Präzise Daten sind die Grundlage für einen attraktiven ÖPNV
26.08.2026
Die Geschichte der Tecount GmbH aus Parsberg zeigt, wie innovative Technologien den öffentlichen Verkehr effizienter und nutzerorientierter machen können. Im Interview spricht Geschäftsführer Sascha Renner über die Entwicklung der KI- und videogestützten Fahrgastzählung, die Bedeutung der Innovationsgutscheine und die nächsten Schritte des Unternehmens.
Herr Renner, woran arbeitet tecount genau?
Sascha Renner: Wir entwickeln KI- und videobasierte Zählsysteme. Das Kamerabild ist dabei der Sensor, die eigentliche Leistung steckt in den Algorithmen, die daraus verlässliche Zahlen machen. Daraus haben sich zwei Anwendungsbereiche ergeben: die automatisierte Fahrgastzählung in Bussen und Bahnen sowie die Verkehrszählung im Straßenraum. Im Fahrzeug erfassen 360°-Kameras im Innenraum die Ein- und Ausstiege sowie die Auslastung, im Straßenraum zählen wir Verkehrsströme differenziert nach Verkehrsarten und Richtungen. In beiden Fällen entstehen sehr präzise Daten, die für Verkehrsunternehmen, Kommunen und Aufgabenträger eine wichtige Planungsgrundlage sind. Sie helfen dabei, Angebote bedarfsgerecht zu planen, Ressourcen effizient einzusetzen und den öffentlichen Nahverkehr insgesamt attraktiver zu gestalten.
Welche Herausforderungen lösen Sie mit Ihrer Entwicklung?
Sascha Renner: Viele Verkehrsunternehmen stehen vor dem Problem, verlässliche Fahrgastdaten zu erhalten. Häufig basieren Entscheidungen noch auf Stichproben oder manuellen Zählungen. Das ist aufwendig und liefert nur begrenzte Informationen. Unsere Technologie ermöglicht eine kontinuierliche und automatisierte Datenerfassung. Dadurch entstehen deutlich bessere Datengrundlagen für die Angebotsplanung, beispielsweise bei Fahrplänen, Fahrzeugkapazitäten oder Linienführungen. Hinzu kommt der Aufwand im Fahrzeug selbst: Klassische Zählsysteme brauchen dafür eine eigene Sensorik im Türbereich. In den meisten ÖPNV-Fahrzeugen ist eine Videoüberwachung ohnehin vorgeschrieben. Wir nutzen die vorhandene Kamera als Sensor. Damit entfällt für das Verkehrsunternehmen eine komplette zusätzliche Sensoreinheit samt Einbau und Wartung.
Stichwort Videoüberwachung: Wie stellen Sie den Datenschutz sicher?
Sascha Renner: Das war für uns von Anfang an ein zentrales Thema und kein nachträglicher Zusatz. Uns interessieren keine Personen, sondern Bewegungen. Die Bildauswertung erfolgt direkt im Fahrzeug, die Bilddaten verlassen das System nicht. Weitergegeben werden ausschließlich anonyme Zählwerte. Eine Identifikation einzelner Fahrgäste ist damit weder vorgesehen noch technisch möglich. Genau diese Auslegung ist die Voraussetzung dafür, dass Verkehrsunternehmen eine solche Lösung im laufenden Betrieb überhaupt einsetzen können.
Ihr Vorhaben wurde durch zwei Innovationsgutscheine gefördert. Wie hat diese Förderung tecount unterstützt?
Sascha Renner: Die Förderung des Bayerischen Wirtschaftsministeriums war für uns ein wichtiger Baustein bei der Weiterentwicklung unserer Lösung. Umgesetzt haben wir die Vorhaben gemeinsam mit der Technischen Hochschule Deggendorf am Technologie Campus Parsberg. Mit Hilfe der Innovationsgutscheine konnten wir die Entwicklung unserer Algorithmen gezielt vorantreiben sowie wichtige Schritte bei der Prototypenvalidierung und Praxiserprobung finanzieren. Gerade für KMU ist es oft eine Herausforderung, innovative Technologien bis zur Marktreife zu entwickeln.
Welche konkreten Ergebnisse konnten Sie dadurch erzielen?
Sascha Renner: Dank der Unterstützung konnten wir unsere Entwicklung deutlich beschleunigen und die Technologie schnell in Pilotinstallationen überführen. So erhielten wir wertvolle Erkenntnisse aus dem Praxiseinsatz und konnten die Leistungsfähigkeit unserer Algorithmen weiter verbessern. Besonders wichtig war für uns, dass wir die Zuverlässigkeit und Genauigkeit der Fahrgastzählung unter realen Einsatzbedingungen nachweisen konnten.
Gibt es darüber hinaus weitere Einsatzfelder für Ihre Technologie?
Sascha Renner: Ja, die zugrunde liegenden KI-Algorithmen lassen sich auch in verwandten Anwendungsbereichen einsetzen. Bereits heute werden unsere Lösungen im Bereich der Verkehrszählung genutzt. Die Technologie kann überall dort Mehrwert schaffen, wo Personen- oder Verkehrsströme zuverlässig erfasst und analysiert werden sollen.
Sie sprechen die Verkehrszählung an. Woran arbeiten Sie dort konkret?
Sascha Renner: Unser Schwerpunkt liegt dort auf videobasierten Dauerzählstellen. Eine Dauerzählstelle bleibt fest installiert und erfasst den Verkehr rund um die Uhr, anstatt wie bei einer klassischen Kurzzeiterhebung nur an einzelnen Tagen zu messen. Unterschieden wird dabei nach Verkehrsarten – also Autos, LKWs, Busse, Fahrräder etc. So entstehen durchgängige Tages-, Wochen- und Jahresganglinien statt Momentaufnahmen und auch seltene Situationen wie Ferienverkehr oder Schlechtwettertage sind belastbar abgebildet. Ergänzend entwickeln wir kompakte mobile Einheiten für zeitlich befristete Erhebungen. Erste feste Anlagen sind bereits installiert und liefern im Dauerbetrieb Daten. Unter anderem zählen und klassifizieren wir den Verkehr an einer großen Brücke in Bayern.
Was ist die nächste Ausbaustufe bei den Fahrgastdaten?
Sascha Renner: Wir arbeiten daran, aus den Zähldaten Start-Ziel-Beziehungen abzuleiten, also nicht nur zu erfassen, wie viele Fahrgäste an einer Haltestelle ein- und aussteigen, sondern welche Wege sie im Netz zurücklegen. Aus einzelnen Zählwerten wird so ein Bild der tatsächlichen Nachfrage. Für die Netz- und Linienplanung ist das ein deutlicher Sprung: Umsteigebeziehungen, Direktverbindungen und Taktungen lassen sich an realen Fahrgastströmen ausrichten, statt sie zu schätzen.
Wie sehen die nächsten Schritte für tecount aus?
Sascha Renner: Wir möchten die Technologie kontinuierlich weiterentwickeln und zusätzliche Funktionen integrieren. Gleichzeitig arbeiten wir daran, die Lösung in weiteren Fahrzeugflotten und Anwendungsbereichen einzusetzen. Unser Ziel ist es, Verkehrsunternehmen noch bessere Daten für ihre Entscheidungen bereitzustellen und damit einen Beitrag zu einem effizienten, nachhaltigen und zukunftsfähigen öffentlichen Verkehr zu leisten.
Innovationsgutschein Bayern
Das Bayerische Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie unterstützt die Zusammenarbeit von kleinen Unternehmen/Handwerksbetrieben mit Sitz in Bayern und externen Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen durch die Vergabe von Innovationsgutscheinen. Ziel des Vorhabens soll die Entwicklung eines vermarktungsfähigen Produkts, Verfahrens oder Dienstleistung sein.
Innovationsgutscheine werden in zwei Varianten angeboten:
- Der Innovationsgutschein Standard unterstützt die Planung, Entwicklung und Umsetzung neuer Produkte, Produktionsverfahren oder Dienstleistungen bzw. die wesentliche Verbesserung bestehender Produkte, Produktionsverfahren und Dienstleistungen im Bereich technischer bzw. technologischer Innovationen. Die zuwendungsfähigen Ausgaben betragen mind. 4.000 € und maximal 38.000 €.
- Der Innovationsgutschein Spezial eröffnet die Möglichkeit, Projekte mit einem erhöhten Finanzbedarf durchzuführen, die eine hochspezialisierte Begleitung (Universität, Forschungseinrichtung) benötigen. Die zuwendungsfähigen Ausgaben betragen mind. 30.000 € und maximal 99.500 €.
Ziel ist es, kleine Unternehmen und Handwerksbetriebe an die Zusammenarbeit mit Forschungseinrichtungen und anderen Unternehmen/Innovationspartnern heranzuführen und somit ihre Innovationskraft zu stärken. Innovative Unternehmen weisen deutliche Vorteile bei Wachstum, Stabilität und Zahl der Arbeitsplätze auf.
Sie sind damit nicht nur wirtschaftlich leistungsfähiger, sondern gehen auch gestärkt die Herausforderungen der Zukunft an.
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