Wie attraktiv sind diese Möglichkeiten für Unternehmen, die ihr Geschäftsmodell anpassen müssen oder am autonomen Fahren interessiert sind?
Nicolai Harnisch: Worüber wir vielleicht noch nicht so viel gesprochen haben, ist, was genau dieses Level vier bedeutet. Zum einen ist damit gemeint, dass ich in einem festgelegten Betriebsgebiet tätig bin. Der zweite Aspekt, der hier zum Tragen kommt, ist die Frage der technischen Aufsicht. Das heißt, ich kann einen Level-vier-Service nur betreiben, wenn ich gleichzeitig so etwas wie einen Leitstand installiert habe, der jederzeit Zugriff auf die Fahrzeuge hat bzw. die Steuerung übernehmen kann, wenn ein Fahrzeug nicht mehr weiterweiß. Was ich damit sagen will, ist, dass in diesem Bereich ganz neue Ökosysteme entstehen, weil es zum Beispiel noch nicht endgültig definiert ist, wie sieht so ein Arbeitsplatz dieser technischen Aufsicht aus? Wie sieht eine Busstation der Zukunft aus? Wie funktioniert das Lademanagement? Wie funktioniert die Interaktion mit dem Nutzer? Also, da ist noch vieles offen.
Markus, hast Du Tipps für Unternehmen, die sagen, das Thema interessiert mich?
Marcus Zwick: Das Feld ist so groß, wenn wir in die Zukunft schauen. Es ist schon die Rede davon, dass in einer sehr fernen Zukunft die Fahrzeuge eine eigene Identität haben und sich selbst organisieren. Das wird noch sehr, sehr lange dauern. Bis dahin gibt es in der Tat viele Geschäftsmöglichkeiten, die sich einfach aus der Notwendigkeit der Automatisierung ergeben. Das fängt an bei den notwendigen Kartendienstleistungen, also der Erstellung von hochauflösenden Karten, die dann der Automatisierungstechnik zur Verfügung gestellt werden. Dann haben wir die ganze Telekommunikationsseite. Dann haben wir das, was Nicolai angesprochen hat, diese Flottenmanagementebene. Jedes Fahrzeug oder jede Flotte muss entsprechend koordiniert und kontrolliert werden und da wird der Mensch noch eine ganze Weile nicht rausgebracht werden. Der Service an den Fahrzeugen muss auch gemacht werden. Das heißt, diese Automatisierung, die führt nicht unbedingt zu weniger Menschen im Mobilitätskreislauf.
Ich glaube, dass durch die Automatisierungstechnik wesentlich bessere und flexiblere Transportleistungen und auch bezahlbare Transportleistungen realisiert werden können. Nichtsdestotrotz, auch wenn wir hier von Automatisierung sprechen, braucht es eine sehr große, ich sage mal, menschliche Unterstützung, damit dieses System überhaupt funktioniert. Und der Mensch, der ja auch im Fahrzeug sitzt, der will auch entsprechend beschäftigt werden, weil er sich vielleicht langweilt. Das heißt, dieses ganze Marketing und sonstige Anbindungstechnik, das wird jetzt noch viel mehr Einzug halten in den Transport. Und es gibt Bereiche, von denen ich selbst noch gar nicht weiß, was da alles gemacht werden kann. Das Thema künstliche Intelligenz kommt da jetzt auch noch viel stärker rein. Eine unfassbare Bewegung, was da passiert!
Wann wird autonomes Fahren zur Norm?
Nicolai Harnisch: Also, um noch einmal auf die Levels zurückzukommen: Vieles von dem, was wir jetzt unter Level zwei, Level drei, teilweise auch Level vier diskutiert haben, gibt es schon. Was im Moment „out of scope“ ist, worüber, ehrlich gesagt, niemand ernsthaft redet, das ist Level fünf, also die Vorstellung, ich steige morgen ins Auto und fahre, wohin ich will, zum Gardasee oder nach Neapel. Das ist aktuell out of scope, weil wir immer von diesem bestimmten Betriebsgebieten sprechen. Wann das sozusagen skaliert, da sind wir, denke ich, nicht so weit weg. Ich glaube, wir sprechen über einen Zeitraum von zwei bis fünf Jahren, bis wir Level-vier-Services in größerem Umfang sehen.
Marcus Zwick: Ich hätte es genau so formuliert. Level fünf fahren, das dauert noch ein bisschen. Das beschriebene Level vier, es gibt eine Zulassung und gefahren wird nur in einem bestimmten bekannten Gebiet unter bestimmten Bedingungen, das kann sehr schnell gehen. Ich würde behaupten, das geht auch jetzt schon, ist aber langweilig, um das etwas zu provozieren, weil dann wirst du langsam fahren, und dann sind wir wieder anfangs bei dem, was der Nicolai gesagt hat: Es muss auch ein entsprechender Service dargestellt werden. Und das heißt beim automatisierten Fahren vor allem auch Geschwindigkeit. In diesen kleineren, begrenzten Bereichen muss ich auch nicht mit 70 oder 100 Stundenkilometern fahren, da reicht eine Geschwindigkeit von 30 bis 50 Kilometer pro Stunde. Dann bin ich schon mehr als doppelt so schnell wie die Durchschnittsgeschwindigkeit, die in einer normalen deutschen Großstadt herrscht. Das heißt, ich glaube, technisch haben wir das schon im Griff. Aber wie gesagt, wir sind noch in der Beweisführung, dass das auch immer zu 100 Prozent funktioniert.
Nicolai Harnisch: Wenn ich ergänzen darf, weil das jetzt so klingt, dass der Level-fünf-Traum unerreichbar ist. Ich glaube, dass vieles von dem, was wir am Anfang diskutiert haben, also diese positiven Effekte, die das Ganze haben wird, auf die Integration neuer Nutzergruppen, auch ein günstigeres Preisangebot machen zu können oder die Wirtschaftlichkeit auch im ÖPNV zu gewährleisten, das können wir alles mit Level vier erreichen. Wir müssen den Übergang von diesem Pilotbetrieb in den Regelbetrieb finden. Eine gewisse
Industrialisierung, die dann auch mit den Fahrzeugen einhergehen muss, um auch die Preisspanne oder den Preisdruck senken zu können. Aber viele positive Effekte werden wir dann schon mit Level vier abrufen können. Dafür brauchen wir Level fünf nicht.
Das Interview führte Dr. Tanja Jovanović, Leitung Marketing und Innovationsmanagement, Mitglied der Geschäftsleitung bei der Bayern Innovativ GmbH.
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