Der leichte Weg zur Digitalisierung
Zwischen vereinfachtem Rollout und intelligenten Messsystemen ringen Branche, Politik und Verbände um die beste Lösung für mehr Flexibilität und Effizienz.
28.07.2026
Quelle: E & M powernews
Der Koalitionsbeschluss zu einem „Smart Meter Light“ hat die Diskussion um den „richtigen“ Weg zur Digitalisierung der Energiewirtschaft befeuert.
Auch für Fachleute kam die Ansage des Koalitionsausschusses überraschend, dass mit einem Smart Meter Light die Digitalisierung der Stromnetze und die Einführung flexibler Tarife beschleunigt werden soll. In ihrem „Programm für Aufschwung und Beschäftigung“ hatten CDU/CSU und SPD eine „kostengünstige“ und abgespeckte Variante eines intelligenten Messsystems ins Spiel gebracht. Es soll Kunden, die nicht dem verpflichtenden Rollout unterliegen, in die Lage versetzen „kostengünstig und cybersicher“ ihre Stromrechnung zu optimieren.
Damit griffen die Koalitionsspitzen eine Diskussion auf, die bereits seit längerer Zeit schwelt. Allerdings hatte die Initiative „Simplify Smart Metering“ bereits im vergangenen Jahr klargestellt, dass insbesondere Steuerungsvorgänge über gesicherte Kanäle erfolgen müssen. „Hier sehen wir das Gateway (das Smart Meter Gateway als Teil des intelligenten Messsystems; Anm. d. Red.) als gesetzt an“, betonten Vertreter der Initiative in einem Positionspapier. Daher sei ihr Ansatz mit einem Smart Meter Light auch nicht, wie gelegentlich fälschlicherweise behauptet, eine Konkurrenz zum intelligenten Messsystem.
Den Initiatoren geht es vielmehr um eine „smarte moderne Messeinrichtung“, um dynamische Tarife schneller und einfacher umzusetzen und optionale Einbaufälle abzuarbeiten. Außerdem könnte die Netztransparenz durch eine schnelle und flächendeckende Bereitstellung von 15-Minuten-Messwerten erhöht und gegebenenfalls teurer Netzausbau vermieden werden.
Dennoch ließ die Kritik am Koalitionsbeschluss nicht lange auf sich warten. In einem Positionspapier sprechen sich das Forum Netztechnik/Netzbetrieb (FNN) und die Deutsche Kommission Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (DKE) gegen die Einführung eines eigenständigen „Smart Meter Light“ aus. Die Organisationen – beide unter dem Dach des VDE – warnen davor, mit einer zusätzlichen Technologievariante den laufenden Smart-Meter-Rollout zu bremsen. Sie unterstützen zwar das Ziel einer Beschleunigung des Rollouts, halten die Schaffung von Parallelstrukturen jedoch für den falschen Weg, der weitere Standardisierung und Normung erfordert. Als Alternative zu einem „Smart Meter Light“ verweisen die Autoren auf die bereits gesetzlich verankerte sogenannte 1:n-Lösung. Dabei werden mehrere Stromzähler über ein gemeinsames Smart-Meter-Gateway angebunden.
1:n-Lösung als Alternative
Filip Thon sieht zwar einen einfachen und beschleunigten Smart Meter Rollout als entscheidend an, um das volle Potenzial von Flexibilität im Stromsystem nutzen zu können. Es sei aber fraglich, ob ein Smart Meter Light tatsächlich der notwendige Beschleuniger ist, so der CEO von Eon Energie Deutschland. „Denn: Ein Smart Meter Light wird zwar mehr Haushalten einen Zugang zu dynamischen Tarifen eröffnen, aber nicht dafür sorgen, dass die Flexibilitäten von Kunden mit großen verschiebbaren Lasten, zum Beispiel aus Eigenerzeugung, intelligenten Stromspeichern oder Elektromobilität, schneller im Stromsystem genutzt werden“, so Thon. Dafür sei nach wie vor ein intelligentes Messsystem notwendig. Dessen Rollout müsse aber „unkompliziert“ sein.
Damit schlägt er im Grunde in die gleiche Kerbe wie Markus Meyer, Leiter des Bereichs Regulierung und Energiepolitik bei Enpal. Er hatte bereits im Sommer des vergangenen Jahres erklärt, nicht der Gerätetyp verursache hohe Kosten, sondern die komplizierten Abläufe und systemseitigen Anforderungen.
Vor dem Hintergrund der Effizienz-Diskussion rückt auch eine aktuelle Studie in den Fokus, die die Beratungsgesellschaft BET zusammen mit den Stadtwerken Osnabrück erstellt hat. Darin betrachtet BET den Rollout intelligenter Messsysteme vor allem aus Sicht der Marktrollen – vom Netzbetrieb über den Messstellenbetrieb und den Vertrieb bis hin zu Handel und Endkunden.
Das Ergebnis fällt eindeutig aus: Die kurzfristig größten Potenziale liegen vielfach nicht in der Steuerung, sondern in der Digitalisierung energiewirtschaftlicher Prozesse, etwa die Fernauslesung, stichtagsgenaue Ablesungen sowie die spartenübergreifende Auslesung von Strom-, Gas-, Wasser- und Wärmezählern. Dagegen werden netzorientierte Steuerung, virtuelle Kraftwerke oder die Vermarktung von Flexibilitäten zwar als strategisch bedeutsam eingestuft, kurzfristig jedoch aus regulatorischen und wirtschaftlichen Gründen mit einem geringeren Zusatznutzen bewertet.
Am Ende empfiehlt BET einen „vertriebsoptimierten, erweiterten Pflichtrollout“, der zusätzliche Einbaufälle dort erschließt, wo hoher Kunden- und Prozessnutzen entsteht.
Autor: Fritz Wilhelm