Hallerwiese-Cnopfsche Kinderklinik und Klinikum Nürnberg wachsen zusammen: „Größe bringt einen echten Mehrwert“

06.10.2026

Mit dem Übergang der Hallerwiese-Cnopfschen Kinderklinik zum Klinikum Nürnberg entsteht ein neuer großer Versorgungsverbund in der Metropolregion Nürnberg. Das Zusammenwachsen bietet Einblicke in Themen, die auch Bayern Innovativ im Gesundheitsbereich beschäftigen. Zukunftsfähige Krankenhausversorgung ist nicht allein eine Frage neuer Technologien. Ebenso entscheidend ist, wie Strukturen weiterentwickelt, Kompetenzen zusammengeführt und Veränderungen gestaltet werden. Das Klinikum Nürnberg gehört als Haus der Maximalversorgung zum Partnernetzwerk Gesundheit der Bayern Innovativ GmbH, Vorstandsvorsitzender Prof. Dr. Achim Jockwig ist zudem Mitglied im Beirat des Innovationsnetzwerks Gesundheit. Im Interview spricht Jockwig über die Chancen des Zusammenwachsens, die Bedeutung transparenter Kommunikation und darüber, was Krankenhäuser heute brauchen, um für die Zukunft gut aufgestellt zu sein. 

Herr Professor Jockwig, als Sie 2017 die Leitung des Klinikums Nürnberg übernommen haben, sagten Sie, Sie möchten eines der größten kommunalen Krankenhäuser Deutschlands „in eine gute Zukunft führen“. Fast zehn Jahre später steht mit der Integration der Hallerwiese-Cnopfschen Kinderklinik ein weiterer Meilenstein bevor. Welche Bedeutung hat dieser Schritt für die Zukunft des Klinikums Nürnberg? 

Prof. Dr. Achim Jockwig: Die Integration der Hallerwiese-Cnopfschen Kinderklinik ist für uns ein bedeutender Schritt, dem viele und lange Gespräche vorausgegangen sind. Gerade mit Blick auf die Krankenhausreform ergeben sich durch die räumliche Nähe zu unserem Campus Nord wichtige Synergien. Wir können gemeinsam Strukturen vorhalten und Voraussetzungen erfüllen, die insbesondere für die Kinder- und Jugendmedizin und die Geburtshilfe wichtig sind. Damit schaffen wir eine langfristige Perspektive für diese Versorgungsangebote. 

Der Krankenhausmarkt ist insgesamt sehr angespannt und viele Häuser befinden sich in wirtschaftlich schwierigen Situationen. Deshalb mussten wir natürlich auch sehr genau prüfen, unter welchen Rahmenbedingungen die Integration umgesetzt werden kann. Auf der einen Seite sind wir uns unserer Verantwortung für die Versorgung der Bevölkerung bewusst, auf der anderen Seite muss eine solche Integration wirtschaftlich tragfähig sein. Ich glaube, dass wir nach intensiven Verhandlungen einen vernünftigen Kompromiss gefunden und mit unserem Medizinkonzept eine gute Zukunftsperspektive für die Leistungsangebote geschaffen haben. 

Wenn Sie auf die vergangenen Jahre zurückblicken: Welche Entwicklungen haben das Klinikum besonders geprägt? 

Prof. Dr. Achim Jockwig: Ein großes Thema war und ist die Digitalisierung. Ich habe bereits 2017 gesagt, dass ich mir ein Innovationspaket Digitalisierung für Krankenhäuser wünschen würde. Mit dem Krankenhauszukunftsgesetz wurde später tatsächlich eine entsprechende Initiative gestartet und eine wichtige Grundlage geschaffen. 

Wir selbst hatten als Klinikum Nürnberg ein großes Aufholpotenzial und waren zu Beginn noch sehr papierbasiert. Inzwischen konnten wir wichtige Entwicklungsschritte gehen und werden in den kommenden Jahren noch deutlich vorankommen. Gleichzeitig sehen wir, wie schwierig Digitalisierung im Gesundheitswesen nach wie vor ist. Es fehlen Standards und funktionierende Schnittstellen. Es gibt noch viel zu wenig Plug-and-Play-Lösungen. Dadurch müssen wir sehr viele Ressourcen in die Umsetzung investieren. Ich würde mir wesentlich mehr Standardisierung, Interoperabilität und Normierung wünschen. Dann könnten wir Innovationen auch schneller voranbringen.

Die Integration der Hallerwiese-Cnopfschen Kinderklinik ist weit mehr als ein Trägerwechsel. Mit der Integration entsteht eine der größten Geburtskliniken Deutschlands sowie ein bedeutender Versorger in der Kinder- und Jugendmedizin. Welche Chancen ergeben sich daraus konkret für Patientinnen und Patienten? 

Prof. Dr. Achim Jockwig: Größe bringt in diesem Fall einen echten Mehrwert, weil dadurch eine stärkere Ausdifferenzierung der medizinischen Expertise möglich wird. Wenn man beispielsweise an unser Perinatalzentrum Level 1 oder die Kinderintensivmedizin denkt, können wir künftig entsprechende Strukturen in einer Größenordnung vorhalten, die auch hochspezialisierte Expertise rund um die Uhr ermöglicht. 

Das gilt auch für die Geburtshilfe. Beide Häuser hatten bereits jeweils mehr als 3.000 Geburten im Jahr. Gemeinsam kommen wir künftig auf mehr als 6.000, weiterhin verteilt auf die zwei Standorte am Campus Süd in Nürnberg-Langwasser und am Campus Hallerwiese in Nürnberg St. Johannis. Größe bedeutet dabei nicht, dass die Versorgung anonymer wird. Im Gegenteil: Durch entsprechend große Teams können wir eine individuelle Betreuung gewährleisten und gleichzeitig die notwendige Hightech-Medizin vorhalten, wenn sie gebraucht wird.

Wo ist es sinnvoll, Kompetenzen beider Häuser zu bündeln – und welche Angebote sollen bewusst an beiden Standorten erhalten bleiben? 

Prof. Dr. Achim Jockwig: Wir werden nicht einfach alles an einem Standort konzentrieren. Beide Standorte haben für die Versorgung der Stadt ihre Berechtigung. Deshalb werden beispielsweise die Notaufnahmen für die Kinderversorgung und auch die Kinderchirurgie an beiden Standorten erhalten bleiben. 

In anderen Bereichen ist eine Bündelung dagegen sinnvoll. Ein gutes Beispiel sind die Kinderintensivmedizin und die Pränatalmedizin für die Versorgung von Frühgeborenen. Wenn diese hochspezialisierten Leistungen an einem Standort gebündelt werden, wird dort auch das entsprechende Expertenwissen zusammengeführt. Damit können wir die notwendige Expertise rund um die Uhr besser vorhalten. 

Große Veränderungen gelingen nur mit den Menschen, die sie umsetzen. Was ist Ihnen besonders wichtig, wenn es darum geht, die Mitarbeitenden auf diesem Weg mitzunehmen? 

Prof. Dr. Achim Jockwig: Ein ganz entscheidender Punkt ist für mich transparente Information. Wir haben die Mitarbeitenden immer wieder über die verschiedenen Entwicklungsschritte informiert und ihnen beispielsweise auch das Medizinkonzept vorgestellt. Also was verändert sich, was bleibt? Und welche Bedeutung hat es für die einzelnen Teams? 

Veränderungen stellen für Menschen zunächst immer eine Herausforderung dar, gerade wenn sie direkt betroffen sind und noch nicht genau abschätzen können, was kommt. Deshalb ist es wichtig, kontinuierlich im Gespräch zu bleiben – auch wenn manche Dinge zwei, drei oder vier Monate benötigen, bis sie abschließend geklärt sind. Mein Eindruck ist, dass diese Transparenz von den Mitarbeitenden sehr geschätzt wird. 

Wenn wir uns in fünf Jahren wieder zusammensetzen würden: Woran würden Sie erkennen, dass die Integration der Hallerwiese-Cnopfschen Kinderklinik gelungen ist? 

Prof. Dr. Achim Jockwig: Daran, dass wir gar nicht mehr darüber sprechen, ob eine Leistung an der Hallerwiese oder am Klinikum Nürnberg erbracht wird. Gelungen wäre die Integration für mich dann, wenn keine Insel Hallerwiese entstanden ist, sondern der Campus Hallerwiese ganz selbstverständlich als Teil des Klinikums Nürnberg wahrgenommen wird und sich auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Teil des Klinikums verstehen. Dass das Zusammenwachsen beider Häuser bereits begonnen hat, konnten wir beispielsweise bei unserem Mitarbeiterfest diesen Sommer erleben. Obwohl die Hallerwiese zu diesem Zeitpunkt noch nicht Teil des Klinikums war, haben wir zusammen gefeiert und es sind viele schöne Begegnungen entstanden. 

Die Krankenhauslandschaft befindet sich mitten im Wandel – Krankenhausreform, Fachkräftemangel, wirtschaftlicher Druck und steigende Qualitätsanforderungen, um nur einige Beispiele zu nennen. Was braucht ein Krankenhaus heute, um langfristig zukunftsfähig zu bleiben? 

Prof. Dr. Achim Jockwig: Entscheidend ist zunächst, dass wir ein hohes Qualitätsniveau in der medizinischen und pflegerischen Versorgung sicherstellen – sowohl in der Breite als auch in der Tiefe. Dafür müssen wir in die Ausbildung und Weiterqualifizierung unserer Mitarbeitenden investieren. 

Die Medizin wird sich zunehmend systematisieren und leitlinienorientiert aufstellen. Wir werden mehr Standardisierung erleben und das ist auch wichtig. Nur so können wir die Herausforderungen einer älter werdenden Gesellschaft und den damit steigenden Versorgungsbedarf bewältigen. Gleichzeitig eröffnet uns der medizinische und medizintechnische Fortschritt immer neue Möglichkeiten. All das muss am Ende jedoch finanzierbar bleiben. 

Ein Krankenhaus kann diese Herausforderungen jedoch nicht allein bewältigen. Wir brauchen auch verlässliche politische Rahmenbedingungen. Die Krankenhausreform enthält aus meiner Sicht viele richtige Ansatzpunkte, etwa Leistungen stärker zu bündeln, statt zu erwarten, dass jedes Haus alles anbietet. Gleichzeitig unterscheiden sich die Versorgungsstrukturen von Region zu Region erheblich. Die Situation in Nürnberg ist eine andere als in Ballungsräumen mit einer hohen Krankenhausdichte oder in ländlichen Regionen. Deshalb sollte das Reformziel aus meiner Sicht stärker über regionale Versorgungskonzepte umgesetzt werden. 

Stellen Sie sich vor, Sie könnten die Krankenhausreform aktiv mitgestalten und hätten drei Wünsche frei. Welche wären das? 

Prof. Dr. Achim Jockwig: Als Erstes würde ich die Krankenhausabrechnung massiv vereinfachen. Der Aufwand rund um die Einzelfallabrechnung, die Auseinandersetzungen mit den Krankenkassen sowie Prüfungen und Gegenprüfungen bindet enorme Ressourcen, ohne dass daraus ein Nutzen für Patientinnen und Patienten entsteht. Statt jede einzelne Leistung aufwendig abzurechnen und anschließend zu prüfen, könnte ich mir eine stärkere Finanzierung über feste Budgets vorstellen – natürlich mit klaren Spielregeln. 

Der zweite Punkt wäre ein wirklicher Bürokratieabbau. Natürlich brauchen wir Qualitätssicherung und entsprechende Instrumente. Aber wir brauchen auch wieder mehr Vertrauen. Wir sollten nicht aufgrund einzelner Missbrauchsfälle Dokumentationsvorschriften für alle schaffen. 

Mein dritter Wunsch betrifft die Grenze zwischen ambulanter und stationärer Versorgung. Krankenhäuser sollten in den Fachgebieten, die sie stationär anbieten, grundsätzlich auch ambulant behandeln dürfen. Das heißt nicht, dass wir in Konkurrenz zu den niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen treten wollen. Es geht vielmehr um sinnvolle und durchgängige Behandlungswege. 

Sie haben die Digitalisierung bereits als einen zentralen Innovationstreiber angesprochen. Wenn Sie weiter in die Zukunft blicken: Welche Technologien werden die Medizin und den Krankenhausalltag besonders verändern? 

Prof. Dr. Achim Jockwig: Einen großen Innovationsschub werden wir sicherlich durch Künstliche Intelligenz erleben. KI kann uns dabei unterstützen, bürokratische Prozesse und Routinearbeiten zu vereinfachen. Auch bei der Bereitstellung von Wissen und bei der Standardisierung wird sie eine wichtige Rolle spielen. 

Gleichzeitig werden KI und Robotik die Medizin selbst weiter verändern. Sie können beispielsweise dazu beitragen, operative Eingriffe sicherer und präziser zu machen. Ich glaube, dass uns diese Technologien in vielen Bereichen entlasten und die Medizin weiter voranbringen werden. 

Trotzdem sollten wir uns immer fragen, ob wir einen komplizierten Prozess tatsächlich mit neuer Technologie effizienter machen müssen – oder ob wir ihn nicht grundsätzlich vereinfachen können. Bei einer komplizierten Krankenhausabrechnung wäre mir beispielsweise eine einfache Abrechnung lieber, als die bestehende Komplexität künftig mithilfe einer teuren KI bewältigen zu müssen.

Sie sind Beiratsmitglied im Innovationsnetzwerk Gesundheit von Bayern Innovativ und bringen die Perspektive eines Maximalversorgers ein. Warum ist der Austausch zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Gesundheitsversorgung in Ihren Augen so wichtig? 

Prof. Dr. Achim Jockwig: Ich denke, es ist gut, wenn wir voneinander wissen, wo unsere Sorgen und Nöte, aber auch unsere Innovationsbedarfe liegen. Gerade in einer Netzwerkstruktur können neue Entwicklungen und Innovationen entstehen. Es braucht den Austausch mit Partnern aus der Industrie, um Impulse für die Weiterentwicklung zu setzen. Eine Netzwerkstruktur ist dafür eine wunderbare Plattform. 

Was motiviert Sie nach fast einem Jahrzehnt als Vorstandsvorsitzender des Klinikums Nürnberg heute noch am meisten? 

Prof. Dr. Achim Jockwig: Das Klinikum Nürnberg ist einfach ein toller Laden, um es ganz salopp zu sagen. Es ist ein großartiges Krankenhaus, weil es die komplette Palette der Medizin abbildet – und das mit hoher Kompetenz. An der Weiterentwicklung eines solchen Hauses mitwirken und es erfolgreich für die Zukunft aufstellen zu dürfen, bereitet mir unglaublich viel Freude. 

Besonders schätze ich den regelmäßigen Austausch mit unseren Mitarbeitenden und den unterschiedlichsten Expertinnen und Experten, genauso wie die enge Verbindung zur Stadt und zur Stadtgesellschaft. Der Stadtrat steht fest zu unserem Haus und wir arbeiten im Verwaltungsrat sehr konstruktiv zusammen. Auch dieser Rückhalt ist für unsere Arbeit enorm wichtig. 

Vielen Dank für das Interview, Herr Professor Jockwig!