Wie sieht die Akzeptanz aufseiten der Ärzteschaft aus? Und wie hoch ist das Vertrauen aufseiten der zu behandelnden Personen? Gibt es ethische Bedenken oder wird aktiv nach Eingriffen mit Robotern gefragt?
Professor Wilhelm: Die Einführung der neuen Technologie wird in Deutschland vor allem von den Ärzten und Ärztinnen begleitet, die etablierte Methoden anwenden, die Erfahrung mit Eingriffen haben und die verlangen, dass Studien durchgeführt werden. Im Bereich der Robotik ist die Akzeptanz aufseiten der Ärzteschaft jedoch sehr hoch. Vor allem bei jüngeren Ärzten bzw. Ärztinnen und denjenigen, die versuchen, die Grenzen der minimal-invasiven Chirurgie zu erreichen. Aufseiten der Patienten ist das Vertrauen sehr hoch. Dass Patienten aktiv nach robotischen Eingriffen fragen, kommt aktuell jedoch noch nicht häufig vor. Ich glaube, dass wir überhaupt keine ethischen Bedenken haben müssen, da diese Systeme nicht autonom arbeiten. Die Chirurginnen und Chirurgen, die diese Systeme benutzen, sind entsprechend ausgebildet und es gibt viele Sicherheitsvorkehrungen. Der Patient ist weiterhin voll in den Händen des Chirurgen.
Sie sind Leiter der Forschungsgruppe MITI. Für was steht diese Abkürzung und was ist genau der Forschungsgegenstand dieser Gruppe?
Professor Wilhelm: MITI steht für Minimal-invasive Interdisziplinäre Therapeutische Intervention und ist eine Arbeitsgruppe, die seit über 20 Jahren aktiv ist. Unser Wunsch war, Eingriffe schonender und damit weniger belastend für die Patienten zu machen. Menschen aus verschiedenen medizinischen Disziplinen und den Ingenieurwissenschaften arbeiten zusammen, um die medizinische Versorgung weiter zu entwickeln. Wir suchen medizinische Probleme, die das Gesundheitswesen aktuell betreffen und versuchen dafür Technologien zu modifizieren, zu adaptieren und zu entwickeln. Neben der operativen Versorgung gibt es derzeit das große Feld des Pflegemangels. Um sicherzustellen, dass in Zukunft auch noch Patienten vollumfänglich versorgt werden können, bearbeiten wir derzeit in mehreren Projekten robotische Ansätze, um Pflege vor allem im Operationssaal, langfristig aber auch auf Stationen und im Versorgungsbereich zu unterstützen oder notfalls zu ersetzen. Wir haben zudem Systeme entwickelt, um infektiöse Patienten sicher telerobotisch zu behandeln.
Wie sieht Ihrer Vorstellung nach der OP der Zukunft aus?
Professor Wilhelm: Ich sehe das losgelöst von der Technologie. Wenn ich mich als Patient sehe, dann wäre mein Wunsch für eine Operation der Zukunft, dass ich eigentlich gar keine Operation wahrnehme. Das heißt, dass das Problem, das ich habe, gelöst wird und ich am Abend der Behandlung ohne Schmerzen, ohne Narben und ohne dass ich tatsächlich eine gefühlte Operation erfahren habe, nach Hause gehe. Solche Visionen sind wichtig, um die Technologien oder die Ansätze, die wir derzeit zur Verfügung haben, weiterzuentwickeln. Um Wunden am Patienten zu vermeiden und ganz gezielt in Körperbereichen ohne großes Trauma zu agieren, ist Robotik ein ganz wichtiges Werkzeug, denn Hände können hierbei durch etwas Vergleichbares, aber viel Kleineres ersetzt werden und auch ferngesteuerte Systeme sind für die Zukunft denkbar. Dies wird noch lange dauern, aber wir müssen in dieser Richtung arbeiten, wobei neben der Robotik künstliche Intelligenz und andere Ansätze, die uns moderne Technologien bieten, auch wichtig sind.
Das Interview führte Dr. Petra Blumenroth, Projektmanagerin Technologie I Frugale Innovation bei der Bayern Innovativ GmbH.
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