Im Wettlauf gegen die Zeit: Moderne Schlaganfallversorgung

07.05.2026

Der diesjährige „Tag gegen den Schlaganfall“ am 10. Mai steht bundesweit unter dem Motto "Ich spüre was, was du nicht siehst". Damit möchte die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe auf die unsichtbaren Folgen nach einem Schlaganfall aufmerksam machen, denn vier von fünf Schlaganfällen haben versteckte Nachwirkungen wie beispielsweise schnelle Erschöpfung, Gedächtnisprobleme oder Sprachstörungen. Allein in Deutschland leben geschätzt 1,2 Millionen Menschen mit Beeinträchtigungen, die durch einen Schlaganfall verursacht wurden. 

Der Schlaganfall, welcher auch Hirnschlag genannt wird, ist kein einheitliches Krankheitsbild. Je nach Ursache handelt es sich um einen Hirninfarkt oder eine Hirnblutung. Ein Hirninfarkt entsteht durch einen Gefäßverschluss, bei der Hirnblutung hingegen platzt ein Gefäß im Gehirn. Begünstigende Faktoren für einen Schlaganfall sind Bluthochdruck, Diabetes, Fettstoffwechselstörungen, starkes Übergewicht und Rauchen. Doch auch psychische Faktoren wie Depressionen oder Stress können Auslöser sein. Viele dieser Risikofaktoren werden durch mangelnde Bewegung verstärkt. 

Laut der Deutschen Schlaganfall-Hilfe sind es rund 270.000 Menschen, die hierzulande jedes Jahr von einem Schlaganfall betroffen sind. Davon sterben mehr als 60.000 Menschen an den Folgen. Damit zählen Schlaganfälle zu den häufigsten Todesursachen in Deutschland. Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass die Zahl der Vorfälle bis zum Jahr 2040 um mehr als 30 Prozent steigen wird. 

Die ersten Minuten machen den Unterschied 

Zu den häufigsten Symptomen eines Schlaganfalls gehören plötzlich auftretende Seh-, Sprach- und Sprachverständnisstörungen, Lähmungen und Taubheitsgefühle, Schwindel sowie sehr starke Kopfschmerzen. Bei einem Hirnschlag entscheidet oft ein sehr kleines Zeitfenster über die gesundheitlichen Folgen, deshalb lautet das oberste Prinzip in der Schlaganfallmedizin „Time is brain“. Schon bei Verdacht sollte der Rettungsdienst gerufen werden, denn eine Mangeldurchblutung von Hirnarealen kann zu dauerhaften Schädigungen des Gehirns führen. 

Umso wichtiger ist es, typische Warnzeichen in Alltagssituationen bei Mitmenschen frühzeitig zu erkennen und im Ernstfall sofort zu handeln. Hier hilft der FAST-Test, ein Akronym aus Face, Arms, Speech und Time, als einfache Orientierung. Ein schiefer Mundwinkel, ein Arm, der nicht gehoben werden kann und eine gestörte Sprache liefern schnell Gewissheit. 

Innovationen aus der Praxis 

Heute überleben fast doppelt so viele Menschen einen Schlaganfall wie noch vor 30 Jahren. Diese Entwicklung ist vor allem auf den strukturellen und technologischen Fortschritt in der Versorgung zurückzuführen. In Deutschland gibt es inzwischen über 350 zertifizierte Stroke Units, die eine hochstandardisierte Behandlung gewährleisten. „Es handelt sich dabei um spezialisierte Krankenhausstationen, die sich ganz auf die Behandlung akuter Schlaganfälle konzentrieren. Hier arbeiten Neurologen, speziell geschulte Pflegekräfte, Physiotherapeuten und Logopäden eng zusammen und es gibt eine lückenlose Überwachung“, erläutert Prof. Dr. Jan Liman, Chefarzt der Neurologie am Klinikum Nürnberg. Gleichzeitig hat die moderne Bildgebung die Behandlung grundlegend verändert. Hochauflösende CT- und MRT-Technologien ermöglichen es, innerhalb kürzester Zeit die Ursache des Schlaganfalls zu bestimmen und das noch rettbare Hirngewebe (Penumbra) zu identifizieren. „Das wirkt sich direkt auf die Therapiegeschwindigkeit aus“, weiß Dr. Michael Scheuering, Leiter der interventionellen Radiologie bei Siemens Healthineers. 

Dass sich die Schlaganfallmedizin kontinuierlich weiterentwickelt, ist nicht zuletzt der engen Verzahnung von klinischer Erfahrung, Forschung und technologischer Innovation zu verdanken. Auch im Partnernetzwerk Gesundheit von Bayern Innovativ arbeiten Akteure aus Medizin, Wissenschaft und Industrie genau an diesen Schnittstellen – mit dem gemeinsamen Ziel, die Versorgung von Schlaganfallpatientinnen und -patienten weiter zu verbessern. Dazu gehören zum Beispiel das Klinikum Nürnberg als zentraler Leistungserbringer und Siemens Healthineers als Innovationsführer im Bereich der medizinischen Bildgebung. 

Zeitgewinn durch neue Versorgungsstrukturen 

Am Klinikum Nürnberg wird dieser Anspruch besonders deutlich. Als Haus der Maximalversorgung behandelt die Klinik jährlich rund 2.000 Schlaganfälle und zählt damit zu den größten Schlaganfallzentren Deutschlands. Für den Behandlungserfolg zählt vor allem die Geschwindigkeit der Abläufe. 

„Das Ziel einer Stroke Unit ist, in den ersten Stunden und Tagen nach dem Schlaganfall keine Zeit zu verlieren“, erklärt Prof. Dr. Jan Liman, Chefarzt der Neurologie, und fährt fort, „schnelle Diagnosen, gezielte Therapien und früh beginnende Rehabilitation verbessern die Heilungschancen und minimieren Folgeschäden“. Wie dieses Prinzip in der Praxis umgesetzt wird, zeigt sich im Arbeitsalltag der Stroke Unit. Hier greifen spezialisierte Abläufe und interdisziplinäre Zusammenarbeit nahtlos ineinander, während Herzrhythmus, Blutdruck und Atmung rund um die Uhr überwacht werden. 

Ein zentraler Baustein der eng getakteten Abläufe ist die moderne Bildgebung. „Moderne Bildgebung ist das Herzstück der Schlaganfallversorgung“, betont Liman. Verfahren wie Computertomographie und Magnetresonanztomographie zeigen innerhalb kürzester Zeit, ob ein Gefäßverschluss oder eine Blutung vorliegt. „Es ist die Bildgebung, die die Therapie bestimmt“, so Liman. 

Um Abläufe weiter zu beschleunigen, arbeitet das Klinikum Nürnberg auch an neuen Versorgungsansätzen. Ein Beispiel ist das sogenannte „One-Stop“-Prinzip, bei dem Patientinnen und Patienten mit schweren Schlaganfällen, vor allem nach Verschlüssen großer Hirngefäße, direkt in einen Angiographie-Raum gebracht werden. Dort erfolgen Bildgebung und Behandlung unmittelbar hintereinander. „Das spart wertvolle Minuten“, erklärt Liman – ein Zeitgewinn von bis zu einer halben Stunde, der insbesondere bei schweren Schlaganfällen entscheidend sein kann, damit die Patienten weniger Behinderungen und funktionelle Einschränkungen davontragen. Dieser Ansatz wird auch wissenschaftlich untersucht: Gemeinsam mit dem Universitätsspital Basel leitet das Klinikum Nürnberg mit seiner Paracelsus Medizinischen Privatuniversität (PMU) die 2025 begonnene europaweite Studie „GET-FAST“. Ziel ist es zu prüfen, ob sich Patientinnen und Patienten besser erholen, wenn Bildgebung und Therapie nach dem „One-Stop“-Prinzip im selben Raum stattfinden. 

Dass eine funktionierende Schlaganfallversorgung Teamarbeit ist, zeigt sich entlang der gesamten Versorgungskette. „Eine gute Schlaganfallversorgung beginnt oft schon vor der Klinik“, sagt Liman. Entsprechend ist die Koordination zwischen Rettungsdienst, Notaufnahme und Stroke Unit entscheidend – diese müssen eng vernetzt sein. „Auch die Zusammenarbeit mit anderen Kliniken ist wichtig, etwa wenn Patienten für spezielle Eingriffe in ein überregionales Zentrum verlegt werden.“ Hier ermöglichen es telemedizinische Netzwerke, „Expertise schnell einzubinden, indem man zum Beispiel die Ergebnisse der Bildgebung und auch die klinische Untersuchung des Patienten live per Video teilt“. 

Gerade an der Schnittstelle von Bildgebung, Prozessen und Therapie wird deutlich, wie eng medizinische Anforderungen und technologische Entwicklungen miteinander verbunden sind. Die klinische Praxis stellt dabei klare Anforderungen an Geschwindigkeit und Präzision – und bildet damit zugleich die Grundlage für Innovationen in der Medizintechnik. 

Technologie als Beschleuniger 

Während Krankenhäuser wie das Klinikum Nürnberg neue Versorgungsmodelle erproben, liefert die Industrie die technologischen Grundlagen dafür. Siemens Healthineers entwickelt Lösungen, die Diagnose und Therapie noch effizienter zusammenführen und so den Behandlungspfad beschleunigen. 

Dabei hat sich die Rolle der Bildgebung in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. „Der Schlüssel liegt in der Kombination aus Geschwindigkeit, Bildqualität und Automatisierung“, führt Dr. Michael Scheuering, Leiter der interventionellen Radiologie, aus. Während die Diagnostik früher vor allem darauf ausgerichtet war, zwischen Blutung und Ischämie zu unterscheiden, sei sie heute ein integraler Bestandteil der gesamten Versorgungskette. 

„Dank moderner CT- und MRT-Technologien können wir viel präziser beurteilen, wie viel Hirngewebe bereits irreversibel geschädigt ist und wie viel noch gerettet werden kann“, so Scheuering und ergänzt, „Die Bildgebung ist schneller, robuster und informativer geworden“. Automatisierte Auswertungen, standardisierte Protokolle und digitale Workflows sorgen dafür, dass Entscheidungen innerhalb kürzester Zeit getroffen werden können. 

Auch Künstliche Intelligenz spielt eine zunehmend wichtige Rolle. „KI ist heute auf verschiedenen Ebenen ein wichtiger Partner in der Notfalldiagnostik: sie beschleunigt, standardisiert und entlastet“, ordnet Scheuering ein. Gleichzeitig bleibe die Entscheidungshoheit klar bei den Ärztinnen und Ärzten. 

Ein weiterer Ansatz, um Zeit zu gewinnen, liegt in der Verlagerung der Diagnostik näher an die Patientinnen und Patienten. „Mobile Stroke Units ermöglichen eine deutlich frühere Diagnostik im Behandlungspfad und erlauben einen sofortigen Behandlungsbeginn“, so Scheuering. Dadurch könne die Zeit bis zur Therapie erheblich verkürzt werden. 
 

Neben der Bildgebung tragen auch digitale Lösungen zur Beschleunigung der Abläufe bei. „Digitale Lösungen und Vernetzung sind zentrale Bausteine für eine schnelle und koordinierte Schlaganfallversorgung“, bekräftigt Scheuering. Bilddaten, Befunde und Analysen können heute standortübergreifend geteilt werden und ermöglichen eine eng abgestimmte Zusammenarbeit aller Beteiligten. 

Gemeinsam für bessere Versorgung 
 

Die Beispiele aus dem Netzwerk zeigen, wie unterschiedlich die Ansätze zur Verbesserung der Schlaganfallversorgung sein können – und wie sehr sie voneinander profitieren. Während klinische Partner neue Behandlungsprozesse entwickeln und evaluieren, schaffen technologische Innovationen die Voraussetzungen für schnellere und präzisere Entscheidungen. 

Gerade in einem so zeitkritischen Bereich wie der Schlaganfallmedizin wird deutlich, wie wichtig dieses Zusammenwirken ist. Im Partnernetzwerk Gesundheit von Bayern Innovativ bündeln sich genau diese Kompetenzen. Hier arbeiten Partner aus unterschiedlichen Bereichen gemeinsam daran, die Versorgung weiter zu verbessern – mit dem klaren Ziel, mehr Leben zu retten und die Lebensqualität der Betroffenen nachhaltig zu erhöhen.