EU-Analyse: Deutschlands Energiesystem mit Licht und Schatten

Die EU-Kommission bescheinigt Deutschland Fortschritte bei erneuerbaren Energien und Netzausbau, sieht jedoch weiterhin große Defizite bei Digitalisierung, Flexibilität und Energiekosten

05.06.2026

Quelle: E & M powernews

Jährlich bewertet die EU die Fortschritte der Mitgliedsstaaten auf einer Reihe von Gebieten. Eine Erkenntnis: Deutschland nutzt zu viele fossile Energieträger, das macht Energie teuer.
 
Der „Country Report“ der EU-Kommission ist die jährliche Länderanalyse der Europäischen Kommission. Dabei überprüft die Kommission jedes Jahr, inwieweit die EU-Staaten wirtschaftlich auf einem Kurs sind, der die Wettbewerbsfähigkeit stärkt, die Staatsfinanzen stabil hält und die gemeinsamen EU-Ziele – etwa bei Klima, Energie oder Arbeitsmarkt – unterstützt.

Für den Teilbereich der deutschen Energiewirtschaft fällt das Urteil über Deutschland im „Country Report“ gemischt aus. Die Kommission sieht Fortschritte beim Ausbau erneuerbarer Energien und der Energieinfrastruktur, identifiziert aber weiterhin erhebliche Defizite bei Netzen, Digitalisierung, Flexibilität und Energiekosten.

Zu den Stärken zählt vor allem der Ausbau der erneuerbaren Stromerzeugung. Im Jahr 2025 stammten 61,1 Prozent der Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen. Unterstützt wurde dies durch höhere Ausschreibungsvolumina, beschleunigte Genehmigungsverfahren und einen wachsenden Markt für langfristige Stromlieferverträge.

Positiv bewertet die Kommission zudem regulatorische Fortschritte wie das Wasserstoff-Beschleunigungsgesetz, das Geothermie-Beschleunigungsgesetz sowie neue Regelungen für den Ausbau von Onshore- und Offshore-Windenergie. Auch Investitionen in Wasserstoffkapazitäten werden hervorgehoben.

Fortschritte erkennt Brüssel außerdem beim Ausbau der Übertragungsnetze. Im Jahr 2025 wurden rund 2.000 Kilometer Stromleitungen genehmigt, davon 1.280 Kilometer Neubauten. Gegenüber dem Vorjahr entspricht dies einem Anstieg von 45 Prozent. Die Übertragungsnetze stellen trotzdem weiterhin einen Engpass für den Stromtransport dar. Die Folge sind Redispatch-Kosten von rund drei Milliarden Euro pro Jahr. 

Problem: Starke Zersplitterung des deutschen Verteilnetzsektors

Auch bei den Verteilnetzen gibt es Handlungsbedarf. Zwar steigen die Investitionen dort, gleichzeitig nehmen die Anforderungen durch Elektromobilität, Wärmepumpen und Batteriespeicher deutlich zu. Anschlussanfragen für große Speicherprojekte könnten häufig nur verzögert bearbeitet werden. Als weiteres Problem nennt die Kommission die starke Zersplitterung der deutschen Verteilnetzbetreiberlandschaft mit mehr als 850 Netzbetreibern.

Besonders kritisch bewertet Brüssel den Smart Meter Rollout. Ende 2025 waren lediglich 5,5 Prozent der Kunden mit intelligenten Messsystemen ausgestattet. Im EU-Durchschnitt lag die Quote bei 63 Prozent. Dadurch würden Potenziale für einen effizienteren Netzbetrieb und einen kostengünstigeren Netzausbau ungenutzt bleiben.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die mangelnde Flexibilität des Energiesystems. Deutschland habe den Ausbau von Wind- und Solarenergie deutlich vorangebracht, verfüge aber noch nicht über ausreichend Speicher, Lastmanagement und andere Flexibilitätsoptionen. Mit steigenden Anteilen erneuerbarer Energien werde dies zunehmend zu einem Problem für Versorgungssicherheit und Systemstabilität.

Zugleich bleibt Deutschland nach Einschätzung der Kommission stark von fossilen Energieträgern abhängig. Zwar dominieren erneuerbare Energien inzwischen die Stromerzeugung, im gesamten Energieverbrauch einschließlich des Verkehrssektors spielen Öl, Erdgas und Kohle jedoch weiterhin eine zentrale Rolle. Im Jahr 2024 entfielen rund 37 Prozent des gesamten Energieverbrauchs auf Öl, 26 Prozent auf Erdgas und 15 Prozent auf Kohle. Erneuerbare Energien kamen auf etwa 20 Prozent.

Diese Struktur trägt nach Auffassung der Kommission zu den weiterhin hohen Energiepreisen bei. Trotz staatlicher Entlastungsmaßnahmen lagen die Strompreise für Haushalte 2025 noch immer 31 Prozent über dem EU-Durchschnitt. Für Unternehmen betrug der Abstand sieben Prozent.

Nachholbedarf sieht Brüssel auch beim Ausbau von Speichern, bei Nord-Süd-Stromleitungen, grenzüberschreitenden Verbindungen sowie bei der Digitalisierung des Energiesystems. Im Gebäudebereich werden Fortschritte bei der Energieeffizienz anerkannt, die Sanierungsquote von weniger als einem Prozent pro Jahr reicht nach Einschätzung der Kommission jedoch nicht aus, um die Klimaziele zu erreichen.

Der „2026 Country Report – Germany“ steht auf der Internetseite der EU-Kommission zum Download zur Verfügung. 
 
Autor: Stefan Sagmeister