Frugale Innovationen für Medizin und Medizintechnik

15.04.2019

Wenn Ressourcen knapp sind, sind einfache und kostengünstige Lösungen gefragt. Frugale Innovationen folgen genau diesem Ansatz. Medizin und Medizintechnik liefern viele interessante Beispiele – von denen sowohl Entwicklungsländer wie Industrienationen profitieren können.

Einfach und kostengünstig: Der an der Universität Würzburg entwickelte „Kaugummi-Schnelltest” ermöglicht, bakterielle Entzündungen im Mundraum zu diagnostizieren. (Bildnachweis: Fotolia©ulianna)

Die nigerianische Familie ist beunruhigt: eines ihrer Kinder fühlt sich schlapp, hat Kopf- und Gliederschmerzen und Fieber. Der nächste Arzt ist weit entfernt, der Weg aus dem abgelegenen Dorf im zentralen Afrika äußerst beschwerlich. Erst recht mit einem kranken Kind. Jetzt wäre es hilfreich, sofort zu erfahren, ob die Symptome nur auf einen einfachen grippalen Infekt hinweisen oder auf Malaria, eine Krankheit, die unbehandelt bereits wenige Tage nach der Infektion zum Tode führen kann.

Jährlich werden etwa 200 Millionen Malaria-Fälle verzeichnet. Am stärksten betroffen ist die Region Subsahara-Afrika. Gewissheit kann nur ein Malariatest schaffen. Klassische Malariatests erfordern jedoch eine Blutabnahme, die ein gewisses Infektionsrisiko birgt und eine aufwändige Untersuchung im Labor. Der 2008 von der US-Firma Fyodor Biotechnologies entwickelte „Urine Malaria Test” UMT auf Basis einer Urinprobe hingegen kann einfach, schnell und kostengünstig von jedem vermeintlich Infizierten selbst durchgeführt werden. Bereits nach 25 Minuten kann das Ergebnis auf einem Teststreifen abgelesen werden.

UMT ist mit seinem Ansatz exemplarisch für ein Thema, das in den letzten Jahren immer mehr Bedeutung gewinnt: Frugale Innovation. Unter dieser Bezeichnung werden Innovationen verstanden, die sich auf essenzielle Kernfunktionen beschränken und sich an den konkreten Kundenbedürfnissen orientieren. Die Endprodukte sind kostengünstig und einfach in der Handhabung.

Die Entwickler agieren im Low cost-Bereich – ohne bei der Qualität zu sparen. Die Beispiele für frugale Innovationen in der Medizin und der Medizintechnik sind breitgefächert und reichen von Lowtech- bis zu Hightech-Produkten. So hat Siemens beispielsweise einen kostengünstigen und einfach bedienbaren Computertomographen entwickelt. Das Projekt zeigt, dass frugale Innovationen auch für internationale Konzerne interessant sind. „Unter anderem konnten wir mögliche Probleme in der Bedienung bereits im Vorfeld durch einen interaktiven und kreativen Prozess im Dialog identifizieren und beheben”, so Gerhard Krämer, User Experience Designer bei Siemens.

Weitere Beispiele für Frugale Innovationen

Frugale Innovationen können die diabetische Retinopathie, eine Erkrankung der Netzhaut, frühzeitig erkennen. (Bildnachweis: iStock©eclipse)
Ein weiteres Beispiel frugaler Innovationen in der Medizin liefert die diabetische Retinopathie, eine Erkrankung der Netzhaut, die zur Erblindung führen kann, falls sie nicht frühzeitig erkannt und therapiert wird. Mit dem von der Peter Voigtmann GmbH aus Nürnberg entwickelten „Integrierten Tele-Ophthalmologischen System” (ITOS) kann diese schwere Augenerkrankung auch von nicht medizinisch geschultem Personal diagnostiziert werden. ITOS ermöglicht einen dezentralen Betrieb an weit verteilten oder abgelegenen Orten. Das bietet die Chance, Risikopatienten zu erreichen, die keinen der nur unzureichenden Zugang zu medizinischer Versorgung haben und die Patienten zu identifizieren, die eine augenärztliche Behandlung benötigen.

Der an der Universität Würzburg entwickelte „Kaugummi-Schnelltest” wiederum ist ein äußerst einfach handhabbarer und kostengünstiger Test, um bakterielle Entzündungen im Mundraum zu diagnostizieren, zum Beispiel nach einer Zahn-OP. Die Früherkennungsmethode kann helfen, schwerwiegende Komplikationen wie Knochenschwund zu verhindern. Detektor ist die Zunge, durch Enzyme freigesetzter bitterer Geschmack beim Kauen des Kaugummis zeigt eine Entzündung an.

„Frugale Innovationen können in der Medizin einen wichtigen Beitrag liefern, um insbesondere an abgelegenen Orten der Welt einfache und kostengünstige Lösungen für lebenserhaltende Maßnahmen zu realisieren”, äußert sich Fyodor Biotechnologies-CEO Eddy C. Agbo zuversichtlich. Der UMT-Test hat die Malaria-Untersuchung aus seiner Sicht demokratisiert: Zudem zeigt der UMT-Test, wie frugale Verfahren ermöglichen, eine große Zahl potenziell erkrankter Menschen einfach und unbürokratisch zu untersuchen.

Bayern wird frugal

„Es gibt viele gute Gründe, sich als bayerisches Unternehmen mit frugalen Innovationen zu beschäftigen”, ist Dr. Petra Blumenroth von Bayern Innovativ überzeugt. Die von der Diplom-Biologin geleitete gleichnamige Koordinierungsstelle will das Potenzial frugaler Lösungen zusammen mit wissenschaftlichen Partnern heben und bietet verschiedene Dienstleistungen für interessierte Firmen an. Erfahren Sie mehr über Frugale Innovationen!

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Dr. Petra Blumenroth