Interview: Kreislaufwirtschaft in der Medizintechnik

Was ist zu tun? – Gemeinsam Kreislaufwirtschaft im Gesundheitswesen gestalten

13.11.2023

In der Gesundheitsbranche wird durch den großen Anteil von verwendeten Einwegprodukten sehr viel Müll erzeugt. Allein in Deutschland trägt der Gesundheitssektor mit 5,2 Prozent zu den deutschen CO2 Emissionen bei. Um den Kohlendioxidausstoß zu minimieren, nachhaltig mit Rohstoffen umzugehen und somit die Umwelt zu schützen, gibt es in vielen Branchen das Konzept der Circular Economy.

Titel Kreislaufwirtschaft in der Medizintechnik

Welchen Beitrag die Kreislaufwirtschaft im Gesundheitswesen zur Umweltschonung leisten kann, und ob dies trotz der zahlreichen Vorschriften im Gesundheitswesen überhaupt realisierbar ist, können Sie in dem folgenden Interview erfahren. Dazu haben wir Dr. Eva Schichl vom Umwelttechnologie-Cluster Bayern und Stefanie Brauer von Bayern Innovativ aus dem Bereich Gesundheit befragt, die gemeinsam am Cross-Cluster-Projekt MeDiCircle arbeiten.

Ihr führt gerade ein Projekt zum Thema Kreislaufwirtschaft in der Medizintechnik durch. Eva, könntest du erklären, was Kreislaufwirtschaft konkret bedeutet?

Dr. Eva Schichl: Unser Wirtschaftssystem folgt aktuell eher einer sehr linearen Logik, das heißt: Wir gewinnen Rohstoffe aus der Natur, stellen Produkte her, nutzen die Produkte manchmal für einen sehr kurzen Zeitraum und entsorgen sie dann auch schon wieder. In einer Circular Economy ist das Ziel, dass Rohstoffe dauerhaft im Kreislauf geführt werden können, d. h., dass kaum mehr Rohstoffe aus der Natur entnommen werden müssen und diese dann in Kreisläufen immer und immer wieder verwendet werden können. Das bedeutet aber nicht nur Recycling am Lebensende eines Produkts, was wir in Deutschland allgemein als Kreislaufwirtschaft verstehen, sondern es ist schon viel früher anzusetzen. Dazu wurden die 10 R-Strategien aus den berühmten 3 Rs - Reduce, Reuse, Recycle - entwickelt, die dabei helfen sollen, Produkte insgesamt kreislauffähiger zu machen.

In der ersten Gruppe der R-Strategien geht es darum, Produkte überhaupt kreislauffähig zu gestalten, d. h. die Verwendung von Produkten und ihre Herstellung smarter zu machen und schon in der Gestaltungsphase komplett zu überdenken. Das hat Einfluss zum Beispiel auf die Materialwahl, auf die Art der Verbindung von Materialien und das Komponenten wieder trennbar miteinander verbunden werden.

Die nächste Gruppe der R-Strategien kümmert sich um die Steigerung der Lebensdauer und die Bestandteile eines Produkts. Das geht von der Wiederverwendung des Produkts - ganz klassisch im Sinne von Secondhand - bis hin zur Wiederverwendung einzelner Bestandteile alter Produkte, um neue Produkte herzustellen.

Am Schluss stehen die Strategien, die es braucht, um Kreisläufe vollständig zu schließen, aber die zum größten Wertverlust in Produkten und Materialien führen. Das ist das Recycling und das Recovery, also die Rückgewinnung von Energie aus der Verbrennung.

Stefanie, kannst du uns erläutern, was das konkret für Gesundheitsbranche bedeutet?

Stefanie Brauer: In Kliniken und Arztpraxen werden eine ganze Menge Einwegprodukte genutzt. Das sind beispielweise Einweghandschuhe oder Masken, aber auch Einwegpinzetten oder sogar Einwegendoskope werden verwendet. Die Produkte werden alle aus sehr hochwertigen Materialien hergestellt, häufig nur sehr kurz benutzt und landen oft im Abfall und von dort in der Verbrennung. Die hochwertigen Materialien sind in den meisten Fällen damit verloren. Es stellt sich die Frage, woran das liegt?

Zwei ganz große Themen sind Hygiene und Regulatorik.

Hierzu ein Beispiel: Wenn man im Krankenhaus ist und die Ärztin untersucht einen mit einem Metallspatel aufgrund von Halsschmerzen, drückt sie mit diesem die Zunge runter, damit sie die Mandeln sehen kann. Gehen wir davon aus, dieser Metallspatel ist ein Mehrwegprodukt, der, nachdem er wenige Sekunden verwendet wurde, wieder in die Aufbereitung kommt. Diese Aufbereitung ist eine Reinigung, in der Regel eine Autoklavierung mit anschließender Verpackung des Spatel. Der Prozess ist recht aufwendig, personalintensiv und muss sehr detailliert dokumentiert werden. Zum Mittagessen gibt es dann Suppe, die mit einem Löffel ans Krankenhausbett gebracht wird. Der Löffel berührt genauso wie vorher der Spatel auch den Mund und die Zunge. Das Geschirr kommt aber im Gegensatz zum Spatel in die Kantinen-Spülmaschine und wird für den nächsten Einsatz so gesäubert.

An diesem Beispiel sieht man, dass wir einen Unterschied machen zwischen dem “wie” Dinge verwendet werden und dem “was” wir verwenden.

Es ist dringend nötig, dass sich der Verkauf von Produkten hin zum Verkauf von Dienstleistungen wandelt, denn in der Circular Economy ist dieses lineare Geschäftsmodell nur noch schwer umsetzbar.

Dr. Eva SchichlReferentin Projekte Circular Economy, Trägerverein Umwelttechnologie-Cluster Bayern e.V.

Was waren eure ersten Schritte im Projekt? Wie seid ihr vorgegangen?

Dr. Eva Schichl: Zuerst haben wir uns, als das Projekt im Januar gestartet wurde, einen Überblick über schon bestehende Ansätze in der MedTech-Branche sowie die regulatorischen Rahmenbedingungen verschafft. Die Rahmenbedingungen sind sehr komplex, denn es kommen nicht nur die hohen Anforderungen aus der MedTech-Branche zusammen, sondern auch weitere aus dem Kreislaufwirtschaftsgesetz, aus EU-Verordnungen, aus der Gewerbe-Abfall-Verordnung und so weiter. Zusätzlich ist Entsorgung kommunale Sache und somit regional unterschiedlich geregelt. Entlang des Produktlebenszyklus von Medizinprodukten haben wir die Komplexität dieses Prozesses visuell dargestellt und eine raumhohe Tapete für unsere erste Veranstaltung geplottet, mit der wir dann Ansatzpunkte für zirkuläre Veränderungen finden konnten.

Für unsere Veranstaltung haben wir die Expertinnen und Experten aus Herstellung, Versorgung und Entsorgung zu Roundtables eingeladen. Hier kamen vor allem Medizintechnikproduktehersteller, im Bereich der Versorgung, Krankenhäuser oder Organisationen, die Krankenhäuser vertreten, so wie Medizinprodukteentsorger und Entsorger für Krankenhausabfälle zusammen. Anhand des geplotteten Prozesses haben wir mit diesen Fachleuten den Lebenszyklus verifiziert und Ansätze für Kreisläufe herausgearbeitet.

Anschließend haben wir dann die Beispiele der Teilnehmenden genutzt und ganz konkrete Herausforderungen weiterbearbeitet und spezifische Ideen zur Schließung von Kreisläufen erarbeitet.

Stefanie Brauer: Wir haben aber nicht nur mit den Expertinnen und Experten zusammengearbeitet, sondern auch mit der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) als wissenschaftlicher Partner. Mit einer Masterstudentin der FAU haben wir eine Befragung erstellt, um die Herausforderungen für eine funktionierende Circular Economy aufseiten der Hersteller, Anwender und Entsorger zu identifizieren. Wir möchten die Ergebnisse der Befragung und die Erkenntnisse aus den Roundtablen in einer Studie mit daraus abgeleiteten Handlungsempfehlungen veröffentlichen. Darüber hinaus beabsichtigen wir weiterhin einen Rahmen für diesen fruchtbaren Dialog zwischen den verschiedenen Akteursgruppen zu bieten, um sich weiterhin zu dem Thema auszutauschen.

Wo seht ihr denn die größten Herausforderungen, diese Handlungsempfehlungen dann in die Tat umzusetzen?

Stefanie Brauer: Da die Befragung noch nicht vollständig ausgewertet ist, kann ich zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich nur auf die Punkte eingehen, die wir in den Gesprächen in den Roundtablen identifiziert haben. Ein ganz großer Aspekt war hier das Thema Hygiene. Krankenhäuser und Arztpraxen stehen vor der großen Frage, wer die Haftung trägt, wenn es um Einweg- und Mehrwegprodukte geht. Gesetzlich ist festgelegt, dass der, der herstellt oder aufbereitet haftet. So wird eine Klinik oder Praxis, wenn sie aufbereitet, praktisch zum Hersteller und haftet voll für das nicht mehr neue Produkt. Kliniken müssen entscheiden, ob sie die Verantwortung übernehmen wollen. Unter anderem werden auch aus diesem Grund immer mehr Aufbereitungszentrum bei den Kliniken geschlossen bzw. verkleinert.

Dr. Eva Schichl: Aus der Perspektive der Medizintechnikhersteller besteht wahrscheinlich eine der größten Herausforderungen darin, Geschäftsmodelle zu transformieren. Die meisten Geschäftsmodelle bauen auf dem linearen Prinzip auf Artikel zu produzieren und diese in großen Stückzahlen gewinnbringend zu verkaufen. Es ist dringend nötig, dass sich der Verkauf von Produkten hin zum Verkauf von Dienstleistungen wandelt, denn in der Circular Economy ist dieses lineare Geschäftsmodell nur noch schwer umsetzbar. Durch den Verkauf der Nutzung an einem Produkt hat das Unternehmen einen ganz anderen Blick auf seine Erzeugnisse und möchte diese möglichst lange für viele Kunden nutzbar machen. Die Produkte werden dadurch langlebiger, leichter reparierbar und aufbereitbar.

Das stellt aber die ganze Branche vor große Herausforderungen, denn es erfordert die Anpassung des ganzen Systems. Beispielsweise haben dann Kliniken ganz andere Liquiditätsflüsse, was wiederum eine notwendige Anpassung der Abrechnungsmodalitäten der Krankenkassen nach sich zieht. Genau deswegen möchten wir im Projekt möglichst alle Stakeholder dieser Branche an einen Tisch bekommen, um diese komplexe Transformation systemisch und in Abstimmung mit allen Beteiligten angehen zu können.

Entscheidend für zirkuläre Transformation ist das Anfangen und das Weitergehen in kleinen Schritten, trotz der vielen großen Herausforderungen.

Stefanie BrauerProjektmanagerin, Bereich Gesundheit, Bayern Innovativ GmbH

Gibt es bereits Beispiele erfolgreicher Ansätze für zirkuläre Medizinprodukte?

Stefanie Brauer: Die ersten Ansätze der 10 R-Strategien gibt es sowohl bei den Herstellern, Anwendern und auch bei den Entsorgern. Bei Anwendern zum Beispiel gab es schon immer die klassischen Mehrwegprodukte, die schon immer Teil einer Circular Economy waren. Obwohl die Nutzung zurückgeht, können wir uns wieder mehr darauf konzentrieren, Produkte mehrfach zu verwenden.

Die Firma Röchling ein Kunststoffverarbeiter, zum Beispiel, hat durch das Redesign eines Trokars eine Veränderung innerhalb ihrer Produktpalette geschaffen. Die Anzahl der verwendeten Materialien und Bauteile wurde verringert sowie die bisher verwendeten Kunststoffe auf biobasierte Kunststoffe umgestellt. Das erleichtert das Recycling und Rohstoffe werden nicht mehr unnötig beansprucht.

Das Reparieren vor allem bei hochpreisigen Produkten ist durchaus üblich. Das übernimmt nicht nur eine Serviceabteilung des Herstellers, die die Wartung und ähnliches durchführt, sondern es gibt auch ganz speziell darauf ausgerichtete Unternehmen. Die Firma Mides aus Österreich beispielsweise hat sich unter anderem auf das Reparieren von Ultraschallsonden spezialisiert. Während des Reparaturprozesses stellt die Firma dem Klinikum auch noch ein Ersatzprodukt zur Verfügung, sodass fast durchgängig mit dem Gerät gearbeitet werden kann.

Noch ein Beispiel aus dem Remanufacturing. Die Medical Device Regulation (MDR), stellt den Mitgliedsstaaten der EU frei, ob sie die Wiederaufbereitung von Einwegprodukten in den jeweiligen Ländern erlauben, was Deutschland gestattet. Auf dieser Grundlage kann die Firma Vanguard aus Berlin schon seit vielen Jahren beispielsweise Herzkatheter wiederaufbereiten. Diese sind normalerweise klassische Einwegprodukte, doch durch die Wiederaufbereitung verlängert sich die Lebensdauer um das Zwei- bis Dreifache und ein aufbereiteter Herzkatheter bringt zudem einen finanziellen Vorteil, da dieser günstiger als ein neuer ist.

Dr. Eva Schichl: Einige Medizinprodukte sind nur als Einwegvariante verfügbar. Hier müssen Möglichkeiten gefunden werden, wie diese zumindest recycelt werden können. Das ist aktuell nicht garantiert, denn Elektrogeräte landen häufig im klassischen Klinikmüll und werden somit verbrannt, anstatt als Elektroschrott recycelt zu werden. Im Allgemeinen scheitert es oft am fehlenden Digitalisierungsgrad der Abfall- und Recycling-Branche, die für die notwendige Transparenz und Messbarkeit sorgt.

Es gibt gute Beispiele und neue Start-ups, wie z.B. Resourcify aus Hamburg, die erste Pilotprojekte initiiert haben, um einzelne elektronische Medizinprodukte aus dem Abfallstrom der Kliniken heraus zu sortieren, damit diese dann recycelt werden können. Technisch ist das machbar, jedoch bedarf es aufgrund der Regulatorik Sondergenehmigungen der Kommunen, die aktuell nicht erteilt werden.

Zirkuläre Transformation braucht auf allen Ebenen Mut und Veränderungswillen, denn die Herausforderungen sind so individuell und vielfältig wie Produktkategorien.

Was muss getan werden, um eine erfolgreiche und funktionierende Kreislaufwirtschaft schlussendlich zu etablieren?

Stefanie Brauer: Man sieht, dass auch auf Bestreben Einzelner etwas bewegt werden kann. Entscheidend allerdings ist das Anfangen und das Weitergehen in kleinen Schritten, trotz der vielen großen Herausforderungen.

Dr. Eva Schichl: Es ist jedoch nicht nur Aufgabe Einzelner, sondern des gesamten Netzwerks. Die Komplexität macht klar, dass es notwendig ist zu kooperieren und hier systemisch heranzugehen. Unsere Aufgabe ist es, die Akteure zusammenzubringen und ihnen Tools an die Hand zu geben, Ideen und Best Practices, aber auch konkrete Methoden vorzustellen, wie man innerhalb eines Unternehmens an Ideen arbeiten und neue Lösungen in dem Bereich entwickeln kann.

Stefanie Brauer: Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Thema Digitalisierung. Gerade wenn man innerhalb der Branche oder sogar branchenübergreifend zusammenarbeiten will, sollte man bereit sein, Daten zu teilen, denn es bedarf, in vielen Fällen voraussichtlich Branchenlösungen. Und auch digitale Produktpässe sind beispielsweise hilfreich, wenn eine Klinik sich in Richtung Nachhaltigkeit aufstellt und Informationen für die Entscheidung benötigt, welches Produkt für sie besser und nachhaltiger ist. Auf der anderen Seite wird es für Hersteller klarer, welche Maßnahmen effektiv sind, um bessere Entscheidungen zu treffen und ihren Marktvorteil zu steigern. Sie können dann sagen, dass sie erfolgreich Veränderungen umgesetzt haben, die sich auszahlen.

Das Interview führte Dr. Petra Blumenroth, Projektmanagerin Technologie I Frugale Innovation bei der Bayern Innovativ GmbH.

Wichtig ist die Vernetzung, das Heben von Synergieeffekten und der Erfahrungsaustausch. Jeden ersten Freitag im Monat wird in der Eventreihe der Allianz für nachhaltige Medizintechnik anhand von Best Practices und thematischen Inputs diskutiert.

>> Weitere Informationen

Hören Sie sich das vollständige Interview als Podcast an:

Länge der Audiodatei: 00:19:20 (hh:mm:ss)

Länge der Audiodatei: 00:19:20 (hh:mm::ss)

Kreislaufwirtschaft in der Medizintechnik - ist das machbar? (06.11.2023)

In Deutschland ist die Gesundheitsbranche mittlerweile für einen Anteil von 5,2% der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich. Dies unterstreicht die wachsende Bedeutung von Konzepten wie Kreislaufwirtschaft, Nachhaltigkeit und Recycling, die im Gesundheitssektor ebenfalls immer mehr an Bedeutung gewinnen.

Welchen Beitrag die Kreislaufwirtschaft zur Umweltschonung leisten kann und ob dies trotz der zahlreichen Vorschriften im Gesundheitswesen überhaupt realisierbar ist, darüber spricht Dr. Petra Blumenroth mit Eva Schichl vom Trägerverein Umwelttechnologie-Cluster Bayern e.V. und mit Stefanie Brauer, die bei Bayern Innovativ im Bereich Gesundheit sich für das Thema Nachhaltigkeit engagiert.

Ihr Kontakt

Stefanie Brauer

Moderation

Dr. Petra Blumenroth

Ihr Kontakt

Porträt von Stefanie Brauer Bayern Innovativ GmbH,
Stefanie Brauer
+49 911 20671-337
Innovationsnetzwerk Gesundheit, Projektmanagerin, Bayern Innovativ GmbH, Nürnberg