Ist es abzusehen, dass in Zukunft noch mehr digitale Lösungen kommen?
Sebastian Hilke: Der Impf- sowie der Mutterpass sollen digitalisiert werden, genauso wie das Zahnbonus- und das Kinderuntersuchungsheft. Also alles was wir in analoger Papierform kennen, wird dann auch digitalisiert und abgelegt werden. Dazu kommen noch weitere Leistungserbringende, wie Geburtshelfende oder Physio- und Ergotherapierende, die ebenfalls an das System angeschlossen werden. Auch die Pflege kann zukünftig mit der elektronischen Akte arbeiten und dort Daten auslesen und eintragen. Was es seit Herbst 2021 schon gibt ist die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen. D. h. die Praxen können die diagnostizierte Arbeitsunfähigkeit direkt an die Krankenkasse übermitteln. Ab Mitte 2022 sollen dann auch die Unternehmen bei den Krankenkassen ihrer Arbeitskräfte die Arbeitsunfähigkeit abrufen können. Die kranke Person spart sich also den postalischen Versand der Krankmeldungen. Eine weitere digitale Alternative wird es auch bei Rezepten geben. Das E-Rezept löst demnächst das bisher bekannte Papierrezept ab. Zum 01.01.2022 soll es bundesweit kommen, man muss aber abwarten, ob der Termin zu halten ist. Zusätzlich gibt es noch die digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) . Diese „Gesundheits-Apps“ werden wie Medikamente per Rezept verschrieben.
Wie kann ich mir das mit einer verschriebenen App vorstellen?
Sebastian Hilke: Das sind meistens Apps für Smartphones, aber auch Anwendungen für zu Hause am Computer, die einen dabei unterstützen sollen, mit beispielsweise Knieschmerzen, einer Depression oder Krebserkrankung zurechtzukommen. Dabei fallen die Funktionen unterschiedlich aus, z. B. kann es sich um einen Therapieplan handeln mit Übungen, eventuell auch mit einer Beobachtung über die Videofunktion für die korrekte Ausführung. Aber auch psychotherapeutische Übungen sind möglich, die Betroffenen helfen sollen, mit einer Depression zurechtzukommen. Oder es handelt sich um eine Art Tagebuch, in welches Diabetiker ihre Blutzuckerwerte aufschreiben und kontinuierlich beobachten. Parallel dazu soll es dann im nächsten Jahr ebenfalls digitale Pflegeanwendungen geben. Wir werden dann sowohl digitale Gesundheits- als auch Pflegeanwendungen haben.
Solche Apps existieren schon länger. Und es gibt ja auch Fitness-Apps. Warum werden gerade diese von der Krankenkasse bezahlt und die anderen nicht?
Sebastian Hilke: Diese Apps haben einen aufwendigen Prozess durchlaufen: es wurden klinische Studien gemacht und sie werden sicherheitstechnisch überprüft. Sie absolvieren somit ein ähnlich aufwändiges Verfahren wie Medikamente. Die Apps müssen in den Studien zeigen, dass sie funktionieren, ein entsprechender Nutzen da ist und sie einen therapeutischen Effekt erzielen. Das bedeutet, man weiß wirklich, dass diese Anwendungen einen Mehrwert für die Behandlung bringen. Zukünftig werden diese digitalen Gesundheitsanwendungen auch an die elektronische Patientenakte angeschlossen werden, sodass die Daten da ebenfalls hin und her fließen können.
Aber wie sieht es denn bei diesen ganzen elektronischen Anwendungen mit der Barrierefreiheit aus?
Sebastian Hilke: Also bei der elektronischen Patientenakte kann ich zumindest schon einmal sagen, dass die Anwendungen grundsätzlich barrierefrei angelegt sind. Es besteht eine Verbindung mit den Smartphone Betriebssystemen und somit sind die Funktionen nutzbar, die es dort gibt, wie z. B. das Bildschirmvorlesen, aber auch das Touch Feedback. Letzteres bedeutet, dass das Telefon vibriert, sobald man irgendwo draufdrückt, und so zeigt es an, welche Dinge nutzbar sind. Ein wenig schwieriger wird es bei den Dokumenten, die in der ePA liegen können. Das sind manchmal einfach eingescannte PDFs und damit fehlen die notwendigen Textinformation zur Erkennung für das System. Damit ist eine Barrierefreiheit nicht mehr gegeben. Aber alles, was an strukturierten Daten in der Akte liegt und auch zukünftig an Einträgen vorhanden sein wird, ist barrierefrei zugänglich.
Das klingt alles sehr praktisch, bequem und flexibel. Wird man so seinen Arzt oder seine Ärztin künftig noch sehen?
Sebastian Hilke: Meiner Meinung nach werden wir den persönlichen Kontakt mit dem Arzt oder der Ärztin und den anderen Leistungserbringenden auch weiterhin haben. Denn sie können nicht alles digital machen. Zudem ist es wichtig zu verstehen, dass eine digitale Anwendung eine Unterstützung darstellen soll. Sie hilft, die relevanten Daten jederzeit abrufbar zu haben, um so beispielsweise auch entsprechende kleinere Abstimmungen virtuell machen zu können. Es gibt schon länger die Videosprechstunden, aber auch die sind nur eine digitale Ergänzung. Der persönliche Kontakt soll durch digitale Anwendungen nicht ersetzt werden. Im Idealfall wird durch diese aber die Behandlung noch besser, effizienter und für uns alle angenehmer.
Das Interview führte Dr. Petra Blumenroth, Projektmanagerin Technologie I Frugale Innovation bei der Bayern Innovativ GmbH.
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