Abwärmekompass für industrielle Abwärme
Neuer Abwärmekompass des IfE soll Kommunen und Stadtwerken helfen, industrielle Abwärmepotenziale systematisch zu bewerten und konkrete Projekte schneller umzusetzen
18.06.2026
Quelle: E & M powernews
Das Institut für Energietechnik (IfE) hat einen „Abwärmekompass“ vorgestellt. Das Werkzeug soll Stadtwerken und Kommunen helfen, industrielle Abwärmeprojekte besser zu priorisieren.
Ob in Molkereien, im Maschinenbau, in Zementwerken oder beispielsweise in Ziegeleien: Industrielle Abwärme gilt als wichtiger Baustein für die Dekarbonisierung von Wärmenetzen. Zwischen den in Wärmeplanungen ausgewiesenen Potenzialen und der Umsetzung konkreter Projekte bestehen jedoch häufig erhebliche Unterschiede. Das Institut für Energietechnik (IfE) an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Amberg-Weiden hat deshalb einen „Abwärmekompass“ entwickelt. Das Werkzeug richtet sich an Stadtwerke, Wärmenetzbetreiber und Kommunen. Es soll die technische und wirtschaftliche Nutzbarkeit industrieller Abwärme bewerten und Projekte priorisieren.
Nach Angaben des IfE basieren viele kommunale Wärmeplanungen auf öffentlich verfügbaren Daten aus der Plattform für Abwärme sowie auf Unternehmensangaben. Eine vertiefte Prüfung der gemeldeten Potenziale finde jedoch häufig nicht statt. Gleichzeitig stünden Wärmenetzbetreiber unter Druck, ausgewiesene Potenziale zu erschließen. Hier setzt der Abwärmekompass ein.
Der Abwärmekompass plaubilisiert und bewertet vorhandene Daten zunächst. Anschließend identifiziert ein Team des IfE weitere potenzielle Abwärmelieferanten und führt Gespräche mit technischen Verantwortlichen der Unternehmen. Dabei prüfen die Beteiligten unter anderem Temperaturniveaus, Betriebsweisen und mögliche Einspeisepunkte für Wärmenetze. Optional können Vor-Ort-Begehungen, Messkampagnen und erste Wirtschaftlichkeitsberechnungen folgen.
Nach Darstellung des Instituts weisen die verfügbaren Daten häufig Lücken auf. Teilweise fehlten Angaben zu Abwärmepotenzialen aus Gründen der Geheimhaltung. In anderen Fällen seien Unternehmen ihrer Meldepflicht nicht nachgekommen oder hätten Potenziale nur grob abgeschätzt. Zudem seien technische Informationen oftmals lediglich in Freitextfeldern hinterlegt.
Priorisierung statt Potenzialkarte
Das Ergebnis des Verfahrens ist laut dem IfE eine priorisierte Projektliste. Die identifizierten Quellen werden in drei Kategorien eingeteilt. Als „Go-Potenziale“ gelten technisch anschlussfähige und realisierbare Projekte. „Prüf-Potenziale“ erfordern weitere Untersuchungen, etwa durch Messungen. „Ausschluss-Potenziale“ werden aus technischen oder wirtschaftlichen Gründen nicht weiterverfolgt. Das Institut sieht darin eine Möglichkeit, Planungsaufwand zu reduzieren und Ressourcen gezielter einzusetzen.
Für die Erstellung des Abwärmekompasses veranschlagt das IfE einen Zeitraum von rund drei Monaten. Der Umfang der Untersuchungen kann projektspezifisch erweitert werden. Die Ergebnisse werden in Form einer Präsentation aufbereitet und können nach Angaben des Instituts als Grundlage für politische Gremien, Förderanträge und weitere Planungen dienen.
Das IfE verweist auf Erfahrungen aus Projekten in unterschiedlichen Branchen. Zu den Referenzen zählen sowohl Stadtwerke als auch Industrieunternehmen. Als Beispiele führt das Institut Projekte zur Nutzung von Prozessabwärme und zur Wärmerückgewinnung in Produktionsprozessen an.
Als Referenzprojekt nennt das IfE unter anderem die Optimierung einer Anlage zur thermischen Nachverbrennung in einem Fleischwerk von Kaufland in Heilbronn. Zur Behandlung von Abluftströmen aus Räucherkammern wurde eine erdgasbetriebene thermische Nachverbrennung installiert. Neben der internen Vorwärmung der Abluft erfolgt eine zusätzliche Wärmerückgewinnung. Dabei wird das rund 335 Grad warme Reingas auf die für den Kaminbetrieb erforderlichen 150 Grad abgekühlt. Die Temperaturabsenkung von 185 Grad ermöglicht bei 6.000 Betriebsstunden pro Jahr die Bereitstellung von rund 1.110 MWh Wärme. Bei einem angenommenen Wirkungsgrad von 90 Prozet sinkt der heizwertbezogene Erdgasbedarf um rund 1.233 MWh pro Jahr. Die CO2-Emissionen verringern sich demnach um etwa 248 Tonnen jährlich.
Mit dem Abwärmekompass will das Institut die Lücke zwischen den in Wärmeplanungen ausgewiesenen Potenzialen und deren tatsächlicher Umsetzung schließen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der technischen und wirtschaftlichen Bewertung einzelner Quellen sowie auf der Abstimmung zwischen Industrieunternehmen, Kommunen und Wärmenetzbetreibern.
Autorin: Heidi Roider