Zukunft Kernfusion
Liebe Kernfusion, legen wir die Karten auf den Tisch.
02.04.2026
Spielen wir eine Runde Karten. Das Fusions-Deck wurde lange gemischt. Die Blätter sind verteilt. An Start-ups, Forschung, Kapitalgeber, Politik. Und der Einsatz ist hoch. Sehr hoch. Milliarden liegen auf dem Tisch, weitere werden wohl noch folgen. Jahrzehnte der Forschung sind als „Small Blind“ gesetzt und jetzt beginnt das eigentliche Spiel. Doch Fusion ist kein klassisches Poker. Erst recht kein Glücksspiel, in dem sich alle Spieler ausstechen. Am Tisch sitzen auch Partner, die Ihre Karten offenlegen. Strategen, die wissen: Gemeinsam steigen die Chancen, am Ende das beste Blatt und gar den Royal Flush einer neuen Energieindustrie zu legen. Doch welche Asse hat die Branche bereits in der Hand? Welche Karten braucht es noch? Ein ehrlicher Blick auf die Spielrunde.
Die SPIELREGELN
Lange Zeit wurde gerätselt: Ist die Physik dahinter der Jackpot oder gar ein Bluff? Fusion galt schon lange als interessantes Blatt, aber entscheidende Karten fehlten. Doch viele von diesen wurden in den letzten Jahren aufgedeckt. „Es geht nicht mehr darum, ob die Plasmaphysik funktioniert. Denn inzwischen wissen wir, dass sie funktioniert. Sowohl die Laserfusion als auch die magnetische Fusion haben in den letzten zehn Jahren beeindruckende Demonstrationen geliefert“, sagte uns die Fusions-Expertin Alison Christopherson kürzlich auf der FusionX:Global in München.
Die Spielregeln der Fusion haben sich also verändert. Denn wo früher die große Frage lautete, ob die Physik trägt, dominiert nun eine Industrie-Logik: Wer kann schneller skalieren, günstiger bauen, klüger finanzieren? Das zeigt sich auch in Gesprächen der Investoren. Es geht um Lieferketten und Skalierung, nicht mehr um die Theorie. Die Fragestellungen gehen von der Forschung in die Praxis über.
Das SPIELRISIKO
Dieser Wandel wirkt sich auch auf das Risiko für die Spieler aus. Interessante Gedanken dazu liefert der Investor Paul Murphy, nachdem er an der FusionX:Global in München teilgenommen hatte. Er berichtet: Sein früheres mentales Modell zur Fusion sei falsch gewesen. Er habe diese für ein klassisches Physikproblem gehalten und danach folge eben der Rest. Doch dieser “Rest” ist schon jetzt der „harte Brocken“, den es zu lösen gilt. Also Themen wie Fabriken, Maschinen, Materialketten, Fertigung, Wiederhol- und Skalierbarkeit.
Mit dieser Betrachtung ändert sich auch die Risikokomponente. Ein physikalisches Risiko ist aus Kapitalsicht schwer abzuschätzen. Ein Engineering-Risiko hingegen lässt sich schrittweise reduzieren. Etwa durch Prototypen, Tests und industrielle Lernkurven. Jeder gebaute Demonstrator liefert Daten, senkt Unsicherheiten und macht den nächsten Schritt planbarer, schneller und oft auch günstiger. Und erfordert natürlich Kapital. Viel Kapital. Die nächste wichtige Karte der Fusion.
Der SPIELEINSATZ
Wie schnell treiben die Spieler den Einsatz weiter in die Höhe? Die Blinds sind derzeit schon gut gesetzt, denn das Invest-Momentum in die Fusion ist stärker denn je. Allein im privaten Sektor wurden laut der FusionX global bisher über 13,8 Milliarden Euro investiert, der Großteil davon in den letzten fünf Jahren. Dennoch wird fehlendes Kapital als größter Flaschenhals der Branche betitelt.
Denn der Weg zum kommerziellen Kraftwerk frisst Zeit, Anlagen, Infrastruktur, Spezialkomponenten, Teams und Durchhaltevermögen und damit enorme Mengen an Geld. Doch das Kapital ist nicht nur ein Möglichmacher, sondern Treibstoff: Unternehmen müssen durch Venture Capital den Fortschritt takten, Leistung erbringen und Meilensteine definieren, um weiteres Kapital zu erhalten. Also: Die eigenen Karten offenlegen.
Paul Murphy wägt dennoch ab: Kapital ist notwendig, aber nicht hinreichend. Viel Geld allein baut kein Kraftwerk. Es braucht die richtige Kombination aus Technologieansatz, Team, industriellem Pfad und operativer Exzellenz. Kapital kaufe daher Zeit, aber keinen Erfolg. Dieser entsteht durch das Zusammenspiel von vielen Faktoren. In die Höhe getrieben werden die Einsätze durch weitere Karten auf dem Tisch. Karten, wie den Meilensteinen.
Der GAMECHANGER
„Wir erleben gerade eine Parallelität von Meilensteinen für die Entwicklung der Fusionsindustrie“, erklärte auch Tobias Gotthardt, Staatssekretär im Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie. 2022 wurde ein entscheidender wissenschaftlicher Durchbruch erreicht. In den USA (NIF) gelang es erstmals, mehr Energie aus einer Fusionsreaktion zu gewinnen, als im Brennstoff selbst steckte. Parallel zeigte Wendelstein 7-X in Deutschland, dass Plasma stabil und kontinuierlich betrieben werden kann. Zwei Ergebnisse, zwei Antworten: Fusion funktioniert. Fusion lässt sich kontrollieren.
Die Wissenschaft hat geliefert. Und mit ihren Meilensteinen kam auch das Kapital. Und nun, 2026, setzte Bayern ein großes Ausrufezeichen: Der Freistaat kooperiert mit Proxima Fusion, dem Max-Planck-Institut für Plasmaphysik und RWE, um einen Demonstrator sowie ein Kraftwerk in den 2030er-Jahren zu realisieren. Auch hier fließen Hunderte Million, festgehalten in einem Memorandum of Understanding (MoU). Doch Milliarden werden benötigt. Zusätzlich setzt der Bund mit den geplanten „Hubs für die Fusion“ einen Meilenstein: In drei thematischen Kompetenzzentren für Laserfusion, Magnetfusion sowie Brennstoffkreislauf und Materialentwicklung sollen Forschung, Industrie und regionale Standorte gezielt gebündelt werden. Diese Hubs schaffen das fehlende Ökosystem zwischen Experiment und Kraftwerk. Damit wird Fusion in Deutschland nicht mehr nur erforscht, sondern systematisch in Richtung industrieller Realität organisiert.
Damit sich der Spieleinsatz in die Fusion weiterhin erhöht, braucht es künftig noch weitere solcher Meilensteine. In der Branche sehnsüchtig hingefiebert wird auf das Net Gain. Darunter versteht sich der Nachweis einer Anlage, mehr Energie zu liefern, als zu verbrauchen. Für Paul Murphy sei das der entscheidende kommerzielle Kipppunkt. Wer diesen Punkt zuerst erreicht, so seine These, zieht Kapital in einer Größenordnung an, die den Rest beschleunigt: mehr Geld, mehr Lieferkette, sinkende Kosten, wachsender Vorsprung.
Und Bayern? Der Freistaat hält nach dem MoU mit Proxima Fusion weitere starke Blätter in der Hand. Zu nennen sind hier weitere Start-ups wie Marvel Fusion oder Gauss Fusion, die mit Investoren und Forschung gemeinsame Spielkarten in der Hand halten. Mit diesen gilt es nun gemeinsam Informationen für die kommerzielle Praxisanwendung zu sammeln.
Der CHEATCODE
Was macht man also mit den kommenden Demonstratoren? Die Antwort: Man sammelt einen Erkenntnisgewinn, der alles beschleunigen kann. Denn die Fusion lernt und zwar schneller, als es viele noch vor wenigen Jahren für möglich gehalten hätten. Jeder Demonstrator, jedes Experiment, jede veröffentlichte Kurve ist kein isoliertes Ergebnis, sondern Teil eines kumulativen, globalen Erkenntnisprozesses.
Was in einem Labor in Kalifornien gezündet wird, wird in Europa weitergedacht. Was in Greifswald stabil läuft, wird anderenorts industrialisiert. Und auch das, was in China mit staatlicher Wucht skaliert wird, setzt neue Referenzpunkte für Tempo und Ambition hierzulande. Der Fortschritt der Fusion ist deshalb kein einzelner Durchbruch, sondern ein kollektiver, globaler Lerneffekt. Der Beschleuniger dieser Erkenntnisse sind Partnerschaften.
Der KOOP-Modus
Denn Fusion bleibt weiterhin kein Soloprojekt. Sie entsteht nicht in EINEM Labor, nicht in EINEM Unternehmen, nicht an EINEM Ort, sondern im Zusammenspiel. Testanlagen, Materialplattformen und Demonstratoren verschlingen Summen, die einzelne Akteure kaum stemmen können. Wichtig sind dabei nicht nur starke Partner aus der Industrie, sondern auch aus der Politik. Der Staat versteht sich besonders in Bayern und Deutschland als starker Partner und Treiber. Erfolgreiche Programme beschleunigen die Fusion und setzen mit öffentlichen Mitteln auch Anreize für weitere Investoren dort finanziell einzusteigen – ein zentraler Standortvorteil, den wir hierzulande haben.
Die SPIELPARTNER
Die Partnerschaft endet auch nicht bei der Finanzierung. Sie setzt sich in der Industrie fort, vor allem in der Lieferkette: Magnete, Materialien, Spezialbauteile, Fertigungstiefe, Vorlaufzeiten. Fehlt ein Glied, stockt das ganze System.
Genau hier liegt aber auch das Henne-Ei-Problem. Zulieferer investieren erst, wenn ein Markt sichtbar wird. Fusionsunternehmen brauchen diese Kapazitäten aber schon heute, um ihre Roadmaps zu erfüllen. Die Antwort liegt in Koordination, gezielten Investitionen und dem Anschluss an bestehende Industrien.
Gerade in Europa wird die Lieferkette damit zur strategischen Frage. Wer kritische Komponenten nicht selbst herstellen oder kontrollieren kann, baut kein robustes Energiesystem, sondern eine Abhängigkeit. Technologische Souveränität wird so vom politischen Schlagwort zum industriellen Muss.
Der SHOWDOWN
Wir haben eingangs einen ehrlichen Blick auf die Spielrunde versprochen. Und dazu gehört auch diese Spielregel: Am Ende entscheiden nämlich nicht die besten Karten in der Hand, sondern die letzte Karte auf dem Tisch. Der sogenannte “River”. Diese Karte beantwortet nämlich die Frage: Wird Fusionsstrom auch bezahlbar sein?
Genau hier liegt der wahre Showdown dieses Kartenspiels. Der Net Gain ist die nächste große Karte, die den Einsatz erhöhen wird. Doch erst mit sinkenden Kosten, stabilen Lieferketten und skalierbaren Anlagen zeigt sich, ob aus einem starken Blatt auch ein tragfähiges Geschäftsmodell wird. Die Spieler haben einen Wissensvorsprung. Sie kennen diese River-Karte und können deshalb All-In gehen. Denn der Royal Flush ist zum Greifen nah.