EU forciert Digitalisierung des europäischen Energiesystems

Die EU-Kommission will Digitalisierung, künstliche Intelligenz und intelligente Netze stärker für die Energiewende nutzen und legt dafür einen umfassenden Fahrplan bis 2030 vor

05.06.2026

Quelle: E & M powernews

Die EU-Kommission hat einen „Strategischen Fahrplan für Digitalisierung und KI im Energiesektor“ vorgelegt.
 
Ein „Paket zur technologischen Souveränität Europas“ hat die EU-Kommission vorgestellt. Es soll die technologische Souveränität Europas stärken. Darin enthalten ist auch ein „Strategischer Fahrplan für Digitalisierung und KI im Energiesektor“.

Mit dem Fahrplan soll die Digitalisierung des europäischen Energiesystems bei gleichzeitiger Gewährleistung einer nachhaltigen Entwicklung vorangetrieben werden, heißt es in dem Papier der EU-Kommission. Digitalisierung wird dabei als wichtiger Baustein für Wettbewerbsfähigkeit, Versorgungssicherheit und die Integration erneuerbarer Energien betrachtet.

Ein Schwerpunkt der „Strategic Roadmap for Digitalisation and AI in the Energy Sector“, so der offizielle Titel, liegt auf der wachsenden Bedeutung von Rechenzentren. Die installierte Leistung von Rechenzentren in der Europäischen Union soll nach Einschätzung der Kommission von rund 12 GW im Jahr 2025 auf etwa 28 GW bis zum Jahr 2030 steigen. Die damit verbundene zusätzliche Stromnachfrage stellt Netzbetreiber und Energieversorger vor neue Herausforderungen.

EU-weites Bewertungssystem für Rechenzentren

Um die Integration von Rechenzentren in das Energiesystem zu erleichtern, will die Kommission Netzanschlüsse besser koordinieren, Flexibilitätspotenziale stärker nutzen und den Abschluss langfristiger Stromlieferverträge (Power Purchase Agreements, PPA) fördern. Zudem sollen Energieeffizienz, Abwärmenutzung und Wasserverbrauch stärker in den Fokus rücken.

Geplant sind unter anderem ein Musterabkommen zwischen Rechenzentrumsbetreibern, Energieunternehmen und Behörden sowie ein EU-weites Bewertungssystem für Rechenzentren. Dieses soll Kriterien wie Energieeffizienz, Wassereffizienz, Nutzung erneuerbarer Energien, Abwärmenutzung und Flexibilität berücksichtigen.

Rollout von Smart Metern in allen Mitgliedstaaten beschleunigen

Im Bereich der Stromnetze setzt die Kommission auf den verstärkten Einsatz von Smart Grids, digitalen Netztechnologien und intelligenten Messsystemen. Noch im Jahr 2026 soll ein Gesetzesvorschlag vorgelegt werden, der den Rollout von Smart Metern in allen Mitgliedstaaten beschleunigen soll. Darüber hinaus plant die Kommission die Einführung von Kennzahlen für intelligente Netze sowie die Förderung sogenannter digitaler Zwillinge für Netzplanung und Netzbetrieb.

Eine weitere zentrale Rolle spielt der Einsatz von KI entlang der gesamten energiewirtschaftlichen Wertschöpfungskette. Geplant sind europäische KI-Modelle für Netzplanung, Last- und Erzeugungsprognosen, Engpassmanagement sowie Anwendungen in den Bereichen erneuerbare Energien, Speicher und Gebäude. Bis Ende 2027 sollen erste operative Anwendungen verfügbar sein. Zudem sollen KI-gestützte Genehmigungsportale dazu beitragen, Verfahren für Erneuerbare-Energien-, Speicher- und Netzausbauprojekte zu beschleunigen.

Grenzüberschreitenden Austausch von Energiedaten

Der Fahrplan sieht außerdem einen europäischen Rahmen für den grenzüberschreitenden Austausch von Energiedaten vor. Ziel sind einheitliche Standards und interoperable Datenräume, um intelligente Energiedienstleistungen und die Entwicklung von KI-Anwendungen zu erleichtern. Nach Einschätzung der Kommission könnten digitale Lösungen bis zum Jahr 2030 rund 230 GW zusätzliche Flexibilität im Energiesystem erschließen.

Begleitend sollen die Cybersicherheit und die Resilienz kritischer Energieinfrastrukturen gestärkt werden. Im Fokus stehen dabei insbesondere Risiken durch vernetzte Anlagen, Wechselrichter und KI-Anwendungen. Geplant sind unter anderem Risikoanalysen, regulatorische Testumgebungen für KI-Anwendungen sowie zusätzliche Maßnahmen zum Schutz kritischer Energieinfrastruktur.

Zur Umsetzung der Strategie will die Kommission ein jährliches „Energy Digitalisation Forum“ etablieren, neue Indikatoren zur Messung des Digitalisierungsfortschritts entwickeln und eine Initiative zur Verbesserung der europäischen Energiedatenbasis starten.

Die Vorschläge im Energiebereich sind Teil des umfassenderen „Pakets zur technologischen Souveränität Europas“. Zu diesem gehören außerdem zwei Gesetzgebungsvorschläge – die Chip-Verordnung 2.0 sowie die Verordnung zur Cloud- und KI-Entwicklung – sowie eine neue Open-Source-Strategie.

Bevor die Maßnahmen in Kraft treten können, müssen das Europäische Parlament und der Rat der Europäischen Union die Gesetzgebungsvorschläge beraten und verabschieden.

Die „Strategic Roadmap for Digitalisation and AI in the Energy Sector“ steht auf der Internetseite der Europäischen Kommission zum Download bereit.
 
Autor: Stefan Sagmeister