Gibt es noch andere Punkte, woran es liegt, dass das Thema ökologische Nachhaltigkeit in der Gesundheitsbranche in Deutschland bisher eine eher untergeordnete Rolle spielt?
Stefanie Brauer: Es gibt kaum gesetzliche Vorgaben oder einheitliche Standards, die ein ökologischeres Handeln einfordern. Zudem haben wir schon immer eine sehr hohe Forderung nach Qualität und viel Regulatorik in der Medizintechnikbranche, die für die Patientensicherheit notwendig ist. Der Gesundheitsmarkt ist außerdem durch den gemeinsamen Bundesausschuss und den Krankenkassen ein geschlossener Markt, denn es wird über den Leistungsanspruch und die Vergütung von Behandlungen und Prozeduren entschieden und diese dann erstattet. Man könnte sich also fragen, ob an dieser Vergütung sich was ändern muss und die Behandlung mit nachhaltigeren Medizinprodukten mit einem finanziellen Anreiz versehen werden sollte.
Was kann noch getan werden, damit herstellende Unternehmen und Anwendende wie Kliniken sich dem Thema Umweltschutz mehr annähern?
Stefanie Brauer: Durch ein Umdenken sollte Nachhaltigkeit als Chance für bessere Produkte und für einen Vorteil im Markt gesehen werden. Kooperation zwischen den Anwendenden und den herstellenden Firmen müssen gestärkt werden, um gemeinsam die Herausforderungen lösen zu können. Zudem muss das Angebot an nachhaltigen Alternativen steigen und eine klare Kennzeichnung ist notwendig, wie der Blaue Engel oder verschiedene Biosiegel, die man aus dem Konsumgütermarkt kennt. Weiteren Bedarf gibt es für Innovationen, beispielsweise für nachhaltigere Materialien, an die hohe Anforderungen bezüglich der Funktion und Hygiene gestellt werden, die aber auch die Regulatorik beachten. Darüber hinaus muss der Preis wettbewerbsfähig sein und kein Ausschlussgrund darstellen, um mehr Nachhaltigkeit in der Gesundheitsbranche zu verankern.
Gibt es dazu Beispiele?
Stefanie Brauer: Verschiedene Kliniken schneiden beispielsweise innerhalb des Wirtschaftlichkeitsgebotes die Ausschreibung so spezifisch zu, dass sie ein nachhaltiges Produkt kaufen können. Es gibt aber auch Unternehmen, die sich auf die Wiederaufbereitung von Medizinprodukten oder auf die Gestaltung des Designs zur Unterscheidung von Mehr- und Einweg zur Wiederaufbereitung spezialisiert haben. Der Vorteil einer externen Wiederaufbereitung liegt hierbei für die Kliniken in der Lösung der Haftungsfrage.
Wie können die Zusammenarbeit und Vernetzung von Anbietenden und Anwendenden durch Bayern Innovativ gestärkt werden?
Stefanie Brauer: Die Nachhaltigkeit muss auf verschiedene Themenfelder und Beteiligte runtergebrochen werden, um in die Umsetzung zu kommen. Hierbei, aber auch bei der Umsetzung können wir unterstützen. Das Forum MedTech Pharma fungiert als Kontakt für das Thema Nachhaltigkeit, fördert den Austausch zwischen Akteursgruppen im Gesundheitsbereich und bietet Weiterbildung und Beratung an. Wir bringen die Bedarfe der Branche zusammen und führen Interessierte an politische Entscheidende heran. Auf der Plattform Medtec Online können beispielsweise alle Interessierten der Branche in der Gruppe Nachhaltigkeit diskutieren, um die Transformation weiter voranzubringen.
Außerdem können unsere Spezialisierungsfelder Material und Digitalisierung auch als Enabler bei dem Thema Nachhaltigkeit unterstützen und das Enterprise Europe Network bietet für kleine und mittlere Unternehmen ein kostenfreies Nachhaltigkeitsassessment an, anhand dessen Unternehmen Handlungsbedarfe erkennen können.
Das Interview führte Dr. Petra Blumenroth, Projektmanagerin Technologie I Frugale Innovation bei der Bayern Innovativ GmbH.
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