Ein Schubser reicht: vom Nutzen zum Fühlen
Innovation scheitert selten an der Technik, sondern an uns. Alles, was neu ist, wird erstmal hinterfragt, oder sogar abgelehnt. Selbst wenn etwas Neues überzeugt, heißt das noch lange nicht, dass es auch selbstverständlich genutzt wird. Ganz einfach, weil Neues "umdenken" erfordert und sich nicht in die gewohnten Alltagsprozesse einfügt. Wie gelingt es also, dass Innovationen nicht nur genutzt, sondern gelebt werden? Manchmal reicht sogar nur ein kleiner Schubs in die richtige Richtung.
Der Motor schnurrt leise, das Display im Auto leuchtet in beruhigendem Grün. Auf dem kleinen Bildschirm neben der Tankanzeige wächst eine Blume. Erst ein Blatt, dann zwei. Ein kurzer Blick, ein kleines Lächeln. Die Fahrerin nimmt den Fuß leicht vom Gas. Die Pflanze auf der Anzeige reagiert darauf - und ein neues Blütenblatt erscheint. Jetzt kein ruckartiges Beschleunigen, keine hastigen Spurwechsel mehr, die Frau fährt sanft weiter.
Nicht, weil sie Sprit sparen will. Nicht, weil sie sich plötzlich für Nachhaltigkeit begeistert. Sondern weil sie die Blume behalten will, die ihren effizienten Fahrstil mit virtuellem „Wachstum“ auf dem Display belohnt. „Wenn sie so weiterfährt, bekommt sie vielleicht sogar den Pokal. Denn jedes Mal, wenn sie etwas zu stark aufs Gaspedal drückt, verliert die Pflanze ein Blatt. Und jedes Mal fühlt es sich an, als hätte sie etwas falsch gemacht. Also passt sie sich an. Ganz intuitiv. Sie folgt den Regeln eines Spiels, dessen sie sich kaum bewusst ist und fährt plötzlich so, wie es die Entwickler des Systems vorgesehen haben: effizient, vorausschauend, umweltfreundlich.
Von Innovation zur Intuition
Das größte Hindernis für Innovation ist selten die Technologie, sondern der Mensch. Alles, was neu ist, wird erstmal kritisch betrachtet. Veränderungen bekommen manchmal sogar Widerstand entgegengebracht. Selbst wenn Neues akzeptiert wird, heißt das noch lange nicht, dass es sich auch selbstverständlich genutzt wird. Viele Innovationen scheitern nicht an ihrer Funktionalität, sondern daran, dass sie sich nicht in die Intuition der Nutzerinnen und Nutzer einfügen. Man muss erst aktiv darüber nachdenken, eine neue Funktion suchen oder verstehen und genau das steht dem spontanen, natürlichen Umgang mit ihr im Weg.
Doch wie bringt man Menschen dazu, etwas Neues nicht nur zu akzeptieren, sondern es wirklich zu verinnerlichen, also vom Denken zum Fühlen überzugehen? Eine unscheinbare, aber sehr wirksame Möglichkeit hierfür sind Nudges: ein Schubser in die richtige Richtung.
Innovationsschubs
Auch wenn die Blume auf dem Autodisplay auf den ersten Blick nur wie ein kleines Spiel wirkt, ist sie in Wahrheit ein feiner Schubs in eine neue Richtung. Hin zu vorsichtigerem und ressourcen-schonendem Fahrstil. Die Leute am Steuer müssen nichts lernen, nichts verstehen, nichts bewusst verändern. Sie werden einfach geführt und das von einer Blume. Kein Zeigefinger, keine Belehrung, nur ein leiser Impuls. Und doch verändern Menschen dadurch ihr Verhalten. Sie fahren gleichmäßiger, vorausschauender, nachhaltiger. Nicht, weil sie es müssen, sondern weil es sich gut anfühlt, die Blume wachsen zu sehen.
Genau das ist die Idee hinter einem Nudge: einem kleinen, durchdachten Schubser, der unser Verhalten auf vorhersehbare Weise verändert, ohne unsere Wahlfreiheit einzuschränken. Ein Nudge ist jeder Bestandteil der sogenannten Entscheidungsarchitektur, der eine gewünschte Handlung wahrscheinlicher macht, ohne sie vorzuschreiben. Es geht darum, eine Entscheidung naheliegender, bequemer oder intuitiver zu gestalten. Das kann ein Symbol sein, das Aufmerksamkeit lenkt, eine Farbe, die Orientierung schafft, oder ein Hinweis, der den nächsten Schritt erleichtert. Wird beispielsweise in einer neuen Software der wichtigste Knopf an eine andere Stelle verschoben, fällt es vielen schwer, ihn sofort zu finden oder die gewohnten Bewegungen „neu“ zu lernen. Wird dieser neu-platzierte Knopf aber kurz rot aufleuchten oder dezent hervorgehoben, versteht man die Änderung intuitiv und ohne Erklärung, ohne Anleitung. Ein kleiner visueller Nudge reicht aus, um die neue Funktion erfahrbar zu machen.
A nudge = a gentle push or a slight influence to encourage an action (Oxford Dicitonary)
to nudge so. = (engl.) jmd. anstupsen
Doch genau darin liegt auch die Herausforderung: Wo Verhalten gelenkt wird, beginnt Verantwortung. So wirkungsvoll Nudges sein können, sie verlangen auch Fingerspitzengefühl. Denn jeder noch so sanfte Schubs ist ein Eingriff in Entscheidungen, oft ohne, dass wir ihn bewusst wahrnehmen. Deshalb gilt: Nudges sollten transparent, nachvollziehbar und stets im Sinne der Nutzerinnen und Nutzer eingesetzt werden. So bleibt die Entscheidung frei, aber der Weg dorthin wird leichter.
Fühlen und nicht Denken
Wenn Innovationen in der Gesellschaft ankommen sollen, geht es also nicht nur darum, sie technisch perfekt zu entwickeln. Es geht darum, sie menschlich zu gestalten. Nudges können dabei helfen, Neues verständlich, zugänglich und vor allem intuitiv nutzbar zu machen. Sie verwandeln das Unbekannte in etwas Vertrautes. Man muss nicht mehr darüber nachdenken, sondern fühlt die Neuerung und wendet sie ganz intuitiv an.
Denn Innovationen setzen sich nicht durch, weil sie die beste Lösung sind, sondern weil sie sich richtig anfühlen. Nudges helfen dabei, diese emotionale Brücke zu schlagen. Sie holen Menschen dort ab, wo Gewohnheit auf Unsicherheit trifft, und machen den ersten Schritt leicht. So entsteht Akzeptanz nicht durch Überzeugung, sondern durch Vertrauen. Und manchmal reicht dafür schon eine kleine Blume auf dem Display.
Autorin: Marie Spies