmen können daher prüfen, wo sie sich sinnvoll einbringen können.
Wir als Bayern Innovativ kennen die Unternehmen in Bayern sehr gut und gehen aktiv auf unsere Netzwerke zu, um diese einzubinden und entsprechende Potenziale zu aktivieren.

Unternehmen können sich also auch direkt an Bayern Innovativ wenden und beraten lassen, welche Möglichkeiten für sie bestehen?

Dr. Rainer Seßner: Absolut. Wie bereits gesagt: Fusion wird kein kurzfristiges Geschäftsmodell, sondern eine Investition in eine langfristige Perspektive.
Genau darauf ist der Mittelstand ausgerichtet – nicht nur die kurzfristigen Quick-Wins mitzunehmen, sondern sich langfristig solide aufzustellen. 

Was passiert als Nächstes? Wann werden wir die erste Demonstrationsanlage sehen?

Francesco Sciortino: Wir bauen aktuell an der Demonstration eines supraleitenden Magneten. Diese Entwicklung erfolgt zwischen München und Zürich, getestet wird das System in Paris.
Das ist eine große Herausforderung, da viele unterschiedliche Disziplinen und Teams zusammenarbeiten.
Parallel dazu arbeiten wir bereits am Demonstrator „Alpha“. Der Standort steht fest, und wir sind in der Planungsphase – von der Infrastruktur bis hin zur Analyse der Lieferketten. Der Bau der Anlage ist für die nächsten sechs bis sieben Jahre vorgesehen.
Aktuell sind wir rund 150 Leute bei Proxima Fusion. In den kommenden Jahren wird das Team deutlich wachsen – nicht nur bei uns, sondern auch bei unseren Partnern, etwa am Max-Planck-Institut für Plasmaphysik sowie an weiteren Standorten, beispielsweise in Greifswald und Nordrhein-Westfalen.
Insgesamt ist das ein wichtiger Schritt für Deutschland, das in der Stellarator-Technologie eine führende Rolle einnimmt. Gleichzeitig verstehen wir das Projekt als europäische Initiative. 

Und was wird Bayern Innovativ konkret dazu beitragen?

Dr. Rainer Seßner: Wir arbeiten bereits intensiv daran, ein starkes Ökosystem aufzubauen und weiterzuentwickeln – in Bayern, aber auch darüber hinaus auf nationaler und internationaler Ebene. Dabei bringen wir Forschung, Start-ups, Zulieferer und Industrie zusammen.
Gleichzeitig adressieren wir die aktuellen Herausforderungen der Industrialisierung gezielt, etwa durch entsprechende Challenges, Workshops und Deep Dives, um bestehende Hürden zeitnah zu lösen.
Daraus ergeben sich wiederum zahlreiche Chancen für spezialisierte Unternehmen, mit ihrer Expertise reinzugehen, um die Herausforderungen zu lösen.
Denn nur gemeinsam können wir diese Technologie Wirklichkeit werden lassen.

Wenn wir uns in zehn Jahren wieder treffen – was müsste passiert sein, damit Sie sagen können, dass der Startschuss für das Zeitalter der Fusionsenergie in Europa, vielleicht sogar in Bayern, gefallen ist?

Dr. Rainer Seßner: Für mich wäre entscheidend, dass aus diesem Ökosystem eine wirtschaftlich erfolgreiche Industrie geworden ist oder zumindest der Startpunkt da ist. 
Das bedeutet, dass die Herausforderungen bei der Umsetzung und Industrialisierung gelöst sind und die Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette bereit sind, Fusionskraftwerke weltweit nach dem Vorbild von Proxima Fusion aufzubauen. 

Francesco Sciortino: Wie Herr Dr. Seßner gesagt hat, das ist keine kurze Herausforderung. Für uns geht es darum, in den nächsten Jahren eine neue Industrie aufzubauen.
Dafür müssen wir in den nächsten zehn Jahren in die Fertigung gehen und dieses Ökosystem gemeinsam entwickeln – nicht als einzelnes Unternehmen, sondern als Zusammenspiel vieler Akteure. Die Lieferkette wird sich in den nächsten Jahren weiterentwickeln, zusammenarbeiten und gemeinsam investieren.
Unsere Rolle als Proxima Fusion ist es, internationale Investoren für diese Projekte zusammenzubringen. Dafür brauchen wir die Unterstützung des Freistaats, der Bundesregierung sowie von Investoren aus ganz Europa, den USA und weiteren Ländern.
Am Ende entscheidet vor allem die Geschwindigkeit. Wir haben die richtigen Unternehmen, die notwendige politische Unterstützung und die finanziellen Mittel für ein solches Leuchtturmprojekt – jetzt müssen wir es schnell umsetzen.

Dr. Rainer Seßner: Genau das ist es, was mich noch einmal umtreibt: dass wir am Ende zeigen können, wie aus Forschung, Politik und Unternehmertum ein echtes Zukunftsprojekt entsteht – so wie Herr Sciortino es gerade beschrieben hat.

Das Interview führte Barbara Groll, Media Relations, Bayern Innovativ GmbH, Nürnberg.

Hören Sie sich das vollständige Interview als Podcast an:

Länge der Audiodatei: 00:25:02 (hh:mm:ss)

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