Gemeinsam gegen Gebärmutterhalskrebs: eine Mission
22.01.2026
Das TUM Klinikum Rechts der Isar ist mit seiner Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde eine von sechs Universitätskliniken in Bayern, die über ein zertifiziertes gynäkologisches Krebszentrum verfügen. Die Münchner Frauenklinik verbindet moderne Diagnostik und Therapie mit Forschung und Lehre auf exzellentem wissenschaftlichem Niveau. Zu den onkologischen Schwerpunkten der universitären Einrichtung zählen Eierstock-, Vulva-, Gebärmutterkörper- und Gebärmutterhalskrebs. Der Bereich Gesundheit von Bayern Innovativ konnte anlässlich des Gebärmutterhalskrebs-Awareness-Monats, der jedes Jahr im Januar im Fokus steht, mit Frau Prof. Dr. med. Marion Kiechle sprechen. Kiechle ist Direktorin der Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde und zählt zu den führenden Expertinnen für Gebärmutterhalskrebs. Neben ihrer Tätigkeit als Ärztin und Professorin für Gynäkologie hat sie acht erfolgreiche Bücher rund um die Themen Gesundheit und Wohlbefinden veröffentlicht.
Frau Professor Kiechle, Gebärmutterhalskrebs gilt als eine der am besten vermeidbaren Krebsarten und trotzdem erkranken und sterben weiterhin viele Frauen. Woran scheitert es Ihrer Meinung nach?
Prof. Dr. med. Marion Kiechle: Ja, diese Frage kann ich Ihnen ziemlich gut beantworten. In Deutschland sind wir in der privilegierten Lage, dass die gesetzlichen Krankenkassen in den 70er Jahren, genauer gesagt 1972, das Früherkennungsprogramm für Gebärmutterhalskrebs gestartet haben. Hier wurde allen Frauen, die in Deutschland krankenversichert sind, angeboten, einmal im Jahr zum Frauenarzt zu gehen, um einen Krebsvorsorgeabstrich zur Früherkennung des Gebärmutterhalskrebses machen zu lassen. Und das hat sehr, sehr gut funktioniert damals in den 70er Jahren. Davor hatte man ungefähr 40.000 Neuerkrankungen pro Jahr in Deutschland. Diese Zahl ist drastisch gesunken, wir haben jetzt nicht mehr als 4.000 bis 5.000 Neuerkrankungen pro Jahr. Da sieht man schon, was für einen wahnsinnig guten Effekt dieses Früherkennungsprogramm hat beziehungsweise hatte, denn es ist später noch einmal optimiert worden. Im Jahr 2020 hat man die HPV*-Testung eingeführt. Hier kommt die Evaluierung noch, da das Programm erst fünf Jahre läuft.
Die Frage ist nun, was ist mit den Frauen, die jetzt noch an Gebärmutterhalskrebs erkranken und sterben? Darüber gibt es in Deutschland ebenfalls Untersuchungen. Man hat betroffene Frauen befragt, ob sie zur Krebsvorsorge gegangen sind und das haben 80 Prozent der erkrankten Frauen verneint. Das heißt also, die meisten Frauen, die jetzt noch erkranken und daran sterben müssen, waren in den letzten 5 Jahren nicht bei der Krebsfrüherkennung.
Das heißt im Umkehrschluss, wenn ich als Frau einmal im Jahr zum Frauenarzt gehe und mich untersuchen lasse, besteht kein Grund zur größeren Besorgnis. Habe ich das richtig verstanden?
Prof. Dr. med. Marion Kiechle: Das ist richtig. Natürlich hat kein Programm eine hundertprozentige Abdeckung, denn es gibt leider auch Krebserkrankungen – die sind zum Glück sehr selten – die sozusagen im inneren Gebärmutterhalskanal wachsen und dann doch relativ spät entdeckt werden. Der Krebsvorsorgeabstrich deckt den äußeren Muttermund und den vorderen Teil des inneren Muttermunds ganz gut ab, aber nicht den gesamten inneren Muttermund. Aber das ist wirklich selten. Also Sie haben völlig recht, wenn ich diese Früherkennung wahrnehme, dann bin ich relativ safe. Und das ist nur eine Seite der Medaille, denn wir haben auch noch die Impfung gegen HPV, die auch vor Gebärmutterhalskrebs beziehungsweise allen HPV-assoziierten Krebserkrankungen schützt und wenn diese auch noch wahrgenommen werden würde, dann bräuchte man eigentlich gar keine Angst mehr vor dieser Krebserkrankung haben und man könnte sie tatsächlich eliminieren. Das hat sich auch die WHO auf die Fahne geschrieben – das Zervixkarzinom als erste nicht-infektiöse Krankheit auf der Welt zu eliminieren und das ist schon möglich durch eben die Impfung und das Angebot der Früherkennung.
Die HPV-Impfung gibt es seit 2006 und sie gilt als großer Durchbruch. Sie wird für Jugendliche zwischen 9 und 14 Jahren empfohlen. Wenn es die Impfung zu meiner Jugendzeit noch nicht gab, ist es sinnvoll, mich als erwachsener Mensch noch impfen zu lassen?
Prof. Dr. med. Marion Kiechle: Eigentlich nicht. Es ist aber sinnvoll, sich impfen zu lassen, wenn man eine Krebsvorstufe hatte. Im Einzelfall kann das die Ärztin oder der Arzt entscheiden. Die Impfung ist am wirksamsten, wenn man noch keine Sexualkontakte hatte und damit eben noch nicht mit dem Virus in Berührung gekommen ist. Man ist dabei, eine therapeutische Impfung zu entwickeln, darauf warten wir aber noch.
Sollte auch das männliche Geschlecht die HPV-Impfung erhalten?
Prof. Dr. med. Marion Kiechle: Ja, unbedingt. Männer sind genauso Überträger wie Frauen auch. Sie können auch erkranken an Peniskarzinom oder Larynxkarzinom beispielsweise. Also klar, die Inzidenz bei Männern ist etwas geringer. Aber sie sind auch Überträger und können auch selbst an HPV-bedingtem Krebs erkranken. Deswegen ist es auch bei Jungs empfehlenswert, sie impfen zu lassen. Ich habe selbst zwei Stiefsöhne, die sind natürlich geimpft.
In Deutschland wird die HPV-Impfung flächendeckend angeboten und trotzdem werden viele Jugendliche nicht geimpft. Was könnte der Grund dafür sein?
Prof. Dr. med. Marion Kiechle: Ja, also das kann an mangelnder Aufklärung liegen, mangelndes Wissen oder eben diese für mich als Ärztin komplett unbegründete Impfangst. Ich kann es nur versichern, bei der HPV-Impfung, die es jetzt schon 20 Jahre gibt, hat man einen sehr, sehr, sehr guten Überblick und es gibt keine Nebenwirkungen wie Impfreaktionen oder irgendwelche anderen ernstzunehmende Probleme, die durch die Impfung verursacht werden. Also ich kann nur empfehlen, die Impfung durchführen zu lassen.
Wir haben über Früherkennung gesprochen. Es gibt hier den PAP-Abstrich und HPV-Test. Frauen zwischen 30 und 34 Jahren erhalten jährlich den PAP-Abstrich und bei Frauen ab 35 wird alle drei Jahre ein kombinierter Test aus PAP-Abstrich und HPV-Test durchgef
Prof. Dr. med. Marion Kiechle: Ja, das reicht aus. Es ist so, bei den jüngeren Frauen ist HPV nicht ganz so sensitiv, weil eben die Durchseuchung sehr hoch ist. Sie müssen sich das so vorstellen, wenn man sexuellen Kontakt mit jemandem hat, ist die Wahrscheinlichkeit, dass man das Virus abbekommt, sehr, sehr groß. Man hat das mal bei amerikanischen College-Studentinnen und -Studenten untersucht und es wurde eine Durchseuchung von über 90 Prozent festgestellt. Das heißt, die Wahrscheinlichkeit, dass ich als junger Mensch Kontakt mit dem Virus habe und er bei mir nachgewiesen werden kann, ist einfach sehr, sehr hoch. Wird dieses Virus vom Immunsystem ins Kreuzfeuer genommen, wird es meistens eliminiert.
Es wird nur bei den Personen gefährlich, bei denen das Virus persistiert, weil ihr Immunsystem aus irgendwelchen Gründen nicht mit dem Virus fertig wird. Das Virus bleibt dann und wenn es bleibt, kann es Schäden anrichten – in Form von Krebsvorstufen oder gar Krebs. Es ist ein gewisser Prozess, der sich über Jahre hinstreckt. Das heißt, wenn ich das Virus bei Frauen ab 35 nachweise, ist es wahrscheinlicher, dass es sich um eine Viruspersistenz handelt. Deswegen bietet man bei den jüngeren Frauen den konventionellen PAP-Abstrich einmal im Jahr an und Frauen ab 35 erhalten den kombinierten Test aus PAP-Abstrich und HPV-Test alle drei Jahre.
Gibt es neben der Impfung, den Tests und Vorsorgeuntersuchungen noch weitere Präventionsmaßnahmen, die ich als Einzelperson für mich treffen kann?
Prof. Dr. med. Marion Kiechle: Ein Kondom bei sexuellem Kontakt ist eine Möglichkeit, aber keine hundertprozentige Sicherheit, weil das Virus auch über Hautkontakt übertragen werden kann. Man sollte natürlich alles dafür tun, um die lokale Immunabwehr zu stärken beziehungsweise sie nicht zu schwächen. Rauchen zum Beispiel schwächt die lokale Immunabwehr, weshalb Raucherinnen schwerer mit dem Virus zu kämpfen haben und deswegen auch häufiger an Gebärmutterhalskrebs erkranken. Man kann das Spurenelement Selen einnehmen, weil das hilft, die lokale Immunabwehr zu steigern. Eine Selenkur kann helfen, das Virus schneller wieder loszuwerden, wenn man es sich eingefangen hat.
Wenn man sich die Entwicklungen in der Diagnostik oder Therapie von Gebärmutterhalskrebs anschaut, was macht Ihnen da aktuell am meisten Hoffnung?
Prof. Dr. med. Marion Kiechle: Es gibt noch viele zusätzliche Marker, die man bestimmen kann und mit denen man genauer evaluieren kann, ob es sich um eine Läsion handelt, aus der Krebs entsteht oder nicht. Also es gibt da sehr viele neue Biomarker, die Ärztinnen und Ärzten helfen, das besser einzuschätzen. Das stimmt mich positiv. Und dann gibt es eine Reihe von Entwicklungen, bei denen die Auslesung der Zytobefunde mittels KI erfolgt, was den Prozess stark beschleunigt. Man sitzt ja auch ein bisschen auf heißen Kohlen, wenn man beim Frauenarzt war und muss relativ lange warten, bis man sein Testergebnis bekommt. Ich bin da sehr zuversichtlich, dass sich durch diese neuen diagnostischen Verfahren die Wartezeit reduzieren lässt.
Es gibt mittlerweile auch viele Tests im Drogeriemarkt. Halten Sie es für wahrscheinlich, dass es hierzulande in näherer Zukunft etwas Innovatives zum Selbsttesten gibt?
Prof. Dr. med. Marion Kiechle: Es gibt jetzt schon HPV-Selbsttests, von denen man weiß, dass sie genauso gut funktionieren, als hätten sie die Ärztin oder der Arzt gemacht. In einigen Ländern ist der HPV-Selbsttest bereits Gegenstand des Krebsfrüherkennungsprogramms und eine beliebte Maßnahme bei Frauen. Der HPV-Selbsttest könnte meines Erachtens auch eine Maßnahme sein, in Deutschland die Bereitschaft zu erhöhen und die Frauen zu erreichen, die nicht regelmäßig zur Vorsorge gehen. Wenn man ihnen den Test zuschickt – einige Krankenkassen in Deutschland machen das bereits in einem Modellvorhaben – könnte man eventuell die Teilnahmerate erhöhen.
Wenn Sie einen Hebel benennen könnten, der die Zahl der Erkrankungen signifikant senken kann, welcher wäre das?
Prof. Dr. med. Marion Kiechle: Es ist eigentlich ganz einfach. 99 Prozent der Gebärmutterhalskrebse werden durch ein Virus verursacht, gegen das es eine Impfung gibt. Man kann den Körper so abwehrstark machen, dass der Krebs gar nicht erst entstehen kann. HPV-Impfung, Früherkennung und Wahrnehmung der Früherkennung. Durch Krebsfrüherkennung kann so gegen Zellveränderungen oder Tumore frühzeitig vorgegangen werden, sodass die Heilungschancen einfach besser stehen. Das sind die drei wichtigsten Maßnahmen.
Gibt es eine zentrale Botschaft, die Sie Frauen anlässlich des Gebärmutterhalskrebs Awareness-Monats unbedingt mitgeben möchten?
Prof. Dr. med. Marion Kiechle: Wichtig wäre mir, dass möglichst viele Frauen zur Früherkennung gehen und dass sie auch ihre Männer motivieren, zur Früherkennung zu gehen.
Vielen Dank für das Interview, Frau Professor Kiechle!
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In unserem Artikel Tag der Krebsvorsorge: Heute handeln, damit Krebs morgen keine Chance hat erfahren Sie mehr darüber, wie Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Politik daran arbeiten, Krebsvorsorge für alle Menschen zugänglich und verständlich zu machen.