Interview: Software Defined Vehicles
„Wir legen den klaren Fokus darauf, welchen Mehrwert wir für den User generieren“
13.03.2025
Im Auto der Zukunft spielt die Software eine immer wichtigere Rolle und verspricht große Chancen für die Automobilindustrie. Laut einer Prognose der Boston Consulting Group gibt es bis zum Jahr 2030 in Europa insgesamt einen Pkw-Bestand von rund 355 Millionen Fahrzeugen, wovon rund die Hälfte vernetzt (connected) sein wird. Was genau ist aber ein Software Defined Vehicle (SDV) und was macht es für Hersteller wie Kunden interessant? Darüber hat Tim Kastenhuber vom Cluster Automotive mit Benjamin Steinmetz, Product Experience Director Europe bei der NIO GmbH, in diesem Interview gesprochen.
Bitte erkläre uns die grundlegenden Prinzipien eines Software Defined Vehicle (SDV)? Was unterscheidet ein SDV von einem herkömmlichen Fahrzeug und inwiefern unterschiedet sich NIO in seinem Lösungsansatz von anderen OEMs?
Benjamin: Unter einem SDV versteht man ein Fahrzeug, das weniger, bis gar nicht über die initiale Hardware definiert wird, sondern sich über die Software ändern, upgraden und personalisieren lässt. Das heißt in anderen Worten, dass sich die mechanische Definition zu einer Software Definition der Fahrzeugcharakteristika entwickelt. Natürlich braucht man hierfür auch die entsprechende Hardware.
Technologisch sind wir den klassischen OEMs ungefähr eine Generation voraus und haben kürzlich auch unsere Architektur der nächsten Generation vorgestellt. Im Vergleich mit den „neueren“ OEMs sind wir ungefähr auf einem Level und die Architekturen sind ähnlich.
Worin werden die Unterschiede besonders deutlich?
Benjamin: Der größte Unterschied liegt in unserer Denkweise: Anders als klassische OEMs sind wir nicht von Technologien/Engineering getrieben, sondern wir legen den klaren Fokus darauf, welchen Mehrwert wir für den User - unseren Kunden - damit generieren.
Ein weiterer Punkt ist das initiale Design. Früher wurde die Hardware in Fahrzeugen auf Kante genäht für das initiale Lastenheft. Mit einem SDV muss man umdenken, da man vielleicht später neue Funktionen hinzufügen möchte.
Das SDV ist mit enormen Anforderungen an Wissensaufbau und Investitionen verbunden, die außerhalb der Kernkompetenz vieler Automobilunternehmen liegen. Viele Hersteller haben sich daher für den Weg der Kooperation mit bekannten Softwareunternehmen wie Google oder Amazon entschieden. Welchen Weg geht NIO und warum?
Benjamin: Wir entwickeln möglichst viel selbst, das inkludiert auch die Integration von Partnerangeboten, wie z. B. Spotify. Damit haben wir einerseits die Kontrolle, welche Programme in das Fahrzeug kommen und anderseits auch eine hohe Flexibilität. Somit können wir eine nahtlose Integration garantieren, die sich in die Gesamterfahrung einfügt. Wenn man z. b. Android Auto oder Apple Car Play integriert, hat man ein anderes Design, der Sprachassistent ist für bestimmte Funktionen ein anderer und man kann nicht alle Displays ansteuern. Man hat also am Ende eine fragmentierte Erfahrung. Außerdem ist man extrem abhängig von der Entwicklungsroadmap des jeweiligen Partners.
Wie gestaltet sich die Software-Architektur in einem SDV?
Benjamin: Während man früher die Steuergeräte in einer 1-1 Verbindung gestaltet hat und jedes Steuergerät eine spezifische Funktion erfüllt hat, ist das Ziel im SDV eine möglichst einfache und generische Struktur zu erzeugen. Hierbei spricht man von einer Domain-Architektur und im nächsten Schritt einer Zone-Architektur. Der Vorteil liegt hierbei in der Generik der Architektur, die man über verschiedene Plattformen, Fahrzeuge und Ausstattungsvarianten nutzen kann. Gleichzeitig vereinfacht man die Software und macht somit Updates einfacher möglich.
Wie genau wird die Integration von Drittanbieter-Software in einem SDV gewährleistet?
Benjamin: Grundsätzlich gibt es vier Arten für die Integration von 3rd Party Software in das Infotainment: Die erste Möglichkeit bedeutet, die Onboard Software selbst zu entwickeln und nur die Programmierschnittstelle (Application Programming Interface (API)) des Drittanbieters zu nutzen. Darüber hinaus gibt es die zweite Variante, eine bestehende APK (Dateiformat für Google Android Applications) an das Fahrzeug anzupassen. Dem gegenüber könnte man auch die APK als dritte Möglichkeit ohne Anpassungen integrieren. Schließlich gibt es noch die Web-App, bei der man nur eine Art Browser Fenster öffnet, was als solches nicht für den User erkennbar ist, und den Content in das Fahrzeug streamt.
Welche Bedeutung hat das Konzept des Over-the-Air (OTA) Updates für SDVs? Welche Herausforderungen und Vorteile ergeben sich durch die Möglichkeit, Fahrzeuge auf diese Weise zu aktualisieren?
Benjamin: OTA-Updates ermöglichen eine neue Erfahrung für den User, da er ständig mit neuen Features und Funktionen versorgt werden kann. Früher galt ein Fahrzeug bereits sechs Monate nach dem Kauf aus digitaler Sicht als veraltet. Durch unsere FOTA/SOTA-Updates (Firmware-/Software OTA), kann der User heute jahrelang ein immer aktuelles Fahrzeug nutzen. Das kann sich positiv auf den Wiederverkaufswert auswirken.
Die Herausforderungen liegen intern natürlich in der Ressourcenallokierung und der Finanzierung solcher Updates über die Nutzungsdauer des Fahrzeugs. Hier muss man anders planen als in der Vergangenheit, in der alle Investments bis zu dem Start of Production (SOP) stattgefunden haben.
Ein weiterer Punkt ist Cybersecurity, sodass Autos nicht per OTA gehackt werden können. Das betrifft sowohl die Sicherheit im Fahrzeug als auch in der Tooling und Backend Umgebung.
Anders als klassische OEMs sind wir nicht von Technologien/Engineering getrieben, sondern wir legen den klaren Fokus darauf, welchen Mehrwert wir für den User - unseren Kunden - damit generieren.
Benjamin Steinmetz
Product Experience Director Europe bei der NIO GmbH
Wir kennen das von Smartphones, irgendwann werden keine Updates mehr unterstützt, weil das Modell veraltet ist. Ein sicherer Betrieb des Smartphones wird auf diese Weise unmöglich. Wie wird die Sicherheit in einem SDV gewährleistet und welche Maßnahmen werden ergriffen, um das Fahrzeug vor Cyberangriffen zu schützen?
Benjamin: Es gilt auch hier verschiedene Themenfelder abzudecken. Teilweise gibt es ja auch Regularien wie die UN-ECE R155, die bestimmte Bereiche der Cybersecurity bereits vorschreiben.
Als erstes muss man das Fahrzeug selbst gegen das Eindringen von außen schützen, ähnlich wie einen Laptop. Zweitens muss man die Verbindung von Fahrzeug zu Backend/Cloud absichern, zum Beispiel mit Hilfe von VPNs und fälschungssicheren Verschlüsselungen.
Schließlich muss man das Backend selbst sichern, damit dort keine Manipulationen stattfinden und natürlich auch den Datenverkehr zu Drittanbietern, wie Musik-Streaming Dienstleister, schützen.
Wie wird der Datenschutz in einem SDV gehandhabt, besonders in Bezug auf die gesammelten Fahrzeug- und Fahrerdaten?
Benjamin: Für diese Daten gelten natürlich dieselben Regularien, wie für alle anderen persönlichen Daten aus dem digitalen Leben, also die DSGVO.
Wagen wir einen Ausblick in die Zukunft: Welche zukünftigen Entwicklungen siehst du im Bereich der Software Defined Vehicles? Welche Innovationen und Funktionen sind zu erwarten?
Benjamin: Durch die Verkürzung der Entwicklungszyklen, ist das keine einfache Frage. Ein großes Thema wird die Seamless Interaction sein. Die Interaktionen mit dem Fahrzeug und seinen Funktionen werden reduziert, da das Fahrzeug proaktiv Funktionen steuert, basierend auf erlernten Präferenzen. Dies wird unterstützt von neuen Interaktionskonzepten, abseits von Touchscreen und Knöpfen, wie Voice und Body in einem situativen Zusammenhang. Ein Beispiel ist unser Smart AI Companion NOMI, mit dem man Fahzeugfunktionen, wie z.B. Fensteröffnen, über die Stimme steuern kann.
Des Weiteren werden wir eine starke Individualisierungsmöglichkeit der Fahrzeuge beobachten können, die durch Software anstatt durch physische Ausstattungsmerkmale getrieben wird.
Wie könnte die zunehmende Verbreitung von SDVs die Automobilindustrie und die Mobilität insgesamt verändern? Welche Auswirkungen sind im Hinblick auf Hersteller, Zulieferer und Endverbraucher zu erwarten?
Benjamin: In 5 Jahren werden Software-Defined Vehicles ein Hygienekriterium beim Autokauf sein – zumindest bei Käufern unter 45. Außerdem wird sich die Produktentwicklung noch mehr auf Software ausrichten und sich die Prozesse und Zeitleisten von einem Fokus auf Start of Production zu der gesamten Lebensdauer des Fahrzeuges verschieben.
Das wird sich auch auf die Zusammenarbeit mit Zulieferern auswirken: Weg von einem einmaligen Lastenheft hin zu einer Kooperation, die den gesamten Lebenszyklus des Fahrzeugs einschließt.