Exnovation
Das "Ex" in Innovation: Exnovation macht Platz für Fortschritt
Ex. Streichen, loslassen, neu ordnen. Was einfach klingt, ist für Unternehmen eine der schwierigsten Entscheidungen. Während alle Aufmerksamkeit auf das nächste „In“ gerichtet ist, bleibt oft ungeklärt, was längst gehen müsste. Genau hier setzt Exnovation an: Als Fähigkeit, bewusst Raum zu schaffen, damit Neues überhaupt entstehen kann.
Ex vs. In
Exit, Export, Ex-Freund. Manchmal reicht nur das X, um den Schatz auf einer Karte zu markieren oder etwas von der Liste zu streichen, zu X-en. „Ex“ zeigt, was mal wichtig war, schließt ab und sortiert aus.
Das lateinische „ex“ bedeutet „hinaus“. Es beschreibt eine Bewegung nach außen, ein bewusstes Lösen. Genau darum geht es bei der Exnovation: zu entscheiden, was gehen muss, damit Neues entstehen kann.
In Unternehmen passiert das jedoch erstaunlich selten. Der Fokus liegt auf dem, was „in“ ist: neue Ideen, neue Produkte, Innovation. Was längst nicht mehr passt, bleibt trotzdem bestehen.
Dabei braucht jedes „In“ ein „Ex“. Alles, was hinzukommt, bindet Ressourcen. Irgendwann wird es zu viel. Fortschritt entsteht deshalb nicht nur durch das, was neu dazukommt, sondern auch durch die Fähigkeit, konsequent zu entscheiden, was nicht weitergeführt wird.
EXnovieren
Wer exnoviert, trennt sich. Exnovation bedeutet, ein „X“ zu setzen. Gemeint ist damit das bewusste Beenden von Produkten, Prozessen oder Entscheidungen. Nicht, weil sie schlecht sind, sondern weil sie nicht mehr zum eigentlichen Ziel passen.
Im Unterschied zur Innovation geht es dabei nicht darum, etwas Neues zu entwickeln. Innovation bringt Ideen hinein. Exnovation sorgt dafür, dass dafür überhaupt die nötigen Ressourcen frei werden. Sie ist damit nicht einfach das Gegenteil, sondern die stille Voraussetzung.
Was mal wichtig war, bleibt in Unternehmen oft bestehen, auch wenn es längst an Bedeutung verloren hat. Nicht aus Überzeugung, sondern eben aus Gewohnheit. Nicht aus Strategie, sondern aus Vorsicht.
Exnovation betrifft deshalb nicht nur einzelne Produkte. Sie wirkt im gesamten Unternehmen: Im Management schafft sie Flexibilität, weil Prioritäten klarer gesetzt werden können. Im Finance-Bereich verbessert sie den Ressourceneinsatz und kann den Return on Investment steigern. Im Engineering ermöglicht sie einen stärkeren Fokus auf relevante Technologien. Und im Marketing entstehen klarere Geschichten, weil Überholtes nicht mehr miterzählt werden muss.
Exnovation bedeutet damit vor allem eines: bewusst festzulegen, was nicht weitergeführt wird, was zum „Ex“ wird, damit das, was wirklich zählt, Raum bekommt.
AmbidEXtrie
Doch bevor etwas zum „Ex“ wird, war es einmal wichtig. Genau hier entsteht das Spannungsfeld: Das Bestehende funktioniert noch und gleichzeitig braucht Neues Platz. Beides ist da, beides bindet Ressourcen und beides verlang Aufmerksamkeit.
Die Antwort darauf heißt Ambidextrie. Der Begriff stammt ursprünglich aus der Psychologie und bedeutet „Beidhändigkeit“. Übertragen auf Unternehmen beschreibt Ambidextrie die Fähigkeit, zwei gegensätzliche Logiken parallel zu steuern: das Bestehende effizient weiterführen und gleichzeitig Neues entwickeln. Das Ziel ist, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig zu organisieren und klare Entscheidungen zu treffen.
Wie das konkret aussehen kann, zeigt Bosch. Im Kerngeschäft wird Bestehendes optimiert: Prozesse werden effizienter, Produkte schrittweise verbessert, das Tagesgeschäft bleibt stabil. Parallel dazu arbeiten Einheiten wie Bosch Labs bewusst anders: explorativ, experimentell, mit höherem Risiko. Hier entstehen neue Technologien und Geschäftsmodelle, die noch noch nicht unter demselben wirtschaftlichen Druck stehen wie das Kerngeschäft. Zwei Systeme, organisatorisch getrennt, damit sie sich nicht gegenseitig ausbremsen.
Ambidextrie kann auch anders aussehen, sie muss nicht immer strukturell organisiert sein. Mitarbeitende wechseln je nach Aufgabe zwischen Effizienz- und Innovationsmodus. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist die 20%-Regel von Google, bei der ein Teil der Arbeitszeit bewusst aus dem operativen Tagesgeschäft gelöst wird. Während 80 % der Zeit in die Erfüllung bestehender Aufgaben fließen, entsteht in den verbleibenden 20 % ein geschützter Freiraum für eigene Ideen und neue Ansätze. Mitarbeitende bewegen sich damit gezielt zwischen Pflichtbewältigung und freier explorativer Arbeit, ohne das Team oder die Organisation zu verlassen. Genau dieses bewusste Wechseln zwischen zwei Logiken macht den Kern von Ambidextrie aus.
Ähnlich lässt sich Ambidextrie auch über Open Innovation organisieren. Dabei wird die explorative Arbeit gezielt nach außen verlagert, während das Kerngeschäft intern stabil weiterläuft. Unternehmen öffnen sich für Partner, Start-ups oder Netzwerke, um neue Impulse, Technologien und Geschäftsmodelle zu entwickeln, ohne die bestehenden Strukturen direkt zu überlasten. So entsteht eine Trennung zwischen interner Effizienz und externer Exploration. Zwei unterschiedliche Logiken werden so gesteuert, dass sie sich nicht gegenseitig blockieren.
Doch dieses Nebeneinander ist keine Dauerlösung. Es kostet Ressourcen, Aufmerksamkeit und eine Kultur, die Widersprüche aushält. Irgendwann reicht Umräumen nicht mehr. Dann braucht es eine klare Entscheidung. Was bleibt? Was geht? Was wird zum Ex?
Keine EXperimente
Wenn die Auslöser klar sind, geht es in die Umsetzung. Prinzipiell läuft Exnovation in drei Schritten ab: Zuerst steht die Erkenntnis, dass etwas nicht mehr passt. Danach folgt die Entscheidung, was bleibt und was zum „Ex“ wird. Erst dann kommt die Umsetzung - und genau hier scheitert es oft an der Konsequenz.
Exnovation funktioniert nicht im luftleeren Raum. Sie braucht die Alternative. Wer nur streicht, schafft nichts Neues. Wer etwas „ext“, muss gleichzeitig Kapazitäten für das schaffen, was folgen soll. In diesem Bild geht es also nicht nur darum, von der Liste zu streichen, sondern wegzuradieren oder ein neues Blatt anzufangen.
Um das strukturiert umzusetzen, helfen Werkzeuge, die Exnovation greifbar machen. Ein Ansatz ist das 70-20-10-Prinzip: Unternehmen teilen ihre Ressourcen, also Zeit, Budget oder Kapazitäten, bewusst auf. Rund 70 % fließen ins Kerngeschäft, 20 % in Weiterentwicklungen und 10 % in neue, experimentelle Ansätze. Dadurch wird sichtbar, wo zu viel gebunden ist und wo bewusst gestrichen werden muss. Teams müssen zusammen Ressourcen neu verteilen, Prioritäten klären und bewusst festlegen, was weiterhin Aufmerksamkeit bekommt und was nicht mehr.
Andere Methoden setzen direkter an bestehenden Strukturen an. Beim Kill-a-Feature-Day wird gezielt im Team geprüft, welche Funktionen, Angebote oder Prozesse keinen echten Mehrwert mehr liefern. Der Perspektivwechsel ist dabei entscheidend. Nicht „Was können wir noch hinzufügen?“, sondern „Was können wir weglassen, ohne an Wirkung zu verlieren?“. So entsteht oft überraschend schnell Klarheit darüber, was zwar noch genutzt wird, aber keinen echten Mehrwert mehr bringt und damit ein Kandidat für ein bewusstes „Ex“ ist.
Zero-Based Thinking geht noch einen Schritt weiter. Hier wird so getan, als würde das Unternehmen heute bei null starten. Die Frage ist: „Würden wir das heute noch einmal genauso aufbauen?“ Wenn die Antwort nein lautet, wird das Bestehende hinterfragt — unabhängig davon, wie lange es existiert oder wie viel bereits investiert wurde. Gerade diese konsequente Neubewertung hilft, Entscheidungen nicht aus Gewohnheit zu treffen, sondern aus Relevanz.
Auch in klassischen Innovationsprozessen lässt sich Exnovation systematisch verankern. Stage-Gate-Modelle unterteilen Projekte in klar definierte Phasen mit festen Entscheidungspunkten. Ergänzt man diese um sogenannte Exnovation-Gates, wird nicht nur bewertet, was weitergeführt wird, sondern auch bewusst entschieden, was gestoppt wird, bevor weitere Ressourcen gebunden werden.
Exnovation ist also kein radikaler Kahlschlag. Man streicht nicht wild etwas durch. Sie ist ein strukturierter, bewusster Prozess, der Klarheit schafft, was gehen darf - und legt genau dadurch die Grundlage dafür, dass Innovation überhaupt entstehen kann.
Vom EXzess zum EXit
Man streicht Dinge nicht einfach so, oder nur weil sie alt sind. Exnovation hat Auslöser. Das sind die Momente, in denen klar wird, dass das Alte ausgedient hat und vielleicht sogar das Neue blockiert.
Wann und warum wird losgelassen? Die Trigger können unterschiedlich sein. Märkte verändern sich, Produkte erreichen das Ende ihres Lebenszyklus, neue Technologien verschieben die Spielregeln. Gerade im Bereich Hightech oder Deep Tech zeigt sich das besonders deutlich: Was heute noch als Zukunft gilt, braucht morgen schon Raum im Unternehmen.
Ein Beispiel dafür ist Volvo Cars. Der Hersteller hat früh entschieden, den Verbrennungsmotor schrittweise zu exnovieren und sich konsequent auf Elektrofahrzeuge auszurichten. Nicht, weil die bestehende Technologie plötzlich wertlos war, sondern weil neue technologische und regulatorische Entwicklungen eine neue Richtung vorgegeben haben. Exnovation bedeutet hier: eine alte Stärke nicht zu verleugnen, sondern sie rechtzeitig in eine neue Zukunft zu überführen.
Andere Trigger kommen von außen: Regulatorik, Nachhaltigkeit oder gesellschaftlicher Druck. Unternehmen wie Stihl , der Hersteller von Forst- und Gartengeräten, stehen vor der Frage, wie sie ihr Geschäft in einer immer klimabewussteren Welt weiterdenken. Der Schritt weg von der klassischen Motorsäge hin zur Akku-Technologie war mehr als nur ein technisches Update. Es war ein Bruch mit dem eigenen Markenbild. Laut und kraftvoll wurde zu leise und elektrisch. Trotzdem hat Stihl genau diesen Schritt gewagt. Und so räumte die Motor-Säge den Platz frei für ihre elektrische Kollegin mit Akku.
Exnovation beginnt also nicht mit dem Loslassen selbst. Sie beginnt mit der Erkenntnis: So wie bisher wird es nicht mehr passen. Und genau daraus entsteht Weiterentwicklung.
EX ist der Anfang
Für Unternehmen ist die Exnovation kein Schritt zurück, sondern eine wichtige strategische Fähigkeit. Vor allem für KMU, die mit begrenzten Ressourcen arbeiten, kann Exnovation darüber entscheiden, wie der Fokus gesetzt wird und ob es in die richtige Richtung geht.
Dafür braucht es Mut. Denn es ist viel einfacher, an Dingen festzuhalten, als sie loszulassen. Besonders, wenn sie mal erfolgreich waren. Wer an alten Prozessen, Produkten oder Denkweisen und Entscheidungen festhält, weil sie vertraut sind, wird schnell abgehängt und verliert den Raum, den die Zukunft braucht. Exnovation verlangt Irritation: Man muss bewusst gegen die Gewohnheit arbeiten und sich immer wieder neu hinterfragen.
Am Ende ist das „Ex“ kein Schlussstrich. Es ist das Zeichen für Klarheit. Es markiert das Ende von etwas Altem und schafft Platz für Neues. Fortschritt entsteht nicht nur durch das nächste große „In“. Sondern durch die Fähigkeit, konsequent zu entscheiden, was zum „Ex“ wird.